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1.

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Der Wind rauschte durch die Blüten der Bäume in der Blattfrische, während sie durch das Unterholz jagte. In ihren Augen spiegelte sich eine Mischung aus Vorfreude und Begeisterung. Immer schneller trugen ihre Beine sie durch den Wald, je näher sie ihrem Ziel kam.
Schon bald kam die Grenze in Sicht, der scharfe Geruch der Markierungen stach ihr in der Nase, doch sie störte sich nicht großartig daran. Viel wichtiger war ihr, wen sie hier zu treffen hoffte. Neugierig sah sie sich um, in der Hoffnung ihren geliebten Schatten zu treffen. Ihr Herz tat einen Sprung, als sie seine nur allzu vertrauten Schemen zwischen den Bäumen erkannte.
Mit einigen großen Sprüngen eilte sie herüber zu ihm und beugte sich vor, um ihn zu begrüßen. Er aber entzog sich ihr schnell. Sie blinzelte ein wenig irritiert, aber sie tat es innerlich damit ab, dass er ihren Geruch nicht im Pelz haben wollte. Die Anderen wurden langsam misstrauisch, wenn sie sich vom Lager wegschlich, doch sie konnte nicht anders. Zu groß war ihre Liebe zu ihm. Darum war es auch Zeit, dass er es erfuhr.
Sie öffnete das Maul, aber er unterbrach sie noch ehe die Laute über ihre Zunge gekommen waren. „Wir müssen reden.“ Sein Tonfall war ernst und ließ keinerlei Wiederspruch zu. Verwirrt schaute sie ihn an.
Er blinzelte merkwürdig kühl: „Es geht um uns. So kann das nicht weitergehen.“ „Stimmt“, miaute sie begeistert. „Du musst dir keine Sorgen mehr machen. Es ist alles in Ordnung. Egal was die anderen sagen, ich habe keinen Gefährten mehr. Wir haben uns schon vor langer Zeit getrennt…“
Ein Zucken seines Schweifes unterbrach ihren fröhlichen Redefluss. Er grub die Krallen in die Erde, als er leise knurrte: „Das ist mir egal. Ich bin aus einem ganz anderem Grund hier.“ Die Kälte in seiner Stimme ließ sie entsetzt zusammenfahren, denn sie ahnte, was er nun sagen würde. Mühevoll fragte sie: „Weswegen denn dann?“
Mit düsterer Mine starrte er sie an: „Es ist aus mir uns. Ich liebe dich nicht mehr. Unsere Affäre ist beendet.“ Schlagartig schien die Temperatur um mehrere Grad gesunken zu sein, ein stürmischer Wind kam auf, zerzauste ihre Pelze. Fassungslos sah sie ihn an. Sie konnte es nicht glauben, dass er sie einfach sitzen ließ.
„Hast du etwa eine andere?“, wisperte sie mit kläglicher, gebrochener Stimme. Er lachte, tief und humorlos: „Eine andere Kätzin? Ich brauche keine Partnerin an meiner Seite. Ihr Weibchen seid doch alle gleich. Leichtgläubiges Pack. Es ist so leicht euch zu verführen, dass es schon keinen Spaß mehr macht.“ Seine Augen fixierten sie. „Lüg ihnen etwas vor und schon hast du gewonnen. An Gefährtinnen habe ich kein Interesse mehr, selbst wenn ich es je wieder hätte, in meinem Clan gibt es auch welche, jünger, hübscher, als du.“
„Aber du.. hast mir doch gesagt, dass du mich liebst!“ Er zuckte mit den Schultern: „Kann sein. Sieh zu, dass du mich vergisst. Du bist mir egal, du hast mir nie etwas bedeutet. Nie.“
Mit diesen Worten wandte er sich von ihr ab. Ohne sich nur einmal nach ihr umzudrehen, verschwand er wieder in seinem Territorium und ließ sie alleine zurück. Wie ein hilfloses Junges stand sie da, weil sie nicht begreifen konnte, was eben passiert war. Lange starrte sie in den Wald in der Hoffnung, er würde zu ihr zurückkommen. Aber er kam nicht wieder.
Gepeinigt ließ sie ihren Kopf sinken, dachte sich nur: Was habe ich getan, dass ich das hier verdienen würde? Welchen Fehler habe ich begangen?



2.
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„Du erwartest Junge! Herzlichen Glückwunsch“, schnurrte die Heilerin fröhlich. Bei diesen Worten fuhr sie zusammen, denn sie ahnte, diese Nachkommen würden nicht von ihrem alten Gefährten sein. Man würde ihn in ihnen erkennen können. Sie musste die Kleinen loswerden, noch ehe sie geboren waren. Es fiel ihr nur kein Weg ein. Die Heilerin konnte sie nicht fragen, das wäre viel zu auffällig.
Nachdenklich verließ sie den Bau, der nach Kräutern und Heilmitteln roch. Viel zu lange hatte sie die Symptome ignoriert, selbst als sie sich einige Male erbrach. Erst ein zufälliger Besuch bei den Medizinkatzen hatte die Wahrheit zu Tage gefördert. Keineswegs würde sie die Jungen austragen können. In ihnen wären all ihre Fehler zu erkennen, die sie am liebsten vergessen würde. Es tuschelten jetzt schon einige über sie und spätestens bei Sonnenuntergang würden es alle wissen. Solche Nachrichten verbreiteten sich wie ein Lauffeuer.
Seufzend schnappte sie sich ein Beutestück, ehe sie sich so weit wie möglich von den anderen entfernt zum Essen niederließe. Im vergangenen Mond war sie zur Ausgestoßenen ihres eigenen Clans geworden, indem sie sich immer weiter von den anderen zurückgezogen hatte. Sogar ihr ehemaliger Gefährte, die gemeinsamen Junge des letzten Wurfes, betrachteten sie nur noch mit müden Blicken ohne Emotionen.
Sie sah zu ihrer Familie rüber, die fröhlich schwatzend am Frischbeutehaufen stand. Ihre Tochter wirkte zufrieden, als sie mit ihrem Bruder sprach, aber niemand bemerkte sie, ihre Mutter, denn sie hatte sich in ein geisterhaftes Wesen verwandelt. Die Einsamkeit war ihr ständiger Begleiter geworden und sie bereute jede einzelne Stunde, der sie sich der Sünde hingeben hatte. Damals hatte es sich einfach so richtig angefühlt. Den Atem ihres Geliebten im Nacken, seinen Körper dicht an ihrem, ihn in ihrem Innersten. Er hatte sie betrogen und fallen gelassen, obwohl sie aufrichtig verliebt gewesen war.
Wütend starrte sie ihren leicht geschwollenen Bauch an. Diese Jungen waren verdorben, abgrundtief und sie hasste sie jetzt schon. In den winzigen Herzen schlug die Verdorbenheit ihres Vaters.
„Hast du schon gehört, sie erwartet Junge?“, eine weibliche Stimme ließ sie aufhorchen. Eine Andere miaute: „Wirklich, weißt du das von der Heilerin? Wer wohl der Vater ist…?“ „Ach, vermutlich ist es ihr Gefährte. Er wollte bestimmt keine gemeinsamen Jungen mehr, sie haben sich in der letzten Zeit schließlich so auseinandergelebt.“ „Na, dann ist er immerhin wieder zu haben.“ Ein Kichern erklang.
Genervt verdrehte sie die Augen. Diese Kätzinnen mussten immer alles wissen, sie klatschten darüber. Aber immerhin glaubten die Anderen ein Kater ihres Clans wäre der Vater. Jetzt blieb nur noch zu hoffen, dass keiner diesen Umstand abstritt.
Sie warf der einzigen Königin in der Kinderstube einen kurzen Blick zu, die niemanden gesagt hatte, wer der Kater war, mit dem die eine Tochter hatte. Bei dem liebevollen Blick mit dem die Mutter ihre Kleine betrachtete, zog sich ihr Herz schmerhaft zusammen. Da hätte sie selbst sein können, wenn nicht jemand anderes ihr diese Illusion der Harmonie genommen hätte.
Und wieder war es dieser eine Gedanke: Warum habe ich diesen Fehler begangen?



3.
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Es war ihr dritter Tag den sie auf Befehl der Anführerin in der Kinderstube zubrachte. Sie hatte zwar versucht so lange wie es eben möglich war als Kriegerin zu dienen, in der Hoffnung, dass sie dadurch eine Fehlgeburt erlitt, doch dem Willen der Hochrangigen wiedersetzte sie sich lieber doch nicht. Dadurch machte man sich nur verdächtig.
Sie ließ ihren Kopf auf den Nestrand sinken. In ihrem gerundeten Leib spürte sie ganz deutlich die Bewegungen der Jungen, die nun bald geboren werden würden. Wie in Wellen glitten die Bewegungen über ihren Körper. Inzwischen schleifte sie schon fast über den Boden, so schwerfällig fühlte sie sich. Mit einem Hauch der Melancholie erinnerte sie sich an das erste Mal, als sie trächtig war. Damals war sie so glücklich gewesen, als sie ihre Nachkommen geworfen hatte. Mittlerweile wusste sie überhaupt nicht mehr wie sich Glück überhaupt noch anfühlte.
Innerlich war sie eingefroren. Alles Leben in ihr war erstarrt, angefangen bei ihren Gefühlen. Sie hasste sich selbst für ihre Blödheit, hasste ihren Geliebten, hasste die ungeborenen Jungen. Wünschte sich einfach, sie alle würden auf der Stelle sterben. Dieser Gedanke löste eine seltsame Befriedigung in ihr aus. Entweder die anderen sollten verrecken oder sie selbst. Ein irres Lachen verließ ihre Kehle, was sich aber schon kurze Zeit später in ein unterdrücktes Keuchen verwandeln sollte.
Eine Woge des Schmerzes raste durch ihren Leib und sie krümmte sich vor Schmerzen. Die Jungen kamen. Zwar kannte sie das Gefühl der Geburt bereits, es war immerhin nicht ihr erster Wurf, doch dieses Mal schien es noch schlimmer zu schmerzen, fast so schlimm wie sie sich den Tod ausmalte. Ein leiser Schrei brach aus ihr hervor. Eine Seite in ihr wollte nach der Heilerin rufen, aber sie zwang sich zur Disziplin.
Mit verdrehten Augen und glasigen Blick starrte sie nach draußen. Glücklicherweise war die zweite Königin mit ihrer Tochter nicht da. Die Kleine hatte Fieber. Also sah niemand sie sich hier in ihren Krämpfen windend. Ihre Hinterpfoten kratzten im Moos, zerfetzten es förmlich. Ihr Atem ging stoßweise. Mit jeder Sekunde schien alles schlimmer zu werden, die Erschöpfung überkam sie.
Irgendwann war alles vorbei. Es herrschte Stille bis auf ihren eigenen rasselnden Atem und das hilflose Fiepen des nassen Wesens neben sich. Mühsam zwang sie sich das Junge anzusehen, es war ein Weibchen. Eine winzige Kätzin, deren feuchtes Fell im milchigen Licht schimmerte. Das Kleine jammerte leise, während es sich seinen Weg an ihren Bauch bahnte, um dort zu trinken.
Jetzt war die einzige Chance es zu töten, sich aller Probleme zu entledigen, aber sie konnte nicht. Biss- oder Krallenspuren würde man erkennen, die Kinderstube zu verlassen kam ihr nicht in den Sinn. Trotzdem konnte sie ihre Tochter nicht einmal ansehen, zu sehr glich sie ihm. Genau deswegen durfte es nicht leben. Trotz ihrer Hemmungen näherte sie sich dem Genick der Kleinen, doch als sich ihre Kiefer schon einen Spalt geöffnet hatten, verdunkelte sich der Eingang.
Die zweite Königin mit ihrem zwei Monde alten Jungen war wieder da. Ihre Augen weiteten sich überrascht: „Du hast geworfen! Ganz alleine! Meine Hochachtung.“ Die Fremde lächelte anerkennend und beugte sich über das Nest. „So ein niedliches Junges. Da werde ich ja fast neidisch. Sie sind so süß, wenn sie noch so klein sind. Glaub mir, du wirst mich schon bald wieder nach der Zeit sehnen, als sie noch nicht sehen und hören konnten. Aber wem sage ich das…“
Die andere Königin leckte dem Neugeborenen ausgiebig über das nasse Fell, da sie scheinbar glaubte, die Mutter wäre zu erschöpft dazu. Erst dann ging sie zu ihrem eigenen Schlafplatz herüber, doch sie bekam es nicht mal wirklich mit, denn da war dieser Gedankengang wieder: Ein Fehler. Mein Fehler. Meine Schuld.

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