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Katzen würden Mäuse kaufen

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Hans-Ulrich Grimm

Katzen würden Mäuse kaufen

Wie die Futterindustrie unsere Tiere krank macht

Über dieses BuchBearbeiten

Deutschlands Nahrungsmittelkritiker Nr. 1, Hans-Ulrich Grimm, hat mit »Katzen würden Mäuse kaufen« einen schockierenden Bericht über die Skrupellosikgeit der Tierfutterindustrie verfasst. Denn glaubt man der Werbung, ist das Beste für unser Haustier gerade gut genug. Aber statt ausgewogener Nahrung bekommen
unsere vierbeinigen Lieblinge eine ungesunde Mischung
aus Schlachtabfällen, Streckmitteln und Stabilisatoren.
Darunter auch immer wieder Skandalöses: Klärschlamm
etwa. Oder neuartige Ingredienzien aus Erdgas,
gewonnen mit Hilfe von Bakterien. Natürlich ganz ohne
Kennzeichnung. Damit die Tiere das überhaupt zu sich
nehmen, werden Geschmacksstoffe beigemischt. In
»Katzen würden Mäuse kaufen« deckt sie Hans-Ulrich
Grimm auf, die unappetitliche Wahrheit über
kommerzielles Tierfutter.


Inhaltsübersicht
Bearbeiten

1. Falsche Tüte -

Über Werbung und Wahrheit bei der Tierfutterproduktion

2. Dicker HundIndustrielles Tierfutter alsGefahr für die Gesundheit

3. Gefährliche Annäherung
Das Tier im Haus: Chronik einer problematischen Beziehung
4. Der Pfui-Teufel-Faktor
Die Tierfutterindustrie und ihre
anrüchigen Erfolgsrezepte
5. Geld stinkt nicht
Das weltweite Geschäft mit der
Liebe zum Tier
6. Eine Wildwestbranche
Die Skandale ums Tierfutter und
ihre Ursachen
7. Zweiseitiges Schwert
Die neuen Gefahren durch
Hormon-Chemikalien in der
Nahrung
8. Papageien und Knechte
Die Tierernährungs-Experten
und ihre Sponsoren
9. Blaue Lippen
Chemie im Futter bedroht die
Gesundheit unserer Tiere
10. Tödliche Keime
Wie falsches Tierfutter die
Menschen krank machen kann
11. Schwere Atmung
Hightech im Tierfutter. Die neue
Dimension der Müllverwertung
12. Leuchtende Augen
Eigentlich ganz einfach: Die
Suche nach dem besseren Futter
Literatur
Quellenhinweis
1.
Falsche Tüte
Über Werbung und Wahrheit bei der
Tierfutterproduktion
Dank Whiskas wahre Wonneproppen / Das
Wort »Abfall« hören sie hier gar nicht gern / Ein
Shitstorm gegen die Katzenfutterfirma / Völlig
legal: Frostschutzmittel im Futter – doch drei
Wochen später war der arme Hund tot /
Mysteriöse Leckerlis – der Konzern zahlt, völlig
freiwillig
Es ist ein schönes Land, das Land, aus dem Whiskas
kommt. Es gibt dort Bäche und Wiesen und Bäume und
ganz kleine Häuschen. Alles aber wird weit überragt von
einem Turm. Es ist kein Kirchturm, sondern eher ein
Fabrikturm, auf ihm sind, ganz oben, eine Katze
abgebildet und ein Hund, früher stand Whiskas darauf
und Pedigree, jetzt steht da: Mars. So heißt die Firma, sie
stellt nicht nur Schokoriegel und andere Süßigkeiten
her, sondern auch Futter für Hunde und Katzen. Und
das produzieren sie hier.
Sie sind sehr tierfreundlich, klar, es gibt sogar eine
kleine Pension für Hunde und Katzen, mit strahlend
weißen Wänden, einem leuchtend roten Dach und
einem Zaun drumherum. Schon von weitem ist zu sehen,
wie die Tiere fröhlich herumtollen. Das sind die
»Testesser« der Firma. Man ist auch zu Menschen sehr
gastfreundlich hier. Seit Jahren schon, manchmal sogar
ganz besonders, wenn die Kritik anschwillt, zum
Beispiel ein Shitstorm durchs Internet tobt, wegen der
Tierversuche der Firma. Besonders freundlich sind sie
auch, wenn die Zweifel überhandnehmen, ob das, was
sie hier produzieren, wirklich so gesund ist für die
Tiere, unsere Lieblinge.
Die Besucher sind willkommen, sie dürfen durch eine
gläserne Tür gehen und werden an einer Rezeption
begrüßt. Im Empfangsraum prangt auch ein großes
Plakat mit Whiskas-Werbung, daneben ein Poster, das
stolz darauf hinweist, dass sie die Sendung
»Hundkatzemaus« im Fernsehen sponsern.
In einer Vitrine sind all die tollen Produkte der Firma
aufgestellt: Whiskas, Kitekat, Trill, Pedigree. Eigentlich
alles, was Rang und Namen hat in der Welt von Bello,
Mieze und Hansi. Auch das berühmte Chappi kommt
von hier, deswegen nennen sie die Firma hier im Ort
immer noch die »Chappi-Fabrik«.
Die Firma hat ihren Namen schon ein paarmal
gewechselt, sie hieß mal Effem oder Masterfoods und dann
schließlich Mars, wie der Schokoriegel, den
Firmengründer Forrest Mars senior schon im Jahr 1932
erfunden hat. Schon drei Jahre später stieß die britische
Hundefutterfirma Chappi zur Firmenfamilie, die sich
damals noch Chappie nannte. Heute ist Mars die größte
Tiernahrungsfirma der Welt, noch vor dem Food-Multi
Nestlé und seiner Tierfuttertochter Purina.
Die Tierliebe der Leute ist ein gutes Geschäft. Und
weil die Menschen kaum etwas so sehr lieben wie ihre
Hunde, Katzen und Kanarienvögel, ist ihre Bereitschaft,
für ihre Lieblinge Geld auszugeben, auch nahezu
unbegrenzt. Das Tierfutter-Business blüht, und der
Trend geht zu luxuriöseren Produkten. Mit immer
neuen Kreationen sollen Herrchen und Frauchen
verführt werden. Besonders erfolgreich ist das
»Hochpreissegment«, sagt eine Branchenkennerin. Die
Devise laute: »Luxus pur«.
Für die Tiere ist nichts zu teuer. Vom Tier lebt eine
ganze Branche, und sie lebt gut. Spezialgeschäfte breiten
sich aus, Hundehotels kümmern sich um die
vierbeinigen Freunde, Psychologen pflegen ihre zarten
Seelen. Das Tier ist für viele Menschen zum Partner
geworden, sie behandeln es wie einen Freund – oder wie
einen Lebensgefährten. Die Menschen wollen, dass es
dem Tier gutgeht. Sie geben für einen Sack
Trockenfutter gern mehr aus als für ein Kilo
Rinderbraten.
Es ist auch ein Geschäft mit dem Vertrauen. Wer sein
Tier liebt und viel Geld ausgibt, will natürlich auch
wissen, ob alles wahr ist, was die Werbung verspricht:
dass in Dosen und Säcke nur das Allerbeste kommt. Dass
es nichts Gesünderes, dass es überhaupt nichts Besseres
gibt für Bello und Mieze als Chappi und Whiskas.
Doch mittlerweile wachsen die Zweifel. Ob das
wirklich alles so gut ist, was da mit Millionenaufwand
beworben wird. Denn viele Haustiere nehmen zu, und
etliche werden krank. Schon gibt es Spezialdiäten für
dicke Hunde oder für allergische Katzen. Wie Herrchen
und Frauchen leiden auch immer mehr Haustiere an
Diabetes, haben Probleme mit Herz und Nieren. Oder
erkranken sogar an Krebs. Und das Futter aus den
Fabriken, das zeigt sich immer deutlicher, spielt dabei
eine zentrale Rolle: Krank macht das Futter in Dosen
und Säcken, Schälchen und Beuteln. Denn es ist voll mit
Inhaltsstoffen und Zusätzen, die mit Natur nicht viel zu
tun haben – und den armen Tieren schwer zu schaffen
machen.
In der Werbung sieht es natürlich ganz anders aus.
Die Reklame spiegelt eine Welt vor, in der die Katze
glücklich ist und der Mensch sich freut. In Wahrheit
sorgt sich der Mensch, weil die Katze krank ist. Es
bekümmert ihn, denn er liebt sie ja sehr, die Katze, den
Hund, den Wellensittich, den Hamster und das
Meerschweinchen. Die anderen Tiere liebt er nicht so
sehr. Schweine, Kühe, Hühner und die anderen – die
»nutzt« er bloß.
Der Mensch hat die Tiere in Klassen eingeteilt: Da ist
auf der einen Seite das Haustier, ein Freund und
Mitbewohner. Und auf der anderen Seite gibt es das
sogenannte Nutztier. Hineingequetscht in Massenställe,
ist es ein Lieferant für billige Schnitzel, Hamburger,
Eier.
Um das Tier geht es nicht, es geht um den Menschen.
Aus Sicht der Industrie ist das Tier nichts weiter als
ein Objekt menschlicher Bedürfnisse. Die
Wertschätzung dieser Wesen zeigt sich an einem ganz
elementaren Punkt: bei der Ernährung. Für die
Nutztiere in den Ställen muss es billig sein, sie sollen ja
Profit abwerfen. Bei den Haustieren, den Lieblingen,
sieht es anders aus: Da ist das Beste gerade gut genug.
Da geben die Leute gern Geld aus. Für Gourmet-Menüs,
die anmuten wie vom Lieferservice des
Sternerestaurants. Mmmh… Da freut sich der Mensch
und kauft gern ein.
Aber was würde die Katze kaufen? Und was der
Hund? Tiere haben eigene Bedürfnisse. Sie wollen
eigentlich ganz andere Sachen fressen. Jeder weiß das:
Katzen würden Mäuse kaufen. Und Hunde Knochen.
Das macht bloß niemanden reich. Damit kann man auch
keine Werbespots im Fernsehen füllen. Und keine
Anzeigen in den Magazinen der Tierfreunde. Die
Futterindustrie muss ignorieren, was die Tiere
eigentlich wollen. Schließlich kaufen nicht die Tiere das
Futter, sondern die Menschen. Die Tierfutterindustrie
füttert die Haustiere also mit vermenschlichten Menüs.
Und sie mästet die Nutztiere mit Rationen, die nur
einem einzigen Ziel dienen, größten Profit in kürzester
Zeit zu gewinnen.
Artgerecht ist das nicht. Es ist wider die Natur. Aber
die Natur lässt sich nicht betrügen. Und jetzt rächt sie
sich. Beispielsweise mit Krankheiten, die direkt oder
indirekt Folge der Fütterung sind. So weit ist es schon
gekommen, dass die Haustiere die
Zivilisationskrankheiten ihrer Herrchen und Frauchen
übernehmen. In Wahrheit ist natürlich nicht die
»Zivilisation« schuld, sondern die Fabriken, aus denen
das Futter kommt. Kurzum: Krank werden die Tiere
aufgrund der Industrialisierung der
Nahrungsproduktion. Sie wird zum Gesundheitsrisiko
für die Tiere – und auch für die Menschen.
So stecken Mensch und Tier sozusagen gemeinsam in
der Industrialisierungsfalle. Und gerade die Haustiere,
die der Mensch so liebt, fallen dem Geschäft mit dem
Tierfutter zum Opfer. Obwohl der Mensch sein Tier mit
den besten Absichten umsorgt und das teure Futter
kauft, als ob Geld keine Rolle spiele.
Dabei hatten die Tierfutter-Hersteller bisher
eigentlich einen guten Ruf. Namhafte Verbände sind
ihre Partner. Auch die Tierärzte stehen auf ihrer Seite,
und zwar so gut wie vollzählig. Die Konzerne haben
natürlich viel dafür getan, dass ihnen alle gewogen sind.
Sie haben die Tierärzte schon im Studium umgarnt,
ihnen sogar die Lehrbücher geschrieben; sie haben die
Professoren unterstützt, die Fachpresse großzügig mit
Werbung bedacht. Und mit Spenden die Vereine und
Fachorganisationen günstig gestimmt.
So hatte die Tierfutterindustrie lange die
Deutungshoheit. Sie bestimmte in Fachkreisen und
unter Tierhaltern, was gut fürs Tier ist. Neben dem
industriellen Futter gab es – gar nichts. Allein die
Kommerzkost galt als die angemessene Nahrung fürs
Haustier, nach wissenschaftlichen Erkenntnissen
zusammengestellt. Doch mittlerweile lassen sich die
Kollateralschäden nicht mehr ignorieren. Die
Unterstützung für die Futterkonzerne, bisher von einer
breiten Front getragen, wird brüchiger. Und die Kritik
am Industriefutter nimmt zu.
Die Menschen haben ein neues Verhältnis zu den
Tieren entwickelt, vor allem zu ihren Hausgenossen,
aber auch zu den Tieren in den Ställen, zu denen, die der
Nahrungsproduktion dienen. Mit wachsendem
Ernährungsbewusstein stiegen die Erwartungen, die
Anforderungen wurden konkreter, die Standards
strenger. Die Kritik nimmt zu, an Fast Food und
Fertignahrung generell und schließlich auch an
industriell produziertem Futter für die Tiere.
Zahlreiche Skandale haben das Vertrauen der
Verbraucher erschüttert. Immer wieder zeigte sich, dass
die Rohstoffe fürs Tierfutter in den Schälchen, Säcken
und Paketen aus dubiosen Quellen stammen.
Zweifelhafte Abfälle und unappetitliche Zutaten finden
Verwendung bei der Futterproduktion. Mitunter waren
es illegale Machenschaften, doch auch die legalen
Praktiken bei der Futterherstellung überschreiten
häufig das, was Tierfreunde noch tolerieren.
Schon häufen sich in den USA die Klagen gegen die
Tierfutterkonzerne. Grund dafür waren ungesunde
Zutaten und sogar Vergiftungsfälle. Durch Futter von
renommierten Herstellern seien Tausende von Tieren zu
Tode gekommen, so die Vorwürfe. Die Hersteller
dementieren natürlich. So finden sich die Konzerne, die
sich früher großer Sympathie erfreuten, unversehens im
Kreuzfeuer. Sie sehen sich ungewohnter Kritik
gegenüber. Dabei sind sie sich keiner Schuld bewusst.
Sie haben ja sogar ihre Türen geöffnet für
Besuchergruppen, und das nicht nur, wenn ein
Shitstorm durchs Internet tobt.
Die deutsche Whiskas-Fabrik zum Beispiel. Sie liegt
in Verden an der Aller, einer Kleinstadt mit 27000
Einwohnern, 43 Kilometer südöstlich von Bremen.
Auch Barbara Grewe war mit so einer
Besuchergruppe gekommen. Sie wollte mal sehen, wie
das Futter für ihre Lieblinge produziert wird. Ihre
Katzen Kitty und Felix bekamen Whiskas praktisch von
Geburt an, und es ist ihnen gut bekommen. Wahre
Wonneproppen seien sie geworden. »Was will man
mehr«, sagt Frau Grewe. Sie ist aus Twistringen
angereist, einer 13000-Einwohner-Gemeinde 70
Kilometer westlich von Verden.
Für die Besucher ist im Werk Herr Meier zuständig.
Friedrich Meier. Er wirkt sehr vertrauenerweckend:
weißer Kittel. Weißer Helm. Er ist
Sicherheitsingenieur. Auch die Besucher müssen sich
weiße Kittel überziehen und einen Helm aufsetzen.
Wegen der Hygiene und der Sicherheit. Herr Meier
führt durch den Betrieb. Erst durch das Büro, es ist ein
Großraumbüro, in dem auch die Chefs sitzen und
jederzeit ansprechbar sind. Das ist so ein
amerikanisches Prinzip. Die Whiskas-Fabrik gehört ja
einem amerikanischen Konzern.
Dann geht es durch eine Tür hinaus aufs eigentliche
Werksgelände. Bei einer Anlieferungsrampe hält Herr
Meier inne. Hier rollen die Lastwagen mit ihren riesigen
Anhängern an. Heute ist offenbar Fleisch angekommen.
»Badenhop-Fleisch« steht auf den Trailern. Das sei ein
Händler aus der Nähe, sagt Herr Meier. Laut
Eigenwerbung ist Badenhop »größter Lieferant der
Petfood-Industrie«. »Petfood«, so heißt das Futter für
unsere Lieblinge in der internationalen Business-
Sprache. »Pet« ist das englische Wort für »Haustier«,
bedeutet aber auch streicheln, liebkosen, verhätscheln,
also das, was wir mit unseren Lieblingen gern machen.
Davon ist in der »Petfood«-Fabrik mit ihren
Fließbändern, Abfüllanlagen und Packstationen nichts
zu spüren. Dosen sausen. Dampf zischt. Fließbänder
rollen. Fleisch kommt aus Düsen, rötlich, cremig, oder
fällt aus durchsichtigen Röhren, wie die Kugeln bei der
Ziehung der Lottozahlen, in Dosen und Schalen. Ein
Spritzer mit »Sauce« obendrauf. Mal farbig, mal
durchsichtig. Es sind die Abfüllanlagen für Whiskas,
Cesar und Sheba.
Es herrscht ein ziemlicher Lärm. Die Leute in ihren
Overalls müssen Gehörschutz tragen. Es riecht auch
nicht sehr angenehm. Überall weisen Schilder auf die
Geschäftsziele hin, erinnern an die
Hygienebestimmungen und weisen auf Bakterien hin,
die jederzeit eindringen können. Ein Poster
beispielsweise warnt vor Clostridium botulinum. Das ist
eine Horror-Bazille. Sie produziert ein Nervengift, ein
sogenanntes Neurotoxin, das schlimmste Bakteriengift,
das die Menschheit kennt. Es kommt vor allem in Dosen
und Büchsen vor, weil es sich unter Luftabschluss gut
vermehrt. Wenn so etwas in einer Fabrik auftaucht, ist
das der Super-GAU, das größte anzunehmende Unglück.
Für eine Firma kann das ziemlich teuer werden.
Daher gilt: dem Keim keine Chance. Dafür sorgen
riesige Tanks, in denen sterilisiert wird. Bei exakt 127,8
Grad Celsius. Die Hundenahrung soll absolut clean sein.
Dabei ist es dem Hund gar nicht so wichtig, dass die
Sachen keimfrei und hygienisch sind. Der Hund mag es
ganz gern ein bisschen eklig. Der Hund, meint Herr
Meier, hätte es am liebsten gar nicht gekocht. Der würde
sein Fleisch verbuddeln und nach einem halben Jahr
wieder rausholen. So etwas geht natürlich nicht. Klar,
dass der Hund mit so etwas keine Chance hat. Der
»Aasfresser«, sagt Herr Meier, der sonst sehr freundlich
und aufmerksam ist, fast ein bisschen verächtlich.
Auf so einen Hund kann eine Firma natürlich keine
Rücksicht nehmen. Schließlich kaufen nicht die Hunde
das Futter, sondern die Menschen. Und die wollen für
ihren Liebling nun mal lieber Gourmet-Häppchen mit
Reis und Garnelen als Gammelfleisch aus dem Garten.
Zwei große Behälter stehen dekorativ herum. Der
eine ist gefüllt mit kleinen orangefarbenen Stückchen:
Karotten, ein, zwei Zentner. Die sind irgendwo in einer
gemüseverarbeitenden Fabrik ausgesondert worden,
waren nicht fein genug für die Menschen.
Der andere Container enthält hellrosa glänzende
Stückchen. Lunge, erklärt Herr Meier. Am Behälter
hängt ein Schild: »Category 3 Animal By-Products. Nicht
für den menschlichen Verzehr geeignet«. Abfälle aus der
Lebensmittelproduktion, ganz offenkundig.
Halt! Das Wort Abfall, das hören sie hier gar nicht
gern.
»Reden Sie nicht über Abfall«, sagt Herr Meier. »Das
tut uns weh.«
Schön klingt das auch nicht. Vor allem, wenn man die
Werbung im Kopf hat für all die teuren, goldenen
Schälchen. Dabei ist der Fall völlig klar: Natürlich
kriegen die Haustiere Müll. Oder etwas vornehmer
ausgedrückt: Die Tiere erhalten
»Schlachtnebenprodukte«. Das sind zum Beispiel die
Rohstoffe für den Petfood-Zulieferer Badenhop, dessen
Truck in der Whiskas-Fabrik auf dem Hof stand.
Schlachtnebenprodukte? Was ist das denn?
»Schlachtnebenprodukte«, das sind alle »nicht zum
menschlichen Verzehr geeigneten tierischen Abfälle,
welche beim Schlachten anfallen«. Also zum Beispiel
»Federn, Borsten, Felle, Häute, Hörner, Klauen« und so
weiter.
So erklärt es der Landesverband für
Tierkörperbeseitigung und
Schlachtnebenproduktverwertung Bayern (LTS).
»Abfälle« nennt das der zuständige Fachverband. Auch
wenn Herr Meier aus der Whiskas-Fabrik es gar nicht
gern hört.
Aber so ist das leider. Der Abfall ist die Basis. Darauf
beruht mithin das Geschäftsmodell der Petfood-
Industrie. Damit hat sie eine weltweite
Erfolgsgeschichte geschrieben. Ein Multimilliarden-
Business ist entstanden, das auf einer simplen Idee
beruht: aus Müll Geld zu machen.
Es gibt dabei allerdings ein Problem. Für schlichten
Müll würden die Tierfreude womöglich kein Geld
bezahlen. Er muss daher ein bisschen veredelt werden,
durch goldene Schälchen und vor allem durch edle
Worte in der Werbung. Das Wort »Müll« ist hier tabu.
Die Tierfutterbranche achtet deshalb sehr sorgsam
darauf, dass die Produkte für unsere Haustiere, die im
Fernsehen teuer beworben werden, nicht mit Müll in
Zusammenhang gebracht werden. Millionen werden für
Reklame ausgegeben, damit die Leute bereitwillig in die
Tasche greifen fürs wertvolle Tierfutter. Und wenn sie
wüssten, dass Müll in der Dose ist, dann würde
womöglich die Kaufbereitschaft schwinden.
Dabei ist es eigentlich nicht weiter schlimm, wenn
die Tiere das bekommen, was die Menschen nicht mehr
wollen. Schon seit je hat der Mensch die Tiere mit dem
gefüttert, was übrig geblieben ist. Hund und Katz
bekamen die Reste vom Mittagstisch, und auch das
Schwein fraß das, was übrig blieb. Aber heute ist es nicht
mehr so, dass der Knochen einfach so vom Tisch fällt
und der Hund danach schnappt. Heute hat sich ein
ganzer industrieller Komplex etabliert, der international
vernetzt ist und sich aus undurchsichtigen
Geschäftsverbindungen und Akteuren von mitunter
zweifelhaftem Ruf zusammensetzt.
Das zeigt sich bei den Nahrungsmittelskandalen, die
immer wieder die Öffentlichkeit erschüttern. Und bei
denen es häufig ums Tierfutter geht. Wie damals beim
BSE-Skandal. BSE, das steht für bovine spongiforme
Enzephalopathie und bezeichnet »die schwammartige
Gehirnkrankheit der Rinder«. Die Medien sagten auch
Rinderwahn.
Seither ist das Publikum sensibel für das Thema
Tierfutter. Als monatelang wacklige Kühe durch die
Hauptnachrichtensendungen stolperten und erstmals
Licht ins Dunkel der Ställe fiel, da mischten sich
plötzlich Vokabeln wie »Tiermehl« und »Blutmehl« in
die Alltagssprache. Es ging auch, alle paar Jahre wieder,
um Dioxin, das Supergift, um illegale Hormone, um die
»Fleischmafia«.
In solchen Fällen kommt Bewegung auf. Die
Medienmaschine rollt, Ställe werden geschlossen,
Politiker treten mit markigen Worten vor die Kameras.
Gesetze werden verschärft. Agro-Lobbyisten geloben in
TV-Talkshows Besserung.
Bei diesen Medienskandalen geht es meist um die
Tiere, aus denen die Menschen Schnitzel machen und
Roastbeef und Grillhähnchen. Was die Heimtiere
bekommen, das blieb dabei weithin im Dunkeln. Die
Haustierfutterproduzenten blieben von Skandalen lange
verschont.
Das hat sich geändert. Mittlerweile gibt es auch hier
Empörung. Die Kritik zielt auf Gifte und Fremdkörper
im Futter, aber auch Erkrankungen und Todesfälle, die
durch Tierfutter verursacht werden. Empörung gilt
auch den Tierversuchen in Firmen, die das Futter für
unsere vierbeinigen Freunde produzieren. Besonders
aufwühlend ist für viele der Verdacht, dass sogar
Kadaver von Hunden und Katzen ins Futter wandern.
Kein Wunder, dass vielen die industrielle
Tierfutterproduktion selbst wie ein Skandal erscheint.
Die Offenheitsoffensive der Konzerne besänftigt die
Gemüter nicht. Sie eignet sich kaum dafür, die
Stimmung gegen die Tierfutterhersteller wieder zu
drehen. Auch die Einladungen zu Betriebsbesuchen,
etwa in Verden an der Aller, in der Whiskas-Fabrik,
eignen sich dafür nicht.
Zwar zeigen solche Touren gewisse Wirkungen an
der Sympathiefront. So gab sich einer, der nach einem
Shitstorm die Einladung von Whiskas angenommen
hatte, begeistert. Schließlich gebe es ja »sehr, sehr viele
Vorurteile in Bezug auf Whiskas« und sogar »sehr viele
böse Gerüchte in Bezug auf Tierversuche«. Er habe
hingegen »nur tolle Katzen gesehen, aufgeschlossene,
verspielte Katzen – Katzen ohne Scheu, Katzen, die
wirklich Spaß daran hatten, dort rumzutoben, zu
spielen oder einfach nur den Kratzbaum zu
malträtieren«.
Ob er auch alles gesehen hat? Schließlich bleibt bei
solchen Besichtigungstouren vieles im Dunkeln. So
stand das jedenfalls im Lokalblatt Verdener Nachrichten.
Das war dabei, als im Rahmen der Veranstaltungsreihe
»Verden aufgeschlossen« immerhin »15 eingeladene
Gäste« auf Fabrikbesichtigung gingen. Die
Aufgeschlossenheit hatte dabei natürlich ihre Grenzen,
stellten die Mars-Firmenvertreter laut Verdener
Nachrichten klar: »Auch heute würden nicht alle
Geheimnisse der Produktion aufgedeckt« und die
Zuschauer »nur an ausgewählte Plätze der Fabrik
geführt werden«.
Das ist das Auffallende bei solchen Besichtigungen:
Es gibt viel zu sehen, und es wird vieles vorgeführt. Das
Wesentliche aber bleibt unerwähnt: die
Lieferbeziehungen im Hintergrund. Die Quellen für die
Rohstoffe. Folgt man den Beteuerungen der
Beschäftigten, dann ist das nur das Allerbeste, was hier
verarbeitet wird. Schon im Pförtnerhäuschen der
Chappi-Fabrik sitzt ein Mann, der solchen Glauben sehr
unterstützt. Auf die Qualität der Rohstoffe lässt er gar
nichts kommen: »Das ist besseres Fleisch, als Sie sich
jemals gönnen.«
»Wir verwenden Zutaten, die Sie in einem feinen
Restaurant finden könnten«, sagt Ken Wilks,
stellvertretender Verkaufsdirektor der US-Marke
Merrick Pet Care in Amarillo, Texas, gegenüber einem
Reporter der Nachrichtenagentur Associated Press.
Eine Broschüre für Tierfreunde verkündet: »Das
Fleisch stammt ausschließlich von Tieren, die auch wir
Menschen verzehren könnten.« Und empfiehlt daher
Fertigfutter sehr (»Deshalb greift, wer seine Katze liebt,
zu Fertigfutter«).
Die Wahrheit sieht ein bisschen anders aus.
Solche Sprüche sind nichts weiter als Werbegeschrei
und Marketing. Das bekennt die Industrie auch ganz
offen, jedenfalls branchenintern.
Was die Menschen mögen, das müssen die Tiere
nicht unbedingt lieben. Das weiß Herr Meier von
Masterfoods, und das wissen auch die anderen Fachleute
der Branche. Für Tiere gelten andere
Geschmacksgesetze: »Tiere fressen auch Dinge, die für
den Menschen unappetitlich sind (zum Beispiel
Tierfutter, Gras, Erbrochenes, Abfall und sogar Kot und
Kadaver). Die Annahme, dass Nahrungsmittel
Tierfuttermitteln überlegen sind, ist relativ.« So steht es
in einem dicken, zweibändigen Wälzer, den der
Fertigfutterhersteller Hill’s von namhaften Fachleuten
schreiben ließ und der als Standardwerk der
Tierernährung gilt. Titel: »Klinische Diätetik für
Kleintiere«.
Im Kapitel »Kommerzielle Herstellung von
Haustierfutter« geht es um die wahre Herkunft der
Inhaltsstoffe der Büchsen und Beutel. Und es wird
schnell aufgeräumt mit einigen Marketing-Märchen.
Zum Beispiel bekennt das Handbuch: »Bei der
Vermarktung von Tierfutter werden manchmal auch
Geschichten über die Einzelkomponenten aufgebaut, die
den Kunden ansprechen. Diese Geschichten sind einfach
und glaubwürdig, können den Kunden aber manchmal
in die Irre führen.«
Bei der Erfindung solcher Geschichten ist es
hilfreich, dass der Gesetzgeber den Dichtern aus der
Futterbranche große Freiheit gelassen hat, was zum
Beispiel den Umgang mit Wörtern und ihrer Bedeutung
angeht.
Zum Beispiel das Wort »natürlich«, das bei den
Leuten heute ja sehr beliebt ist. Hier gilt: »Der Begriff
›natürlich‹ ist gesetzlich nicht definiert und kann daher
nach Belieben verwendet werden«, so das Standardwerk
aus dem Hause Hill’s.
Auch bei den Inhaltsstoffen wird manchmal
geflunkert. So zum Beispiel mit der Behauptung, die
Futterbrocken könnten die Leute auch selbst essen. Das
ist verständlich, meint wiederum das Handbuch aus
dem Futterkonzern, denn schließlich sollen ja die
Menschen die Sachen kaufen: »Das Konzept, das hinter
der Vermarktung eines Futtermittels steht, das auch als
Nahrungsmittel für den Menschen geeignet wäre,
beruht auf der Annahme vieler Tierhalter, dass Tiere
dieselben Nahrungsmittel wie der Mensch bevorzugen
und brauchen.«
Das ist natürlich Unsinn. Und so wäre es auch nicht
ratsam, die Dosen in der Not sonntags auf den Tisch zu
stellen. Denn, so wiederum das Handbuch von Hill’s:
»Die Einzelbestandteile, die der Tierfutterindustrie für
die Herstellung von Mischfutter für Haustiere zur
Verfügung stehen, reichen von für den Menschen
ungenießbaren, aber für Tierfutter noch geeigneten
Nebenprodukten bis hin zu den für Menschen
geeigneten Nahrungsmitteln, wie es sie auch in den
Lebensmittelgeschäften zu kaufen gibt.«
Im Klartext: Fürs Futter unserer Haustiere werden,
das wissen auch die Experten der Stiftung Warentest,
»die normalen Schlachtabfälle verwendet«.
Und das können, so wissen die Warentester, auch
»für den Menschen als genussuntauglich eingestufte
Teile gesunder Tiere« sein, wie »etwa Horn, Borsten,
Haare und Federn«. Aber, und das vielleicht als Trost für
sensible Tierhalter: »Magen-Darm-Inhalt jedoch nicht.«
Immerhin.
Natürlich muss man differenzieren. Es gibt große
Unterschiede zwischen einzelnen Futterproduzenten
und einzelnen Produkten. Leider kann es der Käufer
nicht unbedingt erkennen. Schließlich steht auf den
Dosen nicht »Mit Müll hergestellt« oder »Ohne Müll
hergestellt«. Dabei werden selbst Produkte wie Whiskas,
Chappi, Sheba, Cesar und dergleichen aus solchen
Schlachtabfällen hergestellt. So teilte die Herstellerfirma
auf Anfrage mit, sie verwende auch »Fleischmehle«,
Innereien und andere »Nebenerzeugnisse, die bei der
Schlachtung anfallen, aber nicht für den menschlichen
Verzehr genutzt werden«.
Eigentlich ist es nicht schlimm, wenn die Tiere Abfall
fressen. Das war auch schon früher so. Doch früher war
es eine Abfallverwertung der kurzen Wege. Es ging um
die Küchenabfälle zu Hause oder die Speisereste aus der
Gastwirtschaft. Heute ist alles Big Business. Es sind Big
Players, die die Nahrung für Mensch und Tier
produzieren. Außerdem gibt es völlig neue Abfälle,
Produktionsrückstände aus ganz anderen Branchen.
Diese Rückstände werden oft illegal verwertet oder
zumindest in moralisch äußerst zweifelhafter Manier –
und dank unübersichtlicher Lieferketten teilweise unter
berühmten Markennamen verkauft. Und dazu neue, mit
Hightech-Methoden aufbereitete Reste aus Quellen, von
denen der Tierfreund keine Vorstellung hat – und von
denen er niemals erfahren soll.
Das könnte ja die Entsorgungsnöte noch vergrößern.
Die großen Tierfutterkonzerne sind Ableger der
großen Konzerne wie Nestlé oder Mars, die auch
Nahrung für Menschen herstellen. Big Food. Hier wird
alles in gigantischen Mengen produziert. Auch Fleisch.
Und dabei fällt viel Abfall an: In Deutschland werden
jährlich rund 8 Millionen Tonnen Fleisch erzeugt, 2,6
Millionen Tonnen davon sind Nebenprodukte, die die
Menschen nicht essen mögen oder können. In ganz
Europa sind es gar 16 Millionen Tonnen solcher Abfälle.
Das bedeutet: Es gibt da ein Entsorgungsproblem.
Auf der anderen Seite gibt es ein Nachschubproblem.
Allein die deutschen Mars-Fabriken produzieren pro
Jahr 300000 Tonnen Heimtiernahrung: Whiskas,
Pedigree, Chappi, Frolic und so weiter. Damit ist die
Tierfutterherstellung eine elegante und vor allem eine
einträgliche Lösung zur Verwertung der Abfälle.
Schon suchen die Beteiligten nach Wegen zur
Perfektionierung. In Wien haben sie ein
Forschungsprojekt ins Leben gerufen, das sich mit der
Umwandlung von Abfällen in »gesunde« Inhaltsstoffe
fürs Tierfutter beschäftigt. Die Veterinärmedizinische
Universität dort ist eine Hochschule, die sehr eng und
freundschaftlich mit Tierfutterfabriken und
Pharmakonzernen zusammenarbeitet. Natürlich waren
auch bei diesem Projekt interessierte Firmen beteiligt,
die unter anderem Futterzusätze herstellen. Dazu
arbeiteten mehrere andere europäische Universitäten
mit, etwa aus Hohenheim, Mailand und dem
griechischen Thessaloniki. Ihr internationales Müll-
Recycling-Projekt hieß »Safewastes« und wurde von der
Europäischen Union gefördert. Der Abfall könnte,
verwandelt in Zusätze für Lebensmittel und Tierfutter,
»signifikante Gesundheitsvorteile« bieten, nebenbei
natürlich auch »Entsorgungs- und Umweltprobleme
lösen« und zudem für »ökonomischen Gewinn« bei den
beteiligten Unternehmen sorgen.
Das klingt vielversprechend. Und eigentlich auch
vernünftig. Müll sparen, die Verschwendung stoppen,
Abfälle wiederverwenden, Recycling: alles super Ideen.
Deswegen: unbedingt förderungswürdig. Wenn es nur
nicht die industrielle Parallelwelt wäre, in der sich die
Abfälle in Tierfutter verwandeln.
Denn sobald die Produktion industriell organisiert
wird, wird die Versorgungskette unübersichtlich. Da
fällt nicht mehr einfach der Knochen vom Tisch. Wo
welcher Abfall, verwandelt oder direkt, in welches
Produkt gemischt wird, das ist schwer zu erkennen –
sogar für die Hersteller. Und schwer zu kontrollieren –
zum Beispiel für die Behörden.
Was einer mit eigenen Augen sehen kann, im
Werbefernsehen oder bei einer Werksbesichtigung, ist
längst nicht das Ganze. Und es sind nicht nur
Karottenschnitzchen und Lungenfitzelchen, die im
Tierfutter landen. Auf krummen Wegen kommen auch
andere Rohstoffe zum Einsatz, die nicht immer
appetitlich sind. Für die Tierfutterherstellung gilt, wie
bei aller industriellen Nahrungsproduktion, das Gesetz
der beschränkten Wahrnehmbarkeit: Was zu sehen ist,
ist nicht die ganze Wahrheit.
So gibt es hier in Verden an der Aller, dem
Heimtierfutterparadies, keinen Schlachthof. Es gibt hier
keine Gemüsebeete. Es gibt kein Sojafeld und keine
Zuckerrüben. Alles wird angeliefert. Das Fleisch, die
Ingredienzen, sie kommen nicht aus Verden an der Aller
und auch zumeist nicht aus dem Land mit den saftigen
Wiesen und Bächen und Bäumen und den kleinen
Häuschen.
Wie die Warenströme fließen, ist schwer
nachzuvollziehen in einer Zeit, in der die Welt
zusammengewachsen ist, in der Futter für Hunde und
Katzen und Schweine, Hühner, Rinder
hunderttausendtonnenfach durch die Lande gekarrt
wird. Die andere Seite dieser Lieferkette gleicht der
bunten Werbewelt mitnichten.
Dort riecht es unangenehm. Dort sind Leute tätig, die
nicht immer den besten Ruf haben. Dort gibt es
Lieferbeziehungen, die mitunter etwas unübersichtlich
sind. Dort gibt es auch Rohstoffe, die unappetitlich sind,
die in der Werbung für Whiskas und Sheba und
Pedigree und Nestlé-Purina-Tierfutter nicht
vorkommen. In der Dose aber schon.
Fleischpulver, beispielsweise. Oder andere Zutaten
fürs Tierfutter. Die werden gerne aus Abfällen
gewonnen, zum Beispiel aus den Resten, die die
Schlachthöfe übrig lassen. Das kommt dann in die
sogenannten Tierkörperbeseitigungsanstalten. Dort
werden auch kranke, tote, überfahrene oder auf andere
Weise verendete Tiere verarbeitet oder entsorgt. Auch
Haustiere, Hunde, Katzen, Kanarienvögel.
Eigentlich müsste dort alles nach Regeln und
Vorschriften ablaufen. Schließlich gelten
Tierkörperbeseitigungsanlagen als Keimzelle für
Seuchen und Krankheiten. Doch mitunter gerät da
einiges durcheinander. Es kann hier passieren, dass tote
Haustiere wieder zu Tierfutter verarbeitet werden. Oder
sogar Klärschlamm.
Das kommt natürlich nur selten vor.
Aber auch in den besten Kreisen.
Jene Firma beispielsweise, die jahrelang Tausende
Tonnen Klärschlamm zu Tierfutter verarbeitet hatte,
beliefert alle Großen der Branche. Klärschlamm zu
Tierfutter: Das war auch keine kleine Klitsche, bei der
das passierte. Es ist eine Firma, die sich auf das
Einsammeln von Resten aus der Nahrungskette
spezialisiert hat. Sie heißt Rendac und gehörte
ursprünglich zu einem der größten Fleischkonzerne
Europas: Vion. Ein Unternehmen, das deutsche
Supermärkte mit Schnitzeln und Burger King mit
Fleisch für die Bulettenproduktion versorgte.
Heute gehört Rendac zu einer milliardenschweren
Firma mit dem schönen Namen Darling Ingredients.
Deren Hauptquartier liegt in einer Stadt namens Irving
im US-Bundesstaat Texas. Das Geschäft von Darling
Ingredients besteht nach eigenen Angaben in »globaler
Tierkörperbeseitigung«. Die Firma ist nach eigenen
Angaben »global führend in der Umwandlung
genießbarer und nicht genießbarer Bio-Nährstoffe in
eine breite Palette von Zutaten und Spezialprodukten
für Kunden in den Branchen Pharmazie, Lebensmittel,
Tiernahrung, Futter, Technik, Kraftstoffe, Bioenergie
und Dünger«. Der Firmenname Darling (»Liebling«) ist
gut gewählt für ein Unternehmen, das sich in einem
Milieu bewegt, welches nicht den allerbesten Ruf hatte.
Tierkörperbeseitigung, dafür waren einst ja die
sogenannten Abdeckereien zuständig, die lagen im
sozialen Ranking ganz unten.
Früher, im Mittelalter, lagen die Abdeckereien vor
den Stadttoren, weil sie eine potenzielle Brutstätte für
Krankheitserreger waren. Die Leute, die dieses Geschäft
betrieben, galten als unehrbar. Sie rangierten auf der
sozialen Skala weit unten, zusammen mit dem Henker,
dessen Aufgaben sie oft gleich übernahmen.
Die Separierung der Abdeckereien hatte einen
Grund: Gesundheitsvorbeugung. Den mittelalterlichen
Menschen war klar, dass die Bereiche getrennt sein
müssen, damit sich Krankheitserreger nicht ausbreiten
können. Abdeckereien gibt es auch heute noch, überall
im Land. Die Produktion dort ist nichts für schwache
Nerven. Ein Mann vom Nachrichtenmagazin Der Spiegel
hat einmal zugesehen und es dann beschrieben: »Es
knackt und kracht in der Knochenmühle, wenn ein
ausgedienter Zuchtstier durch das Mahlwerk gedreht
wird. Mit einem gewaltigen Blubb platzen die gegorenen
Gedärme einer Kuh. Die aufgedunsenen Leiber von
Ziegen und Schafen werden in einem Riesentrichter
zerschreddert.«
Klingt nicht sehr ansprechend. Und dann kommen
auch noch die kleinen Hühnchen:
»In die Fleischmühle kommen auch Küken aus dem
sogenannten Muser. Die Maschine diente eigentlich der
Obstverarbeitung, wird aber auch zum Zerquetschen der
frisch geschlüpften männlichen Küken verwendet, die
sich naturgemäß nicht zum Eierlegen eignen, mithin
keinen Gewinn abwerfen.«
Tierkörperbeseitigungsanlage, so nannte man bisher
solche Einrichtungen, in denen Tierkadaver,
Schlachtabfälle wie Knochengerippe, aber auch kranke
oder giftbelastete Tiere aus dem Verkehr gezogen
wurden.
Wobei das eigentlich ein falscher Begriff ist: Es wird
keineswegs alles beseitigt. Und es wird auch nicht alles
aus dem Verkehr gezogen. Manches wird auch wieder in
die Nahrungskette eingespeist. Und zu Tierfutter
verarbeitet.
Empfindsamen Tierfreunden sträuben sich die
Nackenhaare bei dem Gedanken, dass ihre vierbeinigen
Gefährten Nahrung aus solchen Quellen bekommen. Es
ist ja auch keine schöne Vorstellung, dass das geliebte
Haustier sozusagen zur lebenden Mülldeponie wird.
Und gesund ist dieser Zustand erst recht nicht, wie
immer mehr Veterinäre erkennen.
Die industrielle Abfallverwertung für Tierfutter
schadet dem Tier, meint jedenfalls der Hamburger
Tierarzt Dirk Schrader: »Die Müllkippe Hund
explodiert«, sagt der Veterinär, der in einer kleinen Villa
im Ortsteil Rahlstedt Haustiere behandelt. Es sind nicht
mehr die großen Seuchen oder die
Infektionskrankheiten, die sich ausbreiten. Es sind die
chronischen Krankheiten, die heute zu Epidemien
geworden sind. Vierbeiner zum Beispiel wurden in den
Vereinigten Staaten so dick, dass die US-Regierung
sogar eine Schlankheitspille für Hunde zugelassen hat.
Die Tiere werden krank, die Haustiere übernehmen die
Zivilisationskrankheiten ihrer Herren. Am Ende werden
auch die Menschen krank, lassen sich zum Beispiel von
Erregern anstecken, die sie in den Mägen ihrer
Nutztiere herangezüchtet haben.
Die moderne Art der Tierfütterung ist ungesund. Sie
hat das Fleisch, die Nahrung zwar unglaublich billig
gemacht, doch sie hat die traditionellen Bindungen
zwischen Mensch und Tier gekappt und an ihre Stelle
die Logik der Industrie gesetzt. Heute wird alles in
Massen produziert – und dadurch zum
Gesundheitsrisiko auch für den Menschen: Fleisch ist
nicht mehr »ein Stück Lebenskraft«, wie es früher in der
Werbung hieß, sondern in Massen verfügbar. Fleisch ist
zum Gefahrgut geworden (siehe Hans-Ulrich Grimm:
»Die Fleischlüge«). Das, was übrig bleibt, bekommen die
Haustiere. Doch auch hier hat sich die globalisierte
Industrie dazwischengeschoben.
Mit undurchsichtigen Lieferketten, mancherlei
Fremdstoffen, obskuren Zutaten. Zu diesen gehören
sogar völlig neue Hightech-Zutaten, etwa eine Art
Erdgas-Gulasch. Dieser innovative Futterstoff ist ein
Granulat, das mit Hilfe von Bakterien aus Erdgas
hergestellt wird. Das Gas wiederum wurde bisher völlig
ungenutzt auf den Ölfeldern abgefackelt. Die
Europäische Union hat das, trotz Gesundheitsbedenken
der zuständigen Behörden, zugelassen (siehe Kapitel 11).
Mit der Globalisierung steigt auch die Gefahr einer
klassischen Kontamination des Tierfutters.
Schimmelpilze zum Beispiel. Klingt banal.
Schimmelpilze können aber dank globalisierter
Massenproduktion zum Riesenproblem werden. Zur
Gesundheitsgefahr bei Haustieren zum Beispiel. »Im
Scheinwerferlicht: Die Lieferkette der
Haustiernahrungs-Industrie«, titelte der
Branchendienst »Petfood Industry« dazu.
Am 5. Februar 2015 erhob der Amerikaner Frank
Lucido aus Discovery Bay in Kalifornien, eineinhalb
Autostunden östlich von San Francisco, vor dem
zuständigen Bezirksgericht (District Court) von
Nordkalifornien Klage gegen Nestlé Purina: Seine
Englische Bulldogge namens Dozer (was so viel bedeutet
wie: Bulldozer) sei an einer Vergiftung gestorben,
hervorgerufen durch Nestlé-Purina-Trockenfutter.
In einer Sammelklage werfen Lucido und 3000
weitere Hundebesitzer der Firma vor, das in »Beneful«
gefundene Schimmelpilzgift und das mysteriöserweise
ebenfalls eingesetzte Frostschutzmittel Glykol seien für
die Krankheitsfälle der Tiere verantwortlich.
Es war um die Weihnachtszeit, als ihn seine Frau
anrief: Das Hundefutter sei aus. Frank kaufte einen Sack
Purina-Beneful-Trockenfutter.
Drei Wochen später war ihr Hund Dozer tot. Am 23.
Januar lag er tot im Garten. Seine anderen Hunde, der
elfjährige Labrador Remo und Nella, ein vierjähriger
Deutscher Schäferhund, litten unter Nierenversagen
und Durchfall.
»Der Arzt hatte gesagt, die Tiere wurden vergiftet«,
berichtete Frank: »Ich habe den Eindruck, dass es
definitiv mit diesem Hundefutter zu tun hat.«
Die Kläger fordern Schadenersatz in unbestimmter
Höhe. Die acht Beneful-Futtersorten sollten unter
anderem innere Blutungen hervorrufen, die Leber
schädigen, zu Anfällen und Nierenversagen führen. Die
Herstellerfirma wies die Vorwürfe als »unbegründet«
zurück. »Es gibt kein Qualitätsproblem. Die
verwendeten Inhaltsstoffe sind von den
Gesundheitsbehörden zugelassen.«
Nestlé-Purina-PR-Chef Bill Salzman verwies auf zwei
ähnlich gelagerte Klagen in den Jahren zuvor, die vor
Gericht gescheitert waren: »Beneful ist, wie andere
Haustiernahrungsmittel, immer wieder Gegenstand von
Falschinformationen aus den sozialen Medien. Die
Postings enthalten oft falsche, haltlose und irreführende
Angriffe, die zu ungerechtfertigten Bedenken und
Verwirrung unter unseren Konsumenten führen.«
In einem weiteren Verfahren hatte sich Nestlé Purina
im Mai 2014 bereit erklärt, 6,5 Millionen US-Dollar in
einen Ausgleichsfonds für Tierbesitzer zu bezahlen,
deren Tiere krank wurden durch Leckerlis der Marke
»Waggin’ Train«, die in China hergestellt worden waren.
Die US-Lebensmittelbehörde hatte bekanntgegeben,
dass in diesem Zusammenhang mehr als 1000 Todesfälle
bei Tieren zu beklagen seien und mehr als 4800
Erkrankungen. Sogar drei Menschen waren gestorben,
nachdem sie die Leckerlis gegessen hatten.
Nestlé Purina war allerdings trotzdem der
Überzeugung, dass die Produkte sicher waren: »Es gibt
keine Anzeichen, dass die Leckerlis die Gesundheit von
Hunden negativ beeinflusst hatten«, sagte ein
Konzernsprecher. Bezahlt habe die Firma nur, »damit
wir in dieser Sache vorankommen«.
Solche Beschwerden gibt es immer wieder.
So musste die US-Firma Diamond Pet Foods
beispielsweise kurz vor Weihnachten 2005 große
Mengen Hundefutter zurückrufen, weil das Futter mit
Aflatoxin, einem Gift, das vom Schimmelpilz Aspergillus
flavus produziert wird, befallen war. Die Firma war
gezwungen, vor ihrem eigenen Futter zu warnen.
»Wenn Ihr Haustier Symptome wie Müdigkeit zeigt,
Faulheit oder Lethargie, kombiniert mit
Fressverweigerung, gelblicher Färbung von Augen und
Zahnfleisch, starkem oder blutigem Durchfall, dann
suchen Sie bitte unverzüglich Ihren Tierarzt auf«, so die
Pressemitteilung, die über die amerikanische
Lebensmittel- und Arzneimittelbehörde U.S. Food and
Drug Administration (FDA) verbreitet wurde.
Da waren in Amerika schon 75 Hunde gestorben.
Anfang 2006 starben im gleichen Zusammenhang in
Israel weitere 23 Hunde.
Todesursache: Leberversagen, nachdem sie »Nutra
Nuggets Performance« von Diamond gegessen hatten. 19
verschiedene Diamond-Artikel aus der Fabrik in Gaston
im US-Bundesstaat South Carolina mussten
zurückgerufen werden.
Die Europäische Union hat über das
Schnellwarnsystem 2006 vor den Schimmelpilzen aus
den USA gewarnt. Bei einer Untersuchung der Stiftung
Warentest im Frühjahr 2006 enthielt eine Probe »Nestlé
Purina Beneful« als einzige von 30 getesteten Produkten
erhöhte Werte von Deoxynivalenol (DON) und
Zearalenon (ZEA). Nestlés »Beneful« gilt als Premium-
Futter, wie auch Diamond.
Doch Schimmelgift unterscheidet nicht zwischen
Billigfutter und Edelware. 1999 starben 25 Hunde an so
einem Gift, das hauptsächlich in der Wal-Mart-
Hausmarke Ol’Roy und 53 anderen Produkten enthalten
war. 2004 waren in Asien Whiskas, Pedigree und Kitekat
betroffen. Ursache war verpilzter Mais.
1995 hatte die Firma Nature’s Recipe einen Rückruf
starten müssen wegen des Schimmelgifts Vomitoxin.
Der Rückruf hatte die Firma 20 Millionen Dollar
gekostet.
Die Zeitschrift Öko-Test fand 2004 in allen 20
untersuchten Hundetrockenfuttern das
Schimmelpilzgift Deoxynivalenol (DON) – bei vier
Produkten mehr als 1000 Mikrogramm pro Kilo, ein
Wert, der bei Schweinen als Richtwert für die
Maximalbelastung gilt. Erhöhte DON-Werte wurden
gemessen in »Animonda Fit & Cross Dinner mit Geflügel
und Rind«, in Eukanuba »Adult All Breeds Performance
High Activity«, in »TIP Knackige Brocken mit Geflügel
und Rind« sowie in »Artus Dog Vollnahrung für Hunde –
Ringe mit Fleisch«. Ochratoxin A, ebenfalls ein
Schimmelpilzgift, war nachweisbar in »Orlando
Vollnahrungsmix«, in »Benutra High Premium« von Aldi
und wieder in »Animonda Fit & Cross Dinner«.
Die Untersuchung der Stiftung Warentest 2006 fand
bei Nestlé Purina neben den Schimmelpilzgiften auch
Gen-Soja, das nicht deklariert war.
Vor allem Trockenprodukte sind offenbar anfällig für
Schimmel. Denn trocken ist trendig. »Der globale Trend
geht zum Trockenfutter«, sagt das Hill’s-Standardwerk
»Klinische Diätetik für Kleintiere«.
Doch das Trockenfutter ist bei Experten höchst
umstritten. So enthalte es nach Branchenangaben
viermal so viele Kalorien wie Nassfutter, erhöht mithin
das Risiko für Übergewicht. Die Trockenpellets
enthalten auch viele Kohlenhydrate – damit sie nicht
zerbröseln. »Aus Verarbeitungsgründen wird
Trockenfutter auf Getreidebasis hergestellt«, weiß das
Hill’s-Handbuch: »Die Stärke fungiert als eine Art
Zement.« 40 Prozent Kohlenhydratanteil seien aus
technischen Gründen der Standard – »da dieser Anteil
den Minimalanforderungen für das
Extrusionsverfahren entspricht«. Der Extruder, das ist
die Lieblingsmaschine der Food-Fabriken, kann beinahe
beliebige Produkte herauspressen – Chips, Spaghetti,
aber auch Katzenflocken und Hundepellets.
Damit es unterwegs nicht verdirbt, kommen
Konservierungsstoffe rein. Damit es appetitlich
aussieht, kommen Farben zum Einsatz. Vitaminverluste
können durch künstliche Nährstoffe ausgeglichen
werden – was allerdings offenbar Glückssache ist. Denn
es ist schwierig, den Bedarf der Tiere zu treffen.
Manchmal ist zu wenig drin, häufig aber zu viel. Das
kann sogar auf die Gesundheit gehen: Die Stiftung
Warentest machte darauf aufmerksam, dass »der Griff
zur falschen Tüte« unter Umständen »fatale Folgen
haben« könne.
Und weil es nicht so stinken soll, gibt es Aromastoffe,
Zucker und Süßstoffe, damit es besser schmeckt – und
das Tier mehr verzehrt. Eine besondere
Herausforderung ist es offenbar, das Trockenfutter mit
Geschmack zu versehen. Dafür gibt es ein ganzes Arsenal
von Möglichkeiten, so das Handbuch von Hill’s: »Die
Pellets der meisten Trockenfutter sind mit
Geschmacksverstärkern beschichtet, wie beispielsweise
mit tierischem Gewebe, das zuvor durch proteolytische
Enzyme verdaut worden ist. Auch Salze, auf der
Oberfläche oder im Innern der Pellets enthaltene Fette,
L-Lysin, L-Cystein, Mononatriumglutamat, Zucker und
Sojasoße wirken geschmacksverstärkend.« Außerdem
verwenden die Futtermittelhersteller Blut und Mehl aus
Vogelfedern, Nukleotide, Hefeextrakt,
Käsetrockenpulver, fermentiertes Fleisch und Molke,
fleischhaltige Lösungen, die bei der Extrusion injiziert
werden, hydrolysiertes pflanzliches Protein, Eier sowie
Zwiebel- und Knoblauchpulver. »Immer häufiger«, so
das Handbuch, werden auch industrielle »Aromastoffe
eingesetzt, erkennbar am Aroma von Speck und Käse
und dem Räucheraroma mancher Haustierfuttermittel
und Leckerbissen«.
Das alles aber war bei der Führung im Whiskas-Werk
in Verden nicht zu sehen. Was zu sehen war, war
eigentlich in Ordnung, sehr sogar, fand Katzenfreundin
Grewe aus Twistringen. »Toll. Sauber. Sehr gut«, lobte
sie nach dem Rundgang. Sauberer sei das als manche
kleine Metzgerei. »Toll.«
Die Menschen vergleichen die Nahrung für die Tiere
gern mit ihrer eigenen. Sie suchen auch Sachen aus, die
Namen tragen wie die eigenen Lieblingsspeisen.
»Festtagsmenü mit Gans nach traditioneller Art« von
Cesar beispielsweise. Das ist für den Hund.
Die Leute unterscheiden nicht mehr so sehr zwischen
dem, was gut für sie ist, und dem, was gut ist fürs Tier.
Viele sehen das Tier sogar als Partner. Das ist sehr gut
für die Menschen. Für die Tiere nicht in jedem Fall. Die
werden jetzt immer häufiger krank, haben sogar ganz
ähnliche Leiden wie die Menschen. Das hat natürlich
auch damit zu tun, dass sie das fressen, was der Mensch
ihnen vorsetzt. Das ist zwar gut gemeint, aber nicht
unbedingt gut fürs Tier.
2.
Dicker Hund
Industrielles Tierfutter als Gefahr für die
Gesundheit
Der Kampfhund wurde schwach und schwächer
/ Tierärzte warnen: Fertigfutter macht süchtig /
Allergien, Bluthochdruck, Krebs: Die Tiere
leiden menschlicher / Neuer Trend:
Fettabsaugen für Hunde / Wenn der
Massenstall auf den Magen schlägt / Krank
durch Chemie im Futter?
Einst war er ein Kraftpaket. Jetzt ist Victor ein
Pflegefall. Der Hund ist schwächer und schwächer
geworden, magerte immer mehr ab. Einst wog er 68
Kilo, jetzt sind es gerade noch dreißig. Der Besitzer war
ziemlich verzweifelt, als er in die Praxis von Tierarzt
Dirk Schrader in Hamburg-Rahlstedt kam: »Mein Hund
wird immer dünner, er erbricht sich, frisst nicht mehr
richtig.«
Tierarzt Schrader sah ein Tier in einem
erbarmungswürdigen Zustand, dünn, abgemagert, die
Rückenwirbel traten schon hervor. »Das ist ein
alarmierendes Zeichen«, sagt Doktor Schrader, »das
deutet auf zehrende Zustände hin.« Zehrende Zustände.
Anders ausgedrückt: Irgendwo im Körper gibt es
sozusagen ein Entkräftungszentrum, das dem Hund alle
Energie raubt.
Dabei ist Victor eigentlich ein Kraftpaket. Er gehört
zur Gattung der Molosser. Das sind große, schwere
Hunde. Sie gelten als ruhig, aber unerschrocken. Schon
im alten Rom wurden sie als Kampfhunde eingesetzt.
Jetzt ist der Hund ein Schatten seiner selbst. Ein
elender Vertreter seiner Gattung. Eine erste
Untersuchung mit dem Röntgengerät konnte den Fall
nur bedingt klären: Schrader gab dem Hund ein
Kontrastmittel und wunderte sich, dass dieses im
Magen verharrte. Irgendetwas versperrte den
Durchgang zum Darm. Der Doktor schlug eine
Operation vor, um den Fall zu klären. Der Besitzer aus
der nahen Köpenicker Straße erbat Bedenkzeit – und
kam noch am selben Tage wieder.
Schrader schritt gleich zur Operation. Er ist darauf
eingerichtet, und er hat Erfahrung. Er hat, wie auch
seine Kollegen, immer häufiger mit solchen kranken
Tieren zu tun. Manche sind, wie das einstige Kraftpaket
Victor, ausgezehrt und geschwächt. Oft macht das
Immunsystem schlapp. Manche Tiere haben auch
Probleme mit den Knochen oder den Gelenken.
Viele Krankheiten breiten sich aus, weil etwas mit der
Nahrung nicht stimmt, die die Tiere heute bekommen.
Mittlerweile sind die Folgen nicht mehr zu übersehen.
Zu den Krankheitsbildern der Tiere gehören inzwischen
schon Verhaltensauffälligkeiten und
Wesensveränderungen. Viele sind, auch wenn man es
bei Tieren nicht so nennt, psychisch krank. Manche
Katzen zum Beispiel werden lethargisch,
antriebsschwach oder sind irgendwie unausgeglichen.
Manche Hunde werden immer aggressiver,
angriffslustig, weit mehr, als es ihrem Naturell
entspricht.
Blasenkrankheiten, Probleme mit der
Bauchspeicheldrüse, sogar Fettlebern und
Nierenleiden – die Liste der Diagnosen wird immer
länger. Die Tiere werden immer dicker, ein Problem, das
auch Herrchen und Frauchen ja oft kennen. Auch hier
spielt die Nahrung die zentrale Rolle. Mithin folgen die
Tiere den Menschen auch bei den einschlägigen
Gebrechen: Herzleiden, Diabetes. Oder sogar Krebs.
Tierarzt Schrader hatte auch bei Victor einen Verdacht,
der in diese Richtung ging. Seine Tierklinik betreibt er,
zusammen mit seinen Söhnen, in einer hübschen
kleinen Villa direkt an der Rahlstedter Straße.
Im Erdgeschoss gibt es zwei Behandlungsräume,
gekachelt, mit den tierärztlichen Utensilien: Tupfer,
Desinfektionsmittel, Pflaster, Edelstahltische, die
höhenverstellbar sind. Es geht drei Treppenstufen
hinunter, dann sind Schilder zu sehen:
»OP-Bereich« steht da. »Ruhe bitte«. Und »Achtung,
Laser«.
Der kleine Operationsraum ist vielleicht zehn
Quadratmeter groß, aber mit modernstem Gerät
ausgestattet. Das Lasergerät (»MLT classic«) ist ein mattsilberner
Hightech-Apparat mit einem dünnen,
geschwungenen, meterlangen Kabel, an dessen Ende ein
blaues, kugelschreiberartiges Gerät sitzt. Damit brennt
Schrader kleine Tumoren weg. Ein »SurgiVet«-
Kontrollgerät überwacht den Puls und die
Vitalfunktionen. Dazu kommen drei Sterilisatoren, um
die Instrumente keimfrei zu machen.
Sogar einen Narkoseraum gibt es, mit einer
Sauerstoffflasche. Für Notfälle. Im großen OP-Saal steht
ein imposantes Röntgengerät, eigentlich viel zu groß für
kleine Tiere, mit einem halbkreisförmigen Ausleger,
damit die animalischen Patienten rundum
durchleuchtet und zielgenau behandelt werden können.
Schraders Praxis ist technisch auf dem neuesten Stand,
viele Apparate und auch manche seiner Methoden
stammen aus der Humanmedizin.
Der Arzt ging mit dem schwächelnden Molosser
Victor samt Herrchen nach unten in einen Nebenraum
des kleinen Operationssaals, bat den Besitzer, mit
anzupacken, und legte den Hund auf einen
Behandlungswagen. Dann schickte er den Mann weg.
Gab dem Hund ein Schlafmittel. Schob den Wagen in
den kleinen Operationsraum. Zog den Hund hinüber auf
den OP-Tisch.
Sohn Rudolf-Philipp, genannt Rudi, und Helferin
Patricia assistierten jetzt. Schrader hatte schon den
Verdacht, dass etwas im Verdauungstrakt nicht
stimmte. Die Operation sollte klären, was da los war.
Sohn Rudi rasierte den Hund, Assistentin Patricia
nahm den Absaugschlauch und entfernte die Haare.
Schrader senior ließ sich das Operationsbesteck reichen,
frisch sterilisiert.
»Los, los.« So pflegt er die Operationen zu beginnen.
»Nicht so lahm hier.« Hanseatische Kommandos.
Er setzte das Skalpell an, öffnete die Bauchdecke,
nahm die Milz heraus und den Darm nebst benachbarten
Organen. Und er sah gleich, dass seine Kunst hier am
Ende war. Im freigelegten Bauchbereich zeigten sich
»erhebliche Verknotungen im Magen-Ausgangsbereich
und am Beginn des Darmes«.
Dort steckte ein riesiger Tumor, so groß wie zwei
Männerfäuste. Damit war klar, warum das
Kontrastmittel den Magenraum nicht verlassen konnte,
und auch, warum dem Hund die Kräfte schwanden. Eine
Hoffnung auf Besserung gab es nicht.
»Der Hund hat Krebs«, konstatierte der Arzt. »Das
wird nichts mehr.« Dann übergab er den Patienten
seinem Sohn: »Wieder zumachen.« Rudi nähte Victors
Bauch zu, später kam dann der Besitzer und holte das
Tier ab.
Krebs bei Hunden und Katzen: Das kommt immer
häufiger vor. Mittlerweile sind nach einer Branchen-
Faustregel 50 Prozent der Todesfälle bei den Älteren
krebsbedingt; Schrader nimmt gar an, 80 Prozent. Er
glaubt, dass der Zuwachs bei den Tumoren durch das
industrielle Futter verursacht wird: »Mit den
Umsatzzahlen der Futterindustrie stieg die Krebsrate
massiv an«, behauptet der Arzt. Er ist darauf
eingerichtet.
Im Keller von Schraders Tierklinik sind sozusagen die
Krankenstationen, Boxen, in denen Tiere lebten, die
stationär aufgenommen wurden.
In Box 6 sitzt ein kleiner, süßer Hund, ein Shih Tzu.
Er fiept. Auf dem Rücken hat er eine kleine Plakette: der
Anschluss für die Infusion. Er hat es an den
Bandscheiben. In Box 7 liegt ein Schäferhund auf einer
rosa Decke. Berry. Berry lahmt. Schmerzende
Bandscheiben, lahme Beine: Die Probleme am Skelett
zählen zu den häufigsten Krankheiten, mit denen
Schrader in seiner Praxis konfrontiert wird.
An der Spitze, auf Platz 1 der Hitliste der
Hundekrankheiten sozusagen, steht in seiner Praxis
eine Art Arthritis: die sogenannte Hüftgelenksdysplasie.
Auf Platz 2: Probleme mit der Wirbelsäule,
beispielsweise Bandscheibenvorfälle. Platz 3:
Hautprobleme, Allergien. Platz 4: Magen-Darm-
Störungen. Und auf Platz 5 schließlich, wie bei Victor,
dem Molosser: Krebs. Ähnlich sieht auch die Top-Ten-
Liste der wichtigsten Tierkrankheiten bei den USVeterinären
Michael W. Fox, Elisabeth Hodgkins und
Marion E. Smart aus, den Autoren des kritischen
Handbuchs »Not Fit For a Dog« (Für einen Hund nicht
geeignet).
Bei Katzen wiederum stehen Erkrankungen des
Harntrakts an der Spitze, dann kommen
Magenprobleme, Nierenkrankheiten, Allergien,
Erkrankungen der Atemwege, Diabetes, Ohrinfektionen
und die Darmkrankheit Colitis.
Für den Hamburger Tierarzt Schrader ist völlig klar,
warum die Tiere heute mit diesen Krankheiten kommen:
Die »Ursache Nr.1 für Krankheiten beim Hund« ist für
ihn Fehlernährung.
Vor allem die artfremden Ingredienzen der
industriellen Tiernahrung hat er als Krankheitsauslöser
im Verdacht: »Wenn wir die Chemie im Hundefutter
wegließen, hätten wir gesündere Hunde.« Schraders
Auffassung wird von einer wachsenden Zahl von
Tierfreunden und Fachleuten geteilt.
Die Tierärztin Jutta Ziegler, die im österreichischen
Hallein bei Salzburg praktiziert und erfolgreiche
Buchautorin ist (»Hunde würden länger leben,
wenn …«), prangert ebenfalls die »Folgen der Ernährung
mit industriellem Fertigfutter« an. Das Tierfutter, das
den Markt derzeit beherrscht, ist für sie ein »reines
Kunstprodukt«, mit dem Hunde wie auch Katzen »aktiv
krank gemacht werden«.
Wolfgang Ramsleben, Tierheilpraktiker und
ehemaliger Präsident des »Deutschen Teckelklubs«,
sieht bei Erkrankungen wie Arthritis, Arthrose und der
Hüftgelenksdysplasie eine »ausgewogene Ernährung«
neben angemessener Bewegung als hilfreich und
heilsam an. Zusätzliche Nährstoffe hält er für
therapeutisch nicht sehr sinnvoll – denn er glaubt, dass
davon ohnehin zu viel verabreicht werde. Schließlich
enthält so gut wie jedes Fertigfutter Vitamine. Aber der
Overkill macht krank: »Übervitaminisierung und
Übermineralisierung« könnten zu den Erkrankungen
führen.
Die Hüftgelenksdysplasie, eine Fehlentwicklung des
Hüftgelenks, führt dazu, dass ein Hund lahmt. Lange
Zeit galt die Krankheit nur als erblich bedingt. Nun
allerdings scheint sich die Ansicht durchzusetzen, dass
auch die Ernährung eine zentrale Rolle spielt und dass
die Ingredienzen des Industriefutters die Krankheit
fördern, vor allem die hormonell aktiven Bestandteile,
wie manche vermuten.
Der Karlsruher Tierfutterkritiker Klaus Dieter
Kammerer war einer der Ersten, die diesen Verdacht
äußerten. Von dem Tierarzt Dr. Helmar Lankenfeld aus
Neustadt an der Donau, zwischen Ingolstadt und
Regensburg, bekam er Zuspruch und Bestätigung.
Lankenfeld schrieb: »In unserer Familie hat es immer
große Hunde gegeben. In der Nachkriegszeit wurden sie
ohne Probleme mit Hausmannskost ernährt. Die
Probleme traten erst auf, als wir es besonders richtig
machen wollten, mit Fertigfutter.«
»Ich bin Großtierpraktiker und konnte vor einigen
Jahren einen Schäferhund bei einem Bauern beobachten.
Der bekam ihn mit ca. sieben Monaten von einem
Züchter geschenkt, da er unverkäuflich war. Der Hund
lahmte sehr stark, insbesondere aus der Hüfte, und kam
hinten kaum hoch. Ich wollte natürlich sofort die
üblichen Vitamin- und Mineralstofftabletten einsetzen,
was aber am Geiz des Bauern scheiterte. Der Hund
wurde mehr oder weniger aus dem Sauentrog ernährt
und entwickelte sich zu meinem Erstaunen zu einem
prächtigen Schäferhund, dem man nach anderthalb
Jahren keinerlei Lahmheit mehr ansah.«
Auch in den USA, dem Heimatland des
Industriefutters, mehren sich die skeptischen Stimmen.
»Je mehr ich recherchiere und lerne über
kommerzielles Tierfutter und, im Gegensatz dazu,
natürliches, vollwertiges Futter, desto mehr bin ich
überzeugt, dass es da eine sehr enge Verbindung gibt
zwischen minderwertiger Ernährung und schlechtem
Gesundheitszustand von Katzen und Hunden«, sagt die
US-Industriekritikerin Ann N. Martin (»Protect Your
Pet«).
Die US-Tierärzte und Industriekritiker um Michael
W. Fox beschreiben in dem Buch »Not Fit For A Dog«
eine ganze Fülle von »Gefahren durch die moderne
Haustiernahrung«. Haustierfutter ist demnach
»unausgewogen«, macht süchtig und enthält oft
Zusätze, »die Ihr Haustier buchstäblich vergiften
können«. Das erschütternde Fazit der Tierärzte lautet:
»Die schlichte Wahrheit ist, dass die Zusammensetzung
und Herstellung kommerzieller Heimtiernahrung heute
eine klare Gefahr bedeutet für die Gesundheit unserer
Haustiere.«
Warum das denn? Sie sind doch wissenschaftlich
ausgetüftelt und exakt abgestimmt auf die Bedürfnisse
der Tiere? Das behaupten jedenfalls die Hersteller und
auch die Tiernahrungsexperten an den Hochschulen.
Das ist natürlich Unsinn. Es ist ja in erster Linie:
Müll. Und abgestimmt ist dieser Müll auf etwas ganz
anderes, meinen die Kritiker von »Not Fit For a Dog«. Es
hängt offenbar vor allem davon ab, welcher Abfall gerade
anfällt. Und der wird dann eben den Tieren vorgesetzt:
»Welche Nährstoffe den Haustieren in den normalen
kommerziellen Produkten zur Verfügung gestellt
werden, bestimmt die wirtschaftliche Verfügbarkeit der
Zutaten, die in diese Nahrungsmittel gemischt werden,
und nicht ein tatsächliches Bedürfnis der Tiere. Eine
Industrie, die auf der Entsorgung der anderweitig nicht
zu verwertenden Nebenprodukte der Landwirtschaft
basiert, wird ihre Rezepturen natürlich mit besonderem
Augenmerk darauf zusammenstellen, welche dieser
Nebenprodukte gerade verfügbar sind und zu welchem
Preis. Unglücklicherweise hat das zur Folge, dass die
Haustiere das essen müssen, wofür die großen
Konzerne als Akteure in profitgesteuerten Industrien zu
zahlen bereit sind. Die biologischen Bedürfnisse der
Tiere sind dabei nur von zweitrangiger Bedeutung.«
Das sind schwere Vorwürfe. Die armen Haustiere
sind demnach nichts anderes als Entsorgungspartner
für Agrar- und Food-Konzerne. Und sie müssen das
fressen, was gerade übrig ist. Dass das Tier darauf
angewiesen war, was der Mensch übrig lässt, das war
auch schon früher so. Aber jetzt stehen riesige
Industriekomplexe zwischen Mensch und Tier. Sie
folgen ihren eigenen Gesetzen, produzieren alles in
riesigen Massen, operieren weltweit – und richten die
Entwicklung ihrer Rezepturen selbstverständlich an den
Erfordernissen ihrer globalen Produktion aus. Die
Sachzwänge der industriellen Produktion bestimmen
mithin die Zusammensetzung des Tierfutters – und
nicht die Bedürfnisse der Tiere und der Menschen.
Herr und Hund nähern sich immer weiter an. Sie haben
ihr Dasein aufeinander eingestellt. Sie nähren sich aus
den gleichen Quellen. Schlucken die gleichen
Chemikalien. »In Altersverhalten und Todesursachen
ähneln sich Mensch und Hund immer mehr«, sagt die
Zoologin und Hundekundlerin Helga Eichelberg.
Vor allem beim Krebs sind die Veterinäre zunehmend
in Sorge. »Der Anstieg ist alarmierend«, sagt der USVeterinär
Ihor Basko, Betreiber der »All Creatures Great
& Small Clinic« auf der hawaiianischen Insel Kauai. Die
meisten Krebsarten, die Menschen befallen, treffen auch
Tiere – wenngleich nicht alle Rassen gleichermaßen.
Große Hunde wie Neufundländer, Saints, der Irische
Wolfshund oder der Deutsche Schäferhund bekommen
leichter Knochenkrebs. Bullterrier oder Dalmatiner eher
Hautkrebs. Das Krebsleiden der Tiere ist häufig. Die
Hälfte aller Todesfälle bei Haustieren über zehn Jahren
geht aufs Konto von Tumoren, klagt die Nationale
Katzenkrebsstiftung Amerikas (»National Canine
Cancer Foundation«).
Die US-amerikanische Morris-Stiftung (»Morris
Animal Foundation«) hatte während ihrer
Hundekrebskampagne (»Canine Cancer Campaign«) von
2007 bis 2012 mehr als 5 Millionen US-Dollar in 45
Studien zum Thema fließen lassen. Eine dieser Studien,
2014 angelegt an der Colorado State University, sollte
zum Beispiel nach »Wegen zur Verbesserung der
Krebsbehandlung« suchen. Eine andere, in Australien,
Universität Sydney, Start 2015, soll nach Viren suchen,
die möglicherweise zu Krebs führen. Drei Jahre zuvor
hatte die Stiftung begonnen, 3000 Golden Retriever für
die bislang größte Studie zu Krebs bei Tieren zu
rekrutieren: die »Golden Retriever Lifetime Study«.
Die Morris-Stiftung hatte schon 1998 eine Studie
unterstützt, die bei 720 Todesfällen unter Hunden nach
den Ursachen suchte. Das Ergebnis: 479 waren an Krebs
gestorben, also weit mehr als die Hälfte, bei zwölf
Prozent waren es Herzprobleme, bei sieben Prozent die
Nieren, immerhin vier Prozent starben an den Folgen
epileptischer Anfälle.
Bei 469 Todesfällen unter Katzen war es in 32 Prozent
der Fälle Krebs, bei 23 Prozent Nieren und Harnwege, in
neun Prozent der Fälle Herzprobleme. Seit Krebs bei
Hunden sozusagen zur Volkskrankheit geworden ist,
rüsten auch die Hospitäler auf. Neuerdings gibt es
Spezialstationen in Tierkliniken. Und Debatten über den
Sinn solcher Behandlungen.
Am 25. Januar 2006 wurde die Abteilung »Onkologie«
an der Veterinärmedizinischen Universität Wien (VUW)
eingeweiht. Dabei wurde, wie die Hochschule mitteilte,
das neue Gerät zur Bestrahlungstherapie von
krebskranken Tieren vorgestellt, »ein
Linearbeschleuniger der Firma Siemens«. Dieses Gerät
sei »in Österreich einzigartig« bei der Behandlung von
Tieren. Die Veterinärmedizinische Universität Wien
eröffne damit den österreichischen Besitzern von
krebskranken Kleintieren »neue Möglichkeiten der
Heilung oder Schmerzlinderung für ihren vierbeinigen
Liebling«.
An der Universität Zürich gab es ein solches
Bestrahlungsgerät für Heimtiere, den
Linearbeschleuniger, seit längerem schon. Als der
Apparat im Jahr 2006 kaputtging, gab es einen Streit um
die Frage, wer ein neues Gerät bezahlen solle, ob
Krebsbehandlung bei Kleintieren angesichts des Elends
in der Welt ein Luxus sei, für den die Leute selbst
aufkommen sollten – oder ob der Steuerzahler zuständig
sei, da aus der Behandlung von Tieren auch Schlüsse auf
die Krebstherapie bei Menschen gezogen werden
könnten.
2011 schließlich erteilte die Vetsuisse-Fakultät an der
Universität Zürich den Auftrag für die Beschaffung
eines neuen Linearbescheunigers im Wert von über 2,5
Millionen Schweizer Franken (ungefähr 2,3 Millionen
Euro), inklusive Umbaumaßnahmen.
Und dabei darf man in der Tat an einen Nutzen für
die Menschen denken. Schließlich gelten, so eine Studie
amerikanischer Forscher von der Universität von
Columbus im Bundesstaat Ohio aus dem Jahr 2015,
»Hunde als Modell für Krebs«. Sie könnten als Objekte
der Krebsforschung wertvolle Hilfe leisten, so zur
Entwicklung wirksamerer Medikamente für Menschen
beitragen und darum auch »Zugang zu modernster
Krebsbehandlung« bekommen.
Mensch und Tier werden zur Schicksalsgemeinschaft.
Denn auch die Menschen leiden zunehmend unter den
Lebensbedingungen, die sie den Tieren, insbesondere
den sogenannten Nutztieren, zumuten.
Die Tiere im Stall brüten schon neue Bakterien aus,
die auch die Menschen bedrohen, wie etwa die
neuartigen E.coli-Bakterien, an denen weltweit vor allem
Kinder sterben – und die jetzt sogar schon im
Trinkwasser zu finden sind. Überdies leiden die
Menschen zunehmend an den Resistenzen gegen
Antibiotika: Die Arzneien wirken nicht mehr, weil die
Krankheitserreger sozusagen abgehärtet sind – unter
anderem durch ihren massenhaften Einsatz in den
Tierställen.
So werden die Ställe selbst zum Risikofaktor. Sie sind
die Ursache für die massenhafte Verbreitung von
Krankheitserregern, Viren und Bakterien, die sich
natürlich umso leichter ausbreiten können, je dichter
die Tiere zusammengepfercht sind. Die Enge, die
geschwächten Organismen, der Stress durch den Zwang
zum schnellen Wachstum – da haben die Erreger leichtes
Spiel.
Kurz: die Lebensumstände der Tiere führen dazu,
dass sie krank werden. Die Experten sprechen in solchen
Fällen von sogenannten Faktorenkrankheiten. Und das
Aufkommen von Faktorenkrankheiten bedeutet schlicht,
dass die Massentierhaltung ungesund ist.
»Gerade bei einer hohen Aufstallungsdichte«, so
schrieb schon das DGS Magazin, ein Fachblatt für
Schweine- und Geflügelfabrikanten, hätten
»Krankheitserreger ein hohes Potenzial, sich zu
vermehren«.
Aber nicht nur die Nutztiere werden krank. Auch die
Haustiere werden immer dicker. Und Übergewicht geht
nach Meinung zahlreicher Wissenschaftler mit einem
erhöhten Risiko für Diabetes einher; auch
Kreislaufstörungen können die Folge sein, das Skelett
kann unter Übergewicht leiden. Übergewicht schädigt
die Leber, erhöht den Blutdruck, geht auf die Gelenke,
verursacht Arthritis. Übergewichtige Tiere sterben zwei
Jahre früher als ihre schlanken Artgenossen. Und immer
mehr Tiere bringen zu viele Kilos auf die Waage.
2007 sind sogar zwei englische Hundebesitzer
verurteilt worden – weil ihr Labrador zu fett war. Jeder
der beiden Brüder aus der Grafschaft Cambridgeshire,
52 und 63 Jahre alt, musste umgerechnet 370 Euro Strafe
zahlen. Ihr Hund hatte 75 Kilo gewogen – mehr als das
Doppelte des Normalgewichts. Im Vereinigten
Königreich können Hundebesitzer belangt werden,
wenn sie den Empfehlungen ihres Tierarztes nicht
folgen.
Die britische Tierschutzorganisation PDSA erhebt
alljährlich Übergewichtsraten der Tiere
Großbritanniens. Nach dem im Jahre 2015
veröffentlichten Report sollen 33 Prozent aller Hunde
und je 25 Prozent aller Katzen und Kaninchen zu dick
sein. Manche Schätzungen veranschlagen sogar, dass bis
zu 45 Prozent der Haustiere übergewichtig sind. »Die
Übergewichtsepidemie bei Haustieren ist etwas, das alle
Experten in der Tiermedizin besorgt stimmt«, sagte
Sean Wensley, Veterinär bei PDSA. Vor allem wegen der
Folgen: eines erhöhten Risikos für Diabetes, Arthritis,
Herzkrankheiten und manche Arten von Krebs. »Wie bei
den Menschen«, sagte Wensley, »kann Übergewicht auch
bei Haustieren die Lebenserwartung verkürzen.«
In vielen Weltgegenden sind die idealgewichtigen
Haustiere schon in der Minderheit. In den USA zum
Beispiel sind 52,7 Prozent der Hunde und 57,9 Prozent
der Katzen übergewichtig oder gar fettsüchtig. Das
zeigte eine Studie zum Nationalen Tag des Gedenkens
an das Übergewicht bei Haustieren im Jahr 2014
(»National Pet Obesity Awareness Day«).
In Deutschland sind 52 Prozent der Haustiere zu
dick, so eine Studie von Nicola Becker und ihren
Kollegen von der Ludwig-Maximilians-Universität
München, die 2012 im Fachjournal Tierärztliche Praxis
Kleintiere erschien. »Übergewicht ist das größte
ernährungsbedingte Problem«, bilanzieren die Autoren.
»Im Vergleich zu früheren Studien hat sich die Zahl
übergewichtiger Tiere erhöht.«
Das Fachmagazin Der Praktische Tierarzt hat schon ein
neues Beiheft zum Thema »Diät für Haustiere«
publiziert, das Veterinäre an ihre Kunden verteilen
können. Das Thema kennen die Menschen nur zu gut.
Und manche, vor allem Frauen, legen sich sogar unters
Messer, um sich ungeliebte Pölsterchen operativ
entfernen zu lassen. Diese Möglichkeit gibt es jetzt auch
für Vierbeiner. Die Universität Leipzig hat sich schon
2006 mit einer Studie zur Fettabsaugung beim Hund
hervorgetan. Und 2011 vermeldete die Universität
Sydney in einer Studie mit immerhin 20 Hunden eine
Erfolgsquote von 96 Prozent für die operative
Fettabsaugung beim Tier.
Auch die Futtermittelfirmen investieren in Studien
zu Übergewicht und Diäten. Marktführer Mars
veranstaltete am Sitz des deutschen Hauptquartiers im
niedersächsischen Verden ein Expertensymposium zum
Thema. Cornelia Ewering, Tierärztin in der
Kommunikationsabteilung von Mars Petcare, meinte
dazu: »Wenn man weltweit Tierärzte befragt, ist die
Antwort einheitlich. Das Hauptproblem hinsichtlich der
Gesundheit von Hunden und Katzen ist das
Übergewicht.«
Sogar Hengste und Stuten zählen zum Club der
Dicken: »Immer mehr Pferde leiden unter
Übergewicht«, sagt Professor Doktor Ellen Kienzle von
der Tierärztlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians-
Universität in München. Sie gibt einfache Tipps zur
häuslichen Diagnose. Grundregel nach einer Studie der
US-Akademie der Wissenschaften: »Wirken Katzen
übergewichtig, dann sind sie es auch.« Wer sichergehen
möchte, dem empfiehlt Kienzle die Fetterfassung
mittels »Schlachtergriff«. »Wenn der Rippenbogen nicht
mehr zu sehen ist und der Hüftknochen nicht mehr zu
ertasten ist, ist Ihr Tier zu dick.«
Bei der Ursachenforschung in Sachen Übergewicht
bei Tieren allerdings gehen die Meinungen auseinander.
Einigkeit herrscht noch in der Annahme, dass die
»übermäßige Aufnahme von Kalorien« zur »exzessiven
Körperfettbildung« führen kann, wie es im Hill’s-
Handbuch zur Kleintierernährung steht. Diese Form der
Überfütterung sei »wahrscheinlich die häufigste Form
von Fehlernährung bei Haustieren in der westlichen
Gesellschaft«.
Das Futter habe damit allerdings nichts zu tun, meint
das Handbuch des Futterherstellers Hill’s: »Eine
Forschungsarbeit fand keinen Unterschied in der Art
des Futters, welches an übergewichtige Tiere verfüttert
wird.« Diese Untersuchung stammt allerdings aus dem
Jahre 1986.
Die Petfood-Konzerne, die am gesundheitlich
riskanten Tierfutter verdienen, wittern natürlich auch
in den zunehmenden Tiererkrankungen ein neues
Geschäft: Diätfutter. Doch Diätfutter für das Haustier
ist nach Ansicht von Kritikern völlig unsinnig. Ebenso
wie die – gleichwohl unausrottbare – These, dass
mangelnde Bewegung bei Mensch wie Haustier
Übergewicht verursache.
Doch woran liegt es dann, wenn unsere vierbeinigen
Lieblinge immer dicker werden? Womöglich ist es
gerade die überschießende Zuneigung, die Herrchen
und Frauchen dazu führt, mehr in den Napf zu tun, als
gut ist fürs Tier? Die »emotionale Komponente«, wie das
die Tierärztin Gertrude Edtstadtler-Pietsch nennt? Sie
kam in ihrer im Jahre 2003 vorgelegten Dissertation
über den Umgang mit Hauskatzen an der Ludwig-
Maximilians-Universität München zu dem Schluss: »Die
hohe Schmackhaftigkeit der Produkte und die fast
durchgehend zu hoch angesetzten
Fütterungsempfehlungen der Hersteller, gekoppelt mit
der emotionalen Komponente des Fütterns, die häufig
zu einer Überversorgung der Tiere mit Energie führt,
tragen zusätzlich zu einer den tatsächlichen
Energiebedarf der Katzen meist übersteigenden
Versorgung bei.« Zu wenig Bewegung spiele dabei
allerdings auch eine Rolle.
Übergewichtige Tiere: Das ist in der freien Natur
eigentlich kaum vorstellbar. Fette Krokodile? Schwabbel-
Adler? Löwen mit Wampe? Unvorstellbar. In der Wildnis
sind die Instinkte intakt, die die Nahrungsaufnahme
regeln.
Den Haustieren aber scheint das instinktive Wissen,
wie viel sie fressen müssen, abhandengekommen zu
sein. Die US-Tierärztin Dr. Elisabeth Hodgkins meint:
»Die Hunde können nicht mehr unterscheiden zwischen
dem, was sie brauchen, und dem, was sie wollen.« Das
haben sie aber nicht einfach verlernt. Es sind, wie bei
den Menschen auch, die industriellen Zusätze, die die
natürliche Gewichtsregulation des Körpers austricksen.
Der Zusatz von künstlichen Süßstoffen, Aromen oder
auch des sogenannten Geschmacksverstärkers Glutamat
kann dazu führen, dass die Tiere mehr fressen, als sie
brauchen, und an Gewicht zulegen. Bei der Mast ist
dieser Effekt sogar erwünscht – und von den Herstellern
dieser Masthilfsmittel auch in einigen Fällen
wissenschaftlich belegt. Und schließlich bewirken die
verschiedenen Zutaten, die ins kommerzielle
Fertigfutter gekippt werden, auch eine Reihe
hormoneller Effekte, die dazu beitragen, dass die
Gewichtsregulation gestört wird (siehe Kapitel 10).
Doch nicht nur beim Gewicht, auch bei vielen
anderen modernen Leiden der Haustiere wirkt das
artwidrige Futter verhängnisvoll. Für die Harnwege zum
Beispiel ist vor allem das beliebte Trockenfutter ein
regelrechtes Problemfutter. Erkrankungen der
Harnwege gehören zu den Leiden, die die Tiere bislang
gar nicht kannten. »Katzen, die sich selbst überlassen
sind, haben im Allgemeinen keine größeren Probleme
mit dem Harntrakt«, schreiben Michael W. Fox und
seine Kollegen in »Not Fit For a Dog«.
Anders verhält es sich, wenn sie Trockenfutter
fressen: »Der Anstieg bei den Krankheiten des
Verdauungstraktes fiel zusammen mit der
zunehmenden Verbreitung des gemahlenen
Trockenfutters bei Katzen.« Jetzt breiten sich solche
Erkrankungen aus. Krankheiten mit dem Fach-Kürzel
FLUTD (»Feline Lower Urinary Tract Disease«) sind
beispielsweise Erkrankungen der unteren Harnwege der
Katze. Dabei staut sich Urin aufgrund von Kristallen
(»Harngrieß«), was zuerst zu Entzündungen, dann zu
Nierenschädigung und am Ende zu Nierenversagen
führt.
Aber woher kommt dieses Problem, das es früher
nicht gab? Die Veterinäre der Futterkonzerne tippten
auf eine Überdosis Magnesium im Futter, weil sich
Magnesium auch in den Harnkristallen fand, die den
Urinstau verursachten. Sie entfernten das Magnesium
aus dem Futter und fügten Säuren dazu. Viele Katzen
entwickelten daraufhin neuartige Kristalle aus
Calciumsalzen. Diese Lösungen verschlimmerten das
Leiden vieler Katzen.
Die wahre Ursache für die Harnwegsprobleme hätten
die Konzerne mit Trockenfutter, ihrem wichtigen
Umsatzbringer, selbst zu verantworten, behaupten
jedenfalls die Industriekritiker um Michael W. Fox.
Denn es sei nachgewiesen, dass einerseits der trockene
Charakter des Futters und andererseits sein hoher
Getreide- bzw. Stärkeanteil die beiden »wichtigen
Faktoren« seien, die zu diesen Krankheiten führen.
Das Trockenfutter ist also problematisch für den
Harntrakt der Katzen, weil es trocken ist. Oder, wie es
Veterinär Fox ausdrückt: »Wegen seines geringen
Feuchtigkeitsgehaltes im Vergleich zu Nassfutter.«
Denn der Harntrakt, zu dem auch die Nieren gehören,
ist auf ausreichend Flüssigkeit angewiesen. Das
Trockenfutter hat davon nicht so viel. Katzen sollten
deshalb viel trinken – genauer: Sie sollten die dreifache
Menge des Trockenfutters trinken. Das tun sie aber
nicht, weil sie eigentlich Wüstentiere sind und ohnehin
nicht so viel Flüssigkeit aufnehmen. Das Problem wäre
gelöst, wenn die Katzen einfach anderes Futter
bekämen. Denn wenn sie »fleischbasiertes Nassfutter
fressen« würden, bekämen sie »niemals« diese
Krankheiten im Harntrakt.
Ähnlich verhält es sich mit Entzündungen im
Verdauungstrakt. Etwa bei der chronisch entzündlichen
Darmerkrankung Inflammatory Bowel Disease, kurz IBD,
auch Inflammatory Bowel Syndrome genannt, IBS. Zu den
Symptomen zählen Durchfall, Blut im Kot, Erbrechen,
Appetitlosigkeit, Bauchschmerzen, Blähungen,
Verstopfung und schließlich stumpfes Fell und
Haarausfall.
Die Experten sind sich einig, dass es sich um eine
Immunreaktion handelt. Der Grund? »Die Nahrung«,
sagen die Autoren und Industriekritiker um Michael W.
Fox. Sie sei »bei weitem der wahrscheinlichste Auslöser
einer allergischen Reaktion, weil die Zutaten im
Katzenfutter die wichtigsten Substanzen sind, die mit
der Oberfläche von Magen und Darm in Kontakt
kommen«.
Anderes Futter gehört also in den Napf, dann
herrscht Ruhe im Verdauungstrakt: »Um das Problem zu
lösen, müssen wir logischerweise die Substanzen
auswechseln, die von den Verdauungsorganen der Katze
verarbeitet werden müssen.« Dann wird die Katze
vielleicht auch wieder glücklicher. Denn die
Verdauungsorgane stehen überraschenderweise in
einem Zusammenhang mit ganz anderen
Körperregionen, dem Gehirn vor allem, und mithin mit
den Gefühlen, der Psyche, dem Befinden. Dass die
Gefühle im Bauch entstehen, behauptet der Volksmund.
Diese Wahrheit findet jedoch Bestätigung durch die
Hirnforschung: 95 Prozent aller Glückshormone,
Serotonin zum Beispiel, entstehen im Darm (siehe Hans-
Ulrich Grimm: »Die Ernährungslüge«).
So finden sich auch bei Hunden und Katzen immer
deutlichere Zusammenhänge zwischen dem Futter und
den Gemütskrankheiten, an denen die Tiere neuerdings
vermehrt leiden. Gerade die Haustiere entwickeln
offenbar zunehmend Neurosen, Ängstlichkeit oder
Aggressivität. Bei Katzen äußert sich das in speziellen
Verhaltensweisen wie Unsauberkeit oder gar
»Protestharnen«, wie der Tierarzt Rolf Spangenberg in
seinem Buch über Katzenkrankheiten schreibt: »Auf
einmal setzt sie Bächlein und Häufchen in der ganzen
Wohnung ab«, und die »Möbel werden mit Urin
bespritzt«.
Eine große Zahl von Büchern zeugen von diesen
Verhaltensauffälligkeiten: »Der schwierige Hund«,
»Verhaltensstörungen bei Hund und Katze« oder auch
»Was tu ich nur mit diesem Hund?«. Auch an der
Veterinärmedizinischen Universität Wien gibt es immer
Vorlesungen zum Thema »Spezielle
Verhaltensstörungen bei Hund und Katze«. Ganz oben
steht, da die Hochschule den geschäftsmäßigen Seiten
des Veterinärwesens gegenüber sehr aufgeschlossen ist,
zum Beispiel das Ziel: »Kenntnis der
veterinärmedizinisch relevanten Psychopharmaka« und
deren Einsatz. So werden auch die seelischen
Verstimmungen zu einer neuen Einnahmequelle für die
Veterinärsbranche.
Die Reporterin Irene Binal fand bei den Recherchen
für ihren Bericht zur psychischen Lage des deutschen
Haustiers im Deutschlandradio alsbald auch die
Spezialisten für die Seelen von Settern, Siamkatzen und
Sittichen. Sie fand die Leute aus der Abteilung
»Angewandte Tierpsychologie«. Sie reagierte zunächst
mit einem Abwehrreflex: »Angewandte Tierpsychologie!
So skurril das auch auf den ersten Blick erscheinen
mag – die Tiertherapie ist auf dem besten Weg, sich
ihren festen Platz im tierärztlichen Spektrum zu
erobern.«
Schon hat die Branche ein zusätzliches Einnahmefeld
erschlossen: Die Bundestierärztekammer etwa bietet ein
Seminar zum Thema »Verhaltenstherapie« an. Zwei
Tage, 300 Euro, beispielsweise an der Tierärztlichen
Hochschule Hannover, im Hörsaal des Instituts für
Tierzucht und Vererbungsforschung, Bünteweg 17p. Für
Mitglieder ermäßigte 280 Euro; arbeitslose Tierärzte
und Studenten zahlen sogar nur 260 Euro. In der
Schweiz gibt der Biologe und Tierpsychologe Dennis C.
Turner, gebürtiger Amerikaner und Privatdozent an der
Universität Zürich, einen Kurs in tierpsychologischer
Beratung. Kosten: 7400 Schweizer Franken (4700 Euro).
Der Kurs findet unter dem »Patronat« des
Berufsverbandes Diplomierter Tierpsychologischer
Berater VIETA statt.
Die neuen Leiden mögen für die Tiere und ihre
Hausgenossen traurig sein. Für die Tierbranche sind sie
eher eine Herausforderung bei der Erschließung neuer
Einnahmequellen. In München schrieb etwa Constanze
Pape ihre Doktorarbeit zum Thema »Der Einsatz von
Antidepressiva in der Therapie von
Verhaltensproblemen bei Hund und Katze«. Das
Ergebnis: Die sogenannten
Serotoninwiederaufnahmehemmer erwiesen sich als
hilfreich bei »angstbedingten Verhaltensweisen« sowie
»Zwangsstörungen«. Auch die Substanzen Venlafaxin
und Mirtazapin könnten bei der Behandlung eingesetzt
werden, sie helfen gegen Depressionen und sind auch
bei Menschen bewährte Mittel. Ein Stoff namens
Clomipramin erweise sich zumindest ansatzweise als
heilsam bei der »Behandlung des Harnmarkierens bei
Katzen«, dem offenbar häufigsten Verhaltensproblem
bei Katzen.
Für die Epileptiker gibt es Phenobarbital und
Primidon, die klassischen einschlägigen Medikamente
auch bei menschlichem Anfallsleiden. Diazepam
(Valium) soll ebenfalls dagegen helfen, es eignet sich
auch zur Therapie für Katzen, die unentwegt miauen.
Und gegen eine Krankheit namens CDS gibt es, vom
Viagra-Hersteller Pfizer, ein Medikament namens
Anipryl. CDS, das ist eine Art Alzheimer bei Hunden
(»cognitive dysfunction«, zu Deutsch: geistige
Fehlfunktion).
Viele der vermeintlich bisswütigen Hauswächter sind
offenbar ganz arme Hascherln. Für sie gibt es Produkte
wie »Zylkène«, ein »Ergänzungsfuttermittel« für Hunde
zur »Bewältigung von Angst und Stresssituationen«, ab
15,25 Euro pro Packung. Auch für Katzen erhältlich.
Schon sollen 10 bis 20 Prozent der amerikanischen
Hunde auf Psychopharmaka sein, »weil sie im Falle des
Allein-gelassen-Werdens die Wohnungsreinrichtung
zerstören, Kot und Urin hinterlassen und dauerhaft
bellen«, sagt die Tierärztin Jutta Ziegler aus dem
Salzburger Land. Die Symptome ließen sich mit einem
Mittel wie »Reconcile« angeblich gut unterdrücken.
»Reconcile« ist für den Hund das, was für Menschen
»Prozac« ist: eine Psychopille, ein Glücksfall – vor allem
für die Aktionäre.
Für die Betroffenen gilt das nicht unbedingt. Bei der
Dobermännin Sandrina beispielsweise. Für die
Tierärztin Dr. Ziegler war es ein verstörendes Erlebnis,
als sie Sandrina zum ersten Mal sah. »Sie ist eine
wunderschöne Hündin. Das Auffälligste für mich ist die
totale Nichtansprechbarkeit des Tieres. Es ist ihr
vollkommen egal, ob man sie anschreit oder anderweitig
versucht, ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Sie reagiert
in keiner Weise.« Das Tier verhält sich derart
merkwürdig, weil es auf Droge ist. Die Droge heißt
»Reconcile«, der Wirkstoff Fluoxetin. Es ist die Substanz
aus der berühmt-berüchtigten »Glückspille« »Prozac«,
die in Europa unter dem Namen »Fluctin« vertrieben
und vom US-Pharmagiganten Eli Lilly hergestellt wird.
Es ist offenbar die passende Pille für den Hund in
einer Welt der Scheidungen und Beziehungsabbrüche.
Denn das Präparat kann, so die Europäische
Arzneimittelbehörde EMEA (»European Medicines
Agency«) in London, »die klinischen Symptome
(Verhaltensauffälligkeiten) von trennungsbedingten
Störungen bei Hunden verbessern«. Das Medikament
unterdrückt offenbar die Anteilnahme. Das hat aber
auch eine gewisse Apathie zur Folge. Denn wenn der
Hund nicht mehr trauern darf, gerät natürlich sein
Gefühlsaushalt grundsätzlich durcheinander – durch die
Pille, nicht durch die Probleme auf der
Beziehungsebene. Laut Arzneimittelagentur zählt zu
den Nebenwirkungen neben Anorexie (Appetitlosigkeit)
auch Lethargie (Teilnahmslosigkeit). Zudem wurden
»Koordinations- und Orientierungsstörungen«
beobachtet. Oder »Anfälle«.
Sandrina bekam das Medikament, weil sie als
verhaltensgestört galt. Im Welpenalter war sie kaum zu
bändigen, praktisch niemals müde und »regelrecht
immun« gegen Erziehungsmaßnahmen, berichtet
Ziegler. »In der Hundeschule wird sie bald regelrecht
geächtet.« Sie ist ein kleiner Tyrann: »Es ist unmöglich,
sie leinenführig zu machen. Sandrina hüpft und springt
an der Leine, bellt ständig und terrorisiert alle.«
Der Tierarzt weist daraufhin in die
pharmakologische Richtung. Erst mit einem
Spezialfutter: »Calm Stressmanagement« aus dem
Hause Royal Canin, erhältlich für Hunde und Katzen.
Und dann »Reconcile«. Jetzt dominierte offenbar die
Droge das Verhalten.
In der Familie, berichtet Dr. med. vet. Ziegler, »wirkt
sie seltsam teilnahmslos und absentiert. Auch das
Kuscheln mit Herrchen, Frauchen und den Kindern mag
Sandrina nicht. Das scheint ihr regelrecht unangenehm
zu sein. Aber allein bleiben kann sie auch nicht. Da
springt sie über alle Tische und Stühle und hinterlässt
massive Verwüstung im Heim« der Familie. Tierärztin
Ziegler glaubt, dass das Futter, die chemische
Aufrüstung, nicht die Lösung sei, sondern die Ursache
der Probleme: »Sandrina bekommt vom Welpenalter an
ausschließlich Industriefutter.« Und genau das könnte
ein Grund für die Verhaltensauffälligkeiten sein.
Schließlich haben sich auch bei hyperaktiven Kindern
Ernährungstherapien als wirksam erwiesen (siehe Hans-
Ulrich Grimm: »Die Ernährungslüge«).
Bei Tieren ist es offenbar ganz ähnlich. Schon 1996
hatte eine Studie von Veterinären der amerikanischen
Tufts University einen Zusammenhang zwischen
Ernährung und Verhalten gezeigt. Manche Hersteller
haben daraufhin Beruhigungsmittel ins Futter
gemischt – mit dem Ergebnis, dass die Hunde dann
völlig lethargisch und apathisch wurden.
Der US-amerikanische Hundetrainer und Autor
William E. Campbell hatte schon 1999 in seinem Buch
über Verhaltensprobleme bei Hunden (»Behavioral
Problems in Dogs«) vermutet, dass die allgegenwärtigen
Kohlenhydrate in der kommerziellen Tiernahrung zu
Hyperaktivität und Hypersensibilität bei Hunden
führen können. Auch ein Mangel an sogenannten
Omega-3-Fetten kann wie bei Menschen eine Rolle
spielen. Das zeigte eine Studie der Universität im
italienischen Pavia aus dem Jahr 2008: Bei aggressiven
Hunden wurden besonders niedrige Omega-3-Werte
gemessen.
Diese wichtigen Fette fehlen oft in Industrienahrung,
weil sie schnell verderben. Sie finden sich in Fischen,
auch in Leinöl. Sie sind aber auch in Fleisch enthalten,
vor allem in dem von artgerecht mit Gras gefütterten
Rindern.
Der britische TV-Veterinär Joe Inglis verweist zudem
auf Zusatzstoffe. Sie könnten ja auch bei Kindern zu
Hyperaktivität führen – und bei Hunden und Katzen sei
das ganz genauso: »In den zwölf Jahren, die ich als
Tierarzt praktiziere, habe ich einen erheblichen Anstieg
an Problemen infolge schlechter Ernährung gesehen,
einschließlich Allergien und Intoleranzen, und
Verhaltensproblemen, die mit Zusatzstoffen in
Verbindung stehen.« Es sei »unverantwortlich«, sagt
Veterinär Inglis, »diese ganzen Zusatzstoffe bei
Haustiernahrung zu verwenden«, wo es doch zahlreiche
»Fallbeispiele« gebe, »wie sie Schaden anrichten
können«. Zornig resümiert der Arzt: »Die Profite
werden über das Wohlergehen der Tiere gestellt.«
Tierärztin Ziegler sieht die Industrienahrung
generell als Ursache der vielfältigen Störungen: »Der
Zusammenhang zwischen menschlicher Ernährung und
Erkrankungen des Nervensystems ist mittlerweile ins
Bewusstsein vieler Menschen gedrungen. Aber ein
Zusammenhang zwischen der Industriefütterung
unserer Hunde und deren Verhaltensstörungen wird
leider so gut wie nie in Betracht gezogen. Der
Ernährungsfaktor wird als wichtige Ursache einer
psychischen Störung schlichtweg übersehen. Durch
industriell hergestelltes Futter kann bei empfindlichen
Hunden eine Reaktion des Immunsystems (Allergie)
ausgelöst werden, die ihre Wirkung entfaltet, indem sie
in die Funktionen des Gehirnstoffwechsels eingreift.«
Dabei hätte, meint Tierärztin Ziegler, der negative
Einfluss des Industriefutters bei Patientin Sandrina
»eigentlich auffallen müssen«. Schon wegen der
»ständigen Blähungen, der manchmal auftretenden
Durchfälle sowie des abartigen Appetits und des
Fressens des eigenen Kots«. Doch für die
Futterkonzerne – und die ihnen freundschaftlich
verbundenen Tierärzte – sind diese Symptome keine
Warnung, dass mit dem Futter etwas nicht stimmt.
Schließlich können Industriekonzerne nur Fabrikfutter.
Daher produzieren sie einfach weiter – mehr
Fabrikfutter und zusätzlich die Spezialprodukte zur
Lösung der Probleme, die durch Fabrikfutter entstehen.
Allergien, zum Beispiel: »Das nimmt fast schon
erschreckende Ausmaße an. Es ist erstaunlich, wie viele
Hunde hier Probleme haben«, sagt etwa Frank Weber,
Geschäftsführer des bayerischen Tierzubehörhändlers
Hundemaxx. Andererseits ist das auch wieder ein
Geschäftsfeld, eine neue Chance für die Futterfirmen.
Denn Allergikerfutter, das sei »zunehmend ein Thema
bei den Tierhaltern und damit auch ein Markt«, sagt ein
Sprecher des Industrieverbands Heimtierfutter.
Eine richtige Lösung ist das natürlich nicht,
jedenfalls nicht für die Betroffenen. Aber für die
Bilanzen der Tierfutterhersteller. Und so haben die
Futterkonzerne für bald jede Krankheit und
Wohlbefindensstörung ein Spezialfutter entwickelt.
Das profitabelste Feld ist natürlich die
»Zuckerkrankheit« Diabetes. Da gibt es zum Beispiel
Royal Canin Diabetic DS37, den 12-Kilo-Sack für 55,55 Euro.
Macht pro Kilo 4,62 Euro. Oder Eukanuba Weight/Diabetic
Control, das Kilo zu 6,65 Euro.
Ein bisschen teuer vielleicht, aber was soll man sagen,
die Leute sind begeistert: Yvonne H. zum Beispiel
schreibt im Internet: »Nachdem unser Hund (Labrador)
so stark zugenommen hat (was hauptsächlich an
Faulheit lag), sind wir zum Arzt gegangen, um
herauszufinden, was wir tun können. Er hat uns dann
dieses Futter angeboten. Auch wenn Eukanuba vielleicht
etwas teurer ist, das Futter ist definitiv sein Geld wert!
Ich denke, dass es meinem Hund schon viel besser geht.«
Andere sind nicht ganz so begeistert. Denn gerade die
Gegenmittel der Konzerne verschärfen die Probleme
offenbar noch. Behaupten jedenfalls fachkundige
Kritiker wie Jutta Ziegler. Und sie kennt auch Beispiele
dafür. Mischlingshündin Senta etwa, »das wandelnde
Fass auf vier Pfoten«. Senta wiegt 28 Kilo, bei der Größe
eines Cockerspaniels. »Sie watschelt wie eine Ente, und
jeder Schritt bereitet ihr Beschwerden.«
Zusätzlich zum »normalen« Trockenfutter bekommt
Senta noch sogenannte Hundesnacks, »also
Kalorienbomben mit enorm viel Zucker als
Geschmacksträger«. Schon im Alter von einem Jahr hatte
sie außerdem sogenannte Antiläufigkeitsspritzen
bekommen. Auch das kann Nebenwirkungen haben. Das
darin enthaltene Hormon (Progesteron) könne
»Diabetes auslösen«, meint Veterinärin Ziegler. Mit fünf
Jahren wurde Senta schließlich zuckerkrank. Sie wurde
gespritzt, mit Insulin. Die Familie nimmt es zwar hin,
aber so richtig glücklich ist keiner der Beteiligten.
Darum wird Senta mit Diätfutter versorgt. Nur: Der
Erfolg ist »sehr bescheiden«. Denn: Beim Diätfutter
entwickelt Senta »noch größeren Appetit« als bei
normalem Industriefutter. Kein Wunder, meint
Tierärztin Ziegler: Das übliche Diätfutter für Dicke und
Diabetiker enthält diverse Zutaten, die zwar billig sind,
aber eigentlich eher kontraproduktiv. Die sogenannte
Lignozellulose zum Beispiel. Lignum, das ist lateinisch
und heißt »Holz«. Das frisst normalerweise kein Hund.
Denn »von Holz wird man nicht satt«.
Die logische Folge der Einnahme: »Der Hund
entwickelt entsprechende Heißhungerattacken«.
Die Diätrationen fördern also womöglich Diabetes –
die Krankheit, gegen die das Spezialfutter eigentlich
helfen soll. Bei dieser Erkrankung kann, neben Zucker
und anderen Kohlenhydraten, auch ein Zusatz namens
Carrageen eine Rolle spielen (E407). Darauf deutet
jedenfalls eine Studie der Universität von Illinois in
Chicago hin. Bei Darmleiden steht er schon länger im
Verdacht – auch wenn die Hersteller hartnäckig
dementieren.
Auch die weiteren Zutaten können Krankheiten
auslösen, befürchten jedenfalls Kritiker. Geflügelmehl,
zum Beispiel. Geflügelmehl enthält »vom Geflügel
faktisch alles, was abfällt« bis hin zu Federn, sagt
Ziegler. Das ist auch nicht so ideal für einen Hund, der ja
gemeinhin nicht am Federkleid von Hühnern knabbert,
und zwar mit Grund: Er braucht schließlich
»hochwertiges Eiweiß«, das sich etwa in Fleisch findet,
und nicht »minderwertiges«, das in Federn enthalten
ist. Das Ergebnis der falschen Tierernährung: »Durch
die Verfütterung dieser gefährlichen ›Light‹-Produkte
provozieren wir aber just Folgeerkrankungen wie
beispielsweise Leber- und Nierenleiden.«
Aber keine Sorge. Auch dagegen gibt es wieder
Spezialfutter, zur »Unterstützung der Nierenfunktion«
wie auch zur »Unterstützung der Herzfunktion bei
chronischer Herzinsuffizienz«, bei »akuter
Resorptionsstörung des Darms« und zum Ausgleich
»unzureichender Verdauung«. Es gibt sogar
Spezialfutter, das gut für die Zähne sein soll.
Aus jedem Daseinszustand, jeder Lebensäußerung
des Heimtiers, und wenn es Melancholie und
Schwermut sind, ergibt sich nunmehr die Chance eines
Geschäfts. Sehr pfiffig – das Industriefutter ist sowohl
die Ursache als auch die Lösung für kranke Tiere.
Pech für die Haustiere. Jetzt leben sie seit Tausenden
von Jahren mit dem Homo sapiens in häuslicher
Gemeinschaft. Und sie hatten auch allerlei Vorteile:
Immer ein warmes Plätzchen oder ein sicheres Zuhause.
Aber ausgerechnet der Gefährte Mensch ist für das
Haustier zum Gesundheitsrisiko geworden. Oft sogar
mit Todesfolge.
3.
Gefährliche Annäherung
Das Tier im Haus: Chronik einer
problematischen Beziehung
Unglaublich: Hunde im Kochtopf – sogar
hierzulande / Warum der Mensch sich Tiere ins
Haus holte / Die Wüsten-Gene der Katze und
das Futter aus dem Supermarkt / Frau
Halsband, der Hund und seine verhängnisvolle
Begabung, den Menschen zu verstehen
Sie lebt in einer schönen Gegend: grüne Wiesen, auf
denen Kühe grasen, manchmal auch Ziegen. Kleine
Städtchen, propere Dörfer. Viele neue Häuser, aber auch
moderne Fabriken. Sie wohnt in einem kleinen Haus mit
Garten, ganz in der Nähe des Fürstentums
Liechtenstein, im Hintergrund die Berge; eineinhalb
Autostunden sind es nach Zürich. Niemand käme auf die
Idee, dass hier in dieser Gegend Hunde im Kochtopf
landen. In China vielleicht oder in Korea. Aber hier,
mitten in Europa?
Edith Zellweger engagiert sich seit 32 Jahren für den
Tierschutz. Sie war Friseurin, als Schweizerin sagt sie
»Coiffeuse«. Sie trägt opulenten Ohrschmuck, eine
weiße Nicki-Jacke mit Kapuze und ist dezent
geschminkt. Sie sieht ein bisschen aus wie eine
Wahrsagerin. Dauernd klingelt das Telefon. Sie liebt die
Tiere, Hunde, Katzen, auch Kälber und Lämmer. Frau
Zellweger kümmert sich um alle Tiere. Im Garten
springen die Hunde herum. Seit ihre Mutter aus der
Souterrainwohnung ausgezogen ist, leben dort 29
Katzen mit eigenem Garten.
Edith Zellweger hat die Welt darauf aufmerksam
gemacht, dass Hunde und Katzen als Speise keine
chinesische Spezialität sind. Sie ist zur Spezialistin
geworden für dieses Thema, das nicht nur ein bisschen
unappetitlich ist. Auch zur Anklägerin. Denn eigentlich
ist es unglaublich, was sie berichtet. Sie ist sich sicher,
dass auch hierzulande Hunde gegessen werden. In der
Schweiz und anderswo in Europa. »Hündiges«, sagt sie
als Schweizerin. Und so ist sie dann zur Hunderetterin
fürs Privatfernsehen geworden, auch für
Boulevardzeitungen, wenn es immer mal wieder um das
Skandalthema ging: Schweizer essen Hundefleisch!
Das ist heutzutage kaum noch vorstellbar. Vielleicht
ist das mittlerweile vorbei, das wollen wir mal hoffen.
Aber es war eine verbreitete Praxis. Und nicht nur bei
den Schweizern. Auch bei den Deutschen, den Dänen
oder bei den Briten.
Dass Hundefleisch gegessen wird, gibt es heute noch
in einigen Weltgegenden. Die Beziehung zwischen
Mensch und Haustier hat ja sogar, seltsamerweise, so
angefangen, vor Tausenden von Jahren. Das jedenfalls
wollen Forscher herausgefunden haben.
Sie haben sich dann angefreundet, Mensch und Hund
und Katze. Nur in Notzeiten wanderten sie in den
Kochtopf, der Hund und auch die Katze. Mittlerweile
werden sie selbst in China mehr und mehr zum
Kuscheln gebraucht. Es ist also ein zivilisatorischer
Fortschritt, wenn Mensch und Haustier sich jetzt so
nahe sind, wenn sie sogar Partner sind. Und nicht der
eine den anderen in die Pfanne haut.
Die Beziehungsgeschichte von Mensch und Haustier
ist eine Geschichte der Anpassung – allerdings einer, bei
der der tierische Teil nicht nur der Gewinner war.
Der Mensch hat das ehedem wilde Tier
»domestiziert«, also ans Haus gewöhnt. Heute ist dem
Haustier die Nähe zum Menschen zur Natur geworden.
Das war für Hund und auch Katze einerseits bequem.
Sie kriegen das Essen gebracht, sie haben es warm, sie
werden geduscht, entwurmt und zum Arzt gebracht,
wenn ihnen was fehlt.
Andererseits müssen sie neuerdings auch häufiger
zum Arzt. Das ist die Schattenseite ihrer Annäherung an
den Menschen. Also: Vor allem für die Tiere ist es eine
ambivalente Angelegenheit, sich auf die
Lebensgemeinschaft mit dem Menschen eingelassen zu
haben.
Vielleicht werden die Tiere heute nicht mehr
verspeist, sondern eher verhätschelt. Aber das ist auch
nicht unbedingt das, was gut ist für einen ehemaligen
Wolf, den Hund, oder für das frühere Wüstentier Katze.
Denn der Mensch glaubt natürlich, er habe es mit einem
Kuscheltier zu tun. In Wahrheit aber ist Bello immer
noch mit dem Wolf und Mieze mit dem Wüstentier
verwandt. Tief drinnen jedenfalls, im Verdauungstrakt,
um genau zu sein, dort, wo der Inhalt der
Gourmetschälchen und der Trockenfutterkartons
ankommt. Und Spuren hinterlässt.
So wird der Mensch auf neue Weise zum Risiko für
seine Gefährten. Subtiler, indirekter, natürlich auch
unbewusster als früher, als er seinen Freund und
Mitbewohner tatsächlich verspeist hat. Und das nicht
nur in fernen Ländern, sondern auch in Mitteleuropa.
Sogar in der schönen Schweiz, wie Frau Zellweger
behauptet, die Expertin für die Ambivalenz der
Beziehung zwischen Mensch und Haustier.
Ihr Vater und zwei ihrer Brüder waren Metzger. Sie
ist als Kind beim Schlachthof aufgewachsen. Und sie
kennt diese Praktiken sozusagen aus persönlicher
Erfahrung: »Ich bin so aufgewachsen«, sagt Edith
Zellweger.
Sie haben selbst Hunde gegessen?
Zellweger: »Ich war als Kind oft bei einer anderen
Familie. Der Junge war ein Jahr älter als ich, die Mutter
hat gut gekocht, später habe ich dann erfahren, dass die
auch Hunde geschlachtet haben.«
Das haben sie Ihnen erzählt?
Zellweger: »Die Hunde waren einfach nicht mehr da.
Erst gab es sie, und dann waren sie nicht mehr zu sehen.
Oder der Hund ist gestorben, dann haben sie ihn
gegessen.«
Und das war kein Tabu?
Zellweger: »Einer hat das später auch erzählt, dass er
Hunde isst, und hat dann gelacht und gesagt, ich hätte
auch schon davon gegessen.«
Das war ganz normal.
Zellweger: »Ja, auch wenn es beim Musikverein ein
Essen gegeben hat, da hat man gesagt, es hat Hund
gegeben.«
Das wurde nichts verheimlicht?
Zellweger: »Nein, nein, da hat es dann geheißen, es
hat wieder Hündiges gegeben. Der Musikverein hat ein
Fest gehabt, und da hat es Hündiges gegeben.«
So wie anderswo eine Wurst.
Zellweger: »Ja, ja. Also im Grunde genommen, wenn
wir ehrlich sind, ob man Hunde isst oder ob man Kalb
isst …«
Das stimmt natürlich auch wieder.
Die Unterscheidung zwischen Haustier und Nutztier,
sie ist ja auch eher willkürlich. Anfangs, als die
Beziehung begann, war der Unterschied zwischen
Nutztier und Haustier nicht besonders groß. Als der
Mensch den Wolf ins Haus holte, begann eine lange
Freundschaft – aber zunächst stand allein der Nutzen
des Tiers im Vordergrund.
Bisher hatten die Forscher ja angenommen, der Wolf
sei domestiziert worden, um Wachdienste zu leisten bei
Familie Feuerstein, so etwa vor 10 000 Jahren.
Mittlerweile hat sich gezeigt: Die Inanspruchnahme des
Hundes begann viel früher – und nicht nur in Europa.
Und es ging auch nicht (nur) um den Security-Job.
Neuen Untersuchungen zufolge lebten die ersten
Hundehalter in Asien. Das jedenfalls legen Gen-Analysen
an 5392 Hunden aus aller Welt nahe, deren Ergebnisse
im Herbst 2015 in den Proceedings of the National Academy of
Sciences veröffentlicht wurden. Das Forschungsteam um
Laura M. Shannon von der Cornell University in Ithaca
im US-Bundesstaat New York verortete die ersten
Wölfe, die gezähmt ins Haus geholt wurden, in der
Mongolei und in Nepal, so etwa vor 15000 Jahren. Der
Fund eines gezähmten Wolfs in Südchina wurde auf die
Zeit von vor 16 300 Jahren datiert.
Doch auch in Mitteleuropa gab es Belege für frühe
Hundeliebe der Menschen. So entdeckten Archäologen
in einem Grab bei Bonn-Oberkassel Hundeknochen, die
immerhin 14700 Jahre alt waren. Womöglich ein frühes
Beispiel gemeinsamer Bestattung von Herr und Hund.
Auch in der Chauvet-Höhle im Tal der Ardèche in
Südfrankreich, 100 Kilometer nördlich von Avignon,
fanden sich einschlägige Pfotenabdrücke neben den
Fußabdrücken eines Mädchens. Der Wolf war immerhin
schon so zahm, dass er das Mädchen in die Höhle
begleitete. Und das vor 26000 Jahren. In der GoyetHöhle
in der belgischen Provinz Namur, eine
Autostunde südöstlich von Brüssel, wurde sogar ein
36000 Jahre alter Schädel entdeckt, der von einem Hund
stammen könnte. Und es geht noch älter: Womöglich
sind sie schon seit 40000 Jahren an der Seite des
Menschen, die Hunde. Das jedenfalls schlossen
schwedische Forscher aus Knochenfunden von der
nordrussischen Halbinsel Taimyr, gemäß einer Studie,
die sie im Frühsommer 2015 im Fachjournal Current
Biology veröffentlichten.
Die Katzen folgten den Hunden vor etwa 10000
Jahren, und zwar zunächst in Asien. Das jedenfalls meint
der Archäologe und Biologe Jean-Denis Vigne vom
Naturhistorischen Museum in Paris, der Anfang 2016 im
Magazin Plos One über Früh-Katzen in China berichtete.
Als Urahn der heutigen Hauskatze gilt die Nubische
Falbkatze (Felis silvestris libyca); sie war, wie Vigne schon
2004 in Science berichtet hatte, in einem uralten Grab auf
der Insel Zypern gefunden worden, nur 40 Zentimeter
von einem menschlichen Skelett – kein Zufall, eher
Zeugnis früher Zuneigung, schlussfolgerte der Franzose.
Oder Folge nützlicher Talente – etwa in der Mäusejagd.
Deshalb wurde sie ja als Haustier auserkoren in vielen
Teilen der Welt.
Beispielsweise im alten Ägypten.
Dort ist das ehemalige Wüstentier zum ersten Mal
sozusagen in menschliche Dienste getreten. Ihm wurde
eine höchst wichtige gesellschaftliche Funktion
zugestanden: Denn in Ägypten waren die Kornkammern
die Basis des Reichtums. Die Katzen schützten die
Speicher vor Mäusefraß. Somit hatten sie auch am
Reichtum ihren Anteil und wurden daher geehrt und
geschätzt. Die Wertschätzung für die Katze in Ägypten
ging so weit, dass sie dort als heiliges Wesen galt. Wenn
eine von ihnen starb, trauerten die Menschen um sie wie
um ein Familienmitglied. Die Menschen rasierten sich
zum Zeichen ihres Schmerzes die Augenbrauen ab,
trugen Trauerkleidung und sangen Klagelieder. Das tote
Tier wurde mit kostbaren Bändern umwickelt, in einen
Katzensarg gelegt und auf dem Katzenfriedhof
begraben. Die Katze wurde einbalsamiert wie ein König,
auf dass sie auch im Jenseits als Hüterin der
himmlischen Kornkammern ein nützlicher Begleiter des
Menschen sei. Seit dem dritten vorchristlichen
Jahrtausend gab es eine Katze als Göttin: Bastet mit
Namen, Gattin des Sonnengottes Re. Sie war die Göttin
der Liebe, der Fruchtbarkeit, der Anmut und der
Schönheit. Als Mondkatze bewachte sie bei Nacht die
Sonne und bekämpfte deren Todfeindin, die Schlange
der Finsternis.
Auch in anderen Weltregionen war die Katze
Bestandteil religiöser Zeremonien. Von Indien aus
gelangte sie nach China, wo Katzen die Bewahrer des
gesellschaftlichen Reichtums waren. Sie beschützten die
Kokons der Seidenraupen und bewahrten die geistigen
Überlieferung, indem sie in den Tempeln die alten
Handschriften vor Ratten und Mäusen schützten. Die
Chinesen glaubten, dass nur der Mensch und die Katze
eine Seele besäßen.
Im europäischen Mittelalter war die Katze
demgegenüber das finstere Element, die schwarze Katze
etwa galt als Schülerin des Teufels. Als Begleiterin der
Hexen traf die Katze die gesellschaftliche Ächtung, die
den Hexen galt. Auf ihrem Besenstiel reiste die Hexe
bekanntlich stets in Begleitung einer Katze durch die
Lüfte. Auch im Hexenhaus hatte die bucklige
Hausherrin eine Katze auf der Schulter. Diese Nähe zur
schwarzen Magie wurde den Katzen zum Verhängnis.
Häufig endeten sie gemeinsam mit der Hexe auf dem
Scheiterhaufen.
Ein inniges Verhältnis zu einem Tier, besonders zur
Katze, galt damals als Blasphemie. Sowohl unter den
Armen als auch bei Aristokraten und Klerikern gab es
aber Katzenfreunde. Mit den ihr unterstellten
magischen Kräften nahm die Katze in der damaligen
Heilkunst einen wichtigen Platz ein. Fast alles von ihr
wurde zu medizinischen Zwecken genutzt.
Zur gleichen Zeit traf die Katzen dasselbe Schicksal,
das Hunde ebenso wie Hühner, Kälber und Kühe ereilte:
Sie dienten als Nahrungsmittel. Und das noch ziemlich
lange. Jedenfalls in schlechten Zeiten.
Das ist der Grund, warum die Katze scherzhaft auch
»Dachhase« genannt wird. Der Ausdruck stammt
angeblich aus der Zeit, als die Türken Wien belagerten,
1683 war das. Rheinländer kennen das Kölner
Karnevalslied »De Wienands han ’nen Has em Pott.
Miau! Miau! Miau!« von Willi Ostermann und finden
das vermutlich sogar lustig. Das moderne
Medienpublikum sieht das heute in der Regel anders.
Der italienische Fernsehkoch Beppe Bigazzi
jedenfalls wurde nach Protesten von Tierschützern und
Katzenfreunden von dem Sender Rai Uno entlassen, weil
er in seiner Sendung ein Rezept für gebratene Katze
präsentiert hatte. Doch er fand auch Zuspruch. Fausto
Maculan, Weinexperte, hielt zu seinem Freund: »Ich
stehe zu Bigazzi und werde bei der ersten Gelegenheit
Katzenfleisch probieren«, sagte er der Zeitung Corriere
del Veneto. Auch im Schweizer Kanton Tessin soll, wie das
Boulevardblatt Blick in Erfahrung brachte, das Menü
»Miau Miau« immer noch verbreitet sein.
Neueste Forschungen deuten darauf hin, dass die
Trennung zwischen Haustier und Nutztier tatsächlich
fragwürdig ist. Nicht einmal der Hund hatte immer
seine Sonderposition. Er wurde offenbar, in grauer
Vorzeit, nicht für den Einsatz als Wächter oder
Hofhund oder Schoßhundchen ins Haus geholt, sondern
als … nun ja: Speisetier. Wenn man so sagen will:
»Wahrscheinlich wurden Hunde ursprünglich auch als
Fleischlieferanten domestiziert«, sagt Hal Herzog,
Psychologieprofessor an der University of Western
Carolina. Auch der Genetiker Peter Savolainen vom
Royal Institute of Technology in Stockholm glaubt, dass
der Wolf in China einzig darum in die häusliche
Gemeinschaft aufgenommen worden sei, um verspeist
zu werden. Und zwar, wie er 2009 im Fachblatt Molecular
Biology and Evolution schrieb, schon vor 10000, neueren
Forschungen zufolge vielleicht sogar schon vor 40000
Jahren.
Bis zur reinen Freundschaft mit dem Tier war es ein
langer Weg. Im Vordergrund der Beziehung stand
immer irgendein Nutzen. Hunde dienten vor 3000
Jahren in China sogar als Diagnosehelfer der Doktoren.
Denn den Chinesen war schon damals bekannt, dass
Hunde mit ihren extrem empfindlichen Nasen
Krankheiten beim Menschen erriechen können – eine
Fähigkeit, die in neuester Zeit durch wissenschaftliche
Untersuchungen nachgewiesen wurde, beispielsweise
für verschiedene Krebsarten.
Auch in Mesopotamien war der Hund im
Gesundheitswesen tätig, als das heilige Tier der
Heilgöttin Gula. Geachtet wurde er, so vermuten
Fachleute, wegen der angeblich heilsamen Wirkung
seiner feuchten Zunge. In Griechenland stand er
ebenfalls in medizinischen Diensten, als Begleiter des
Heilgottes Asklepios.
Der Hund hatte in der Antike allerdings auch seine
abgründigen und aggressiven Seiten. In der antiken
Mythologie ist er häufig Jagdbegleiter, vertritt aber auch
das Finstere und das Jenseits. Der Höllenhund Zerberus
hatte seine Aufgaben in der Unterwelt. Außerdem kam
es vor, dass Hundeopfer am Grab und im Kult der
finsteren Göttin Hekate dargebracht wurden.
Und leider diente der Hund, wiewohl Kultwesen,
immer auch als Speise. Die kulinarische Tradition des
Hundeverzehrs reicht etwa in China lange zurück: »In
China essen sie Hunde, und das schon seit der
Jungsteinzeit«, notierte die Korrespondentin der Zeit
und fühlte sich dadurch wohl legitimiert, ihren Lesern
auch gleich ein Rezept mitzuteilen: »Hund in
Meeresschildkrötensud«. (»Man nehme einen Hund und
eine Meeresschildkröte. Füge Salz, Kumin, Anis, Ingwer,
Sanddornbeeren und elf weitere Gewürze hinzu, lassen
das Ganze acht Stunden lang unbedeckt bei mittlerer
Hitze köcheln. Vor dem Servieren abkühlen.«)
Hundefleisch zu essen sei gesund, sagen die Anhänger
der Traditionellen Chinesischen Medizin. Es wärme den
Körper, stärke Niere und Magen und gilt als
Potenzmittel. Der Hund wurde sogar als Lieferant des
besseren Fleisches geschätzt. Bekam eine Frau einen
Jungen, gab’s Hundefleisch, wenn es nur ein Mädchen
war, bloß Schwein.
Mittlerweile ist den Chinesen diese Tradition
peinlich. Bei der Olympiade 2008 hatte die Regierung
die 41 Restaurants, die allein in Peking Hundefleisch
anbieten, angewiesen, Hund von der Karte zu nehmen.
Dabei ist es überall im Land selbstverständlich, Hund
im Restaurant anzubieten. Es gibt sogar ein
Hundefleischfest, jedes Jahr zur Sommersonnenwende.
Das Fest wird in der Sechsmillionenstadt Yulin in der
Provinz Guanxi im Süden Chinas zwischen Hongkong
und der vietnamesischen Grenze gefeiert. Dort gibt es
Spezialitätenrestaurants wie das »Jadeeinhorn« unten
am Fluss. Suppenhund in Streifen geschnitten, süß
geschmorter Hund, eine Hundekasserolle mit
Meeresfrüchten oder Hund im Fonduetopf mit viel
Ingwer stehen auf der Karte. Das bekannteste Gericht ist
aber »Knuspriger Hund«.
Als ein Reporter der Süddeutschen Zeitung dort war,
fragte ihn der Koch, ein Mann namens Meng: »Sag mal,
warum esst Ihr eigentlich Kühe? Was sagen denn die
Inder dazu?« Der Reporter ging in sich und notierte
selbstkritisch: »Zum Gefühl moralischer Überlegenheit
besteht unsererseits also wenig Anlass, zumal in
Deutschland das Schlachten von Hunden erst 1986
verboten wurde.« Stimmt tatsächlich.
In vielen Weltgegenden und Bevölkerungsgruppen
der Geschichte und Gegenwart ist der Verzehr von
Hundefleisch also aktenkundig – bis hin zu den Sioux-
Indianern. Bei den Komantschen war es hingegen tabu,
Hundefleisch zu konsumieren. Demgegenüber wurden
Hunde in Sibirien und in der Südsee und in Notzeiten
auch in Europa, in Frankreich, Belgien und in
Deutschland, verspeist. Die New York Times hatte schon
zu Beginn des 20. Jahrhunderts über Hundeverzehr
berichtet, in Kassel, auch in München. Dort gab es im
Jahre 1903 17 Hundemetzger, und noch 1919 gab es einige
in Berlin.
Auch Prinz Henrik von Dänemark, Ehemann von
Königin Margarethe II., gestand der Zeitschrift sieh&hör,
dass er gern Hundefleisch esse. Und in Großbritannien,
wo sich nachweislich 1926 viele Londoner von
Hundefleisch ernährten, berichtete die Organisation
Animal Aid von einem Catering-Unternehmen, das
Labrador-Steaks, Greyhound-Füße und Dackel-Würste
auf den Teller bringe.
Neben dieser Tradition des Hundefleischverzehrs
hatte sich jedoch früh eine andere Entwicklung
angebahnt: der Trend zur Vermenschlichung, zur
Verzärtelung des Haustiers. Das klingt natürlich viel
besser; besonders tiergerecht ist es nicht unbedingt.
Denn auch hier wurde das Tier zum Objekt menschlicher
Bedürfnisse. Die Entwicklung der Liebe zum Hund
begann schon im 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der
Aufklärung und des Rokoko, der Zeit der gepuderten
Perücken und der ausladenden Röcke.
Das war auch die Zeit, in der Friedrich der Große, der
»Alte Fritz«, eine innige Beziehung zu seinen Hündchen
pflegte. Der König Preußens (1712 bis 1786) galt als
menschenverachtender Tyrann und als Zyniker. Er war
ein Militarist, der jahrelang Kriege führte – sein Überfall
auf Schlesien kurz vor Weihnachten 1740, in dreifacher
Übermacht und mit 22000 Soldaten, gilt seinen
zahlreichen Kritikern als sensationellstes Verbrechen
der damaligen Zeit. Über die Menschen hatte er keine
gute Meinung: »Die große Menge unserer Gattung ist
dumm und böse.«
»Er hat niemals geliebt«, schrieb der Schriftsteller
Thomas Mann über den Alten Fritz. Und er meinte
damit, dass der die Frauen nicht liebte, sie gar aus
seinem Leben verbannte. Geliebt aber hat er doch – die
Hunde. Seinen jeweiligen Lieblingshund ließ er sogar in
seinem Bett schlafen. Und er sorgte sich rührend um das
Wohlergehen der Tiere. Als Hündin Biche 1745 nach der
Schlacht bei Soor in die Hände der Österreicher fiel,
setzte Friedrich alle diplomatischen Hebel in Bewegung,
um das Tier, das er als seine treueste Freundin
bezeichnete, zurückzubekommen. Als Biche
zurückkehrte, auf den Tisch sprang und ihm die
Vorderbeine um den Hals schlang, stiegen ihm Tränen in
die Augen. Noch inniger liebte er die Hündin Alkmene.
Während des Feldzuges gegen Schlesien wurde ihm ihr
Tod gemeldet. Er ließ ihren Sarg in die Bibliothek im
Schloss Sanssouci stellen, besuchte nach seiner Rückkehr
das schon halb verweste Tier und ließ es in der Gruft
beisetzen, die für ihn selbst bestimmt war. Für die
anderen Hunde hatte er eigens Gräber neben dem
Schloss anlegen lassen. Der Alte Fritz war aber kein
Einzelfall. Die Hunde hatten sich von ihren Pflichten
emanzipiert und durften auf dem Sofa Platz nehmen.
So begann das Zeitalter der Vermenschlichung, jener
Epoche in der Geschichte von Mensch und Haustier, die
bis heute anhält. »Man hielt sie jetzt zu dekorativen
Zwecken«, schrieb der Biologe und Hundepapst Erik
Zimen (1941–2003). Dabei wurden sie nach Kräften
verwöhnt: »Wie zu allen Zeiten großer
Hundeliebhaberei ging es den vierbeinigen Zöglingen
weitaus besser als den meisten Domestiken, ganz zu
schweigen vom Gros der Bevölkerung.«
Die Verehrung des Hündchens reichte fast an
Vergötzung heran, wie Zeitgenossen mitunter etwas
pikiert berichteten. Im Journal de Paris beklagte sich im
Jahr 1781 ein Leser, dass man sich »bei Gesellschaften
nicht mehr niedersetzen kann, ohne eine Hundegottheit
zu erdrücken«. In dieser Zeit der Verhätschelung begann
der Mensch, die vierbeinigen Gefährten nach seinen
Vorstellungen zu formen.
Damals auch begann die gezielte Zucht bestimmter
Rassen nach vorgegebenen Merkmalen. Dabei
orientierten sich die Zuchtziele noch an der jeweiligen
Aufgabe des Hundes: Jagdhund, Hütehund,
Polizeihund, Kampfhund, Blindenhund. Später kamen
dann gewissermaßen politische Ziele hinzu, und
irgendwann ging es vorwiegend um die Schönheit. Der
Hund wurde damit zum Spiegelbild der
gesellschaftlichen Vorstellungen seiner Epoche – und
das blieb so bis zum heutigen Tag.
Insbesondere im 19. und beginnenden 20.
Jahrhundert stand dabei die Rassenfrage im Zentrum.
Auch wenn sich bald herausstellte, dass die Vorstellung
einer Ur-Rasse eher eine Schnapsidee war. Vor allem der
Schweizer Hundehistoriker Theophil Studer (1845–1922)
war Direktor der zoologischen Abteilung des
Naturhistorischen Museums Bern und Urvater aller
Kynologen (Hundeforscher). Er vertrat die Theorie vom
Ur-Hund, gab ihm sogar den lateinischen Namen Canis
ferus. Canis ferus soll nach Studer ein Wildhund gewesen
sein, der parallel zu Wolf, Schakal und anderen
Wildhundearten in Eurasien gelebt haben soll. Der
Nachteil von Studers Theorie: Niemand hat den Ur-
Hund oder irgendwelche Überbleibsel des Ur-Hunds je
gesehen. Das hielt Studer von einer Rassentheorie nicht
ab, die auf dem Ur-Hund fußte. Andere Forscher
erklärten wahlweise den Schakal, den Kojoten und
natürlich den Wolf zum Ur-Hund. Dabei standen die
Rassen womöglich nicht am Anfang der Entwicklung,
sondern markierten eher einen (vorläufigen) Endpunkt
in der Beziehung zum Menschen.
Die deutschen Hunderassen beispielsweise
gewannen ihre besonderen Eigenschaften und ihre
Bedeutung, wie auch die deutsche Nation, im Laufe des
19. Jahrhunderts. Bei den Hunden galten zuvor noch die
englischen Rassen als Vorbild. Je deutscher aber das
Land wurde, desto deutscher wurde auch der Hund. Im
19. Jahrhundert begann sich das Rassehundewesen zu
organisieren. Und Reichskanzler Otto von Bismarck
(1815–1898) förderte gar die Karriere eines ersten
Nationalhundes: Die Deutsche Dogge wurden zum
»Reichshund«.
Kurz darauf wurde der Dobermann gezüchtet,
benannt nach Karl Friedrich Louis Dobermann
(1834–1894), Steuereintreiber in Thüringen, der die
Hunde für Geldtransporte brauchte. Daher sollten sie
möglichst scharf sein und bedrohlich wirken. So
züchtete er aus Deutschen Doggen, Pinschern und
Rottweilern einen Hund, der seinen Namen tragen
sollte.
Zum Inbegriff des »deutschen Hundes« aber wurde
der Deutsche Schäferhund. Er kam anfangs tatsächlich
als Hirtenhund zum Einsatz: in den Schafzuchtgebieten
auf der Schwäbischen Alb, in Thüringen, Sachsen und im
Elsass. Aber ohne züchterischen Ehrgeiz wäre auch der
German Shepard nicht zum weltweiten Erfolgsmodell
geworden. Es war ein Karlsruher Offizier, Rittmeister
Max von Stephanitz (1864–1936), der diesen Ehrgeiz
hatte. Stephanitz hatte in der Rheinebene einen Schäfer
und dessen Hund bei der Arbeit beobachtet, der folgsam
auf Zuruf die Herde kontrollierte. Er war begeistert,
wollte aber die Leistungen dieser Sorte Hund weiter
optimieren. Also kaufte er nicht dem Schäfer seinen
Hund ab, sondern erwarb am 15. Januar 1898 vom
Frankfurter Züchter Friedrich Sparwasser einen
dreijährigen Rüden mit dem seltsamen Namen Hektor
Linksrhein. Stephanitz gab dem Rüden den Namen
Horand von Grafrath. Horand war 61 Zentimeter groß,
besaß, wie die einschlägige Hundeliteratur weiß, einen
»edlen Kopf« und »gute Linien« und war ein »großer
Raufer«. Sein »Wurfbruder« Luchs Sparwasser war von
ähnlichem Charakter. Von diesen beiden Brüdern
stammen die meisten Deutschen Schäferhunde ab.
Stephanitz gründete am 22. April 1899 mit einer
Gruppe von Gleichgesinnten in Karlsruhe den »Verein
für Deutsche Schäferhunde«. Das Deutsche Reich war
noch jung, und Rittmeister Stephanitz war vom
deutschen Gedanken so eingenommen, dass sein Verein
den Hund in den Dienst der Nation stellte. Schon 1903
brachte er seine deutschtümelnden Tendenzen zum
Ausdruck: »Auch Hundezucht steht in Beziehung zum
Vaterlande, soll diesem dienen«, verkündete Stephanitz.
Seine Hunde-Ideologie nahm zunehmend völkischrassistische
Züge an. Er verglich die Hundezucht mit der
Entwicklung der Menschen: »Die allgemeine seelische
Minderwertigkeit der Sprösslinge aus Verbindungen
ungleicher Menschenrassen ist zur Genüge bekannt. Das
Eheverbot für Angehörige hochstehender Kulturvölker
mit Frauen niedrigerer Rasse ist daher eine durchaus
zweckmäßige Maßregel.« Stephanitz vertrat auch den
Standpunkt, dass die Deutschen unter dem Einfluss
eines »Fremdvolkes« (den Juden) verlernt hätten,
»arisch, deutsch und rein zu fühlen«. Wenigstens der
Hund sollte rasserein bleiben: »Lassen wir Tierzüchter
uns daraus eine Lehre ziehen.«
Solch demonstratives Deutschtum beförderte in
jenen Zeiten die Karriere der Schäferhunde: Im Ersten
Weltkrieg zeigte sich schon der Heerführer und
zeitweilige Hitler-Parteigänger Erich Ludendorff mit
Deutschen Schäferhunden, später auch Reichspräsident
Paul von Hindenburg, der »Reichsführer SS« Heinrich
Himmler und natürlich der »Führer« Adolf Hitler selbst.
Doch den Hund konnte sein ungewolltes Deutschtum
nicht vor Schaden bewahren. Als Kriegshund musste er
zum Militär einrücken: Viele ließen ihr Leben auf dem
Feld der Ehre – ganz in der Tradition der Kriegshunde,
die es schon in der Antike gab. Zu den römischen
Hundekriegern zählten insbesondere die bulligen
Molosser, die schon in den Perserkriegen des 5.
Jahrhunderts vor Christi Geburt auf griechischer wie
auch auf persischer Seite aktiv dabei waren. Damals
kämpfte, wie der griechische Historiker Herodot
schrieb, »Mann gegen Mann, Pferd gegen Pferd, Hund
gegen Hund«. Bei Kelten und Galliern wurden die
kämpfenden Hunde durch Rüstungen geschützt. Sie
trugen breite Halsbänder mit langen Eisenstacheln und
wurden auf die gegnerische Reiterei gehetzt: Hund
gegen Pferd. Mancher Hund kam später sogar als
Selbstmordattentäter zum Einsatz. Die Armee der
Sowjetunion bildete beispielsweise Hunde zur
Sprengung deutscher Panzer aus.
Wenn auch die Deutschen die Kriege nicht
gewannen – der Deutsche Schäferhund wurde im Ersten
und Zweiten Weltkrieg zur führenden Rasse, auch bei
den Gegnern. Er stellte etwa 80 Prozent der im Krieg
eingesetzten Hunde. Im Ersten Weltkrieg wurden nur
einige tausend Hunde verwendet, im Zweiten Weltkrieg
waren es insgesamt ungefähr 200000, allein in
Deutschland und Frankreich jeweils 40000 Tiere.
Mittlerweile ist die militärische Nutzung der Tiere
glücklicherweise weitgehend vergessen. Der Hund ist
vom Kriegskameraden zum Kuschelpartner geworden.
Auch die Rassenfrage hat sich offenbar in
Trendsetterkreisen erübrigt.
»Der Trend geht weg vom Rassehund und hin zum
›Rescue Dog‹«, diagnostizierte der Psychologe und Autor
Christoph Jung in seinem Buch »Schwarzbuch Hund«.
Die Menschen liebten plötzlich Promenadenmischungen
und Streuner, die sie aus dem Tierheim holen, am
besten, wenn sie im Urlaub in Süd- oder Osteuropa sind.
»Heute muss eine gute Tat damit verbunden sein, wenn
sich jemand einen Hund anschafft.« Das verschafft
einen angenehmen Hormonschub – durch das
Kuschelhormon, glaubt Jung: »Als Retter beglückt man
sich selbst, denn es führt wahrscheinlich zum Ausstoß
des Bindungshormons Oxytocin, wenn man sich daran
erinnert und darüber spricht, wie man ein Lebewesen
aus einer misslichen Lage befreit hat.«
Doch dann, mit der Renaissance der nationalen
Grenzen, erlebte plötzlich auch der deutscheste aller
Hunde, der Deutsche Schäferhund, eine Renaissance.
Und zwar nicht nur in seinem Heimatland. Die
Frankfurter Tierlogistik-Firma Gradlyn zum Beispiel
liefert ihn allwöchentlich in alle Welt – »überall dahin,
wo’s gerade knallt«. So der Geschäftsführer Faruk
Berberovic.
Die Beziehung zum Hund spiegelt die Beziehungen
der Menschen untereinander wider. Er nimmt unter den
Tieren darum eine besondere Stellung ein. Diese
Sonderstellung verdankt der Hund einer
ungewöhnlichen Fähigkeit: Er versteht uns. »Was den
Hund einmalig macht, ist seine Beziehung zum
Menschen und seine Fähigkeit, dessen Mimik und
Gestik zu verstehen«, sagt die Freiburger Professorin
für Neuropsychologie Ulrike Halsband. Sie erforscht
Intelligenz und Sozialverhalten von Hunden. Was Frau
Halsband allerdings ein bisschen fehlt, ist die
wissenschaftliche Distanz zu ihrem Gegenstand:
»Zurzeit lebe ich in einem Rudel mit sieben Hunden«,
sagt sie. Shih Tzus und Yorkshireterrier seien es.
Bei aller Liebe leben Mensch und Hund doch in einer
ungleichen Beziehung. Der Mensch dominiert natürlich.
Heute ist der Hund sogar so weit, dass er Menschen
seinen Artgenossen vorzieht. So zeigte eine berühmt
gewordene Studie, dass kleine Hundewelpen sich eher
fremden Menschen zuwenden als fremden Hunden.
»Wir haben ein Wesen kreiert, das nicht nur gut und
erfolgreich unsere Kommunikation nutzt, sondern uns
auch als Sozialpartner bevorzugt«, sagt die
Verhaltensbiologin Juliane Kaminski von der University
of Portsmouth in England. So ein Partner ist natürlich
praktisch, und manch einer bevorzugt den Vierbeiner als
Lebensgefährten. Die Titelgeschichten des Hundehalter-
Magazins Dogs klingen wie schnulzige Schlagertitel: »Du
gehörst zu mir«, »Freunde fürs Leben« oder »Vom Wolf
zum Freund« stehen beispielhaft für die emotionale
Aufladung des Hunds zum Lebenspartner.
Es ist »bedingungslose Liebe«, was sie mit ihrer
Golden Retrieverin Emma verbindet, sagt Dunja Hayali,
Fernsehmoderatorin und Autorin des Buchs »Is was,
Dog?«. Mensch und Tier verbindet eine »symbiotischen
Beziehung«. Für den Menschen scheint das gut zu sein.
Sogar gesund. Andererseits ist es eine Beziehung, die
krank macht. Jedenfalls den Hund. Der Hund führt ein
Menschenleben. Aber er würde gerne ein Hundeleben
führen. Daher wird er depressiv. »Wir wollen Agility
machen. Nicht der Hund«, sagt der Vorsitzende des
Berufsverbandes der Hundepsychologen, Thomas Riepe.
Doch neben dem Hund, der zum Kuschelpartner
geworden ist, hat sich auch die Katze eine neue Position
erobert: als Leitfigur und als Leittier. Die Katze scheint
zukunftsfähiger in der modernen Gesellschaft, in der es
um flexible Überlebensstrategien geht, und ist dem
Befehlsempfänger Hund daher weit überlegen. Das
Trendtier Katze sei gleichsam zum Lehrmeister
geworden für den Menschen, befand ein deutsches
Marktforschungsinstitut namens »Rheingold« (»Institut
für qualitative Markt- und Medienanalysen«) in Köln.
Das Institut sieht die Katze als »Kuschel-
Katalysator«, sie ermögliche dem Menschen, der flexibel
sein soll und egostark und doch sensibel, im
charakterlich vorauseilenden Katzenwesen eine
»erhabene Spiegelung«. Das Tier zeige ein »Stück
natürlicher Überlebenskunst«. So erhoffe sich der
Mensch, »sich auch selbst ein Stück mit der
widerstandsfähigen Überlebenskunst der Katze
ausrüsten zu können und sich auf diese Weise gegen
härter werdende Zeiten und den Großstadt-Dschungel
zu wappnen«. Die Katze als Kumpan biete mit ihrem
streichelweichen Fell nicht nur »Zuhause und
Lebendigkeit«, sondern auch »Unabhängigkeit und
Freiheit«. Im Schnurren strahle sie »Emotionalität« aus
und biete so, alles in allem, bei aller Katzenhaftigkeit
auch ein Stück »Menschlichkeit«. Das nun spiegelt sich
auch in der Ernährung wider. Sie bekommt jetzt die
tollen Gourmetmenüs. Der Mensch kauft das, was er
selbst gern hätte.
Detlev Nolte, Sprecher des Industrieverbandes
Heimtierbedarf (IVH), sagt: »Das, was der Verbraucher
im Lebensmittelbereich akzeptiert und für gut befindet,
versteht er auch im Tiernahrungsbereich.« Sogar am
Erscheinungsbild des Tierfutters wird »konsequent
gearbeitet«, so der Zentralverband zoologischer
Fachbetriebe. Darum gibt sie es, die »Fleischterrine mit
Wild und Karotten«, »Lamm à la Mediterranée«, »Huhn
à la Provence«.
Doch das ist nicht unbedingt zum Vorteil der Katze.
Denn die Katze ist ein wildes Wesen, ein Wüstentier –
auch im Verdauungstrakt, der auf das Leben der Ahnen
eingerichtet ist. Die Katzen stammen von der kleinen
nordafrikanischen Wildkatze ab. Anders als ihr
Verwandter, der Löwe, jagt sie nicht im Rudel größere
Beutetiere, sondern allein, und ihre Beute ist eher klein:
die Maus, bekanntlich. 10 bis 12 Mäuse sollen es am Tag
etwa sein. Und das bedeutet: Katzen sind reine
Fleischfresser. Wenn sie etwas anderes zu sich nehmen,
bekommt ihnen das nicht. Eigentlich braucht eine Katze
ausschließlich Fleisch. Viel Eiweiß. Denn sie kann keine
sogenannte Arachidonsäure bilden, sondern muss sie
aus dem Fleischverzehr erhalten. Besonders wichtig für
die Katze ist auch das berühmte Taurin, das sie ebenfalls
nicht selbst produzieren kann. Taurin wird allerdings
bei der Erhitzung von Fabrikfutter, auch beim
sogenannten Extrudieren des Trockenfutters, zerstört,
zumindest teilweise. Taurinmangel führt zu
Sehstörungen und zu Herzproblemen, zu Nervenleiden,
zu Störungen des Immunsystems und der Fruchtbarkeit
und auch, wenn es mit der Fortpflanzung doch klappt,
zur Beeinträchtigung der fetalen Entwicklung.
Auch wichtig: Fleischfresser wie die Katze können
mit Kohlenhydraten nicht richtig umgehen. Die
sogenannte Kohlenhydrattoleranz liegt bei nur fünf
Gramm pro Kilo Körpergewicht. Wenn Katzen mehr
davon zu sich nehmen, bekommen sie Durchfall. Was in
der Wüste von Vorteil ist, kann dem Haustier schaden:
Die Katze als Wüstenbewohnter kann mit sehr wenig
Wasser auskommen. Der Nachteil: Selbst wenn sie mehr
Wasser braucht, etwa wenn sie viele Brekkies frisst,
säuft sie nicht genug. Einfach wegen der Wüsten-Gene.
Konzentrierter Harn und alle Probleme des
Verdauungstrakts sind mögliche Folgen der mangelnden
Wasseraufnahme der Katze. Das Trockenfutter zum
Beispiel scheint also ziemlich ungeeignet für die Katze.
Katzen würden ja, wenn es nach ihnen ginge, lieber
Mäuse kaufen.
Hunde sind zwar flexibler. Sie fressen vor allem viel
und große Portionen. Urahn Wolf schließlich vertilgt
etwa vier Kilo am Tag, was 25 Hirschen im Jahr
entspricht. Es können aber auch Rehe, Gemsen,
Wildschweine, Schafe und Ziegen sein, sogar Vögel,
Lurche und Insekten. Oder auch Früchte. Hunde können
auch Reis fressen. Inzwischen bekommen auch sie weit
mehr als das. Denn heute kümmern sich nicht nur
Herrchen und Frauchen um ihre vierbeinigen Lieblinge,
sondern ganze Industrien. Und die verwenden leider
auch Rohstoffe von zweifelhafter Qualität.
Damit hat sich die Nahrung von Hund und Katze
weit entfernt von dem, was ihre Ahnen bekamen – und
was mithin ihrer Art gerecht werden würde. Das
Tierfutter sieht zwar sehr luxuriös aus und ist auch
schön teuer. Aber nicht unbedingt das Beste fürs Tier.
4.
Der Pfui-Teufel-Faktor
Die Tierfutterindustrie und ihre
anrüchigen Erfolgsrezepte
Neuer Verdacht: Tote Haustiere im Futter für
Hunde und Katzen / Klärschlamm zu
Tierfutter: Wenn die Ekelbremse versagt /
Verwandeltes Wesen: Das Tiermehl hat kein
Gesicht / Müllverwertung auf höchstem
Niveau: Plastik fürs Campinggeschirr – und der
Abfall geht ins Tierfutter
Denderleeuw ist ein hübscher kleiner Ort mit knapp
19000 Einwohnern 20 Kilometer westlich von Brüssel.
Ein beschauliches Städtchen, dessen Mittelpunkt der
Marktplatz ist, der als Parkplatz dient und mit Autos
vollgestellt ist. Ganz hinten steht die kleine Kirche aus
grauem Stein, dem heiligen Amandus geweiht.
Drumherum einige kleine, rot verklinkerte Häuschen,
wie sie in der Gegend üblich sind, eine Bäckerei, ein paar
Kneipen.
Die Firma Rendac? Die kennen die Leute. Früher, so
erzählen sie, seien die Lastwagen oft mit offener
Ladefläche herumgefahren, voll beladen mit Kadavern,
und da sei dann auch schon mal ein Tierkopf auf der
Straße gelandet.
Früher habe es oft bis hierher gestunken, erzählen
sie, aber das sei lange her. »Stink kot« haben sie die
Rendac-Anlage damals genannt, Stinkhütte. Heute
stinkt es oben am Marktplatz nur noch, wenn der Wind
ungünstig steht. Drunten am Kanal rieche es öfter,
sagen die Leute. Aber die, die dort gebaut hätten, die
seien nun wirklich selbst schuld. Sagen sie in der
Kneipe. Drunten am Kanal liegt die Firma. In
unmittelbarer Nähe haben sie wirklich ein Wohngebiet
gebaut, die Häuser sind noch ziemlich neu, viele aus
Backstein mit höchst adretten Vorgärten.
Und direkt gegenüber: die Anlage.
Dort, wo die Lastwagen mit den Schlachtabfällen
ankommen, da riecht es ziemlich streng. Es riecht nicht
im engeren Sinne nach Fleisch, es ist eher ein
allgemeiner Müllgeruch. Vielleicht auch der Geruch von
Verwesung.
Gleich neben dem Kreisverkehr geht’s rein. Links ist
der Wertstoffhof der Gemeinde, dort kann man Plastik
abgeben, Glas, Sperrmüll. Eine hübsche blonde
Pförtnerin weist die Ankömmlinge im Renault und
Toyota mit vollem Kofferraum und Anhänger ein.
Daneben erheben sich riesige Gebäude. Röhren, Tanks,
ein Schornstein, quaderförmige, beige Bauten.
Auf dem größten steht »Rendac«. Es ist so hoch wie
ein Hochhaus, ein gigantischer Quader. Schwere
Lastwagen kommen hinein, fahren heraus, Tankwagen,
Kipper, Container. Sie müssen alle durch eine
Desinfektionspfütze auf der Straße. Gebrumm. Gestank.
Ein Anmeldehäuschen.
Die Firma Rendac ist sehr bekannt in Belgien und den
Niederlanden. Sie ist eine riesige Firma, die sogenannte
Tierkörperbeseitigungsanlagen betreibt. In Holland hat
sie sogar ein Monopol auf das Einsammeln toter Tiere,
auch der Haustiere. Und der Tiere, die beim Tierarzt
eingeschläfert wurden. Man kann sie ganz einfach übers
Internet melden (»Melden kadavers«), dann kommt der
Rendac-Lkw und holt sie ab.
Streng verboten ist natürlich, tote Haustiere zu
Haustierfutter zu verarbeiten. Auch wenn das immer
wieder vorkommen soll. Behaupteten jedenfalls Kritiker.
Bisher fehlten ihnen die Beweise. Jetzt aber gibt es sogar
amtliche Untersuchungen, auch ein Verfahren gegen
eine Firma – die sogar Strafe zahlen musste.
Das ist die Branche, die die wichtigsten Zutaten
liefert für das, was wir unseren vierbeinigen Lieblingen
in den Napf kippen. Oft geht es in dieser Branche nicht
sehr appetitlich zu. Es riecht unangenehm, und es sieht
nicht immer sehr proper aus. Ist ja auch kein Wunder:
Schlachtabfälle, Blut, verendete Kadaver – das ist nicht
unbedingt das, was gute Laune macht. Und es ist auch
nicht besonders gesund.
Früher, im Mittelalter, wurden sie ja sogar vor die
Stadttore verbannt, die Abdeckereien, wie sie damals
hießen. Aus Furcht, sie könnten Krankheiten und
Seuchen verbreiten. Kein Wunder, dass die Branche
traditionell lieber im Verborgenen operiert. Sie hat mit
der Öffentlichkeit nichts zu tun, auch nicht mit
Herrchen und Frauchen, die den Fressnapf füllen. So
wurden sie lange schlicht übersehen. Es gab zudem
keine gesetzlichen Vorschriften, die die Praktiken in
dieser verborgenen Zone regelten. Das hat sich dann,
dank diverser Skandale, geändert.
Nicht geändert hat sich natürlich das Kerngeschäft:
der Umgang mit den Resten toter Tiere. Die
Wiederaufbereitung verwertbarer Teile, das
»Upgrading«, wie es heute genannt wird. Und
Vorschriften gibt es zwar mittlerweile – aber das
bedeutet nicht gleich, dass beispielsweise die Käufer der
Futterprodukte für Hunde und Katzen auch erfahren,
was sie da erwerben. Und was da wirklich drin ist. Es ist
aber auch schwer zu durchschauen. Denn die
Zulieferindustrie für die Heimtierfutterbranche ist
international tätig, bezieht die Rohstoffe über globalen
Lieferketten – da ist die Kontrolle natürlich schwierig.
Und so kann es kommen, dass manchmal nicht nur
Unappetitliches im Gourmetschälchen landet, sondern
sogar Ungesundes.
Die Ermittlungen gestalten sich in solchen Fällen
schwierig. Manchmal stoßen die Beamten wieder auf
eine besonders innovative Form des »Upgradings« von
Abfall. Manchmal aber auch auf gar nichts. Das zeigt
dann, dass dieses Kommerzfutter, das oft aus dubiosen
Quellen stammt, ein großes Mysterium ist. Auch wenn
auf dem Etikett große Firmennamen stehen.
Im Sommer 2015 beispielsweise warnte die
amerikanische Lebensmittelbehörde U.S. Food and Drug
Administration (FDA) Hundehalter vor einer
mysteriösen, mitunter tödlichen Substanz in
sogenannten Leckerlis, im Fachjargon
»Trockenkauartikel« genannt. Mehr als 5800 Haustiere
in den USA waren in den Jahren zuvor erkrankt, 1000
starben sogar – an einer nicht identifizierten Substanz.
Die Leckerlis stammten offenbar »fast alle« (so die FDA)
aus China, aber auch in Produkten von Herstellern wie
Nestlé Purina oder Del Monte wurden sie gefunden.
Auch in Australien gab es Berichte über ähnliche
Erkrankungen aufgrund der China-Connection.
Bei einer Auswertung der Berichte über
Krankheitsfälle stellte sich heraus, dass die Tiere in 60
Prozent der Fälle an Erkrankungen des Magen-Darm-
Trakts litten, 30 Prozent hatten Probleme mit Niere und
Harnwegen, und bei 10 Prozent ging es um die Haut,
neurologische Probleme oder das Immunsystem.
Allgemeine Symptome waren Appetitlosigkeit,
Antriebsschwäche, Erbrechen, Durchfall, zum Teil
blutig, und erhöhter Harndrang. In den Leckerlis
wurden Rückstände eines Medikaments namens
Amantadin gefunden, das gegen Grippe und die
Parkinsonkrankheit eingesetzt wird. Die FDA hingegen
hält das Medikament nicht für die Ursache der oft
tödlichen Erkrankungen, weil das Spektrum ihrer
Nebenwirkungen ganz anders gelagert sei. Außerdem
war nicht in allen Erkrankungsfällen die Substanz im
Spiel.
Die FDA startete umfangreiche Untersuchungen: Die
sogenannte Trockenkauartikel-Untersuchung (»Jerky
Pet Treat Investigation«) zog sich über mehrere Jahre
hin. Seit den ersten Fällen im Jahr 2007 wurden die
zuständigen Leckerli-Divisionen personell und finanziell
ständig aufgerüstet. 2014 erschien ein Zwischenbericht –
ohne eindeutiges Ergebnis. Die Untersuchung wurde
fortgesetzt. Sie bezog sich auf Salmonellen,
Schwermetalle und andere Kontaminanten wie Arsen,
Kadmium, Blei, Pestizide, Antibiotika, Gifte aller Art.
Die Behörde analysierte auch auf mögliche Nebenfolgen
von Bestrahlung, ein beliebtes Verfahren der
Konservierung. Sie ließ die toten Tiere untersuchen und
stieß dabei auch auf viele Krebsgeschwüre,
Pilzvergiftungen und diverse andere Krankheiten.
Doch was sie nicht fanden, war eine eindeutige
Erklärung für Tausende von Erkrankungen und
Todesfälle. Offenbar ist so etwas Schlichtes wie das
Futter für Haustiere so kompliziert geworden, dass
sogar Scharen von kriminalistisch tätigen Ermittlern der
letzten Großmacht dieser Welt davor ohnmächtig
kapitulieren müssen. Dabei waren sie sogar nach China
gereist, hatten dort recherchiert in Fabriken und bei
Behörden. Denn China ist sozusagen das Mutterland der
Lebensmittelskandale und als Lieferant unschlagbar
billiger Zutaten natürlich auch ins Tierfutterbusiness
involviert.
Und die Chinesen schaffen es oft, die Sachen noch
ein bisschen billiger zu machen. Das fällt normalerweise
nicht groß auf. Aber mitunter sind dann, dank
Globalisierung im Futternapf, auch Hund und Katze
betroffen. So war das jedenfalls im Jahr 2007 bei einem
der größten Tierfutterskandale, die die Welt je sah.
Bei der FDA, der auch für die Kontrolle von
Tiernahrung zuständigen US-Behörde, gingen
insgesamt über 17000 Meldungen zu erkrankten Tieren
ein. Die FDA sprach damals von 3150 Todesfällen bei
Hunden und Katzen im Zusammenhang mit diesem
Futter, die Tierschutzorganisation PetConnection
registrierte sogar 4867 Todesfälle. Alles in allem ging es
darum, billige Zutaten noch ein bisschen billiger zu
machen.
Die zunächst betroffene kanadische Firma Menu
Foods, die für zahlreiche Markenfirmen produziert, ließ
die verdächtigen Produkte zurückrufen, andere Firmen
wie Nestlé Purina, Hill’s und Del Monte folgten.
Insgesamt ging es um 60 Millionen Packungen
Feuchtfutter.
Ursache war ein Stoff, der eigentlich für
Campinggeschirr verwendet wird, auch für Babyteller.
Richtig berühmt wurde der Stoff aber erst im Jahr 2008,
als in China Babys gestorben waren, weil der Kunststoff
dort von skrupellosen Herstellern auch für Babynahrung
verwendet worden war: Melamin. Offenbar war der Stoff
aber auch beim Tierfutter gebräuchlich, für Fische, aber
auch für Hunde und Katzen. Bei den Haustieren führte
die Substanz zu Nierenversagen und in vielen Fällen
auch zum Tod. Wie so oft waren die vergifteten Tiere
Kollateralschäden der im Tierfutterwesen üblichen
Abfallverwertung – die in diesem Fall aber eine völlig
neue Qualität hatte. Denn auch wenn der Kunststoff
fürs Campinggeschirr produziert wird, fällt Abfall an.
Und das war die Substanz, die für viele Hunde tödlich
werden sollte. Abfälle der Melaminproduktion wurden
gewinnbringend fürs Tierfutter eingesetzt.
»Viele Firmen kaufen Melamin-Abfälle, um Tierfutter
daraus herzustellen«, sagte ein Mann namens Ji
Denghui, General Manager der Firma Fujian Sanming
Dinghui Chemical Company, laut New York Times. »Ich
weiß nicht, ob es dafür irgendwelche Gesetze gibt.
Wahrscheinlich nicht. Weil keine Vorschrift besagt, dass
man es nicht nehmen darf, machen das alle. So sind doch
die Gesetze in China, oder? Solange nichts passiert, gibt
es auch keine Vorschriften.«
Mit Melamin kann bei chemischen Analysen Eiweiß
vorgetäuscht werden. Und das bringt bares Geld. »Es ist
wahr, dass man viel mehr Profit machen kann, wenn
man Melamin zugibt«, sagte der New York Times ein
anderer Tierfutterverkäufer in Zhanghui, einer
Industriestadt südöstlich von Peking. Bei jedem Prozent
Protein könne viel gespart werden: »Melamin kostet nur
1,20 US-Dollar, echtes Protein hingegen 6 Dollar«,
erklärt er. »Da sehen Sie den Unterschied.«
Früher waren die Melamin-Menüs chinesische
Spezialitäten. Aufgrund der Globalisierung aber sind
auch entferntere Weltgegenden plötzlich betroffen.
Importeur der verhängnisvollen Mixtur war das in Las
Vegas ansässige Unternehmen ChemNutra. Zu
Tierfutter weiterverarbeitet hatte es die kanadische
Firma Menu Foods in zwei kanadischen Werken.
Verkauft wurde das Tierfutter schließlich unter fast 100
verschiedenen Markennamen. Die Melamin-Geschichte
ist eigentlich die chinesische Variante des universellen
Prinzips im Tierfuttersektor. Es heißt: Upgrading.
Aufwertung von Abfällen. Und dabei kommen anrüchige
Rohstoffe immer wieder mal zum Einsatz. Auch in
Europa.
So geriet auch die Firma Rendac vor einigen Jahren in
den Strudel eines Skandals. Die Firma hatte damals
Klärschlamm aus Schlachthäusern zu Tierfutter
verarbeitet. 5000 Tonnen pro Jahr. Das war nicht
ungewöhnlich, wurde auch gar nicht verheimlicht, das
machten andere Firmen genauso, in Frankreich und
auch in Deutschland. Was damals allerdings nicht
bekannt wurde: Betroffen war auch Futter für Hunde
und Katzen. Die Firma Rendac beliefert die namhaften
Firmen aus dem Gourmet-Häppchen-Business. Das
behauptete der Direktor, beim Besuch befragt auf dem
Gelände – und das bestätigten auch die Firmen.
Nun könnte man meinen, die Branche habe aus
diesen Skandalen gelernt, sei geläutert aus den Affären
hervorgegangen. Doch immer wieder neue
Ungereimtheiten und Skandale zeigen anderes. Die
Skandale haben mit dem System zu tun, mit den
Strukturen in einem globalisierten Geschäft – und wohl
auch mit den Mentalitäten, die hier vorherrschen.
Die Tierfutterbranche hat über all die Jahre, da sie
weitgehend unbeobachtet und nach ihren eigenen
Gesetzen wursteln konnte, das Gespür dafür verloren,
was anständig ist und was anrüchig. In dieser Zeit ist
offenbar auch die Ekelbremse außer Kraft getreten, die
andere Menschen vor dem Umgang mit Exkrementen
bewahrt. Der Tierfutterbranche grauste es offenbar vor
gar nichts. Und sie kannte auch keine Hemmschwellen
bei der Wahl ihrer Rohstoffe. Begünstigt wurden die
Praktiken durch die mitwirkenden Chemiker, die noch
jeden Rohstoff durch geeignete Geschmacksstoffe
einigermaßen appetitlich erscheinen lassen.
Dabei gibt es Gesetze, die auch durchaus Wirkung
zeigen. Das ist schon am Werkstor der Rendac-Anlage
im belgischen Städtchen Deenderleuw zu sehen. Am
Eingang weisen Schilder den Weg: Cat 1 und 2 nach
rechts, Cat 3 nach links.
Kategorie 2, das sind nach der Verordnung (EG) Nr.
1774/ 2002 zum Beispiel »Gülle sowie Magen- und
Darminhalt«, ferner Schlachtmaterial, das
Arzneimittelrückstände enthält. Zur Kategorie 1
gehören die richtig riskanten Abfälle: die sterblichen
Überreste von Tieren etwa, die unter BSE-Verdacht
standen oder vergleichbare Krankheiten übertragen
könnten. Außerdem gehören die Kadaver von Heim-,
Zoo- und Zirkustieren dazu, auch von Versuchstieren
und von Wildtieren, wenn der Verdacht besteht, dass sie
mit einer übertragbaren Krankheit infiziert sind. Und
schließlich werden Küchen- und Speiseabfälle
öffentlicher Verkehrsmittel zu dieser Kategorie gezählt.
Kategorie 1 und 2, das sind also Abfallarten, bei denen
der Gesetzgeber verhindern wollte, dass sie ins
Tierfutter gelangen. Sie werden daher bei Rendac auch
streng separiert. Ein Rendac-Lastwagen ist blitzsauber,
ein Schild in der Mitte weist auf den Charakter der
Ladung hin: Es ist eine weiße Raute, darauf steht: »CAT
3«. Und: »Nicht für den menschlichen Verzehr
geeignet«.
CAT 3 bedeutet: Bei der Ladung handelt es sich um
tierische Erzeugnisse der Kategorie 3 nach der
Verordnung (EG) Nr. 1774/2002. Diese Verordnung
betrachtet die Gilde der Tierkörperbeseitiger als Bibel
der Branche. Sie wurde im Jahre 2002 von den
europäischen Behörden erlassen, um das ungesteuerte
Treiben der Abdeckereien und Tierfutterproduzenten in
geordnete und gesundheitlich einwandfreie Bahnen zu
lenken.
Es gibt nach dieser Verordnung drei Kategorien von
tierischen Abfällen, und jene der Kategorie 3 sind
gewissermaßen die feinsten. Dazu gehören
beispielsweise »Schlachtkörperteile«, die eigentlich noch
»genusstauglich« wären, jedoch aus »kommerziellen
Gründen nicht für den menschlichen Verzehr bestimmt
sind«. Also Sachen, die man eigentlich noch essen oder
zumindest weiterverwenden könnte, die aber schwer zu
vermarkten sind: Knochen, Fette, Schwarten und
dergleichen. In diese Abfallkategorie fallen aber auch
»Schlachtkörperteile, die als genussuntauglich abgelehnt
werden«, auch wenn sie noch »keine Anzeichen einer
übertragbaren Krankheit aufweisen«. Und schließlich
Häute, Hufe und Hörner, Haare und Pelze,
Schweineborsten und Federn, auch Eierschalen. Daraus
wird zum Beispiel das Futter für die Heimtiere gemacht.
Das Material ist laut Gesetz »unverzüglich abzuholen«
und dann zu »verbrennen« oder aber »als Rohstoff in
einem zugelassenen Heimtierfutterbetrieb zu
verwenden«.
Das Schöne für die Firmen wie Rendac: Sie werden
zweimal bezahlt. Einmal von den Schlachthöfen, die
Geld dafür geben müssen, dass sie ihren Abfall
loswerden. Und das zweite Mal von den Kunden, denen
sie das »aufgewertete« Abfallmaterial verkaufen.
Als Energiequelle zum Beispiel. So etwas hat dieser
Truck geladen, der eben aus dem Rendac-Gelände fährt.
Ein Tanklastzug. Michael heißt der Fahrer. Ein Actros-
Silo-Lastzug von der Spedition »Hansmeier« aus
Paderborn. Tiermehl hat er geladen, sagt er. »Cat 1«
steht auf seinem Lastzug. Was passiert mit dem Zeug?
»Das wird alles verbrannt«, sagt Michael. »Das muss
ja irgendwohin.«
Es käme ins Zementwerk nach Paderborn.
»Verfüttern darf man das ja nicht mehr seit BSE.«
Tiermehl hat mittlerweile einen schlechten Ruf.
Tiermehl gilt schließlich als Auslöser von BSE, der
bovinen spongiformen Enzephalopathie. Hunderttausende
Rinder sind daran erkrankt, die meisten in
Großbritannien.
Tiermehl wurde zum Symbol für die Perversionen der
modernen Agrarproduktion. Tiere, denen ihre eigenen
Artgenossen zum Fraß vorgeworfen werden – ohne dass
sie das erkennen können. Das Tiermehl hat kein Gesicht.
Nichts mehr erinnert an das Wesen, das es einst war. Es
ist nur noch Futter, Proteinquelle, und eine billige dazu.
Die Tiermehlaffäre zeigt auch, dass die Tiere selbst
eigentlich ganz gut wissen, was für sie das Beste ist. Sie
würden Tiermehl niemals fressen. Sie würden vieles von
dem, was die Menschen ihnen vorsetzen, niemals
fressen. Sie fressen es nur, weil es ihnen mit allerlei
chemischen Hilfen schmackhaft gemacht wird. Weil jene
Geschmacksnoten, die die Tiere als Alarmsignal
empfinden würden, mit Hilfe von Aromen und
Geschmacksverstärkern »maskiert« werden.
Tiermehl ist der Stoff, in dem die moderne
Tierfütterung zu ihrem wahren Wesen kommt.
Niemand kann erkennen, was da verfüttert wird,
niemand ist so recht verantwortlich, niemand weiß, aus
welchen Quellen es kam.
Die Tiere wissen nicht, was sie fressen, die Bauern
wissen nicht, was sie in den Trog kippen. Tiermehl
markiert auch den Punkt, an dem die Öffentlichkeit zum
ersten Mal aufmerksam geworden ist auf das, was den
Tieren vorgesetzt wird.
Es wurde offenbar, dass die Tierfutterbranche sehr
phantasievoll ist bei der Auswahl ihrer Rohstoffe.
Skrupel oder auch nur ein angemessenes
Geschmacksempfinden ist ihr wohl nicht immer im
erforderlichen Maße gegeben. Die
Tiermehlverfütterung ist zum Skandal geworden, weil
an ihr deutlich wurde, dass die »Tierproduktion« auch
als Nebendisziplin der Abfallbeseitigung betrieben wird,
dass auf die Bedürfnisse der Tiere keinerlei Rücksicht
genommen wird und dass es allein um die Rendite geht.
Die Politik hat reagiert, erließ schärfere Gesetze.
Doch nach wie vor werden in der Europäischen Union
jedes Jahr mehrere Millionen Tonnen Tiermehl
produziert. Auch hier in Denderleeuw.
Der Haupteingang der Rendac-Anlage liegt unten am
Kanal, direkt neben der Zugbrücke. Ein Firmenparkplatz
vor dem eigentlichen Gelände, das eingezäunt ist. Schon
von außen zu sehen sind glänzende Rohre, Container,
mehrere Gebäude, Baracken. Es sieht ein bisschen aus
wie früher an den DDR-Grenzübergängen. Aber alles ist
im Umbruch, es herrscht rege Bautätigkeit, alles wird
neu gestaltet.
Peter Coele ist der Direktor des Werkes. Er empfängt
Gäste in einem Raum, der auch sehr nach Umbau
aussieht. Es ist ein Kaminzimmer, eingerichtet im Stil
der fünfziger Jahre. An der Wand hängen Fotos aus der
Welt von Rendac. Ein Lastwagen in den Firmenfarben
Blau und Weiß fährt übers Land, eine Kuh schaut zu.
Ein Rendac-Lkw fährt nachts an einer Metzgerei vor. Die
Fotos sagen: Überall im Land, bei Bauer und Metzger,
bei Tag und bei Nacht, holt Rendac die Reste.
An der Stirnseite des Raumes hängen
Architektenzeichnungen, sie zeigen die geplanten
Umbaumaßnahmen im Werk Denderleeuw.
Werksdirektor Coele ist ein großer, hagerer Mann,
freundlich und auskunftsbereit. 100000 Tonnen
Tiermehl, sagt er, produzieren sie aus Material der
Kategorien 1 und 2. Das ist jenes Tiermehl, das als
Energieträger verkauft wird. Es sei mit Kohle, Gas und
Öl vergleichbar und werde nur etwas aufwendiger
produziert. Bei den übrigen Abfällen aber, den
Geschlechtsteilen, der Haut, den Knochen und anderen
Abfällen, kurz: den Schlachtabfällen der Kategorie 3,
wird der Nährwert genutzt.
»Das wird verarbeitet zu Tiermehl und Fett«, sagt er.
Und wer bekommt das? Die Tierfutterindustrie, sagt
er.
Welche Firmen?
Er nennt die großen Pet-Food-Hersteller: Den
Whiskas-Konzern, der auch Chappi herstellt, Brekkies,
Kitekat. Royal Canin. Und Nestlé Purina. 50000 bis
60000 Tonnen Tiermehl pro Jahr. Allein von seiner
Firma, von seinem Werk in Denderleeuw.
Tiermehl ist eine ganz normale Zutat in den
Rezepturen der kommerziellen Tierfutterproduzenten.
Zum Einsatz kommen, so Hill’s »Handbuch zur Diätetik
der Kleintiere«, Mehl aus Geflügel-Nebenprodukten,
Knochenmehl, Schafsmehl, Fischmehl. Manche Kritiker
argwöhnen auch, dass noch andere Lebewesen, unsere
eigenen Haustiere, zu Mehl verarbeitet werden. Diesen
Verdacht haben amerikanische Journalisten an die
Öffentlichkeit gebracht, im San Francisco Chronicle im Jahr
1990 unter der Überschrift: »Wie Hunde und Katzen im
Haustierfutter wiederverwertet werden«.
Die kalifornische Tierärztin Eileen Layne von der
Veterinärsvereinigung CVMA (»California Veterinary
Medical Association«) sagte damals zum Chronicle:
»Wenn Sie auf den Etiketten des Haustierfutters lesen
›Fleisch und Knochenmehl‹, dann ist das
gleichbedeutend mit: ›Gekochte und verwandelte Tiere
inklusive einiger Hunde und Katzen‹.« Schließlich
stürben jedes Jahr »Millionen amerikanischer Katzen
und Hunde«, manche werden von ihren trauernden
Hinterbliebenen bestattet, andere aber würden ins
Recycling gegeben und könnten dann als Hautcreme zu
neuen Ehren kommen. Oder eben als Tierfutter.
Der Verdacht wurde gestützt durch Rückstände eines
Narkosemittels namens Pentobarbital im
Haustierfutter. Das ist weit verbreitet und dient zum
Einschläfern von Tieren. Bei einer Untersuchung des
»Centers for Veterinary Medicine« (CVM) der
amerikanischen Überwachungsbehörde FDA im Jahre
2002 enthielten von 74 Proben mehr als die Hälfte
geringe Rückstände der Droge. Gesundheitsschädlich ist
so eine Dose Hundefutter mit Schlafmittel nicht
unbedingt – jedenfalls bei den gemessenen
Rückstandsmengen. Schlimmstenfalls würde Bello ein
bisschen schläfrig werden. Und selbst das ist kaum zu
befürchten. Dafür müsste man schon die
eingeschläferten Tiere pur fressen, so wie jene Zootiere
in Dresden, die auffällig müde wurden, nachdem sie
Pentobarbital-haltige Kaninchen gefressen hatten.
Aber: Für die Kritiker sind die Rückstände des
Einschläferungsmittels ein Zeichen dafür, dass
Haustiere zu Haustierfutter verarbeitet, die armen
Hausgenossen mithin zum Kannibalismus gezwungen
werden. Genauere Nachforschungen führten zunächst
zu Entwarnung. Eine Untersuchung von kommerziellem
Haustierfutter der Produktionsjahre 1998 und 2000
durch die FDA-Unterabteilung für Veterinärmedizin
erbrachte zwar tatsächlich Rückstände von
Pentobarbital. Und sie ergab auch, dass praktisch alle
Proben Bestandteile aus Tierkörperbeseitigungsanlagen
enthielten. Tiermehl. Rindermehl, Knochenmehl. Fett.
Talg. Allerdings fanden die Veterinäre keinerlei Erbgut
von Hunden oder Katzen. Sie vermuteten, dass das
Mittel von eingeschläferten Rindern oder Pferden
stammte.
Die großen US-Haustierfutterproduzenten schwören
mittlerweile auch Stein und Bein, dass sie solche
Rohstoffe nicht (mehr) verwenden.
In Europa wären solche Rohstoffquellen heute
ohnehin nicht zulässig. Nach den neuen Bestimmungen
könnten tote Katzen und Hunde nicht als Kategorie-3-
Material ins Hundefutter kommen.
Könnten …
Aber die toten Haustiere kommen offenbar doch ins
Tierfutter. Das behaupten jedenfalls Kritiker. Und
Vorgänge in Spanien legen den Verdacht nahe. In
Spanien ermittelten im Jahr 2013 Fahnder der Guardia
Civil, weil möglicherweise Hundefleisch zu Tierfutter
verarbeitet worden war.
Auf die Spur gebracht hatte sie Olga Costa, Leiterin
eines kleinen Tierheims in der 13000-Einwohner-Stadt
Cambados am Atlantik, eine Autostunde von der
Pilgerstadt Santiago de Compostela entfernt. Die
Tierfreundin hatte im Jahr zuvor aufgrund anonymer
Hinweise eigene Recherchen aufgenommen und weitere
Ermittlungen in Gang gesetzt. Im Zentrum stand eine
Tierkörperbeseitigungsfirma namens Fernando Corral e
Hijos S.L. (Fernando Corral und Söhne) mit Sitz bei
Salamanca, ein paar hundert Kilometer weiter im
Landesinneren in Richtung Madrid.
Die Firma Corral, die die Rohstoffe für Tiernahrung
herstellte, belieferte 42 Unternehmen in Spanien, aber
auch den Niederlanden und Portugal. In ihrer
Produktionsanlage wurde bei Analysen Genmaterial von
Hunden gefunden. Im Hintergrund, so der Verdacht der
Polizei, war ein kriminelles Netzwerk von Tätern aktiv,
das tote Haustiere, aber auch Straßenhunde gesammelt
hatte und sie, anstatt sie zu verbrennen, zu Tierfutter
weiterverarbeitet hatte. In einem Lager fanden die
Ermittler dann auch 15 Tonnen toter Tierleichen.
Die Firma Corral war dabei offenbar kein
unbeschriebenes Blatt: Sie war den Behörden einige
Jahre zuvor schon einmal wegen ähnlicher illegaler
Praktiken aufgefallen. Corral hatte damals Materialien
der Kategorie 1, zu denen auch die Haustierkadaver
gehören, mit solchem der Kategorie 3 vermischt, das für
die Verwendung bei der Futterproduktion zugelassen
ist. In diesem Fall wurde der Betrieb nur vorübergehend
geschlossen und musste 1500 Euro bezahlen.
Der schottische EU-Abgeordnete Alyn Smith
befürchtete, dass »angesichts des EU-weiten
Tierfuttermarktes« die Hundepartikel weite
Verbreitung gefunden haben könnten. Eine Mars-
Sprecherin allerdings versicherte, dass in ihrem Haus
nur die gesetzlich zugelassenen Rohstoffe »in die
Verarbeitung« gelangten. Das klingt beruhigend. Ist es
aber nicht unbedingt. Es muss auch nicht in jedem Falle
gesünder sein. Oder gar besonders appetitlich.
Denn bei den Rohstoffen handelt es sich in den
meisten Fällen um: Müll. Müll aus allen nur denkbaren
Quellen. Und neuerdings sogar aus Rohstoffen, für die
die Phantasie außerhalb der Branche kaum ausreicht.
Als Prinzip gilt dabei, Reststoffe aller Art so
aufzubereiten, dass die Tiere sie fressen. Die Nutztiere,
also Kühe, Schweine, Geflügel und Fische, sollen das
Futter fressen. Aber auch die Heimtiere, besonders die
Hunde und Katzen, sind diejenigen, die die Hersteller
im Blick haben.
Scharen von Forschern beschäftigen sich seit Jahren
mit Möglichkeiten, den Müll auf möglichst profitable
Weise zu verwandeln und den Tieren vorzusetzen. Als
Klassiker gilt ein Werk holländischer Wissenschaftler
von der Landwirtschaftlichen Universität Wageningen
über die Gewinnung von Geflügelfutter aus Müll.
Besonders originell war dabei der Gedanke, den Tieren
ihre eigenen Ausscheidungen vorzusetzen. Es ging also
darum, Hühnerfutter aus Mist herzustellen, den
Exkrementen der Tiere. Mithin eine Art
Kreislaufwirtschaft. Hinten raus, vorne rein.
Nun kann das bei Hühnern durchaus mal
vorkommen, wenn sie über den Hof stolzieren, nickend
und pickend, dass sie auch mal ein Häufchen aufpicken.
Das muss nicht unbedingt schlecht sein, kann sogar zur
Immunstärkung dienen, meinen altgediente Tierärzte.
Anders sieht es aus, wenn das Häufchen-Picken zum
Prinzip erhoben wird.
Das sterilisierte Erzeugnis aus Hühnerkot nennen
die Experten DPW (Dried Poultry Waste, getrockneter
Geflügelmüll). Es ist Messungen zufolge reich an
Calcium, Phosphor, Vitamin B und wertvollen
Aminosäuren. In Europa ist die Verfütterung von Kot
derzeit verboten. Auch haben die Mistforscher Briefe
von Menschen erhalten, die Bedenken hinsichtlich
»ethischer Fragen« hegten, berichtet Antionius van der
Poel, einer der beiden Wissenschaftler aus Wageningen:
»Diese Leute lehnten es aus moralischen Gründen ab,
dass die Hühner gewissermaßen mit ihren eigenen
Ausscheidungen gefüttert werden.«
Van der Poel und sein Forscherkollege Adel El Boushy
aber waren absolut überzeugt von den Qualitäten ihres
Rohstoffs. Dabei ging es ihnen nicht allein um die
Verfütterung von Hühnermist an Hühner, sondern auch
um städtischen Müll, Gerbereiabfälle und Klärschlamm.
Die Wissenschaftler empfahlen das alles auch für Schafe,
Lämmer, Rinder und Milchkühe.
Man dürfe natürlich den Kot nicht pur verfüttern, so
raten sie, aber ein Mistanteil von bis zu 40 Prozent
bringe erstaunliche Ergebnisse. Die Qualität der Eier
von mistgemästeten Hennen sei höher, die Viecher
würden das Futter zudem besser verwerten. Weil aber
das Federvieh zumindest die Fähigkeit besitze, »süß,
salzig, sauer und bitter zu unterscheiden«, raten die
Müllverwerter El Boushy und van der Poel zur
Geschmackskosmetik bei den Futterbeigaben: »Die
Akzeptanz der Nahrung, die auf Müllprodukten basiert,
sollte durch die Verwendung von Süßstoffen verbessert
werden.«
Das Buch ist zum ersten Mal 1994 erschienen. Die
Verwendung von Exkrementen als Tierfutter war damals
in Europa schon verboten. Das Thema stieß in der
Branche aber offenbar auf nachhaltiges Interesse, so
dass das Autorenteam ein Handbuch für Geflügelfutter
aus Müll verfasste, das im Jahr 2000 als »Handbook of
Poultry Feed From Waste Processing and Use« erschien.
John P. Blake vom Fachinformationsdienst Poultry
Science war höchst angetan: Es sei, schrieb er in einer
Rezension, ein Buch von »beträchtlichem Wert« für
Forschung und Praxis. Und auch für die Ausbildung von
Fütterungsexperten sei das Handbuch ein
»willkommenes Nachschlagewerk« sowie für »jeden, der
sich für das Nährstoffgewinnungs-Potenzial von Abfall
interessiert«. Schließlich sei noch allerlei Abfall völlig
ungenutzt. Und er zählte den ganzen Nährmüll auf:
»Geflügelmist, Schlachtabfälle, Klärschlamm,
Gerbereiabwässer, städtischer Müll, Frucht- und
Gemüseabfälle.« Aufgabe sei die »Integration und
Nutzung dieser Abfälle als akzeptable Futtermittelzutat
bei der Geflügelproduktion«.
»Der Pfui-Teufel-Faktor ist hoch«, gibt Philip Petry
zu, der Präsident der amerikanischen Vereinigung der
Futtermittel-Kontrolleure (AAFCO). Aber dank der
wertvollen Inhaltsstoffe, schwärmt er, sorgten die
Hühnerexkremente im Futter für einen »wirklich guten
Proteinsprung«. Selbst das angesehene
Wissenschaftsmagazin New Scientist lobte die Methode.
Die Wissenschaftsjournalistin Debora Mackenzie
veröffentlichte darin einen Artikel über preiswerte
Futtergewinnung, bei der »Exkremente aus
Hühnerställen« einfach »direkt an das Rindvieh
verfüttert« werden. Sie räumte ein: »Das Vieh mit Müll
zu füttern, mag unappetitlich sein«, doch »es macht
Sinn«. Und schließlich fragte sie: »Wovon wird Ihnen
eher übel? Wenn Sie erfahren, dass Ihr Käse von einer
Kuh kommt, die sterilisierte Hühnerkacke verspeist
hatte – oder wenn er von einer Kuh kommt, die Getreide
fraß, von dem ein hungerndes Kind hätte satt werden
können?«
Die Äußerung zeigt zweierlei: zum einen, dass
unappetitliche Produktionsmethoden schon weithin
salonfähig geworden sind. Und dass, zum anderen, auch
in Wissenschaftskreisen weithin Unkenntnis herrscht
über artgerechte Tierernährung. Rinder fressen
bekanntlich von Natur aus kein Getreide, sondern Gras.
Sie geraten damit nicht in Konkurrenz zu hungernden
Kindern. Wenn sie artwidrigerweise Getreide fressen,
entstehen im Übrigen aggressive Bakterien, an denen
vor allem Kinder sterben, in Amerika, aber auch in
Deutschland.
Die Müllverfütterung an die Tiere ist mittlerweile
salonfähig. Es gibt sogar eine EU-Richtlinie zur
Abfallpolitik (2008/ 98/EC), die als Ziel die »Recycling-
Gesellschaft« ausgibt. Dort wird »Abfall als Ressource«
betrachtet. Sogar die Vereinten Nationen und die
Welternährungsorganisation haben in Papieren das
»große Potenzial« der Abfallverwertung durch
Verfütterung an die Tiere gelobt.
Auch aus anderer Richtung gibt es Forderungen zur
Müllverwertung: Der »Nichtgebrauch« von
Abfallmaterial aus der Tierproduktion könnte zu
Entsorgungsproblemen, zu erhöhten Kosten und sogar
zu Gesundheitsproblemen führen – wenn der Müll
deponiert werden muss. So eine indische Studie aus
dem Jahr 2012. Die EU-Aufsichtsbehörden geben
folgerichtig auch solchen Verwertungsmethoden ihren
Segen, die sensibleren Zeitgenossen als befremdlich
erscheinen. Mitunter aber haben selbst die EU-Aufseher
noch Bedenken.
Die europäische Lebensmittelbehörde EFSA
beispielsweise findet nichts dabei, auch tot geborene
Küken ins Futter für Hunde und Katzen zu geben. Jene
kleinen gelben Flaumknäuel, die schon in der Schale
gestorben sind und im Fachjargon als »Tot-in-der-
Schale-Küken« (»Dead-in-shell-chicks«) oder auch als
»Brüterei-Müll« bezeichnet werden. Am 13. November
2015 veröffentlichte die Behörde ihre Entscheidung: Sie
hat keine grundsätzlichen Bedenken bei »Brüterei-
Müll«, wenn alles ordentlich erhitzt wird und Bakterien
so abgetötet werden. Weil aber andere Erreger,
Pilzsporen oder Viren möglicherweise überleben, seien
weitere »realistische Studien« nötig, empfahlen die
Experten der EU-Kommission.
Die niederländischen Landwirtschaftsbehörden
hatten beantragt, die Einstufung solcher totgeborener
Küken zu ändern, von Kategorie 2 sozusagen
aufzustufen in Kategorie 3. Denn in der dritten
Kategorie wird das Material zusammengefasst, das für
die Produkte von Nestlé Purina, Royal Canin, Whiskas
und Chappi verwendet wird. Das Risiko durch solche
Tot-in-der-Schale-Küken für Haustierfutter in der Dose
sei »vernachlässigbar«.
Im Prinzip ist es ja auch durchaus vernünftig – und es
wäre im Gegenteil ein Ausdruck von Verschwendung
und mithin Unmoral, wenn die Menschen beim Schwein
nur das Schnitzel und beim Hähnchen nur die Brust
verspeisten und der ganze Rest auf die Müllkippe
wanderte.
Aber im Zeitalter der Industrialisierung und
Globalisierung der Nahrungsproduktion findet auch
diese Form der Verwertung im großen Stil statt. Die
Rohstoffe aus dem Abfall werden fabrikmäßig
aufbereitet, mit allerlei Zusätzen versehen und dann
dem Tier vorgesetzt.
Merkwürdig ist nur: Merken soll das keiner. Das
»Upgrading« soll ja dazu führen, dass die Leute viel Geld
ausgeben für die Gourmethäppchen in den goldenen
Schälchen. Es könnte ja die Zahlungsfreude leiden, wenn
bekannt wird, dass in den goldenen Schälchen bloß Müll
ist.
Also unternehmen die Firmen viel, damit der
Zusammenhang nicht allzu deutlich wird. Die Branche
will sich ganz neu präsentieren, im Recycling-Look
sozusagen, als Retterin wertvoller Rohstoffe. Auch
Designer gingen ans Werk und verpassten den oft
schwerreichen Firmen einen neuen Look.
Für die Futterkonzerne geht es schließlich um sehr
viel Geld. Und für die Zulieferer natürlich auch. Und so
geben sie sich auch die größte Mühe, nur die schöne
Seite der Tierfutterproduktion zu zeigen, nicht aber
ihre hässliche, auf der es streng riecht und auf der
seltsame Rohstoffe zum Einsatz kommen.
Die Branche hat gelernt: Sie mag zwar Rohstoffe aus
anrüchigen Quellen verwenden, aber mittels intensiver
Öffentlichkeitsarbeit können diese Rohstoffe
vollkommen verwandelt werden und schließlich höchst
appetitlich erscheinen. Und vor allem: Die entdeckten
Rohstoffe sind höchst profitabel. Schließlich ist diese
wundersame Wandlung von Abfall in Tierfutter die
Basis für ein weltweites Milliardengeschäft: das
Geschäft mit der Liebe zum Tier.
5.
Geld stinkt nicht
Das weltweite Geschäft mit der Liebe
zum Tier
Das Tierfutter-Business oder: Die Kunst des
Versteckens / Wenn es um unsere vierbeinigen
Lieblinge geht, spielt Geld keine Rolle / Pfoten
rasieren nicht vergessen! / Verrückte Welt: HMilch
kostet 60 Cent, Katzenmilch 4 Euro /
Traumhafte Gewinne mit Hamster, Sittich,
Hund
Es ist eine merkwürdige Doppelexistenz, die diese
Fabrik hier pflegt. Sie hat zwei Gesichter. Eine schönes
und ein hässliches. Das könnte daran liegen, dass sie
Hässliches in Schönes verwandelt.
Der junge Mann ist auf der schönen Seite tätig. Er ist
Holländer, heißt Geert van der Velden und trägt ein rotweiß
kariertes, kurzärmeliges Hemd. Er präsentiert die
schicken Prospekte und die Philosophie der Firma. Es
geht darin um glückliche Tiere, abgebildet sind Hunde
und Katzen und Schweine, Meeresgetier und Hühner,
und auch schöne Menschen, im Geschäftsbericht, der
von ganz erfreulichen Gewinnen berichtet.
Die Firma produziert Tierfutter in großem Stil.
Dabei ist es vielleicht so eine Art Geschäftsgrundlage,
dass die Firma zwei Gesichter hat. Schließlich liefert das
Unternehmen auch die Rohstoffe für berühmte Marken
wie Whiskas, Chappi, Kitekat oder Nestlé Purina und
Royal Canin. Und die verkaufen gern teure Gourmet-
Häppchen in kleinen goldenen Schälchen. Da soll
niemand daran erinnert werden, dass manches in den
Schälchen aus hässlichen Quellen stammt. Es gibt
natürlich auch noch die andere Seite. Da riecht es nicht
so gut und da geht es um etwas unappetitliche
Rohstoffe. Das sind die zwei Seiten dieser Anlage
irgendwo im Wald, neben einem Kanal.
Eine Tierkörperbeseitigungsanlage. Die ganze Anlage
wirkt ein bisschen versteckt, mitten im Wald. Herrchen
und Frauchen bekommen sie natürlich niemals zu
Gesicht. Sie sollen nur die schönen Seiten sehen, in der
Werbung zum Beispiel, die eine tragende Rolle spielt in
dieser Branche.
Es ist ein Geschäft, das widersprüchlicher kaum sein
könnte. Es basiert auf der Liebe, der Liebe zum Tier.
Und doch ist da nicht alles zum Besten des Tieres. Denn
das Tier ist zum Objekt der Ausbeutung geworden. Für
ganze Industrien geht es ums Geld und nicht um das
Wohl des Tieres. Das Tier ist Bestandteil des
Geschäftsmodells, der Umsatz mit dem Futter nährt
ganze Geschäftszweige eines sehr großen Marktes. Und
das ist längst nicht alles: Zum Milliardengeschäft sind
auch Pflege und Betreuung, Mode und Mobiliar,
Schönheit und der ganze Luxus geworden, den viele der
vierbeinigen oder gefiederten Lieblinge heute genießen.
Dieses Geschäft schließt auch die medizinische
Versorgung der Tiere ein, mithin ihr Leiden. Vielleicht
sind Krankheit und Leiden sogar Folgen menschlicher
Geschäftstätigkeit.
Am härtesten trifft es die Tiere, die gar nicht geliebt,
sondern nur genutzt werden. Das sind die Hersteller
von Milch oder Eiern oder die Lieferanten von Fleisch.
Der Markt um das Nutztier ist riesig. Gehandelt wird
mit dem Futter für die Nutztiere, mit ihren
Behausungen, den Ställen und Käfigen, aber auch mit
den Medikamenten, mit denen die Krankheiten in
diesem Milieu bekämpft werden.
Die Kühe, Schweine, Hühner, auch die Fische in den
Käfigen draußen im Meer, sie erfreuen sich keiner
menschlichen Zuneigung. Sie vegetieren dahin, zumeist
in Massen, und werden schließlich getötet. Der Mensch
pickt sich die Filetstücke heraus, die Schnitzel. Und der
Rest geht in andere Weltgegenden oder wird zum Futter
fürs Haustier. Beide Märkte gehören zusammen, der um
das geliebte Tier und der um das genutzte Tier.
Das Geschäft mit dem Tier ist ein höchst erfreuliches,
es ist eine Quelle üppig sprudelnder Gewinne. Dem
Wohl des Tieres aber dient es nicht. Auch die geliebten
Haustiere werden ja zunehmend krank und entwickeln
Verhaltensstörungen. Sie werden apathisch, lethargisch
und müssen Psychopillen schlucken. Darüber freuen
sich Veterinärpharmakonzerne.
Das Futter spielt dabei eine zentrale Rolle. Denn
gerade das Geschäft mit der Ernährung unserer
tierischen Freunde ist eines, bei der vor allem eine Seite
profitiert. Auf dieser Seite steht das Tier nicht.
Es sind Leute wie ein Mann namens James Spratt, mit
dem alles begann. Er war ein Pionier in diesem Geschäft.
Und am Anfang stand eine Beobachtung im Hafen von
London.
Jener James Spratt, Elektriker aus Cincinnati im USBundesstaat
Ohio, war eigentlich in die Hauptstadt
Großbritanniens gereist, um dort Blitzableiter zu
verkaufen. Das war im Jahr 1860. Aber schon als sein
Schiff im Hafen andockte, machte er eine Beobachtung,
die sein Geschäftsleben in eine ganz andere Richtung
lenken sollte. Was er bemerkte, hatte mit
Resteverwertung zu tun. Denn er sah, wie die Hunde
überall auf übrig gebliebene Biskuits warteten, die sie
von den Seeleuten bekamen. Das war der Beginn einer
weltweiten Erfolgsgeschichte, der Start für die
industrielle Produktion von Haustierfutter. Denn James
Spratt entwickelte, angeregt durch seine Beobachtung
im Hafen von London, eine Futtermixtur für Tiere. Sie
bestand aus Weizenmehl, Rinderblut, Gemüse, Roter
Bete und Fleisch.
Eine britische Firma übernahm schließlich Spratts
Rezeptur und begann 1890 auch mit der Produktion in
den USA. Mehrere andere Firmen erkannten die
Profitchancen und experimentierten ihrerseits mit
Biskuits für Haustiere und anderen Formen von
Trockennahrung. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es die
ersten Dosen mit Pferdefleisch für Hunde in den USA.
In den 1930er Jahren folgten Dosen mit Katzennahrung
und Trockennahrung auf der Basis von Fleischmehl. Im
Zweiten Weltkrieg kam die junge
Haustierfutterindustrie aus Mangel an Dosen zum
Erliegen. Die Fabriken mussten auf Trockennahrung
umstellen. Aus einem unternehmerischen Problem
wurde wieder eine Erfolgsgeschichte: Schon 1946 hatte
die Trockennahrung fürs Tier einen Marktanteil von 85
Prozent erreicht. In den 1950er Jahren schließlich wurde
eine neue Form von Trockennahrung eingeführt, die
sich durch neue Maschinen produzieren ließ, welche zur
Herstellung von Cornflakes oder sogenannten
Frühstückszerealien entwickelt worden waren. Purina
war die erste Firma, die diese Maschinen, die
sogenannten Extruder, für Tiernahrung nutzte.
Glaubt man den Kritikern, ist Trockennahrung für
die Tiere nicht gesund. Denn der hohe Gehalt an
Kohlehydraten in der Trockennahrung ist vielleicht noch
gut für die Maschinen, aber eher schädlich für die Tiere.
Die Tiere fielen der Technik sozusagen zum Opfer:
Der Extruder braucht riesige Menge von Stärke, um zu
funktionieren. Zudem gehen durch die hohen
Temperaturen des Maschinengangs viele Nährstoffe
verloren, die dem Futter nachträglich hinzugefügt
werden.
Die fabrikmäßige Produktion des Tierfutters ist also
eine lukrative Angelegenheit für viele Beteiligte. Und
die Tiere gehören nicht zu den Gewinnern. Dafür lohnt
sich das Geschäft für die beteiligten Firmen. Für sie
bedeutete die industrielle Produktion des Tierfutters
eine Möglichkeit, günstige Reste anderer Industrien
oder Geschäftszweige profitabel zu verwerten.
Food-Konzerne wie Campbell, Mars oder Lipton
sahen in der Haustiernahrung bald einen profitablen
Weg, die »Nebenprodukte« ihrer eigenen Fabriken zu
vermarkten. Das freute natürlich viele der Beteiligten,
erinnert sich das amerikanische Institut für
Haustiernahrung, das Pet Food Institute (PFI), das 1958
gegründet wurde und von Firmen wie Mars, Nestlé
Purina, Royal Canin, Hill’s und anderen getragen wird:
»Das Wachstum der Pet-Food-Industrie versorgte
nicht nur die Haustierhalter mit besserem Futter für
ihre Haustiere, sondern schuf auch profitable
zusätzliche Märkte für amerikanische Agrarprodukte
und für die Nebenprodukte der Fleischindustrie, der
Geflügelindustrie und anderer Branchen, die Nahrung
für unseren Konsum produzieren.«
Die Möglichkeit, Heimtierfutter maschinell und
massenhaft zu produzieren, wurde zur Basis einer
milliardenschweren Industrie, die rund um den Globus
operiert und aus der Liebe zum Haustier immer neue
Profitquellen erschließt.
»Das Geschäft mit Haustieren kennt keine Grenzen«,
schwärmte schon das Wirtschaftsmagazin brand eins.
Weltweit geben Haustierbesitzer jährlich 76 Milliarden
Dollar (68 Milliarden Euro) fürs Tierfutter aus. Allein in
Deutschland macht die Heimtierfutterbranche 3,75
Milliarden Euro Umsatz pro Jahr, in Österreich sind es
über 400 Millionen, in der Schweiz 500 bis 600
Millionen Franken (450 bis 540 Millionen Euro).
In den USA haben sich die Branchenumsätze in zwölf
Jahren fast verdoppelt: von 32 Milliarden Dollar im Jahr
2003 auf 60 Milliarden 2015.
Sogar die Chinesen, traditionell eher dem Hund auf
dem Teller zugetan, wollen ihn jetzt als Haustier. Dort
sei ein »wahrer Hundehalterboom« ausgebrochen,
meldete die Süddeutsche Zeitung.
Im Jahr 2014 wechselte bei einer Luxus-
Heimtiermesse in der 9-Millionen-Einwohner-Stadt
Hangzhou südwestlich von Schanghai ein Tibetischer
Mastiff den Besitzer – für 12 Millionen Yuan (1,6
Millionen Euro). Der Hund ähnelte einem Löwen, was
für solche Mastiffs typisch ist. Der Verkäufer und
Züchter behauptete gar, dass »Löwenblut« in seinen
Adern fließe.
Aus Korea, ebenfalls ein Land, das bisher eher dem
Hund als Speisetier zugetan war, kommen jetzt auch
Nachrichten von einer Trendwende: das Streicheln tritt
in den Vordergrund, zunächst bei Katzen. In
sogenannten Streichelcafés können die Gäste zum Latte
macchiato ein Kätzchen kraulen. Mittlerweile haben
auch in Wien, Budapest, London und München solche
Katzencafés eröffnet, in denen die Katzen leben und sich
von den Gästen streicheln lassen. Sogar in Indien boomt
das Geschäft mit dem Haustier. Dort verzeichnet die
Heimtierbranche Steigerungsraten von 10 bis 15 Prozent
pro Jahr. Die Tiere sind offenbar schon ganz überwältigt
von so viel überschießender Zuneigung, viele müssen
zum Verhaltenstherapeuten, auch Yoga für Vierbeiner
boomt.
Erquicklich sind die Kontakte in erster Linie für die
Menschen. Vor allem die Tierfutterhersteller heben die
Vorzüge des Zusammenlebens hervor: »Gemeinsam
spielen, kuscheln oder sich einfach nur blind verstehen –
die Liebe zu einem Hund oder einer Katze ist etwas ganz
Besonderes!«, verkündet etwa der
Tiernahrungshersteller Nestlé Purina. »Für viele
Menschen ist ihr Vierbeiner ein vollwertiges
Familienmitglied, Partner oder Freund.«
Tierbesitzer lachen »häufiger als Personen ohne
einen Partner auf vier Pfoten«, so die Nestlé-Tierfutter-
Tochter. »Gut zehn Mal« lachen die Tierfreunde täglich,
wo Tierlose nur sieben Mal lachen. Noch lustiger ist es
nur mit Kindern: Eltern lachen 20 Mal am Tag, die
Kinder sogar 400 bis 500 Mal. Aber Kinder gibt es nicht
so viele: 31 Millionen Haustiere leben in Deutschland,
Katzen und Hunde, Vögel, Meerschweinchen,
Kaninchen. Aber nur 13 Millionen Kinder. Nur in 18
Prozent der deutschen Haushalte gibt es ein Kind, ein
Baby sogar nur in fünf Prozent, ein Tier hingegen in 26
Prozent. Vor allem in den Großstädten scheinen
zunehmend Hund und Katze zum Lebenspartner zu
werden. Der Mensch nähert sich dem Tier, weil er sich
vom Mitmenschen zunehmend entfernt. Viele leben
allein, manche einsam. Da wird das Tier zum Partner,
zum Menschenersatz.
Und wer einen tierischen Partner hat, der will
natürlich nicht knausern: Geld spielt keine Rolle, wenn
es um Hund oder Katze oder Wellensittich geht. 9,1
Milliarden Euro jährlich geben die Deutschen für ihre
Haustiere aus.
Nach Angaben des Verbandes für das Deutsche
Hundewesen (VDH) geben Hundehalter 50 bis 100 Euro
pro Monat für ihre Lieblinge aus. In der Schweiz kostet
ein Hund bis zu 2000 Franken pro Jahr. Der Kult ums
Tier nährt viele Branchen: die Hersteller der Accessoires
vom Napf bis zum Halsband, die Pharmahersteller,
Chemielieferanten und Zusatzstoffhersteller, die
Veterinäre. 9000 Tierarztpraxen gibt es allein in
Deutschland – manche spezialisiert auf
Schildkrötenleiden oder das Herz des Hundes.
Die Pharma-Firma Bayer Animal Health machte im
Jahr 2014 in 120 Ländern einen Umsatz von über 1,3
Milliarden Euro. Der US-Veterinärkonzern Elanco hat
sich schon das Tiergeschäft des Schweizer Pharmamultis
Novartis und die deutsche Firma Lohmann Animal
Health einverleibt. Vor ihm liegt jetzt nur noch der
weltgrößte Tierpharma-Konzern Zoetis. Er bringt es
jährlich auf 4,8 Milliarden US-Dollar Umsatz (4,4
Milliarden Euro).
Und während vor allem die Deutschen am eigenen
Essen sparen, geht’s beim Tierfutter steil nach oben:
»Generell lässt sich ein Trend zu hochwertigen
Premiumprodukten feststellen«, sagte Bianca Corcoran
von der Gesellschaft für Konsumforschung der
Lebensmittelzeitung. Eine seltsame Bewusstseinsspaltung
hat offenbar die Menschen, namentlich in Deutschland,
ergriffen. Fürs Schnitzel wollen sie nichts ausgeben,
aber bei den Schlachtabfällen kennen sie keine
Hemmungen – allein weil sie sich in Tierfutter
verwandelt haben.
Beim »Kleintierfutter entdecken die Hersteller
gerade das Hochpreissegment«, sagt Frau Corcoran:
»Dabei reicht die Bezeichnung Premium oder
Superpremium für einige Produkte mittlerweile nicht
mehr aus. Die Devise heißt vielmehr: Luxus pur oder
Hyper Premium.« Die vereinsamten Großstädter opfern
sich geradezu auf für ihre vierbeinigen Lieblinge: »Es
gibt viele Leute, die tun alles für ihr Tier«, sagt
Christoph Puls, Marketing-Chef beim Premium-
Futterlieferanten Gimborn. Besonders erfreulich für die
Branche: »Das Argument, kein Geld zu haben, spielt
nach Umfragen bei der Entscheidung für oder gegen ein
Haustier so gut wie keine Rolle«, sagt Detlev Nolte,
Sprecher des Industrieverbands Heimtierbedarf.
Das zeigt sich in der Doggy-Dingwelt. Etwa im Shop
namens V.I.Pets in Hamburg-Pöseldorf. Vor dem Laden
stehen ein älteres Mercedes-Cabrio, ein Opel-Cabrio und
ein Ford-Cabrio. In Hamburg fahren sie gern Cabrio und
öffnen das Dach, sobald der Regen mal kurz nachlässt.
Klar, dass es daher im V.I.Pets-Shop eine Cabrio-
Autofahrerbrille fürs Hündchen gibt, das gleich im
Fenster ausgestellt ist an einem Schaufensterhund. Im
Internet gibt es sogar schon das Designersofa für den
Hund, etwa von der Firma Pet Interiors. 1399 Euro kostet
zum Beispiel das Modell Lounge Cube Leder in den
Maßen 125 x 90 x 25. Dazu passt der Futternapf der
britischen Marke Wowbow »Mija«, Edelstahl an
Plexiglasträger für schlappe 168 Euro. Oder Blingmania
Platinum, erhältlich bei der Handelsfirma Koko von
Knebel ab 699 Euro. »Porzellan mit Echt-Platin
dekoriert«. Das ist »Der Napf, der es ins Museum
geschafft hat«, sagt stolz die Firmenwerbung. »Sie
finden dieses Designwunder im Museum für
Kommunikation in Berlin.«
Selbst die Frisur eines Hundes kann man in ein
Gesamt-Schönheitskonzept einbetten lassen. Etwa in
der Dog Beauty Lounge an der Neuen Weinsteige in
Stuttgart. Der Friseur ist nicht nur für Waschen,
Föhnen, Nagelpflege zuständig, er rät sogar zur Rasur an
den Pfoten. »Bei manchen Hunden riecht das wie
Käsefüße«, sagt Hundefriseur Noel Luans. In Brasilien
und Kalifornien steigt schon die Nachfrage nach
Schönheitsoperationen fürs Tier: Brust verkleinern, Lid
straffen und Falten glätten, gehören zum Beauty-
Repertoire für Hunde. Die Möglichkeiten reichen bis
hin zum »Botox für Boxer« (Welt am Sonntag). Die
Beauty-Branche findet das normal: »Warum soll ein
Hund nicht schön sein?«, fragt Dr. Edgard M. Brito,
Spezialist für plastische Tierchirurgie im brasilianischen
São Paulo.
Die US-Firma Neuticles bietet sogar Silikonhoden für
kastrierte Hunde. Das soll das »Selbstbewusstsein« der
Entmannten heben. Erfinder Gregg A. Miller kam auf
die Idee, als sein Bloodhound Buck kastriert worden
war. »Ich war wirklich überrascht, als ich merkte, dass
die Hoden ein für alle Mal entfernt waren, nachdem
Buck kastriert worden war«, sagt Miller. Er war völlig
konsterniert: »Buck war nicht mehr Buck!« Dank der
Hilfe eines Veterinärs entwickelte er die »Hoden-
Implantate für Haustiere« (US-Patent #58-68140). Eine
halbe Million Dollar wurde investiert, bevor die ersten
Kunsthoden eingebaut werden konnten beim Rottweiler
Max, der dem Polizeibeamten Mike Pyle aus Missouri
gehörte.
Das Mitgefühl des Menschen fürs Tier kennt offenbar
kaum noch Beschränkungen. Manche Menschen tanzen
schon mit ihren Hunden. Das heißt dann »Dogdance«
und ist die neue »Trendsportart«, wie die Süddeutsche
Zeitung berichtete. Der Reporter des Blattes war im
»Hundesporthotel Wolf« in Oberammergau dabei, als
Denise Nardelli die anwesenden Vierbeiner in der Kunst
des »rhythmischen Pfotenschwingens« unterwies. Frau
Nardelli sei dabei nicht »irgendeine Trainerin«, sondern
die »Hundetanz-Päpstin«, Autorin des Standardwerks
»Dogdance«.
Steigender Beliebtheit erfreuen sich auch
Hundetagesstätten. Hier können Border Collies,
Schäferhunde und Afghanische Windhunde ihren Tag
verbringen. »Das sind alles Hunde, die normalerweise in
Wohnungen warten müssten, bis ihre Besitzer von der
Arbeit zurückkommen«, sagt Nadja Knopp, Gründerin
der Hundetagesstätte (Huta) »Amicanis« im Berliner
Stadtteil Wilmersdorf, die über ein Hofgelände im
brandenburgischen Großbeeren verfügt. »Für die
Besitzer sind das doch kleine Kinder«, erzählt Babs, die
Fahrerin, die die vierbeinigen Lieblinge auf der knapp
halbstündigen Fahrt aufs Land kutschiert. Bei
Ganztagesbetreuung beträgt die Monatsgebühr
beispielsweise für einen kleinen Hund (mit der Größe
XS und einem Gewicht, das unter fünf Kilo liegt) 450
Euro. Für Hunde in der Größe XL (mehr als 40 Kilo)
werden schon 567 Euro fällig. Plus Kosten fürs Futter,
versteht sich.
Und in den Urlaub geht’s natürlich gemeinsam, etwa
nach Südtirol, ins »Hundehotel Mair am Ort« im Dorf
Tirol in der Nähe vom Südtiroler Meran (Slogan: »Urlaub
bei Punky und Baffa«). Die »Zweibeiner« dürfen auch
mit ins Hotel. Das Zimmer mit Halbpension pro
Zweibeiner kostet in der Hochsaison 106 Euro, die
Vierbeiner zahlen 14 Euro für die erste Nacht und für
jede weitere 8 Euro.
Was aber, wenn der gemeinsame Weg zu Ende geht?
Da gibt es dann das Tierkrematorium. Und zur letzten,
natürlich gemeinsamen Ruhe kann man sich im Friedhof
für Mensch und Tier »Mein Hafen« ein Grab reservieren.
1725 Euro kostet das »Freundschaftsgrab«, plus laufende
Gebühren, weitere 92 Euro jedes Jahr. Das Begräbnis
gibt’s mit Trauerfeier und allem Pipapo.
Für das Tier ist das ja einerseits sehr schön, wenn es
bis zur Bahre umsorgt und verwöhnt wird. Und es ist
womöglich auch ein zivilisatorischer Fortschritt, wenn
das Tier nicht mehr als »Sache« taxiert, behandelt und
verspeist wird. Andererseits geht mit der
Vermenschlichung der Tiere leicht das Problem einher,
dass ein Tier sich nicht dagegen wehren kann, zur
Projektionsfläche von Herrchen und Frauchen zu
werden, für ihre Wünsche, Gefühle, Bedürfnisse. Oder
gar zum Geschäftsobjekt, zum Ziel menschlicher Gier.
Gerade beim Thema Fressen stehen die Bedürfnisse der
Tiere ja nicht im Mittelpunkt. Dennoch wünschen sich
die Halter das Allerbeste für ihre vierbeinigen Lieblinge,
und Geld spielt da bekanntlich keine Rolle.
Das wiederum nützt die Futterindustrie gern aus –
und schiebt sich zwischen Tierfreunde und ihre
Gefährten, mit ganz eigenen Maximen. Und die Liebe
gehört eher nicht dazu. Es geht ja ums Geschäft. Die
Tierliebe ist da nur Mittel zum Zweck, die wahren
Motive und Hintergründe des Geschäfts sollen da schön
im Hintergrund bleiben, möglichst unsichtbar bleiben.
Leider können Katzen und Hunde ihr Futter nicht
selbst kaufen. Sie würden vermutlich lieber einen
großen Bogen um die Tierfuttersupermärkte machen, in
denen es so streng riecht. Es ist der Mensch, der in die
Supermärkte geht. Und es sind Menschen, die die Dosen
und Säcke in den Märkten produziert haben. Und auch
das: Es sind Menschen, die davon profitieren – aber nur,
wenn sie es richtig anstellen. Das Prinzip der
Tierausstatter ist also: die schöne Seite der Mensch-Tier-
Beziehung zeigen und alles andere im Dunkeln lassen.
So verhält es sich mit diesen Firmen, die der Holländer
Geert van der Velden repräsentiert. Sie liefern die
Rohstoffe für die ganz Großen der Branche. Sie
operieren in Deutschland und europaweit, aber sie sind
dabei irgendwie unsichtbar. Das ist das
Erfolgsgeheimnis. Die Kunst des Versteckens stellt
einen wesentlichen Bestandteil ihres Geschäftsmodells
dar.
Wichtig ist es ihnen immer, die schöne Vorderseite
auszustellen. Beispielhaft dafür steht die Vion-Fabrik in
den Niederlanden. Auf der schönen Seite ist sogar die
Luft noch rein. Auf der Seite, wo die Villa steht, in der
früher der Direktor gewohnt hat. Von der Straße aus ist
sie noch nicht zu sehen, aber wer ein paar Schritte bis
zum Tor geht, sieht sie gleich. Sie ist riesengroß,
reetgedeckt. Ein parkartiger Garten, stoppelkurzer
Rasen, alte Bäume, Blumen. Und alles umzäunt, mit
einem schweren braunen Stahltor gesichert.
Stacheldraht.
Wir sind mitten in Holland, nahe der
Industriemetropole Eindhoven. Heute ist ein schöner
Tag, die Sonne scheint durch die Bäume, der Wald am
Kanal mutet irgendwie südlich an, unbeschwert. Es ist
ein flaches Land, dann und wann ist eine Windmühle zu
sehen. Es gibt sogar noch gepflasterte Landstraßen und
Kanäle mit Hebebrücken wie aus einem Gemälde von
Vincent van Gogh. Diese Anlage im Wald, am
Wilhelminakanal, die Tierkörperbeseitigungsanlage,
gehörte zur Firma Vion. Aber die Eigentumsverhältnisse
haben sich jetzt noch ein bisschen verändert. Es ist auf
den ersten Blick nicht ganz einfach zu verstehen. Aber
das gehört zum Geschäft. Darauf beruht der Erfolg.
Vion ist einer jener riesigen, weitverzweigten
Konzerne, die eigentlich jeder kennen müsste, einer der
größten Fleischvermarkter Europas, Branchenführer in
Deutschland und in den Niederlanden. Vion beliefert die
Fast-Food-Kette Burger King und verkauft an deutsche
Supermärkte abgepacktes Fleisch unter der Marke Food
Family. Vion hat sich auch deutsche Fleischkonzerne
einverleibt, Südfleisch beispielsweise und den
bayerischen Fleischriesen Moksel, die Pommersche
Fleischwaren Anklam und die ehemalige Norddeutsche
Fleischzentrale in Bad Bramstedt. Sie haben Betriebe
und Niederlassungen im bayerischen Vilshofen und im
schwäbischen Crailsheim, in Lüneburg und Regensburg,
in Frankfurt und Furth im Wald. Unter anderem.
Aber jenseits von Hamburger und Schnitzel fällt noch
einiges ab. So ist Vion folgerichtig auch einer der
größten Lieferanten von Rohstoffen fürs Tierfutter. Das
ist dann die andere Seite. Der Geschäftszweig, bei dem
es um das Tierfutter geht, heißt auch nicht Vion,
sondern Rendac. Der Name steht auf einem Schild am
Tor in der holländischen Anlage am Kanal. Rendac, das
ist jener Tierkörperbeseitigungsanlagen-Konzern, der in
Belgien und den Niederlanden tätig ist und zeitweilig
berühmt wurde, weil er einmal Klärschlamm zu
Tierfutter verarbeitet hat. Rendac steht für alles, was
sich hinter den strahlenden Fassaden des
Heimtiermarktes verbirgt. Hier riecht es ein bisschen
streng, und wie genau die Geschäftsabläufe
funktionieren, davon soll nicht viel an die Öffentlichkeit
dringen. Denn Rendac nimmt sich der Abfälle von Vion
an. Das ist aber jetzt keine Entsorgung, sondern eine
Verwandlung – und am Ende wird das Produkt
übernommen von einer anderen Firma, die Sonac heißt.
Sonac ist total sauber, clean und beliefert die
Haustierfutterindustrie mit Rohstoffen. Die sind jetzt
natürlich überhaupt keine Abfälle mehr.
Der Abfall, auf dem der Geschäftserfolg des
Unternehmens Rendac beruht, wandelt also auf dem
Weg in die Tierfutterfabrik seine Gestalt. Das Wort
Abfall hören sie ja in den Tierfutterfabriken nicht so
gern. Bei dieser Firma im niederländischen Son, neben
jener Villa im Wald, reden sie auch nicht mehr gern über
Abfall. Dabei haben sie ganz zweifellos mit Abfall zu tun.
Auf der Rückseite der Firmenanlage riecht es
durchdringend. Ist es der Geruch von Kadavern?
Verwesung? Der allgemeine Geruch von Müll und
irgendwelchen tierischen Überbleibseln? Vielleicht ist es
wieder der Rendac-Geruch. Von außen sind Tanks zu
sehen und ein Schornstein. Silbrige Rohre. Ein
Backsteingebäude, an dem die Fenster zerborsten sind,
manche mit Spanplatten geflickt. Stacheldraht. Auch
hier ist die neue Zeit noch nicht ganz angebrochen. Aber
der Umbau ist im Gange.
Es gibt Parkplätze für Besucher und Beschäftigte.
Und es gibt die andere Seite, auf der die Lastzüge
ankommen. In der Mitte der Anlage: ein modernes
Verwaltungsgebäude. Innen riecht es nicht. An der
Rezeption empfängt eine freundliche Empfangsdame
die Besucher. Ein Großdia mit einem Luftbild zeigt das
Ausmaß der ganzen Anlage. Die Villa ist zu sehen, die
Rohre, Hallen, die ganze Welt, in der die Reste der Tiere
verarbeitet werden.
Geert van der Velden ist für den Verkauf der Sachen
zuständig. Der junge Mann im rot-weiß karierten
kurzärmeligen Hemd. Er versteht sich als Sonac-Mann.
Sonac, nicht Rendac.
Rendac, sagt er, sei eigentlich eine Energiefirma.
Energiefirma? Und die holt Schlachtabfälle aus
Schlachthöfen?
Die Schlachtabfälle, die zu Tierfutter verarbeitet
werden, haben mit den Rendac-Werken nichts zu tun,
sagt van der Velden.
»Das sind die Sonac-Werke«, sagt der junge Mann,
»und dann gibt es noch die Rendac-Werke.«
Sonac, Rendac, das ist doch eigentlich völlig egal,
möchte man meinen.
Doch gerade darauf läuft der ganze Umbau hinaus,
dass es eine »strikte Trennung« gibt, so ein
Firmenprospekt.
Der tiefere Sinn liegt darin, dass niemand mehr eine
Verbindung herstellen soll zwischen den teuren
Gourmet-Häppchen in den goldenen Schälchen und den
Schlachtabfällen, die die Rendac-Lastwagen abholen.
Dann findet also irgendwo eine Verwandlung der
übelriechenden Rendac-Schlachtabfälle in wertvolle
Sonac-Rohstoffe statt?
Nein, sagt Herr van der Velden.
Dass ein Schlachthof wie jener in Belgien von einem
Rendac-Lastwagen angefahren werde und der dort die
Kategorie-3-Rohstoffe für die Tierfutterproduktion
abholte, das sei eigentlich ausgeschlossen.
»Das kann nicht sein«, sagt Herr van der Velden. »Das
ist normalerweise völlig getrennt, das ist auch gänzlich
getrennt, aus Marketinggründen.«
Und: »Ich kann mir nicht vorstellen, dass man mit
einem Rendac-Lastwagen Kategorie-3-Ware abholt.«
Rendac holt also keine Schlachtabfälle ab fürs Tierfutter.
Sagt der junge Mann. Sonac und Rendac, das sei streng
getrennt. Eigentlich soll in der ganzen sauberen Sonac-
Welt, in der die Rohstoffe für Whiskas und Kitekat
bereitgestellt werden, nichts mehr an das Müllmilieu
erinnern, in dem Rendac zu Hause ist. Das ist jetzt alles
streng auseinanderdividiert, sagt Herr van der Velden.
»Da werden Sie keinen Lkw sehen, wo Rendac
draufsteht.«
Rendac sei eine Firma, die beispielsweise Brennstoff
für Energieriesen wie etwa Eon verkaufe. Hergestellt
aus dem Abfallmaterial der Kategorien 1 und 2. Das auf
keinen Fall mehr verfüttert werden darf. Sonac aber ist
die Firma, die wertvolle Rohstoffe für die
Haustierfutterindustrie bereitstellt. Vielleicht, räumt er
ein, könne es in Einzelfällen mal vorkommen, wegen
veränderter Lastwagenplanung in den Ferien. Aber
eigentlich verstößt das gegen das Marketingprinzip.
Daher sollen jetzt auch mehr und mehr neutrale
Wagen eingesetzt werden. Damit niemand mehr den
Zusammenhang herstellen kann zwischen Abfall und
dem Futter für unsere kleinen Lieblinge. So möchte auch
die Firma Rendac nicht als Lieferant in Erscheinung
treten. Rendac holt nur die Abfälle aus den
Schlachthöfen. Dann werden sie zu gesichtslosem Mehl
verarbeitet, zu Fetten und allerlei Zusätzen – und
verlassen dann die Fabrik als hochmoderner, gesunder
Zusatz aus dem Hause Sonac.
Sonac ist sozusagen die Schwesterfirma und
verkörpert die schöne Vorderseite der
Geschäftsarchitektur. Beide gehören mittlerweile zu
dem amerikanischen Tierkörperbeseitigungskonzern
mit dem schönen Namen Darling. Das bedeutet
bekanntlich Liebling.
So haben sie in jenem Business, das man früher
Abdeckerei nannte, schon mit Hilfe der Namensgebung
jede Erinnerung an die anrüchige Zone der
Geschäftsbereiche getilgt. Und damit ganz neue
Gewinnmöglichkeiten geschaffen. Das ist pfiffig
ausgedacht.
Das löst verschiedene Probleme auf einmal. Da ist
zunächst das Entsorgungsproblem, das die
Fleischkonzerne haben. Wohin mit den
Schlachtabfällen? Davon haben Schlachtkonzerne
natürlich mehr als genug. Sie müssen ihren Abfall
loswerden und bezahlen mitunter dafür, dass ihn
jemand abholt. Rendac übernimmt die Abfälle und
verwandelt sie. Sonac versieht sie mit einem coolem
Design, gibt ihnen einen neuen Look und beliefert dann
unter anderem die Abnehmer in der Tierfutterindustrie.
Sonac hat dafür blitzsaubere Prospekte gestalten
lassen, für all die Produkte wie Geflügelfleischmehl,
Blutmehl, Fleischmehl und die Rohstoffe für die
Haustierfutterindustrie. Selbst das Mehl aus
Hühnerfedern (»Sonac Kerapro Federmehl«) wirkt in
Sonacs Prospekt höchst appetitlich. Dank einer Kochzeit
von 18 Stunden ist der Federcharakter des Rohstoffs
auch weitgehend verschwunden. Auf dem Prospekt für
»Kerapro«-Federmehl ist ein süßes Kätzchen abgebildet,
das nachdenklich an einem stählernen, glänzenden Napf
schnuppert. Vielleicht ahnt es noch etwas von der
früheren Identität von »Kerapro«.
Herrchen und Frauchen hingegen bekommen
garantiert nichts davon mit. Wenn die Rohstoffe zu
Mehl verarbeitet worden sind, ist der Abfallcharakter
vollständig aufgehoben. Das denken jedenfalls die
Tierfutterfirmen. Sie finden Tiermehl prima, loben es in
den höchsten Tönen. Eukanuba beispielsweise nennt es
vornehm »Mehl aus Hühner-Nebenerzeugnissen« und
lobt dessen Eigenschaften: »Mehl aus Hühner-
Nebenerzeugnissen ist eine ausgezeichnete
Proteinquelle, weil es alle für Fleischfresser, wie Hunde
und Katzen, wichtigen Aminosäuren enthält. Unsere
Produkte enthalten ausschließlich aus Hühner-
Nebenerzeugnissen hergestelltes Auszugsmehl
allerhöchster Qualität.« Auszugsmehl, das klingt nach
Brötchen und Kuchen und der Hausfrau, die mit
gestärkter Schürze in der Küche steht.
So profitiert die Futterindustrie von dieser
Geschäftskonstellation. Der Mist verwandelt sich auf
den verschiedenen Verwandlungsstufen schließlich in
Gold, also in jene sündhaft teuren, golden verpackten
Leckereien, die wir unseren vierbeinigen Lieblingen so
gern vorsetzen. Der Rohstoff, also der Müll, der am
Anfang der Produktionskette steht, ist nicht nur billig.
Es gibt sogar noch Geld für jene, die ihn abholen. Dabei
handelt es sich um eine Entsorgungsgebühr. Ein
betörend reizvolles Geschäftsmodell für diejenigen, die
sich am Tierfuttergeschäft beteiligen. Sie kassieren
doppelt: zunächst für die Rohstoffe und später für die
Produkte. Ganz wichtig ist dabei natürlich, dass die
Verbindungen zwischen den verschiedenen
Produktionsstufen nicht mehr zu durchschauen sind.
Kein Wunder, dass die Tierfutterherstellung ein
begehrtes Geschäftsfeld ist. Vielleicht sogar das
profitabelste in dieser ganzen Szene. Mit dem Fleisch,
das die Menschen selbst essen, ist nicht wirklich viel zu
verdienen, wenn bei Edeka der Schweinenacken 2,22
Euro pro Kilo kostet. Am eigenen Essen sparen die
Menschen, wo es geht. Anders verhält es sich mit dem
Futter für ihre Vierbeiner. Da spielt Geld keine Rolle. Da
bezahlt der Mensch gern 6,50 Euro für ein Kilo
Geflügelüberreste, vermengt mit ein bisschen Reis,
Maismehl und Rübentrockenschnitzeln. Und für den 4-
Kilo-Sack Trockenfutter »MOTHER &Babycat 34« von
Royal Canin sind zusätzliche 25,89 Euro zu zahlen.
Beim Tierfutter sind die Leute höchst großzügig –
und wenn sie sich die Leckereien für ihre Lieblinge
selbst vom Mund absparen müssen. Beim Tierfutter gibt
es auch noch grandiose Wachstumsraten und
beeindruckende Erfolgsgeschichten.
Das liegt nicht nur daran, dass die Zahl der Tiere
stetig zunimmt – trotz schrumpfender
Bevölkerungszahlen. 4,1 Millionen Hunde kläfften 1992
in Deutschland, 6 Millionen im Jahr 2014. Die Zahl der
Katzen nahm im gleichen Zeitraum von sechs auf 12
Millionen zu, die Anzahl der Aquarien von 0,9 auf 1,95
Millionen. Hinzu kommen mehr als sechs Millionen
Hamster, Kaninchen und andere Kleintiere – doppelt so
viele wie 1992. Ganz zu schweigen von den Sängern – 3,4
Millionen Ziervögeln.
Ein ziemliches Potenzial. Einer, der das ziemlich
optimal genutzt hat, ist ein Mann namens Torsten
Toeller. Herr Toeller besitzt Läden wie diesen, draußen
am Ortsrand: ein großer Parkplatz, vor der Tür zwei
Hundehütten und drinnen die ganze Welt des
Heimtierfutters. Lange Regale mit großen Dosen und
kleinen Schälchen, mit bunten Snacks und glänzenden
Säcken. Mit Halsbändern, Leckereien und Vitaminen.
Ein Fressnapf-Laden. Auch in diesem Fressnapf-Laden
riecht es streng. Vielleicht ein bisschen wie Hund? Oder
eher wie industrielles Futter? Vielleicht auch wie
Tierkörperbeseitigungsanlage.
Fressnapf ist die erfolgreichste Neugründung in der
Branche. Die Firma wächst ständig, und auch Herr
Toeller ist immer in Bewegung: »Morgens frage ich
mich, welche Hürde ich heute überspringen kann«, sagte
er einmal zu einem Reporter der Lebensmittelzeitung.
Torsten Toeller hat schon einige übersprungen.
1990 hat er seinen ersten Laden im rheinischen
Erkelenz eröffnet. 25 Jahre später hat die Kette, die er
als Franchise-Unternehmen organisiert hat, 1300 Läden
in 25 Ländern Europas und macht 1,67 Milliarden Euro
Umsatz. Die Idee hatte er aus Amerika mitgebracht,
doch sein damaliger Arbeitgeber hielt nicht viel davon.
So hat sich Toeller kurzerhand selbständig gemacht.
Torsten Toeller ist ein Mensch, der gern handelt und
entscheidet. Was er nicht leiden kann, sagte er zu dem
Reporter der Lebensmittelzeitung, ist Gejammer: »Wenn
die Leute von Krise reden, krieg ich die Krise.« Das
könnte daran liegen, dass seine Branche keine Krise
kennt.
Der Lebensmitteleinzelhandel klagt, die
Landwirtschaft klagt und die Gastronomie sowieso. Die
Branchen, die die Menschen ernähren, klagen seit
langem. Vor allem über die Kundschaft: Die Leute wollen
kein Geld ausgeben. Ganz anders die Branche, die
unsere liebsten Freunde füttert, die Hunde und Katzen,
Hamster und Sittiche. Dort hat niemand Grund zur
Klage.
Das Tierefüttern war früher ganz einfach: Das Tier
bekam das, was die Menschen übrig ließen. Das ist jetzt
auch noch so ähnlich. Nur dass die Preise zwischendurch
explodiert sind. Ein Sack Trockenfutter »Select Gold«
für große Hunde kostet 6,49 Euro pro Kilo, »Sheba
Hähnchenbrustfilets« kosten pro Kilo 13,87 Euro, »Shiny
Cat« Thunfisch von Gimpet kostet aufs Kilo
umgerechnet 17 Euro. Iams-Trockenfutter »Proactive
Health« für Katzen von 1 bis 6 Jahren liegt bei 47,97 Euro
pro Kilo. »GIMCat Käse-Paste mit Biotin« hat einen
stolzen Kilopreis von bis zu 63 Euro.
Die Leute, die beim Lebensmitteleinkauf für sich
selbst auf jeden Cent schauen, sind bei Tierfutter
grenzenlos großzügig. Beim Billighändler Lidl zum
Beispiel kostet die H-Milch für Menschen 60 Cent, die
Katzenmilch von Whiskas hingegen gibt’s bei Fressnapf
für 4,16 Euro pro Liter. Das Tierfutter-Business dürfte
für die Beteiligten die reine Freude sein. Und viele
können daran teilhaben. Vom Food-Multi bis zum
kleinen Garagenproduzenten.
Das große Geschäft machen aber natürlich die Multis.
Allein der weltweit tätige Nahrungskonzern Nestlé
steigerte seinen Umsatz mit Erzeugnissen fürs Heimtier
von sechs Milliarden Schweizer Franken im Jahr 2000
auf über 13 Milliarden 2010.
Der Food-Gigant mit seinem globalen Headquarter
am Genfer See in der Schweiz ist damit
Weltmarktführer bei der Fertignahrung für Hunde und
Katzen. »Der Lebensmittelgigant«, notierte die
Schweizer Handelszeitung, »operiert im schönsten aller
Märkte. Das florierende Geschäft mit der Verpflegung
der Vierbeiner kennt hohe Margen, aber keine Krisen.«
Gewinn vor Steuern und Zinsen, so das Blatt, liegt bei
bis zu 20 Prozent. In dieser Liga spielt auch Mars. Das
Unternehmen setzt mit Whiskas, Chappi, Pedigree
allein in Deutschland 700 Millionen Euro um.
Bei diesem Thema geht es natürlich nicht nur um
Bello und Hansi, Mietzi und Mümmelmann. Sondern
auch um Zenzi und Theres, um Kuh, Schwein und Huhn.
Hier werden noch größere Räder gedreht, hier geht das
Spiel um noch größere Summen.
In Deutschland leben:
13 Millionen Rinder (davon 4,3 Millionen Milchkühe)
28 Millionen Schweine
39 Millionen Legehennen
65 Millionen Masthähnchen und Puten.
Tierfutter, das ist ein Multimillionen-Tonnen-Geschäft.
Die weltweite Futtermenge insgesamt beträgt 980
Millionen Tonnen.
Der weltweite Umsatz mit Tierfutter beträgt 460
Milliarden US-Dollar.
Allein in Deutschland werden unvorstellbare Mengen
Mischfutter an die Tiere im Stall verfüttert. 80 Millionen
Tonnen sind es im Jahr – das ist mehr als der
Spritverbrauch im Straßenverkehr. Die großen Mengen
kommen zustande, weil die Menschen sehr viel Fleisch
essen. 60 Kilo pro Kopf und Jahr sind es in Deutschland,
davon knapp 20 Kilo Geflügel. Das Futter kommt selten
vom Acker neben dem Stall, sondern zumeist von
irgendwo anders. Die EU etwa importiert jährlich bis zu
40 Millionen Tonnen Soja aus den USA sowie aus
Argentinien und Brasilien. Die Akteure sind Giganten.
Auch wenn ihre Namen nicht immer so gigantisch
klingen. Raiffeisen, zum Beispiel. Das klingt eher nach
Trachtenjanker und dörflichem Tanz.
Doch Raiffeisen ist Big Business. Allein die deutschen
Raiffeisen-Genossenschaften setzen an die 70 Milliarden
Euro im Jahr um – mehr als siebenmal so viel wie die
gesamte deutsche Buchbranche, die gerade mal neun
Milliarden Euro schafft. Gegenüber Raiffeisen ist die
Deutsche Lufthansa mit 30 Milliarden Euro Umsatz fast
ein Kleinbetrieb. Und selbst der größte deutsche
Lebensmittelhändler Edeka ist mit 47 Milliarden Euro
Umsatz im Jahr 2014 ein vergleichsweise kleinerer
Krämer. Der Agro-Multi ist auch größer als die deutsche
BP, Bayer, Audi und Shell.
Eines der größten Handelsunternehmen in
Deutschland ist eine Firma namens Alfred C. Toepfer.
Mit einem Jahresumsatz von mehr als 12 Milliarden Euro
ist sie weit größer als etwa der Textilkonzern C&A
(knapp 7 Milliarden Euro Umsatz) und der deutsche
Ableger des Möbelgiganten IKEA (4,4 Milliarden Euro
Umsatz). Die Firma Toepfer ist ein vornehmes
Hamburger Handelshaus, an dem seit einigen Jahren
der amerikanische Agro-Riese Archer Daniels Midland
(ADM) die Mehrheit hat.
»Der Handel mit Agrarprodukten ist ein
entscheidender Faktor der Weltwirtschaft. Auf diesem
Gebiet sind wir zu Hause«, schreibt die Firma in ihrer
Selbstdarstellung nicht ohne Stolz. Seit 1919, dem Jahr
der Gründung, ist Alfred C. Toepfer im Handel mit
Getreide, Ölsaaten und Futtermitteln aktiv. Heute ist die
Firma Teil des US-amerikanischen Agro-Riesenkonzerns
ADM. Er beschäftigt 33000 Angestellte in 140 Ländern
und generiert einen Umsatz von an die 100 Milliarden
US-Dollar (92 Milliarden Euro).
Agro-Konzerne beschränken ihre Aktivitäten schon
längst nicht mehr auf die heimische Scholle. Sie sind
international verflochtene Großunternehmen und
pflegen Geschäftsbeziehungen in aller Welt. Was sie
dabei am anderen Ende der Welt beschaffen, landet
dann irgendwo in Europa in einem Stall. Dessen
Besitzer, also der Bauer hierzulande, hat nicht die
geringste Chance, die Lieferbeziehungen der Agro-
Konzerne nachzuvollziehen. Darum kauft er immer ein
gewisses Risiko ein, wenn er sein Vieh mit dem Futter
der Großkonzerne füttert.
Die Firma Toepfer beispielsweise war vor vielen
Jahren in einen Dioxin-Skandal verwickelt. Es ging um
Milch, die vielfach überhöhte Mengen an Dioxin
enthielt. Anfangs standen alle Beteiligten vor einem
Rätsel. Die Dioxin-Belastung war zuerst in Südbaden
aufgetaucht, doch die Ursache lag am anderen Ende der
Welt: Als Dioxin-Quelle wurden sogenannte
Zitruspellets identifiziert. Das sind Abfallprodukte der
Orangensaftproduktion, die getrocknet und als
Viehfutterzusatz verkauft wurden. Die kleinen braunen
Kügelchen, die ganz leicht nach Zitrone duften, waren
über ein Raiffeisen-Mischfutterwerk aus Brasilien nach
Südbaden gelangt. Das Supergift war beim Trocknen der
Schalen hineingeraten. Diese Zitruspellets hatte die
Firma Toepfer importiert. Für die Dioxin-Belastung
konnte sie natürlich nichts. Kann schon mal
vorkommen.
Dumm nur, dass so etwas in dieser Branche immer
wieder vorkommt. Die Internationalisierung der
Produktion von Tierfutter hat die Waren spektakulär
verbilligt. Gleichzeitig vervielfachten sich die
Produktionsmengen massiv. Darum hat die globale
Verflechtung großer Tierfutterunternehmen auch dazu
geführt, dass Verantwortlichkeiten verwischt wurden
und die Zusammenhänge nicht mehr erkennbar sind.
Wenn etwas schiefgeht, ist es daher schwer, die
Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen. Und leider
geht immer wieder etwas schief.
6.
Eine Wildwestbranche
Die Skandale ums Tierfutter und ihre
Ursachen
Dioxin-Alarm: China und Korea stoppen
Einfuhren / Wie eine kleine Fettschmelze gleich
zweimal große Futtermittelskandale auslöste
/ Diabetes, Bluthochdruck, Krebs: Die späten
Folgen des Supergifts / Bizarres Belgien: Ein
marodes Königreich als Modell für Europa?
Er wirkt eigentlich ganz sympathisch, wie er da steht,
auf dem Hof in der Sonne: rotes Hemd, Ringerfigur,
Glatze. Er lächelt und gibt bereitwillig Auskunft,
wenngleich ein bisschen zögernd, was man verstehen
kann, denn schließlich hat der Mann gleich zwei
Skandale ausgelöst, deren Auswirkungen bis nach
Amerika und China reichten.
»Very urgent – très urgent«, stand mit leuchtend
rotem Alarm-Logo auf dem Titelblatt des europaweiten
Schnellwarnsystems (»Rapid Alert System For Food and
Feed«). So warnten die europäischen
Überwachungsbehörden die Mitgliedsländer: sehr
dringend. Es ging um Dioxin in Futtermitteln. Dioxin,
das Supergift. Überall in Europa wurden Futtermittel
überprüft. Messgeräte liefen heiß, Hunderte von
Farmen wurden gesperrt.
»Das Fett von Profat«, so die Warnmeldung der
Europäischen Kommission aus dem Jahr 2006, »war
hoch kontaminiert mit Dioxin« (400 Picogramm TEQ/g).
Profat, so hieß der Betrieb, um den es im Dioxin-
Skandal ging, und Jan Verkest, der Mann mit der
Ringerfigur, war hier Chef.
Der Betrieb hieß auch mal N.V. Verkest. Die Firma
wurde aber umbenannt, denn ihr Ruf war eigentlich
schon ruiniert. Die Behörden hatten Verfahren
eingeleitet, und wenige Jahre später standen wieder
Fernsehteams auf dem Hof. Wieder ging es um Dioxin.
Wieder in Futtermitteln. Jan Verkests Firma, eigentlich
nur eine kleine Klitsche, speiste ihre anrüchigen
Produkte in eine Lieferkette, deren Produkte schließlich
in den Supermärkten der Welt landeten.
Der Betrieb lief weiter. »Jeden Tag kommt Fett«,
sagte Verkest damals. 300 Tonnen verarbeiteten sie hier
jede Woche. »Tierfett, Frittenfett«, sagt Verkest. Fett ist
Rohstoff für viele Anwendungsbereiche bis hin zu
Kosmetika. Es wird auch weiterverarbeitet zu »Chemie«,
wie der Chef sagt. Und natürlich wird es für Tierfutter
verwendet.
Schnitzel, Eier, auch das Haustierfutter: Das, was die
Menschen und auch ihre vierbeinigen Gefährten zu sich
nehmen, war weithin betroffen von den Tricksereien
und Gaunereien von Profat. Die normale, alltägliche
Nahrung. Ein Epizentrum von Skandalen, die die Welt
erschüttern, könnte bescheidener kaum aussehen.
Wiesen, Bauernhöfe, Maisfelder, Bäume. Kühe, die
noch grasen dürfen. Ein ländliches Idyll, 29 Kilometer
südwestlich der schönen belgischen Universitätsstadt
Gent. Zwischen Bauernhöfen liegt das Firmengelände.
Ein paar Tanks, eine kleine Halle, ein Hof, auf dem ein
Toyota steht und ein Mercedes und ein silberner BMW.
Neben der kleinen Werksanlage steht ein Bungalow mit
Rasen und Hecken und einer Satellitenschüssel. Dort
wohnt Jan Verkest, der Chef.
Schon 1999 stand Verkest im Zentrum eines Skandals.
Es ging ebenfalls um Dioxin. Damals war er sogar
verhaftet worden. Zwei belgische Minister, Marcel Colla
und Karel Prinxten, mussten zurücktreten. 200
belgische Farmen wurden gesperrt, 60000 Schweine und
sieben Millionen Hühner geschlachtet. Die belgische
Ausfuhr brach zeitweilig fast vollständig zusammen. Auf
eine Milliarde US-Dollar (760 Millionen Euro) wurde der
Schaden geschätzt.
Dioxin, das Supergift – sagen die einen. Die anderen
sagen: Nun ja, diese winzigen Konzentrationen … Erst
im Jahr 2015 stellte sich heraus, wie gefährlich die
Kontamination mit dem Supergift wirklich war.
Auslöser war eine wissenschaftliche Studie, die das
Krankheitsgeschehen über die Jahre verfolgte. Der Fall
Verkest ist ein Lehrbeispiel für diese Branche, in der die
Skandale sozusagen zum Geschäft gehören. Beispielhaft
zeigt der Skandal, wie undurchschaubar die
Lieferketten, wie lax die Kontrollen und wie lahm die
Gerichte sind, die es sogar ermöglichen, dass ein
Unternehmen, das schon unter Beobachtung steht, seine
Geschäfte praktisch ungehindert fortsetzen darf.
Der Dioxin-Skandal von Profat ist auch ein
Lehrbeispiel für die Gesundheitsfolgen solch
skandalumwitterter Produktionsmethoden, die erst
nach vielen Jahren sichtbar werden. Und für die
Schwierigkeiten, die Verantwortlichen zur Rechenschaft
zu ziehen. Die Produktion ist globalisiert, die
Lieferketten sind undurchsichtig. Und Dioxin macht es
auch schwer, die Folgen zu erkennen. Denn das ist das
Tückische an diesem Supergift, dass es, wenn es in
kleinen Dosen eingenommen wird, zunächst ganz
harmlos erscheint. Behörden und Medien können daher
erste Bedenken beiseitewischen. Wie im Falle Verkest.
Immerhin: Da das Zentrum des Geschehens in einem
kleinen Land lag, ist es hier noch vergleichsweise leicht,
einen Überblick darüber zu gewinnen, was hier
eigentlich geschehen ist.
Das Land heißt Belgien. Es darf als Modell für
Zustände angesehen werden, in denen sich solche
Skandalgeschichten besonders musterhaft abspielen.
Außerdem ist Belgien besonders bedeutsam, weil es ein
Kernland der Europäischen Union ist und seine
Hauptstadt Brüssel gleichsam deren Kapitale. Belgien
steht häufig im Zentrum von Skandalen. Nicht nur,
wenn es um Landwirtschaft und Lebensmittel geht.
»Belgien, immer wieder Belgien.« So seufzten
wortgleich die linke Tageszeitung und die konservative
Frankfurter Allgemeine Zeitung nach dem Pariser Anschlag
des sogenannten Islamischen Staates Ende 2015. Auch
hier führten die Spuren nach Belgien. Führende
Attentäter kamen aus dem Land, waren sogar den
Behörden bekannt. Und nachdem der wichtigste endlich
festgenommen war, gab es, Ende März 2016, wieder
einen schrecklichen Anschlag, mit vielen Toten. Das
»Bild vom maroden Königreich«, dessen »Institutionen
nicht funktionieren« (FAZ) bekommt immer neue
Nuancen. Und die Medien verweisen auf die
skandalösen Vorgeschichten, etwa den legendären
Kinderschänder Marc Dutroux, der in den 1980er und
1990er Jahren sein Unwesen trieb.
Auch beim Pferdefleisch-Skandal im Jahre 2013 stand
Belgien im Zentrum des Geschehens. Damals kamen
schwer durchschaubare Verbindungen zwischen
mafiösen Strukturen und seriösen Supermarktketten
ans Licht. Von Aldi bis Edeka, Rewe, Lidl, Kaufland und
Kaiser’s Tengelmann. Alle hatten sie Pferdefleisch
verkauft, unter anderem als »Omnimax Delikatess
Rindergulasch«, als Lasagne, Ravioli, Chili con Carne,
Tortelloni oder im Hamburger. In vielen Ländern
Europas. Sogar in IKEAs Köttbullar hatten
Lebensmittelkontrolleure Spuren vom Pferd entdeckt.
Belgien war auch das Heimatland der Fleischmafia,
die schon während der BSE-Krise dafür sorgte, dass
britisches Fleisch trotz des Embargos in deutsche
Würste und Supermärkte kam. Belgien war auch
zeitweilig das Zentrum des Hormondopings für
Schweine. In Belgien gibt es auch häufig Verbindungen
zwischen kriminellen und staatlichen Kreisen. Die
Behörden in Belgien sind nicht für ihren Eifer bekannt.
Als einmal zum Beispiel ausnahmsweise ein
Veterinärbeamter besonders genau hingeschaut hatte,
ist er ermordet worden. Mitten in Europa. Dabei ist
Belgien nur ein kleines Land. die Verhältnisse hier
wären eigentlich nicht weiter von Bedeutung. Doch weil
das Land mit dem Kontinent aufs engste verwoben ist,
bringt es die europäischen Verhältnisse zum Vorschein.
Darum auch wird für belgische Skandale bisweilen ganz
Europa in Haftung genommen.
Beim Dioxin-Skandal von 1999 beispielsweise stoppte
die US-Regierung den Verkauf von Geflügel- und
Schweinefleischprodukten aus der Europäischen Union.
Beim Dioxin-Skandal 2006 wurden nicht nur ein paar
hundert landwirtschaftliche Betriebe in Belgien
vorübergehend gesperrt, sondern auch 275 Farmen in
den Niederlanden und ein halbes Dutzend in
Deutschland. Taiwan und Südkorea stoppten
Schweinefleischlieferungen aus Belgien. China bezog
auch gleich Deutschland mit ein. Der Schaden ging
wieder in die Millionen.
Wenn es um Dioxin geht, ist höchste Vorsicht
geboten. Zwar sind die Mengen, die gefunden werden,
oft gering. Doch selbst diese winzigen Mengen können
verheerende Folgen haben. Dioxin gilt als Supergift. Es
ist eine der schlimmsten Chemikalien, die über die
Menschheit gekommen sind. Über 200 verschiedene
Dioxin-Verbindungen kennt die Fachwelt. Am
bekanntesten ist das sogenannte Seveso-Dioxin, von
Chemikern als »2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin« oder
kurz »2,3,7,8-TCDD« bezeichnet.
Bei der Dioxin-Katastrophe im norditalienischen
Seveso im Jahre 1976 waren aus einer Fabrik des Chemie-
Multis Hoffmann-La Roche 2,5 Kilogramm von dem
Ultragift entwichen und hatten eine der größten
Giftkatastrophen der Geschichte ausgelöst. 200
Menschen erlitten schwerste Verätzungen, 700
Einwohner mussten ihre Häuser verlassen, 50000 Tiere
mussten getötet werden, ein Gelände von 87 Hektar
wurde evakuiert – auf unabsehbare Zeit.
Die Dioxin-Katastrophe von Seveso war zwar das
bislang schlimmste, aber nicht das erste Unglück dieser
Art. 1949 gab es einen Unfall mit von Dioxin
hervorgerufenen Vergiftungen beim Agro-Konzern
Monsanto, 1953 beim deutschen Chemie-Multi BASF.
Damals litten vor allem die Beschäftigten unter
Vergiftungen, Krebs und Hautkrankheiten.
Das Gift entweicht normalerweise auch aus
Industrieschornsteinen und Müllverbrennungsanlagen.
Es breitet sich bis in entlegenste Regionen aus. Selbst
fernab von Chemiefabriken finden sich seine Spuren in
Lebensmitteln. Butterproben aus Ägypten waren ebenso
belastet wie Fische aus der Bucht von Tokio. Bei
Seehunden aus dem russischen Baikalsee lagen die
Werte bei bis zu 175 Picogramm, finnische Meerestiere
hatten bis zu 122 Picogramm, amerikanischer Hummer
bis zu 58 Picogramm. Dioxin ist überall. Manche
Belastungen sind nicht zu vermeiden.
Wenn Dioxin übers Tierfutter aber in Schnitzel und
Hühnchen gelangt, dann ist das eine vermeidbare
Belastung. So geschah es im Falle des belgischen
Fettschmelzers Verkest. Er war natürlich nicht allein
daran schuld. Und es ist auch nicht so, dass er da
absichtlich ein Supergift reingekippt hätte.
Verkest war gewissermaßen Täter und Opfer zugleich
in diesem System, das manche pervers nennen, weil
ohne irgendwelche Rücksichten auf Mensch oder Tier
noch die aberwitzigsten Quellen angezapft werden, um
billiges Futter für die Tiere zu beschaffen, die in unseren
Küchen gekocht und gebraten und gegrillt werden.
Dieses aberwitzige System ist aber auch sehr profitabel
und deswegen attraktiv für alle Mitwirkenden.
Im Falle von Fettschmelzer Verkest war eigentlich
eine Firma namens Tessenderlo Chemie für die Dioxin-
Verseuchung verantwortlich. Tessenderlo Chemie ist
wiederum alles andere als eine kleine Klitsche.
Tessenderlo ist ein Chemiegigant, Weltmarktführer bei
vielen seiner Produkte. Der Konzern beschäftigt
insgesamt 5200 Mitarbeiter in 21 Ländern. Im belgischen
Tessenderlo produziert er neben Futterzusatzstoffen
Chemikalien aller Art. Im nahen Ham stellt Tesserderlo
Chemie unter anderem eine Million Tonnen Sulfate pro
Jahr her. Und ebenfalls eine Million Tonnen Phosphate.
Bei der Produktion dieser Zusätze war, so ergaben
die Ermittlungen, das Dioxin-Problem entstanden. Bei
Tessenderlo waren zwei Filter in der Fettproduktion
defekt. Diese Filter hingen nur sehr indirekt mit den
Tierfutterzusätzen zusammen. Sie werden für die
Säuberung von Salzsäure gebraucht. Die Säure
wiederum sorgt dafür, dass Fett von Schweineknochen
gelöst wird. Ein recht kompliziertes Verfahren. Aber es
soll ja nichts verkommen. Normales Abkratzen reicht
nicht aus, wenn noch das letzte Fitzelchen vom Tier zu
Geld gemacht werden soll. Durch diese defekten Filter
nun gelangte das Dioxin in das Fett, das als Rohstoff für
Tierfutterbetriebe verkauft wurde.
Eigentlich ist es ehrenwert, möglichst nichts
wegzuwerfen. Wenn aber zu derart gewaltsamen
Methoden gegriffen werden muss, um noch den letzten
Müll vollständig zu verwerten, dann wird die
ehrenwerte Absicht geradezu pervertiert. Dann wäre es
doch besser, manche Überreste nicht mehr zu
verwerten.
Zum Beispiel das, was die – belgische – Firma Rendac
einmal pfiffigerweise ins Recycling fürs Tierfutter
einführte. Auch sie zählte zu den Kunden des
Fettschmelzers Verkest. Mit ihrer Verwertung von
Schlachtabfällen operiert sie in einem Milieu, in der die
Rohstoffe ohnehin ein bisschen anrüchig sind. Es war
im Jahre 1999, als die Firma in einen Skandal verwickelt
war, bei dem eine ziemlich unappetitliche Methode der
Tierfutterproduktion öffentlich wurde. Und auch da
waren die belgischen Praktiken typisch für das, was auch
anderswo praktiziert wird. Denn auch in Frankreich und
sogar in Deutschland war aufgefallen, welche Ressource
da zu Tierfutter verarbeitet worden war: Klärschlamm.
Verschiedene Medien hatten damals darüber berichtet.
Beim deutsch-französischen Tierfutterwerk Saria,
das ein direkter Konkurrent der belgischen Rendac ist,
sollen täglich zwischen vier und fünf Tonnen
Klärschlamm zur Herstellung von Tiermehl verwendet
worden sein. Das Unternehmen bestritt die Vorwürfe.
Saria ist heute ein ganz seriöses Unternehmen. Es
gehört zur Rethmann-Gruppe, einem großen
Entsorgungsimperium, das nun auf schicke Prospekte
und saubere Geschäfte achtet und Biodiesel und
dergleichen herstellt.
Selbst eine öffentliche Einrichtung war schon in
einen Tierfutter-Skandal verwickelt. In der
Tierkörperbeseitigungsanlage Plattling, einer
Einrichtung mehrerer Kommunen 140 Kilometer
nordöstlich von München, wurde unter den Augen der
bayerischen Staatsregierung Klärschlamm zu Tierfutter
verarbeitet. Dass so ein Produktionsverfahren verboten
ist, »das haben wir übersehen«, sagte damals die
bayerische Regierungssprecherin: »Das ist bedauerlich,
aber wahr.«
Auch Rendac räumte ein, dass die Vorwürfe
berechtigt seien. Nach einem Report des belgischen
Landwirtschaftsministers hatte Rendac 5000 Tonnen
Klärschlamm pro Jahr zu Tierfutter verarbeitet –
darunter auch Abwässer aus Duschen und Toiletten.
Trotz seiner problematischen Vorgeschichte war Rendac
auch bei der Entsorgung der dioxinbelasteten Tiere
2006 mit dabei. »Dioxin-Schweine in Son getötet«,
meldete das hausinterne Informationsblättchen. Die
Schweine, die der Mutterkonzern Vion aufgekauft hatte,
überschritten mit 1,3 statt 1,0 Picogramm pro Gramm
Fett die Dioxin-Grenzwerte minimal. Aber »Norm ist
nun einmal Norm«, so das Blatt – und die Schweine
wurden aus dem Verkehr gezogen.
Bei den Hühnern im Jahr 1999 aber war man weniger
streng gewesen:
Die dioxinhaltigen Hühner hat die Firma Rendac
damals auch geschlachtet – und gleich wieder zu
Tiermehl verarbeitet. Nun würde vermutlich jedes Kind
davon abraten, dioxinhaltige Hühner zu Tiermehl zu
verarbeiten. Rendac fand aber nichts dabei. Es gebe
keine gesetzliche Bestimmung, die so etwas verbiete,
sagte der Generaldirektor der belgischen Rendac, Guido
Vanderstappen.
»In Belgien kommt nichts um«, höhnte daraufhin die
deutsche Tageszeitung. So ähnlich war das auch im
Pferdefleisch-Skandal von 2013. Auch hier wurde dafür
gesorgt, dass nichts verkommt. In diesem Fall war es das
Fleisch vom Ross. Dass es unter die Leute kam, ist einem
Mann zu verdanken, der in einem 2,5 Millionen-Euro-
Anwesen im belgischen Schoten, einem Vorort von
Antwerpen, lebt: Jan Fasen.
Auch er durfte seine Geschäfte weiter betreiben,
obwohl er nur ein Jahr zuvor verurteilt worden war. Er
kam vor Gericht, weil er südamerikanisches
Pferdefleisch als holländisches und deutsches Rind
verkauft hatte. Fasen weist seinerseits alle Schuld von
sich: »Ich habe rumänisches Pferdefleisch gekauft, das
ist wahr«, sagte er. »Aber das habe ich auch den Kunden
verkauft. Es war klar gekennzeichnet. Daher kann ich
für die weiteren Probleme nicht verantwortlich gemacht
werden.« Wer Augen hat zu lesen, ein bisschen
Phantasie und wer nur ein bisschen Niederländisch
versteht, der weiß, dass Fasen da gar nichts verheimlicht
hat: Seine Firma heißt Draap Trading. »Draap«, das ist
das holländische Wort für »Pferd« (paard), nur
rückwärts buchstabiert.
Belgien ist zwar das Zentrum des Geschehens, aber,
und das ist ebenfalls typisch, die Vorgänge spielen auch
in anderen Ländern: Der Sitz von Draap Trading liegt in
Zypern, Eigentümer ist eine Finanzgesellschaft auf den
British Virgin Islands. Und die Pferde, die später in
Rind verwandelt wurden, lebten und starben in
Rumänien. Die Fäden aber liefen offenbar in Belgien
zusammen. Vielleicht, weil solche Geschäftspraktiken
besondere Kompetenzen erfordern, die hier gehäuft
vorhanden sind.
Das klingt sehr nach Vorurteil gegen die belgische
Nation. Dabei ist Belgien ein so sympathisches Land. Die
Autobahnen sind beleuchtet, der Sprit ist billig, es gibt
üppig bewaldete Landstriche, pittoreske Städte. Belgien
hat viel mehr zu bieten als die hübsche Hauptstadt
Brüssel mit ihrer Altstadt und den vielen Restaurants
um den Grand Place. Auch Gent mit seinen Grachten.
Oder Brügge mit seiner mittelalterlichen Altstadt.
Belgien hat bedeutende Künstler hervorgebracht. Pieter
Bruegel den Älteren (1525–1569), den flandrischen
Meister des 16. Jahrhunderts. Peter Paul Rubens
(1577–1640), den Liebhaber üppiger Formen, auch den für
seine bizarren Motive berühmten Surrealisten René
Magritte (1898–1967). Ein Belgier hat sogar das Saxophon
erfunden: Adolphe Sax.
Auf der anderen Seite hat sich Belgien in vielen
Affären einen stabilen Ruf als ziemlich verluderter Staat
erworben. Die Belgier mussten, was ihr etwas
distanziertes Verhältnis zur Obrigkeit erklären könnte,
häufig unter fremder Herrschaft leben. Im 14. und 15.
Jahrhundert war das Land unter burgundischer
Herrschaft, danach unter den Habsburgern, zeitweilig
war es auch mit Spanien und den Niederlanden
verbunden. Und im Ersten und Zweiten Weltkrieg war
das Land von den Deutschen besetzt.
Die Belgier gelten, das steht sogar in den
Reiseführern, als eigenständig und obrigkeitsscheu. Es
gelte das Motto: »Erlaubt ist, was nicht verboten ist.«
Der Belgier sei geprägt von Staatsverdrossenheit, dem
Hang zu gutem Essen und dem Streben nach
individuellem Glück. In Belgien sind die Grenzen
zwischen Oberwelt und Unterwelt ziemlich fließend. Bei
allerlei Affären zeigte sich, dass es bisweilen eine
auffällige Nähe zwischen staatlichen Organen und
kriminellen Organisationen gibt.
So etwa war es auch im Falle des Kinderschänders
Marc Dutroux, der im Juni 2004 zu lebenslanger Haft
verurteilt wurde. Er hatte sechs Mädchen entführt,
gefangen gehalten und missbraucht. Zwei von ihnen
überlebten die Torturen und sagten vor Gericht aus.
Zwei Mädchen tötete er und zwei weitere ließ er
verhungern. Außerdem wurde ihm der Mord an einem
Komplizen zur Last gelegt. Als der Kinderschänder
endlich gefangen genommen worden war, zogen sich die
Ermittlungen in die Länge. Beweisstücke wurden liegen
gelassen, und mehrere Zeugen haben, wie die deutsche
Wochenzeitung Die Zeit lakonisch feststellte, »unter
rätselhaften Umständen« das Zeitliche gesegnet. Selbst
ein Strafverfolger, der mit dem Fall befasst war, kam
um – von eigener Hand. Hubert Massa, stellvertretender
Generalstaatsanwalt von Lüttich, hatte sich selbst
erschossen, nur wenige Stunden nach einer
Besprechung mit seinem Justizminister. »Oh, bizarres
Belgien«, rief Die Zeit damals aus.
»Belgien ist krank bis auf die Knochen«, notierte
schon 1991 der liberale Politiker Guy Verhofstadt, der
später Ministerpräsident wurde. Skandale, die
andernorts in einem beschränkten Rahmen bleiben,
nehmen in Belgien staunenswerte Dimensionen an.
Zum Beispiel im Fußball.
»In Belgien werden nicht nur Spiele gekauft – dort
übernehmen Kriminelle gleich ganze Vereine«, staunte
Anfang 2006 die Süddeutsche Zeitung. Teile der Jupiter
League seien von der chinesischen Wettmafia
unterwandert – was aufgefallen ist, weil in Asien
unverhältnismäßig hohe Wetteinsätze auf belgische
Fußballspiele gesetzt wurden. 500000 Euro soll allein
der Präsident des belgischen Fußballclubs R.A.A. La
Louvière vom mutmaßlichen Chef einer chinesischen
Mafiagruppe bekommen haben. Die Staatsanwaltschaft
ermittelte, der europäische Fußballverband UEFA
ermittelte, ebenso der Königliche Belgische
Fußballverband, »wenn auch nach irritierend langer
Untätigkeit«, wie die Süddeutsche Zeitung bemerkte.
Auch der Berater des dopingverdächtigen deutschen
Radlers Jan Ullrich war ein Belgier, Rudy Pevenage.
»Belgier haben im Radsport einen besonders schlechten
Ruf«, notierte im Juli 2006 die Süddeutsche Zeitung. »Viele
von ihnen entstammen einer ewig gestrigen Generation,
die Doping noch als Kavaliersdelikt empfindet.«
Die Strafverfolger lassen sich mitunter überaus lange
Zeit, um Delinquenten zu belangen, beispielsweise im
Falle der sogenannten Hormonmafia, die fürs Doping
der Schweine zuständig ist.
Sieben Jahre dauerte es, bis die Mörder des
Amtstierarztes Karel van Noppen verurteilt wurden. Im
Februar 1995 wurde sein Mercedes 190 auf der Straße
gestoppt. Van Noppen musste aussteigen und wurde auf
freiem Feld mit drei Schüssen hingerichtet. Der
Veterinär hatte vor seinem Tod einen
Untersuchungsbericht über die Zustände in Belgiens
Fleischwirtschaft geschrieben. Zwei Drittel aller Rinder
und 90 Prozent aller Kälber würden mit Hormonen
behandelt. Schlachthöfe, die inspiziert werden sollten,
bekämen vorher Tipps aus Kreisen der Kontrolleure,
und vielfach sei Bestechung gang und gäbe. Auch ihm
selbst sei häufig Geld angeboten worden.
Im Jahr 2002 wurden in Antwerpen die Urteile
gesprochen. Drahtzieher waren nach den Erkenntnissen
des Geschworenengerichtes zwei flämische Viehhändler.
Ein weiterer Mitangeklagter hatte gestanden, den Vater
zweier Kinder für 15000 Euro erschossen zu haben. Der
vierte Angeklagte, ein Waffenhändler, hatte die Pistole
besorgt.
»Wenn man an die Hintermänner der Mafia gelangt,
stößt man im zweiten oder dritten Familiengrad auf die
Familie eines Ministers«, sagt Flor van Noppen, der
Bruder des Ermordeten, der zusammen mit der Witwe
eine Stiftung ins Leben gerufen hat, um den Kampf
gegen die Hormonmafia fortzusetzen. Flor van Noppen
sieht hier eine Verbindung zu anderen Kriminalfällen:
»Kein wichtiger Fall von organisierter Kriminalität
wurde in Belgien im vergangenen Jahrzehnt gelöst.«
Dieser »verwahrloste Staat Belgien« (Frankfurter
Allgemeine Zeitung) darf in einem unschönen Sinn als
Modell für Europa betrachtet werden. »Belgien ist im
expliziten Sinne beispielhaft für das, was sich in den
Nachbarländern unter der Oberfläche abspielt«, meint
die belgische Wissenschaftlerin Isabelle Stengers, die
sich als Chaosforscherin einen Namen gemacht hat. Wie
die Verbindungslinien aus dem belgischen Sumpf bis in
deutsche Supermärkte verlaufen, zeigte sich während
der BSE-Krise in den 90er Jahren, als in Großbritannien
Hunderttausende von Rindern und Kälbern
geschlachtet, eingelagert und verbrannt werden
mussten, um die Bevölkerung Europas vor der
lebensgefährlichen Creutzfeld-Jakob-Krankheit zu
schützen.
Merkwürdigerweise fanden sich zu jener Zeit
dennoch immer wieder Partien von BSE-verdächtigem
Fleisch aus Großbritannien auf dem Kontinent, auch in
Deutschland. Zu den Kunden des verdächtigen Fleisches
gehörte beispielsweise die Firma Stockmeyer aus dem
westfälischen Sassenberg, die heute zum Heristo-
Konzern gehört. Das Unternehmen hat eigentlich einen
guten Ruf.
Da aber offenbar die Erzeugnisse der deutschen
Bauern für die Stockmeyer-Würste nicht immer
ausreichten, hatte die Firma 40 Tonnen »schieren
Rindfleisches« beim Fleischmakler Manfred Saga
bestellt. Der wiederum besorgte das Beef in Belgien, bei
der Firma Dierickx N.V. im flandrischen Zele. Dass mit
dieser Firma etwas faul sein könnte, ahnte der
Stockmeyer-Geschäftsführer natürlich nicht: »Das ist
kein billiger Jakob, der liefert erste Wahl«, sagte der
Chef. Die Lieferfirma gehörte allerdings zeitweilig
einem Mann, der verschiedene Unternehmen gründete
und bisweilen schließen musste, wegen illegaler
Gepflogenheiten. Er galt als namhaftes Mitglied der
Hormonmafia.
Das Fleisch, das an Stockmeyer geliefert wurde,
entpuppte sich als BSE-verdächtiges Schmuggelfleisch
aus Großbritannien. Stockmeyer wiederum beliefert
deutsche Supermärkte wie Edeka und Kaufhof, Metro
und die Kaufhalle, Tengelmann und Rewe.
Bei solchen Handelsbeziehungen ist es
selbstverständlich schwer, für die Reinheit zu
garantieren, weshalb es nicht verwunderlich ist, dass die
Firma Tengelmann auf die Frage, ob die in einer Filiale
gekaufte Wurst frei von BSE-verdächtigem
Schmuggelfleisch sei, nicht antworten mochte. Beliefert
wurden, über Umwege damals, auch andere
Unternehmen mit BSE-verdächtiger Schmuggelware,
Supermärkte der Lidl-Kette etwa.
Auch bei den Dioxinkrisen ziehen sich die Handelslinien
quer durch Europa. Überall war Tierfutter mit dem Fett
aus belgischen Quellen vertrieben worden. In Westfalen,
in Brandenburg und Sachsen-Anhalt mussten 2006
Betriebe vorübergehend gesperrt werden.
Und immer wieder führen die Spuren nach Belgien.
So war es auch im Jahr 2013, als wieder einmal
dioxinhaltiges Futtermittel auftauchte. Das Futter wies
das Gift in einer Menge auf, die den geltenden
Grenzwert um das 40-Fache überschritt. Es wurde von
einer belgischen Firma geliefert. Diesmal stammte das
Dioxin offenbar ursprünglich aus China und war
Bestandteil des Zusatzstoffs.
In Niedersachsen wurde die dioxinhaltige
Futtermittelvormischung »gesperrt« und mithin nicht
verkauft und verfüttert. Es wurde aber auch nach
Nordrhein-Westfalen geliefert, an zwei Betriebe.
Menschen seien nicht gefährdet, versicherten die
Behörden: »Eine Gefahr für Verbraucherinnen und
Verbraucher kann ausgeschlossen werden«, teilte das
Umweltministerium Nordrhein-Westfalens mit.
»Hergestellt wurde von den beiden NRW-Betrieben
ausschließlich Alleinfutter für Hunde und Katzen.«
Das ist natürlich kein Trost für die betroffenen
Haustierbesitzer. Aber sie könnten beruhigt sein,
meinte das Ministerium: »Eine Gefahr für die
Tiergesundheit ist aufgrund der äußerst geringen
Einsatzmenge des Stoffes ebenfalls unwahrscheinlich.«
Das ist bekanntlich die Standard-Beruhigungsformel in
solchen Fällen. Und sie klingt plausibel. »Die
Gesundheitsgefährdung ist nichtig«, befand am 22.
Januar 2011 die Frankfurter Allgemeine Zeitung, als wieder
einmal ein Dioxin-Skandal in Deutschland öffentlich
wurde. Anders gesagt: »Null.« So formulierte es bei einer
der Dioxin-Krisen in seinem Land der einstige belgische
Premierminister Jean-Luc Dehaene, der im Jahre 2014 im
Alter von 73 Jahren starb.
Ein Jahr nach seinem Tod hat sich herausgestellt,
dass diese Einschätzung falsch war – tatsächlich waren
steigende Krankheitsraten in der belgischen
Bevölkerung nach der Dioxin-Verfütterung die Folge.
Zwar waren es winzige Mengen, die in Eiern und
Schnitzeln gemessen wurden. Nur ein paar Nanogramm.
Doch Fachleute ahnten schon gleich zu Beginn, dass
das nicht ohne Konsequenzen bleiben würde für die
Gesundheit der Bevölkerung. »Uns war von vornherein
klar, dass die Dioxin-Krise von 1999 kein Kinkerlitzchen
war«, sagte der Krebsspezialist Professor Nik Van
Larebeke von der Universität Gent im belgischen
Fernsehen. »Nur haben das einige unter den Teppich
kehren wollen.« Dabei hatten Schätzungen schon damals
bis zu 8000 zusätzliche Krebsfälle prognostiziert. In
Wirklichkeit war es sogar schlimmer, meint der
Mediziner, der mit seinem Team die Folgen des
Supergifts in den Körpern der Belgier untersucht hat.
Im Jahr 2004 hatten sie das Blut von rund 1000
Probanden analysiert. Dabei lagen die Dioxin-
Konzentrationen bei manchen Probanden zweieinhalb
Mal höher als bei anderen. Im Jahr 2011 wurden sie
wieder untersucht und nach ihren
Gesundheitsproblemen befragt.
2015 schließlich lag die Auswertung für die
Öffentlichkeit vor. Demnach hatte das Dioxin Spuren
hinterlassen. Die Menschen mit den höheren Dioxin-
Werten litten verstärkt an Bluthochdruck und Diabetes.
Und vor allem die Frauen erkrankten deutlich häufiger
an Krebs. Das ließ sich auch an den Erkrankungsraten in
der Bevölkerung nachvollziehen. Die
Bluthochdruckraten stiegen um knapp ein Prozent, die
Diabetesraten um 2,5 Prozent, und auch die Zahl der
Krebserkrankungen bei Frauen sei in der Folge der
Dioxin-Krise um zwei Prozent gestiegen. »Das klingt
nach nichts, aber gemessen an den hohen Krebszahlen
sind das 20000 Fälle zusätzlich«, sagt einer der
belgischen Forscher.
Ursächlich dafür waren jene winzigen Mengen des
Supergifts Dioxin, die unter anderem über Jan Verkests
Firma in die Nahrungskette gelangt waren. Zum ersten
Mal zeigte sich hier, wie grundlos jene
Beruhigungsbeteuerungen sind, mit denen die
Behörden in solchen Fällen der Öffentlichkeit
gegenübertreten. Besser wäre es, wenn die Behörden
dafür sorgen würden, dass das Ultragift nicht in die
Nahrungskette gelangt. Natürlich stecken auch nicht
immer die Belgier dahinter, wenn Dioxin im Spiel ist.
Belgien ist zwar eine Art Anschauungsmodell für
besonders erfolgloses Behördenhandeln. Das Versagen
der Behörden im Fall von Dioxin-Krisen findet sich aber
auch anderswo. Die Tierfutterbranche ist offenbar
besonders skandalanfällig.
Denn die Reihe von Skandalen unter den
Tierfutterherstellen ist lang: 2008 mussten in Irland
100000 Schweine getötet werden. Die gesamte
Produktion irischen Schweinefleisches für die Insel
selbst, aber auch für Großbritannien, Deutschland und
zehn weitere EU-Staaten musste zurückgerufen werden.
Von Singapur und Südkorea bis zu den EU-Staaten
waren insgesamt 25 Länder betroffen. Der Grund:
Dioxin gelangte ins Fleisch, weil Industrieöl im
Tierfutter enthalten war. Das Futtermittel hatte eine
Firma namens Millstream Power Recycling geliefert. Die
Firma beteuerte, nichts Unrechtes getan zu haben, sie
könne sich auch nicht erklären, wie das Supergift ins
Schweinefutter gelangt sei. Auch in Deutschland kommt
Dioxin mitunter ins Tierfutter.
So wurden im Dezember 2010 im Tierfutterfett einer
Firma namens Harles und Jentzsch, ansässig im
schleswig-holsteinischen Uetersen, stark erhöhte
Dioxin-Werte festgestellt. Sie überstiegen die
Grenzwerte um das Zehnfache. Das verseuchte Fett
wurde an 25 Mischfutterhersteller geliefert. Den
Behörden nach wurden insgesamt 150000 Tonnen
Futter für Puten, Hühner und Schweine verseucht. In
der Folge wurden in 13 Bundesländern 4468
landwirtschaftliche Betriebe gesperrt sowie
Zehntausende Schweine und Hühner getötet. Wie das
Dioxin ins Futter geriet, ließ sich nicht abschließend
klären. Nach Erkenntnissen der Ermittler war mit
Dioxin kontaminiertes Industriefett in das
Tierfutterfett geraten. Im Jahr 2014 wurde der Prozess
gegen die Hauptverantwortlichen eingestellt, ebenso
wie ein weiteres Verfahren am Amtsgericht im
niedersächsischen Vechta.
Es machen ohnehin alle das Gleiche, behaupten
wenigstens Branchenkenner, die sich sogleich öffentlich
zu Wort meldeten, etwa in der Frankfurter Rundschau:
»Die Praxis von Harles und Jentzsch ist gang und gäbe.«
Der Insider meinte, er kenne keinen in der Branche, der
nicht »runtermischt«, also dioxinbelastete Fette so lange
mit anderen mixt, bis die Grenzwerte eingehalten
werden. Das ist eigentlich verboten. Aber es ist
profitabel. Die Motive sind klar: Die Preise für
Industriefett liegen bei 500 Euro, die für Futterfett aber
bei 1000 Euro.
»Eine Wildwestbranche ist das«, sagte ein Beamter
des niederländischen Landwirtschaftsministeriums
schon 1999 einem Reporter der Süddeutschen Zeitung. Die
Sozialistische Partei in den Niederlanden hatte damals
ihrem Landwirtschaftsminister eine Liste mit
Missständen übergeben. Darin wurde unter anderem
beanstandet, dass eine holländische Firma Chemikalien
in die Slowakei und nach Tschechien transportiert und
auf dem Rückweg Altfett mitgenommen hatte, ohne den
Tankwagen zu reinigen. Ein Fetthändler holte Öle aus
einer Seifenfabrik, manipulierte die Papiere und
verwandelte das Öl in Hühnerfutter. Die Manipulation
von Papieren ist, glaubt man dem ehemaligen
Tankwagenfahrer Rudy W., üblich in der Branche.
Gegenüber der belgischen Zeitung Humo schilderte er
die gängigen Praktiken. Er war häufig mit seinem
Lastwagen bei Verkests Fettlieferanten. Seine
Erfahrungen: »Anfang der neunziger Jahre holte ich fast
jede Woche tierische Fette aus Ungarn, Polen und der
Tschechoslowakei. Aus alten, total vergammelten
Fabriken. Das war jedes Mal ein Abenteuer. Und ich tat
das fast immer mit ungereinigtem Tankwagen, in dem
ich zuvor oft sehr giftige Stoffe transportiert hatte: In
Osteuropa gibt es keine anständigen
Spülinstallationen.«
Es gibt aber nicht nur in Osteuropa munter
sprudelnde Rohstoffquellen, sondern auch in Holland.
Das Land gilt als Zentrum der Fettverwerter, und das
liegt auch an der Rohstoffquelle und den Häfen. »Auf
dem Boden der Schiffe liegen meterdicke Lagen von
Fetten, Öl und Dreck«, berichtete ein Branchenkenner
der Süddeutschen Zeitung. Dass diese Fette
wiederverwertet werden, ist nicht weiter verwerflich.
Wenn diese aber mit Nahrungsfetten vermischt und so
in die Nahrungskette eingespeist werden, »dann wird es
gefährlich«, sagte ein Fetthändler aus dem
holländischen Alblasserdam dem Reporter. Dass
Paraffin, gemeinhin als Kerzenwachs bekannt,
mitverarbeitet werde, sei auch vorgekommen.
»Kriminell wird es erst, wenn jemand hochgiftiges
Transformatorenöl dazukippt.« Er vermutete hier eine
Dioxin-Quelle.
Dabei müsste es nicht gleich zu Skandalen mit
weltweiten Erschütterungen kommen – wenn
Alarmzeichen rechtzeitig wahrgenommen würden und
die Kontrollen zuverlässig funktionierten. Gerade die
belgischen Alarmketten aber sind sehr löchrig und
unzuverlässig. Als beispielsweise im Februar 1999 im
belgischen Westflamen in Agrarbetrieben plötzlich
Küken taumelten, bluteten und manche nach wenigen
Schritten tot umfielen, da hätte man sofort Alarm
schlagen müssen. Das war beim Viehfutterbetrieb De
Brabander im westflämischen Roeselare.
Roeselare liegt in der Nähe der Industriestadt Lille,
bis zur Nordsee bei Ostende sind es 50 Kilometer. Die
Landschaft um Roeselare ist für belgische Verhältnisse
eher hügelig – und sie sieht nach ländlicher Industrie
aus. Vierspurige Straßen. Landmaschinenhändler,
Baumaschinenhändler. Ein Holzhandel. Ein
Lastwagenanhängerverleih, auf dessen Hof ein ganzes
Sortiment mit Anhängern des Molkerei-Konzerns
Campina (»Landliebe«) lagert. Ein riesiges
Containerlager an der Autobahn. Riesige Mähdrescher.
Ein Palettenlager, direkt neben der Autobahn. Ein
Fleischgroßhandel.
Die Gegend ist ein Zentrum der international
operierenden Agrarindustrie.
Hier beobachtete der Tierarzt André Destrickere die
wackligen Küken, und er hätte ahnen können, woran ihr
Leiden lag. Denn die Symptome ähnelten jenen, die
Jahre zuvor in Italien beobachtet wurden beim Dioxin-
Unglück von Seveso. Doch Destrickere hatte noch einen
zweiten Job: Er war Berater des Viehfutterfabrikanten
De Brabander. In dieser Eigenschaft riet er seinem
Klienten, den Küken erst einmal ein paar Wochen
frische Luft zu gönnen.
Die Zeit wusste noch mehr: »Tierarzt Destrickere war
nicht der Einzige, der im aktuellen Dioxin-Skandal eine
schnelle Reaktion verhinderte. In einem Dossier, das am
14. April dem Gericht von Gent zugestellt wurde, steht
wörtlich, die Ursache der Vergiftung sei vermutlich eine
Ladung Fett mit hohem toxischem Gehalt. Das Genter
Gericht leitete das Dossier weiter an den Staatsanwalt
von Kortrijk, der es weiterschickte an den
Polizeikommissar von Roeselare; da blieb es liegen. Erst
am 31. Mai informierte das Genter Gericht die
Öffentlichkeit. Da waren die verseuchten toten Tiere
vom Februar längst zu Viehfutter verarbeitet und
verkauft worden. Der Verbleib von weiteren 52 Tonnen
unsauberen Fetts ist nicht geklärt; offenbar wurden sie
ins In- und Ausland verkauft.« Die Zeit fand das ein
»hübsches Beispiel« für den »Klientelismus« in Belgien.
Für Jan Verkest, den Inhaber der kleinen
Fettschmelzerei, blieben die Skandale ziemlich lange
ohne erkennbare Folgen. Nach dem ersten Dioxin-Fall
im Jahre 1999 hatte er seine Firma umbenannt, Verkest
in Profat, danach stand wieder sein eigener Name auf
dem Schild: »Vetsmelterij Verkest«. Fettschmelzerei
Verkest.
Auch der chirurgische Sektor der
Schönheitsindustrie steht offenbar auf der Kundenliste
der Fettschmelzerei von Verkest. Und auch in diesem
Geschäftsfeld zeigt Verkest sein Talent, bei den
bedeutendsten und schlagzeilenträchtigsten Affären
dabei zu sein. Involviert war Verkest auch in den
Skandal um minderwertige Brustimplantate des
mittlerweile insolventen Herstellers Poly Implant
Prothèse (PIP) aus Frankreich, der im Jahr 2010
aufgeflogen war. Für die Implantate wurden neben
billigem Industriesilikon offenbar auch Fette verwendet.
Die mangelhaften Implantate von PIP waren weltweit
Hunderttausenden Frauen eingesetzt worden, allein in
Deutschland waren mehr als 5000 Frauen betroffen.
Nach dem Tod einer Frau mit PIP-Implantaten
wurden im Dezember 2011 Vorermittlungen wegen des
Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung und
Tötung eingeleitet. Im Dezember 2013 war der PIPGründer
Claude Mas zu vier Jahren Haft verurteilt
worden.
Die Produkte des skandalgestählten Fettschmelzers
Verkest eigneten sich offenbar auch gut für die
Implantate. Das behauptete jedenfalls einer der
französischen Ermittler: »Das Fett von Verkest wurde
mit Silikon geringerer Qualität gemischt und als ein
guter Ersatz für das körpereigene Brustgewebe
angepriesen.« Der Anwalt des Fettschmelzers allerdings
wies alle Vorwürfe zurück. »Meine Mandanten haben ihr
Fett nie für den Einsatz bei plastischen Operationen
beworben. Wenn das giftige Fett in Silikonbrüsten
gelandet sein sollte, dann durch Vermittler, die Verkest
selbst belogen haben.«
Trotz ungeklärter Schuldfrage reagierten die
betroffenen Frauen wütend auf die Nachricht vom
belgischen Fett in Skandalimplantaten. Eine getäuschte
Ehefrau gründete eine Facebook-Gruppe namens »Nos
seins ne sont pas de friteries« (»Unsere Brüste sind
keine Pommesbuden«), die binnen kurzem mehr als
2500 Unterstützer fand. Die Frittenbuden, die in
Belgien so etwas wie ein nationales Kulturgut sind,
waren ja tatsächlich eine von Verkests Ölquellen.
Elf Jahre nach seiner ersten Dioxin-Krise wurde
Verkest immerhin schließlich zu einer Gefängnisstrafe
verurteilt. Das Genter Berufungsgericht verurteilte ihn
und seinen Sohn im Jahr 2010 wegen ihrer Verwicklung
in die Dioxin-Krise zu zwei Jahren Haft. In erster
Instanz war die Gefängnisstrafe vollständig zur
Bewährung ausgesetzt worden, jetzt nur zur Hälfte.
Außerdem wurde der Gewinn aus dem Betrug in Höhe
von sieben Millionen Euro eingezogen. 2013 schließlich
verurteilte ein Gericht in Gent Verkest zu
Schadensersatz in Millionenhöhe an Unternehmen, die
durch die Dioxin-Krise Schaden erlitten hatten.
Und auch der belgische Staat hat Ansprüche geltend
gemacht. Um die 400 Millionen Euro, davon genau
236291451,53 Euro für die Zentralregierung in Brüssel
und 149241000 für die flämische Region.
Die horrenden Folgen einer Dioxin-Verseuchung haben
auch mit den Wirkmechanismen des Supergifts zu tun.
Es hat schon in winziger Dosis weitreichende
Auswirkungen, weil es ins Regelungssystem des Körpers
eingreift und so an zentralen Schaltstellen die
Lebensvorgänge stört. Dioxin zählt zu den sogenannten
Hormonstörern. Sie bringen die Signalsysteme
durcheinander mit der Folge, dass die
Körperfunktionen entgleisen.
Diese schädlichen Effekte werden jedoch nicht nur
vom Supergift Dioxin verursacht. Von ganz subtil
gesundheitsgefährdenden Substanzen gibt es viele.
Sie finden sich in der Umwelt, sogar in völlig
entlegenen Gebieten, aber auch in der Nahrung, in den
Lebensmitteln für die Menschen, im Futter für unsere
Haustiere. Sie werden sogar völlig legal zugesetzt.
Viele dieser Substanzen wirken zerstörerisch, weil sie
die Signalwege des Körpers stören und teils massive
Erkrankungen, sogar Missbildungen verursachen.
7.
Zweiseitiges Schwert
Die neuen Gefahren durch Hormon-
Chemikalien in der Nahrung
Trockennahrung: So bequem für Herrchen –
aber wie steht’s mit der Katze? /
Unangenehmer Geruch im Wohnzimmer: Was
Darmwinde beim Hund mit Soja im Futter zu
tun haben / Das Geheimnis der transsexuellen
Fische / Die Hormone und das Hüftgelenk des
Hundes
Es war auf einem Klassenausflug in freier Natur, als
amerikanische Schüler plötzlich seltsame Phänomene
entdeckten: missgebildete Frösche. Einigen fehlten
Beine, manche hatten zu viele, andere hatten sogar zu
viele Augen. Das war 1993 im US-Bundesstaat Minnesota.
Bald wurden ähnliche Beobachtungen auch aus anderen
amerikanischen Regionen gemeldet. In jedem zweiten
aller amerikanischen Bundesstaaten wurden solche
Frösche gesichtet. Die US-Wissenschaftler James La Clair
und Richard Levey vom Scripps Research Institute in La
Jolla/Kalifornien etwa fanden unter 5000 jungen
Leopardfröschen, die sie während mehrerer Jahre
untersucht hatten, 400 verkrüppelte, mit
missgebildeten oder fehlenden Hinterbeinen,
verkürzten Zehen oder fehlenden Füßen.
Zudem mehrten sich binnen weniger Jahre auch die
Beobachtungen über abweichende Körperformen bei
anderen Tieren. Sogar der majestätische
Weißkopfseeadler (Haliaeetus leucocephalus), das
amerikanische Wappentier, war betroffen. Viele der
Vögel im Gebiet der Großen Seen kamen plötzlich mit
verformten Schnäbeln und anderen Deformationen zur
Welt. Im US-Bundesstaat Florida bekamen
Alligatorenmütter kaum noch Söhne, und die
Großkatzen dort, die Florida-Pumas, litten zunehmend
an sogenanntem Hodenhochstand (Maldescensus testis),
einer Erscheinung, die zu Unfruchtbarkeit und Krebs
führen kann.
Bald zeigten sich ähnliche Phänomene auch in
anderen Teilen der Welt. In einem Fluss bei Tokio
wurden Karpfen mit extrem kleinen Geschlechtsorganen
gefunden, im Sperma von Flundern fanden sich Eier,
und Meeresschnecken mit deformierten
Geschlechtsteilen wurden aus dem Meer gefischt. Sogar
in der Nordsee wurden seltsame Veränderungen
beobachtet, und zwar bei den Weibchen aus der Gattung
der Wellhornschnecken: Ihnen wuchsen plötzlich
Penisse. Auch in England wurden »transsexuelle Fische«
(Greenpeace) gesichtet: Bei zahlreichen Fischarten
verzögerte sich die Ausbildung der Hoden; männliche
Forellen entwickelten weibliche Körpersubstanzen
(Vitellogenin), die Forellenherren produzierten
Eidotter-Proteine.
Die beobachteten Phänomene deuten auf
Veränderungen von großer Tragweite hin. So waren jene
Meeresschnecken, deren Weibchen zur Vermännlichung
neigen, in manchen Küstenregionen schon bald
ausgestorben, weil die verwandelten Schneckendamen
keinen Nachwuchs bekamen.
Zunächst ging es nur um Veränderungen, bei denen
die Geschlechtsorgane der Tiere betroffen waren. Die
Forscher waren alarmiert, weil die Störungen der
Fortpflanzung Auswirkungen auf den Fortbestand
ganzer Arten haben können. Die bizarren
Veränderungen in der Tierwelt lenkten die
Aufmerksamkeit der Forscher und der Öffentlichkeit auf
jene Substanzen, die in winziger Dosis den Organismus
steuern und beherrschen, auf Hormone. Offenbar wurde
ihre Funktionsweise gestört. Mittlerweile ist klar, dass
die gravierenden Veränderungen im
Gesundheitszustand der Haustiere ähnliche Gründe
haben können. Die Macht der Hormone erstreckt sich
auf den Körper als Ganzes. Hormone wirken unter
anderem auf Hunger und Appetit, auf die Figur, die
Verdauung und sogar auf Verhalten und Psyche. Alles
wird reguliert durch solche Signalsubstanzen.
Umso verhängnisvoller ist es darum, wenn das
Konzert dieser Botenstoffe gestört wird. Durch
Substanzen, die subtil, aber nachhaltig ins
Körpergeschehen eingreifen, auf den gesamten
Organismus wirken. Sie stammen aus der Umwelt, aber
auch aus der Nahrung; dazu gehören auch Bestandteile,
die eigentlich natürlich sind – aber ungeeignet für einen
Hund oder eine Katze. Vor allem
geschmacksmanipulierende Stoffe vom industriellen
Aroma über Glutamat bis zu Hefeextrakt
beeinträchtigen den Organismus (siehe Hans-Ulrich
Grimm: »Die Kalorenlüge«).
Der Zucker gehört dazu, oder ganz allgemein: ein
Überangebot an Kohlenhydraten, das schon für den
Menschen problematisch ist, aber erst recht für einen
reinen Fleischfresser wie die Katze. Auch Extra-
Vitamine können den Hormonhaushalt stören und die
Entwicklung von Übergewicht begünstigen. Ebenso
problematisch ist Soja, ein Bestandteil, der in
Tiernahrung allgegenwärtig ist. Soja wirkt wie ein
Geschlechtshormon und hat massive Auswirkungen auf
den Organismus. Und schließlich sind es jene
Substanzen, die oft als »Weichmacher« bezeichnet
werden. Das sind industrielle Chemikalien, die
beispielsweise in der Innenbeschichtung von Dosen
verwendet werden. Auch Pflanzenschutzgifte, deren
Rückstände sich häufig in Nahrungs- und Futtermitteln
finden, können mitunter wie Hormone wirken und, so
befürchten jedenfalls Kritiker, irreführende Signale
aussenden.
Die Wirkungen auf das Sexualsystem, aber auch die
Gewichtsregulation hängen dabei durchaus zusammen.
Die Weibchen aller Tierarten müssen im
Fortpflanzungsfall sehr schnell an Gewicht zulegen. Und
daher haben weibliche Geschlechtshormone oft diesen
Effekt. Zwischen den Hormonen und ihren
verschiedenen Wirkungen auf ganz unterschiedliche
Körpersysteme gibt es schwer zu durchschauende
Zusammenhänge. Umso problematischer, wenn hier mit
fremden Substanzen eingegriffen wird. Dann gerät das
System aus dem Gleichgewicht. Zuerst zeigt das Tier
Symptome und entwickelt Krankheiten. Dann reagiert
der Arzt, gibt Medikamente oder muss sogar operieren.
Dabei ist es oft nur die Nahrung, die nicht fürs Tier
geeignet ist.
Wenn die Katze zuckerkrank wird, zum Beispiel. Bei
den sogenannten Zivilisationskrankheiten spielt neuen
Erkenntnissen nach womöglich die moderne Nahrung
aus dem Supermarkt eine zentrale Rolle. Denn die
Produkte aus den Food-Fabriken überlisten den
Körper – den der Tiere ebenso wie den von Frauchen
und Herrchen. Die Inhaltsstoffe der Nahrung wirken
wie Hormone und stören so die körpereigenen
Hormonsysteme.
Aber auch, wenn ein Hund Probleme mit den
Gelenken bekommt, kann das mit dem Futter
zusammenhängen. Selbst Störungen des Immunsystems
oder bestimmte Krebsarten können durch hormonelle
Veränderungen im Körper verursacht werden. Wenn die
Katze lethargisch wird oder der Hund hyperaktiv,
zuweilen aggressiv, dann haben womöglich Botenstoffe
diese Verhaltensauffälligkeiten ausgelöst. Das sicherste
Anzeichen für gestörte Hormonhaushalte ist aber, wenn
die vierbeinigen Freunde langsam immer fetter werden.
Übergewicht. Ein Phänomen, das Frauenzeitschriften
seit langem beschäftigt. Abnehmen, die Frühjahrsdiät,
die Pölsterchen an den Hüften. Mittlerweile aber ist
Übergewicht auch ein Thema für Tierärzte. Übergewicht
bei Tieren? Es handelt sich hier um ein Problem, das die
Natur bisher nicht kannte. Alle Lebewesen können ihr
Gewicht regulieren, ganz zwanglos. Nie hat die Welt
einen Löwen gesehen, der plötzlich zu dick ist, um die
Antilope zu jagen. Oder einen Adler, den seine Wampe
daran hindert, sich in die Lüfte zu schwingen. Und kein
Bär macht Diät. Nur die Haustiere, die haben plötzlich
ein Problem mit ihrem Gewicht. Genau wie Herrchen
und Frauchen, genau wie der Mensch, die Krone der
Schöpfung.
Der Einfluss der Hormone auf den Organismus, auf
das ganze Leben – das ist erst in Ansätzen erforscht.
Dabei sind Hormone von entscheidender Bedeutung. Es
gibt wohl keine andere Gruppe von Stoffen im Körper,
die eine ähnlich weitreichende Bedeutung haben wie die
Hormone. Ausgerechnet sie sind es nun, die
beispielsweise durch die Ernährung leicht zu
beeinflussen sind. Aber auch durch Umweltgifte oder
durch Medikamente.
Schon als Begriff sind Hormone eine komplexe
Angelegenheit. Hormone, Botenstoffe, Signalstoffe,
Neurotransmitter: Selbst Experten haben Probleme mit
einer eindeutigen Begriffsbestimmung. Auch weiß
niemand, wie viele von diesen Stoffen es eigentlich gibt.
Einige hundert Hormone und ähnliche Signalstoffe sind
schon bekannt, insgesamt schätzen Fachleute die Zahl
auf 10 000, es könnten aber auch 30 000 sein. Lange Zeit
wurden die Hormone aufs Sexuelle reduziert. Dabei
reicht ihre Macht weit darüber hinaus. Denn es sind
Hormone, die die Herztätigkeit und den Blutdruck
regeln, den Puls schneller schlagen oder den Atem
stocken lassen. Sie bestimmen die Körpertemperatur,
das Wachstum von Kindern, Welpen oder kleinen
Kätzchen – aber auch von Krebszellen.
Manche Hormonkundler vergleichen die Situation im
Körper mit dem Personalangebot in einem
herrschaftlichen Haus, mit allerlei Dienstboten: Gärtner,
Köche, Butler, Fahrer, Bodyguards, dazu Haus- und
Kindermädchen, Haushälter, Putzfrauen,
Privatsekretäre und Pflegekräfte. Nur dass die Boten im
Körper einen etwas undurchschaubareren
Verantwortungsbereich haben. Denn die Hormone
haben oft schwer zu durchschauende
Zuständigkeitsbereiche.
So sind auch die Auswirkungen von Störungen
schwer abzusehen, weil jedes einzelne Hormon mehrere
Aufgaben haben kann, an scheinbar völlig disparaten
Stellen im Körper. Die widersprüchlichen Fähigkeiten
der Botenstoffe hängen mit ihrer Funktionslogik, aber
auch mit ihrer Arbeitsweise zusammen. Diese Stoffe
bewegen sich durch den Körper, zielen auf eine
bestimmte Stelle und lösen dort einen genau
ausbalancierten Effekt aus. Wie im Auto, wo der Druck
auf einen Hebel den Scheibenwischer auslöst, ein Druck
aufs Gaspedal das Tempo erhöht und der Tritt auf die
Bremse den Wagen stoppt. Manchmal drücken
Hormone sozusagen die falschen Knöpfe, und andere
Stellen als die beabsichtigten werden angesprochen. Das
kann dann zu krankhaften Veränderungen an diesen
Stellen führen. Manchmal kommen Stoffe ins Spiel, die
wie Hormone wirken. Oder es kommt vor, dass
bestimmte Stoffe die Hormone stören, mitunter ihre
Wirkung auch verstärken.
Manche dieser Stoffe können mithin den Körper
umprogrammieren und so etwa dafür sorgen, dass er
mehr isst, als er braucht – indem sie das Hungergefühl
manipulieren. Das gilt für den Menschen, aber auch für
Hund und Katze. Der appetitanregende Effekt gewisser
Stoffe ist mitunter sogar erwünscht: So werden in der
Agro-Industrie Hormone ganz gezielt zu Mastzwecken
eingesetzt.
Bei der »Tierproduktion«, wie man das heute nennt,
haben die Hormone einen ganz besonderen Charme. Sie
können die Effizienz nach Wunsch erhöhen. Mit ihnen
lässt sich die »Performance« verbessern. Weil die
Botenstoffe in das Steuerungssystem des Körpers
eingreifen, wird zum Beispiel bei Milchkühen das
Milchproduktionszentrum angewiesen, mehr zu
produzieren, als von der Natur vorgesehen ist.
Einerseits wird das Masttier schneller schlachtreif,
andererseits ist sein Fleisch magerer. So lässt sich per
Hormon das Verhältnis zwischen Muskelfleisch und Fett
prima einstellen. Wie beim Bodybuilder sorgen die
Hormone auch beim Schwein für die gewünschte
Silhouette. Weil die Botenstoffe für die Einlagerung
und die Verteilung der Nahrungsinhaltsstoffe, etwa des
Fetts, sorgen, auch für das Wachstum einzelner
Körperregionen, kann man durch gezielten Einsatz
sogar die Figur des Tieres bestimmen. Gezieltes
Schweindesign sozusagen, passgenau für die modernen
Verbraucherwünsche und Ernährungsmoden. Der
Kunde bekommt dann mehr Schnitzel und weniger
Speck.
Außerdem kann man das Wachstum beschleunigen.
Mehr Schwein pro Jahr bedeutet mehr Profit pro Bauer.
»Der finanzielle Anreiz, Hormone einzusetzen, ist
enorm, denn diese steigern bei weniger Futter das
Wachstum (um etwa 20 Prozent) – im Grunde erhält
man auf diese Art deutlich mehr Protein zu geringeren
Kosten«, schreibt die Autorin Vivienne Parry in dem
Buch »Tanz der Hormone«. Bei den Haustieren ist
dieser Effekt nicht beabsichtigt. Weil aber beim
kommerziellen Futter für Hunde und Katzen solche
artfremden hormonwirksamen Inhaltsstoffe eingesetzt
werden, wird auch bei diesen Vierbeinern die natürliche
Gewichtsregulation gestört.
Die Veterinärmediziner von der Cornell University in
Ithaca im US-Bundesstaat New York John P. Loftus und
Joseph J. Wakshlag haben in einer 2014 erschienenen
Studie zum »Übergewicht bei Hunden und Katzen« die
Zusammenhänge untersucht. Sie studierten die
»komplizierte Natur der Entstehung von Übergewicht«
und wollten wissen, welche Rolle der »hormonelle
Stimulus« dabei spielt. Vor allem das »Appetitzentrum«
im Gehirn sei dabei von zentraler Bedeutung. Dieses
Gehirnareal wird von vielen Nahrungsbestandteilen
beeinflusst oder auch manipuliert.
Beispiel Zucker. Oder allgemeiner: Kohlenhydrate.
Schon beim Menschen wird die Dauerbombardierung
mit Süßem, Zucker, Weißmehl, also mit den raffinierten
Kohlenhydraten, zum Problem. Dadurch steigt der
Blutzuckergehalt. Die Bauchspeicheldrüse muss ständig
Insulin pumpen, das »Dickmacherhormon«.
Übergewicht und Diabetes wie die damit
einhergehenden Krankheiten sind die Folge. Zu ihnen
zählen viele Herzkrankheiten, Alzheimer und Krebs
(siehe Hans-Ulrich Grimm: »Garantiert
gesundheitsgefährdend«).
Dabei ist der Mensch noch vergleichsweise gut auf
die massive Konfrontation mit Zucker und anderen
Kohlenhydraten vorbereitet. Er ist ein Allesfresser, seine
Organausstattung ist darauf eingestellt. Anders verhält
es sich bei der Katze.
Für sie hat das »Kohlenhydrat-Debakel«, wie das die
Autoren von »Not Fit For A Dog« nennen, massive
Folgen: »Für Katzen ist die Schwemme von
hochverarbeiteten Kohlenhydraten und Zucker in
kommerzieller Tiernahrung gefährlich«, aber gleichwohl
»weit verbreitet«. Außerdem stellen sie fest: »Nur ein
paar Jahre der Fütterung mit Nahrung von hohem
Kohlenhydratgehalt können sogar für die gesündeste
Katze zu desaströsen Ergebnissen führen.« Denn
»Kohlenhydrate verursachen Übergewicht bei Katzen«.
Und sie führten zu Diabetes, Leiden im Harntrakt,
Darmkrankheiten, Fettleber und zu
Bauchspeicheldrüsenentzündungen (Pankreatitis).
Die Trockennahrung habe immer »einen hohen
Gehalt an verarbeiteten Kohlenhydraten« und ist
deshalb »extrem ungeeignet für jedwede Katze«. Dabei
geht es weniger um die Kalorien, sondern mehr um die
Effekte im Körper. So können sie die »Appetitsignale
durcheinanderbringen«. Denn die Katze habe ein
einzigartiges Signalsystem, das ihr mitteilt, wann sie
satt ist und zu fressen aufhören sollte. Das Signalsystem
einer Katze ist naturgemäß auf das eingestellt, was sie
ursprünglich zu fressen bekam, so die US-Veterinäre.
»Die Katze hat sich in einer Umgebung entwickelt, in
der es viel Protein und Fett gibt, aber wenig
Kohlenhydrate. Daher haben sich Fett und Proteine als
jene Signale etabliert, die der Katze zeigen, wann sie zu
essen aufhören sollte, wenn sie genügend Kalorien
aufgenommen hat.«
Wenn sie nun aber Trockennahrung mit vielen
Kohlenhydraten bekommt, reagiert ihr Signalsystem
nicht, auch wenn sie eigentlich schon längst genug zu
sich genommen hat. Hinzu kommt, dass ihr Körper die
vielen Kohlenhydrate nicht verarbeiten kann. Die
Bauchspeicheldrüse, die für die Verwertung von
Kohlenhydraten Insulin produzieren muss, ist völlig
unterdimensioniert. Normalerweise hat sie auch kaum
etwas zu tun. Nicht nur die Bauchspeicheldrüse der
Katze ist nicht darauf eingestellt, mit solchen
Zuckerlasten aus industriell verarbeiteter
Katzennahrung umzugehen. Ihr Sättigungssystem ist
überdies nicht in der Lage, der Katze mitzuteilen, dass
sie genug hat, indem sie sich gesättigt fühlt.
Das Ergebnis dieses ernährungsmäßigen
Ungleichgewichts ist, dass die Katze, die sich an
Industriefutter überfrisst, mit Hilfe ihrer beschränkten
Fleischfresser-Bauchspeicheldrüse ständig Insulin
produziert. Insulin aber ist ein »Masthormon«. Es sorgt
seinerseits für verstärkten Hunger. Im Ergebnis
»scheinen (die Katzen) immer hungrig zu sein,
beschweren sich die Besitzer, oder sie sehen, dass die
Katze das Futter liebt, deshalb muss es ja gut sein,
ansonsten würden sie es ja nicht fressen«. Das
Organismus der Katze wird durch die ständige Insulin-
Anforderung überfordert. Neben der
Bauchspeicheldrüse, die fortwährend das Hormon
produzieren muss, werden auch die Zellen überlastet.
Sie werden durch die Insulin-Dauerberieselung
schließlich unempfindlich, also »insulinresistent«. So
entsteht Diabetes.
Mithin gibt es eine klar zu benennende Ursache für
die sich ausbreitende »Diabetes-Epidemie bei Katzen«.
Die Lösung für die hohen Diabetesraten unter Katzen
ist: »Die Kohlenhydrate raus aus der Ernährung.«
Zusätzlich zu den Kohlenhydraten beeinflussen weitere
Stoffe, mit denen der Geschmack manipuliert wird, das
Appetitzentrum im Katzengehirn. Der Geschmack aber
ist der zentrale Wegweiser bei der Nahrungsaufnahme.
Er sagt dem Körper, wie die verspeisten Nahrungsmittel
zu verarbeiten sind. Für ein Stück Fleisch müssen
logischerweise andere Verdauungssäfte aktiviert
werden als für eine Karotte.
Beim Tierfutter kommen jedoch Unmengen an
geschmacksmanipulierenden Stoffen zum Einsatz.
Verwendung finden etwa der umstrittene
Geschmacksverstärker Glutamat, aber auch der
Glutamat-Ersatz Hefeextrakt. Außerdem werden
zahlreiche Aromen verfüttert. Das sind viele hundert
Stoffe, die das EU-Futtermittelregister auf 66 Seiten
auflistet. Wozu braucht es wohl die ganzen
Geschmackstricksereien? Um die »Akzeptanz« beim
Haustier zu gewährleisten. Akzeptanz ist ein zentraler
Begriff der Wissenschaft von der Tierernährung. In der
Natur gibt es dieses Problem nicht. Da ist es völlig
undenkbar, dass der Löwe plötzlich ein
Akzeptanzproblem mit seiner Leibspeise Antilope hätte.
Anders bei Hund und Katz. Sie bekommen ja Abfälle
aller Art vorgesetzt. Damit die auch munden, kommen
Geschmacksstoffe wie jene Aromen zum Einsatz. Vieles
würde ein Haustier sonst nie fressen. Der Geschmack
des Futters muss daher nach allen Regeln der Kunst
»maskiert« werden. Deshalb hat die Aromenindustrie
unter anderem auch die Geschmacksrichtung »Maus« im
Angebot. Die Geschmacksmanipulation mit Aromen
bewirkt schon beim Menschen »Übergewicht«, wie sogar
der zuständige Lobbyverband der Industrie eingeräumt
hat (siehe Hans-Ulrich Grimm: »Die Suppe lügt«). Beim
Tier ist es auch nicht anders. Hier haben die
Aromenhersteller eigene Studien in Auftrag geben
lassen. Sie widmeten sich unter anderem sogenannten
Nutztieren, die ja möglichst schnell möglichst viel
zunehmen sollen. Aromen können dabei helfen.
Vor allem der Geschmacksverstärker Glutamat ist für
eine starke Gewichtszunahme verantwortlich. Er führt,
wie Studien ergeben haben, zu »Gefräßigkeit«, weil er
im Gehirn als Botenstoff dient. Ausgerechnet in jener
Region ist er aktiv, die die Gewichtsregulation steuert.
So führt Glutamat dazu, dass der Level des
Sättigungshormons Leptin sinkt – und der Körper dazu
verführt wird, mehr aufzunehmen, als er benötigt. Ganz
ähnlich wirkt offenbar der Glutamat-Ersatz Hefeextrakt.
Auch er wird dem Tierfutter zugesetzt und kann, wie
internationale Untersuchungen ergaben, die
Gewichtszunahme beschleunigen.
Völlig unterschätzt in seinen Auswirkungen auf das
Hormonsystem und damit auf die Gesundheit wurde
bislang ein Stoff, der eigentlich einen guten Ruf hat.
Soja wird bei Menschen immer beliebter, die aus Liebe
zum Tier oder zu ihrer eigenen Gesundheit auf tierische
Lebensmittel verzichten möchten. Es ist aber auch ein
häufig verwendeter Bestandteil des Tierfutters, das an
Nutz- wie an Haustiere verfüttert wird. Hersteller Hill’s
lobte Soja auch schon über den grünen Klee. Es sei »gut
für die Menschen« und auch »gut für Katzen«.
Soja ist aber eine Pflanze, die auch sogenannte
Phytoöstrogene enthält: Pflanzenhormone, die für
vielfältige Effekte im Organismus sorgen. Und zwar
nicht nur positive. Sie können von geistigen
Minderleistungen, manchen Krebsarten und
Fortpflanzungsstörungen bis hin zu Unfruchtbarkeit
und vor allem Schädigungen der Schilddrüse reichen
(siehe Hans-Ulrich Grimm: »Die Fleischlüge«).
Die Wahrheit ist: Wie den Menschen, so tut auch den
Tieren die tägliche Sojaration nicht unbedingt gut. Bei
beiden hat es unter anderem mit der Schilddrüse zu tun,
einer zentralen Hormonschaltstelle im Körper. Als
besonders bedenklich betrachten Kritiker die Tatsache,
dass Soja aufgrund der sogenannten Goitrogene die
Schilddrüsenfunktion und damit den gesamten
Organismus negativ beeinflussen kann. Goitrogene sind
Stoffe, die eine Vergrößerung der Schilddrüse
verursachen und sogar einen Kropf wachsen lassen
können. Diese Erkrankung der Hormondrüsen kam
früher bei Menschen in Regionen mit jodarmen Böden
häufig vor. Auch bei Versuchstieren, die einschlägig
wirksames Futter bekamen, bildeten sich Kröpfe.
Eine Studie aus dem Jahr 2009 ergab, dass die
»langfristige Aufnahme von Phytoöstrogenen die
hormonellen Funktionen bei Hunden beeinflussen
könnte«. Die Studie wurde von Wissenschaftlern
verschiedener amerikanischer Universtäten erarbeitet
und finanziell sowie personell von Royal Canin und dem
Royal-Canin-Forschungszentrum im französischen
Aimargues unterstützt.
Und wenn jetzt im Internet der Hilferuf verbreitet
wird »Mein Hund hat plötzlich einen dicken Hals« –
dann kann das tatsächlich ein Kropf sein. Grund: die
Wirkung von Phytoöstrogenen wie Soja auf die
Schilddrüse. Der US-Veterinär W. Jean Dodds spricht
schon von der »Schilddrüsen-Epidemie bei Hunden«.
Und auch eine weitere Nebenwirkung der Soja-
Produkte tritt offenbar bei Hunden auf. Die Soja-
Industrie nennt es den »Flatulenzfaktor«. Das Wort
»Flatulenz« kommt vom lateinischen Wort flatus, was so
viel wie »Wind« bedeutet. Oder auch: »Blähungen«. Das
Internet ist voll mit Tipps und Erfahrungsberichten: »Es
ist wieder einmal passiert. Ein unangenehmer Duft
durchzieht das Wohnzimmer, weil der Hund mal wieder
Blähungen hat. Ist ja klar, dass gerade dann Besuch da
ist.« Die Industrie verkauft schon Gegenmittel, etwa
»Belcando Hundenahrung« mit »Yucca-Extrakt« – damit
das Tier, so der Prospekt, kein »Tönchen« abgibt.
»Dieser Effekt kann durch den Yucca-Extrakt in
Belcando-Hundenahrung auf natürliche Weise wirksam
abgepuffert werden.«
Dabei handelt es sich womöglich nur um eine der
vielen Nebenwirkungen von Soja im Futter. Die Vielzahl
der Tiere mit Blähungen hat also damit zu tun, dass Soja
im Haustierfutter allgegenwärtig ist. Zu diesem
Ergebnis war schon eine Studie der Universität von
Pennsylvania aus dem Jahre 2004 gekommen. Ihr Ziel
war, die »Konzentrationen von Phytoöstrogenen in
kommerziellem Hundefutter zu identifizieren«. Die
Wissenschaftler bestätigten daraufhin, dass Soja und
Sojabestandteile »in kommerziellem Hundefutter häufig
eingesetzt« werden.
Besser geht es darum den Tieren, die kein Soja
bekommen. Das fand unter anderem die
Tierrechtlervereinigung Peta heraus. In einer Studie aus
dem Jahr 2013, die eigentlich von veganer Ernährung
handelte, wurden auch die Effekte von Soja untersucht.
Die Tierrechtler stellten überrascht fest: »Da alle
kommerziell hergestellten Hundefutter Soja in
irgendeiner Form enthalten, gab es (unter den
untersuchten Hunden) nur sehr wenige Hunde, die ganz
ohne Soja ernährt wurden.« Die aber, die kein Soja
bekamen, »waren in weitaus besserem
Gesundheitszustand als die anderen«. Dem Tier ist also
anzusehen, ob Soja im Futter ist.
Aber wo ist es drin? In welchem Produkt?
Wer gerade kein Labor zur Hand hat, tut sich leider
schwer, die Sojazugaben zu identifizieren. Auf dem
Etikett jedenfalls muss nichts davon stehen. Die
Hersteller können die Inhaltsstoffe frei wählen und sind
dabei nicht einmal verpflichtet, die Inhaltsstoffe
deutlich zu kennzeichnen. Nach dem EUFuttermittelrecht
ist vieles aus dem Soja-Sektor
zugelassen. Sojabohnen oder Pressrückstände, die
üblichen Abfälle der Nahrungsproduktion, gehören
dazu. Auf dem Etikett steht von Soja in der Regel nichts.
Da schreibt die Europäische Union, sehr
herstellerfreundlich, als obligatorische Angabe wieder
nur die dürren Vokabeln vor, die auf praktisch jeder
Futterpackung stehen:
»Rohfaser« und »Rohprotein« oder »Rohfett«.
Von Soja ist da keine Rede. So sieht das die
»Verordnung (EU) Nr. 68/2013 der Kommission vom 16.
Januar 2013 zum Katalog der Einzelfuttermittel« vor.
Neben Soja können auch andere Zusätze der
Futterkonzerne hormonell wirksam werden. Etwa
Chrom, das Schwermetall. Wegen Chromzugabe musste
die Firma Iams im Jahre 2007 schon eine Rückrufaktion
veranlassen auf Geheiß der USLebensmittelsicherheitsbehörde
FDA. Der Zusatz sollte
den Stoffwechsel ankurbeln und so das Übergewicht
eindämmen, war aber leider nicht an Hunden und
Katzen getestet worden. Die Zahl der betroffenen
Futterpackungen ging in die Millionen. Sie wurden vom
kanadischen Hersteller Menu Foods produziert und
über 50 Labels verkauft. Die Behörden waren auf den
Vorgang aufmerksam geworden, nachdem eine Reihe
von Haustieren an Nierenversagen gestorben war.
Zusätzlich können auch zugesetzte Vitamine die
Hormonabläufe stören und so zum Dickmacher werden.
Oder manche Zusatzstoffe. »Synthetische
Antioxidantien in Haustiernahrung«, warnen die
Autoren von »Not Fit For A Dog«, könnten sogar »zur
Entstehung von Schilddrüsenkrankheiten beitragen«.
Und ganz subtil dürften jene Substanzen wirken, die im
internationalen Expertenjargon als »endocrine
disruptors« bezeichnet werden, also: Hormonstörer. Um
die 800 Chemikalien sind bekannt, die wie Hormone
wirken könnten, nach einer Aufstellung der
Weltgesundheitsorganisation (WHO). Dazu gehören das
berühmte Bisphenol A (BPA), auch die sogenannten
Phthalate, die Gifte in der Landwirtschaft, Pestizide, die
immer wieder als Rückstände auf Obst und Gemüse
gefunden werden. Es sind Allerweltschemikalien, von
denen jedes Jahr Millionen von Tonnen produziert
werden (siehe Hans-Ulrich Grimm: »Die Kalorienlüge«).
Solche Hormonstörer waren es auch, die weltweit die
Geschlechtsumwandlung von Fischen verursacht hatten.
Sie haben sich rund um den Globus ausgebreitet und
finden sich in völlig entlegenen Weltgegenden, kommen
aber auch ganz in unserer Nähe vor, in der Nahrung,
beispielsweise in Fischbüchsen oder in Getränkedosen.
Eine Untersuchung mehrerer amerikanischer
Umweltgruppen (»Work Group for Safe Markets«) im
Jahr 2010 fand die Hormonstörer in 46 von 50, mithin 93
Prozent aller Lebensmittelproben aus Dosen. Sie finden
sich auch in Dosen mit dem Futter für Hunde und
Katzen. Das zeigte eine im gleichen Jahr veröffentlichte
Studie amerikanischer Universitätsforscher im Journal
Environmental Science & Technology. Japanische Forscher
hatten das schon im Jahr 2002 nachgewiesen.
Womöglich sind die hormonell wirksamen
Inhaltsstoffe auch ein Schlüssel zu verschiedenen
Erkrankungen bei Hunden. Den steigenden Raten der
Skeletterkrankungen etwa.
Hormone sind, neben vielen anderen
Lebensvorgängen, auch wichtig für die
Knochengesundheit. Die Osteoporose beispielsweise,
die bei älteren Frauen häufig vorkommende
Knochenschwäche, die im Volksmund als
»Witwenbuckel« bezeichnet wird, wird auf hormonelle
Veränderungen zurückgeführt. Hormone und
Knochen – das ist allerdings ein »zweiseitiges Schwert«,
so eine im März 2006 veröffentlichte Studie des
Fachbereichs für Lebensmittelwissenschaften an der
Purdue-Universität in West Lafayette im USBundesstaat
Indiana. Denn die Hormone sind zwar
überaus wichtig für die Stabilität des Knochengerüsts,
zu viele davon können allerdings zu
Skeletterkrankungen führen.
Manche Veterinäre vermuten deshalb, dass die
steigende Zahl der Skeletterkrankungen bei Hunden
durch die hormonell aktiven Nahrungsbestandteile zu
erklären ist. »Da wird künstlich in das normale
Wachstum eingegriffen«, sagt der Hamburger Tierarzt
Dirk Schrader. Denn »das Wachstum wird ja hormonell
gesteuert«. Eine hormonelle Fehlsteuerung des
Wachstums könne dann zu der gefürchteten
Hüftgelenksdysplasie führen, jener weitverbreiteten
Krankheit bei größeren Hunden, die zu
Bewegungsschwäche bis hin zur Lahmheit führt.
Das Hüftgelenk muss gut beweglich, aber auch gut
gefasst und stabil sein. »Wenn das sehr eng ist, dann
sieht das gut aus.« Es ist vergleichbar mit einem
Kugellager: Wenn die inneren Kugeln stabil eingefasst
sind, herrscht Bewegung ohne störende Reibung, aber
auch ohne Wackelei. Wenn sie keinen Halt mehr haben
und zu wackeln beginnen, dann gibt es Verschleiß und
Bewegungsstörungen. Die »Wackelei« im
Hundehüftgelenk, sagt Schrader, sei
»wachstumsbedingt«. Das fehlgeleitete Wachstum der
verschiedenen Bestandteile des Gelenks habe zu der
Funktionsstörung geführt.
Wie aber entstand diese Fehlsteuerung? Schrader
meint, »dass die entscheidenden Einflüsse aus der
industriellen Fertignahrung kommen«. Genauer: den
hormonaktiven Bestandteilen der modernen
Kommerzkost für die Tiere. Dadurch werden dann nicht
nur die Hüftgelenke in Mitleidenschaft gezogen,
sondern der gesamte Knochenbau. »Wenn Sie diesen
Wachstumsprozess künstlich stoppen, dann stoppen Sie
das nicht nur im Hüftgelenksknochen, dann stoppen Sie
das auch woanders.«
Auch bei den Katzen spielen womöglich die Hormone
verrückt. Wenn die Miezen plötzlich trotz hohen Alters
wieder quicklebendig werden, herumtollen und
hyperaktiv sind wie kleine Kätzchen, dann sind das
Symptome für eine Schilddrüsenüberfunktion und
mithin auch ein Fall von hormoneller Entgleisung. Die
Veterinäre von der Purdue-Universität gingen im Jahre
2004 der Frage nach, ob die zunehmenden Fälle von
Schilddrüsenüberfunktion bei Katzen möglicherweise
an der Dosennahrung liegen könnten. Bisher waren viele
Tierbesitzer davon ausgegangen, dass es sich um eine
normale Alterserscheinung handelt. Manche hatten sich
sogar gefreut, dass der Kater trotz fortgeschrittenen
Alters wieder aktiver wurde – bis sie merkten, dass das
Tier eine ungesunde Form von Aktivität zeigte, ruhelos
hechelte, nervös herumtigerte und trotz großen
Appetits immer magerer wurde. Auch Erbrechen,
extremer Durst und erhöhter Harndrang können die
Folge einer Schilddrüsenüberfunktion sein. Und diese,
so das Fazit der Untersuchung, sei »nicht allein das
Ergebnis des steigenden Alters, sondern dabei könnte
Dosennahrung eine Rolle spielen«. Die
hormonähnlichen Substanzen, die zu solchen
Veränderungen im Organismus führen, können schon in
winzigen Mengen schwerwiegende Folgen haben.
Hormone sind Substanzen mit unglaublicher Wirkung.
In falscher Dosierung können sie bei Menschen sogar
zur Geschlechtsumwandlung führen.
Ein solcher Fall ist Heidi Krieger, die 1986
Europameisterin im Kugelstoßen war und heute
Andreas heißt – durch Testosteron-Doping in der
damaligen DDR. Der Unterschied zwischen Mann und
Frau ist überraschend gering: gerade mal 0,0000054
Gramm Testosteron pro Liter Blut. Das Sexualhormon
ist beim Mann in einer Konzentration von sechs
Mikrogramm pro Liter Blut vorhanden: sechs Millionstel
Gramm also. Das entspricht einem Gramm Testosteron
verteilt auf 1666 Badewannen mit je 100 Liter Inhalt.
Frauen haben ein Zehntel davon.
Bei Hormonen gilt nicht die Regel, nach der eine
erhöhte Dosis die Wirkung erhöht: »Hormone wirken
nicht stärker, wenn man viel von ihnen nimmt.
Manchmal passiert sogar das Gegenteil«, sagt der
Amerikaner Frederick vom Saal, Hormonspezialist an
der Universität von Missouri. Und: »Ich glaube, wir
haben bisher am falschen Ende der Konzentrationsskala
gesucht.«
Vom Saal fütterte schwangere Mäuse mit einer
Chemikalie namens »Bisphenol A« (BPA). Er gab ihnen
nicht viel, gerade mal fünf Millionstel Gramm (0,000005
Gramm) pro Gramm Körpergewicht. Die Folge war, dass
die männlichen Mäuse nach der Geburt eine größere
Prostata hatten als ihre unbehandelten Artgenossen.
Bisphenol A führt daneben zu Veränderungen in
denjenigen Hirnzentren, die mit Sucht und
Impulskontrolle zu tun haben. Darum kann der Stoff die
Verhaltensweisen bei der Nahrungsaufnahme
verändern. BPA verschlechtert außerdem die
Insulinwirkung und führt zur sogenannten
Insulinresistenz. Die Körperzellen werden dabei
zunehmend gleichsam taub für das Hormon, wodurch
die Insulinausschüttung weiter angeregt wird. Weil so
immer mehr vom »Masthormon« im Körper zirkuliert,
erhöht sich das Körpergewicht weiter und weiter. Das
ergab eine Studie aus Neapel im Jahr 2013, die im Online-
Fachorgan PlosOne veröffentlicht wurde. Das
Plastikhormon BPA attackiert sogar die
Insulinproduktion direkt, indem es die dafür
zuständigen Zellen in der Bauchspeicheldrüse schädigt,
wie eine chinesische Studie ergab, die 2013 in der
Zeitschrift Cell Death and Disease erschien. Schließlich
sorgt BPA dafür, dass weitere Fettspeicher geschaffen
werden, indem normale Körperzellen in Fettzellen
verwandelt werden. Bisphenol A in Verbindung mit
Insulin führt zu einer Umwandlung von Zellen, die etwa
zur Produktion des Antifaltenstoffs Kollagen
vorgesehen sind (die sogenannten 3T3-L1-Fibroblasten),
in Fettzellen (im Fachjargon: Adipozyten). Das konnten
japanische Wissenschaftler schon im Jahr 2002
nachweisen.
Zusammen wirken die Plastikhormone als
unschlagbares Dickmacher-Team. Je mehr Bisphenol A
und sogenannte Phthalate im Urin nachgewiesen
wurden, desto mehr legten US-Frauen an Gewicht zu.
Das ergab eine Studie der renommierten Harvard School
of Public Health und anderer USWissenschaftseinrichtungen
im Jahr 2014. Auch
Tributylzinn, kurz TBT, gehört zu jenen
Plastikhormonen, die jetzt auch als Dickmacher unter
Verdacht sind. Sie gelten als »obesogen«, wie es USForscher
um Bruce Blumberg von der University of
California in einer 2006 veröffentlichten Studie
formuliert haben. »Obesogen«, das bedeutet so viel wie:
dickmachend (vom englischen »obesity«: Fettleibigeit).
Denn diese Chemikalien formen sozusagen den Körper
neu – indem sie die Einrichtung von neuen Lagerstätten
für Fett veranlassen. TBT wird massenhaft verarbeitet, in
Kunststoffverpackungen etwa. »Tributylzinn erhöht die
Zahl der Fettzellen«, warnt Blumberg. Das wurde
jedenfalls in den Tierversuchen nachgewiesen. Wenn
Tiere die Hormonchemikalie aufnehmen, werden sie
gewissermaßen umprogrammiert. »Diese Zellen
produzieren mehr von den Hormonen, die sagen:
Füttere mich!« Einige Jahre nach Blumbergs
Forschungen konnten auch chinesische Wissenschaftler
seine These bestätigen. Sie fanden in einer 2011
veröffentlichten Studie heraus, dass TBT als Dickmacher
bei Mäusen wirkt.
Bei der Tiermast wird dieser Hormoneffekt gezielt
eingesetzt: Die Hormone beeinflussen das Wachstum.
Wenn das Schwein schneller wächst und noch dazu
schön mager ist, sind die Profite höher. Der Effekt wird
zum Teil legal genutzt, zum Teil aber auch illegal. Bei
Schweinen macht ein Stoff namens Clenbuterol das
Fleisch magerer, lässt weniger Fett und mehr Muskeln
wachsen. Bis 1997 war es noch als veterinärmedizinisches
Hustenmittel zugelassen und deshalb bei kriminellen
Mästern besonders beliebt, denn sie konnten bei
Kontrollen auf bedauerliche Erkältungskrankheiten im
Stall verweisen.
Auch seither erfreut sich Clenbuterol in vielen
Ländern offenbar ungebrochener Beliebtheit. Die
Substanz kann Sportlern als Dopingmittel dienen und
sie unter Dopingverdacht bringen. So warnte im April
2011 die deutsche Nationale Anti-Doping-Agentur
(NADA) vor der Clenbuterol-Gefahr in China und Mexiko.
Reisende sollten besondere Wachsamkeit walten lassen.
In Blutproben von Reisenden waren erhöhte
Clenbuterol-Werte gemessen worden. Sie können laut
NADA »bei Sportlern als positives Doping-
Analyseergebnis gewertet« werden. Als Ursache für die
Dopingbelastung werde der »missbräuchliche Einsatz
von Clenbuterol als Wachstumsbeschleuniger in der
Viehzucht angesehen« (siehe Hans-Ulrich Grimm: »Die
Kalorienlüge«).
Schon im Februar des gleichen Jahres hatte der
Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) von
Dopingfunden berichtet und vor der »Gefährdung von
Athleten durch Clenbuterol-kontaminiertes Fleisch«
gewarnt. Das Institut für Dopinganalytik der
Universität Köln hatte 28 Geschäftsreisende nach China-
Reisen untersucht. »In 22 von 28 Fällen wurden positive
Dopingkontrollbefunde erhoben, welche auf den
Verzehr von mit Clenbuterol kontaminierter Nahrung
zurückgeführt« wurden. Anlass für die Untersuchungen
war der Fall des deutschen Tischtennisspielers Dimitrij
Ovtcharov gewesen. Nachdem seine A- und B-Probe
Spuren von Clenbuterol aufwiesen, wurde der deutsche
Nationalspieler für das Jahr 2010 gesperrt. Doch der 22-
Jährige beteuerte seine Unschuld. Er habe nicht gedopt,
sondern das Clenbuterol bei einem Turnier in China mit
dem Essen aufgenommen. Der Deutsche Tischtennis-
Bund sprach den Sportler noch im selben Jahr frei.
Auch zwei mexikanische Fußballer rechtfertigten
sich gegen Dopingvorwürfe, indem sie sich auf den
Verzehr kontaminierten Fleisches beriefen. Jesus
Corona und Manuel Marin vom Team Cruz Azul waren
2013 positiv auf Clenbuterol getestet worden. Beim
sogenannten Gold Cup 2011 in den USA waren sogar fünf
Spieler der mexikanischen Nationalmannschaft
Clenbuterol-positiv. Bei der U17-Weltmeisterschaft kurz
darauf gab es gar 109 Proben, die positiv auf Clenbuterol
getestet wurden – von insgesamt 208. Unter den
»sauberen Mannschaften« waren die Deutschen, die
einen eigenen Koch und eigene Lebensmittel
mitgebracht hatten, und die Mexikaner, die eingedenk
der Erfahrungen beim Gold Cup auf fleischlose Kost
umgestiegen waren. »Sie haben nur Fisch und
vegetarische Speisen gegessen«, sagte Chefmediziner
Jiři Dvořak vom Fußball-Weltverband FIFA. Als Ursache
sah auch er das kontaminierte Fleisch an: »Es ist kein
Dopingproblem, sondern eines der öffentlichen
Gesundheit.«
Wie dramatisch allerdings die Gesundheitsgefahren
insgesamt einzuschätzen sind, ist umstritten. Auch
gehen die Meinungen weit auseinander, welche
hormonellen Zugaben in der Nahrung akzeptabel sind.
Mittlerweile sind sogar Stimmen zu vernehmen, die
die Furcht vor den Hormongefahren ins Reich der
»Urban Legends«, der modernen Legenden, wie jener
von der »Spinne in der Yucca-Palme« verweisen. Es gibt
natürlich auch handfeste wirtschaftliche Interessen, die
Hormonchemikalien für harmlos zu erklären. Es geht
schließlich um ein Milliardengeschäft, das sich die
Hersteller nicht ohne weiteres nehmen lassen wollen.
Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) wehrt
sich daher seit Jahren gegen jegliche
Verbotsforderungen. Es gebe auch gar keinen
vernünftigen Grund, stellte der Verband schon im März
1999 fest. »Der Verdacht, bestimmte
Industriechemikalien würden den Hormonhaushalt des
Menschen nachhaltig stören, ist wissenschaftlich nicht
länger haltbar«, hieß es vom VCI.
Eine Untersuchung an mehreren Hochschulen, die zu
drei Vierteln vom VCI finanziert wurde – der Rest kam
vom deutschen Bundes-Umweltministerium und vom
Umweltbundesamt –, hatte dies ergeben. Ein schönes
Ergebnis für die Industrie. Und so produziert sie die
Hormongifte weiter, Jahr um Jahr. Die USChemieindustrie
sieht das ganz ähnlich wie ihre
deutschen Kollegen. Steven Hentges vom American
Chemistry Council sagte: »Unsere Schlussfolgerung ist,
dass es kein Risiko für die menschliche Gesundheit
gibt.« Dabei teilt die Chemie- und Pharmaindustrie
eigentlich »die Besorgnis um allfällige negative
Auswirkungen von hormonwirksamen Stoffen auf
Mensch und Tier«, beteuert Richard Gamma vom
zuständigen Industrieverband in der Schweiz. Sie legten
allerdings »großen Wert darauf, dass keine voreiligen
Schlüsse gezogen« werden.
Die Industrie wird dabei auch selbst aktiv.
Schließlich steht für sie viel auf dem Spiel. Schon früh
gründete der deutsche Pharmakonzern Bayer eigens
eine Task Force mit hochspezialisierten
Wissenschaftlern. Der Verband der Chemischen
Industrie in Deutschland stellte fünf Forscherteams
zusammen und stattete sie mit einem Etat von 1,6
Millionen Mark aus. Auch in Amerika machte die
Plastikindustrie mobil und setzte die »Bisphenol-AGiftigkeits-
Task-Force« in Gang (»Bisphenol A
Toxicology Task Force«, BATTF). Dank massiven
Finanzeinsatzes legten Industrieforscher mit mehreren
Teams diverse Untersuchungen vor, die die
Harmlosigkeit der »Schlüssel-Chemikalie« belegen
sollten. Sie ergaben laut einer Zusammenfassung für die
Öffentlichkeit, dass es »kein bekanntes Risiko für die
menschliche Gesundheit« gebe. Das ist für die Konzerne
heute sozusagen die Geschäftsgrundlage: dass sie die
Wissenschaftler auf ihrer Seite wissen. Die Forscher
sind ja durchaus nicht immer einer Meinung.
Umso überraschender ist es, dass in dieser
wissenschaftlichen Disziplin weitgehend Einigkeit
herrscht. Doch die Harmonie in der Wissenschaft von
der Tierernährung kommt nicht von ungefähr. Sie ist
das Ergebnis harter Arbeit. Intensiver Zuwendung. Die
Futterkonzerne beschäftigen dafür hochgeschätzte
Kräfte, die sich sozusagen auf die Kunst des Kuschelns
spezialisiert haben. Und die Wissenschaftler genießen
diese Form der Nähe. Sie hat schließlich Vorteile für alle
Beteiligten – mit einer Ausnahme: den armen Tieren.
8.
Papageien und Knechte
Die Tierernährungs-Experten und ihre
Sponsoren
Orientierung leicht gemacht: Futterkonzerne
erklären den Tierarzt-Studenten die Welt / Die
Fressnapf-Fakultät: Der Hörsaal wird
Showroom für Royal Canin / Das Zahnpasta-
Prinzip: Weißkittel als Verkaufshelfer / Und
abends ein Gourmet-Dinner mit vielen
Überraschungen
Die Dame ist ganz offensichtlich sehr beliebt, sie ist
kontaktfreudig und zugänglich. Auf zahlreichen Fotos
zeigt sie sich in fröhlicher Runde, meist in männlicher
Gesellschaft. Ihre besondere Zuneigung gilt offenbar
einer ganz speziellen Sorte Mann: den Herren aus dem
Veterinärwesen. Die Fotos dokumentieren, dass die
Beteiligten sich ihrer Sache sehr sicher sind. Alles findet
ganz offen statt. Sie finden es auch nicht unappetitlich
oder gar unmoralisch. Die Dame und ihre Herren hier
haben offenbar keinerlei Unrechtsbewusstsein. Die
Dame ist Österreicherin, aber was sie tut, ist
symptomatisch für die Gebräuche in ihrem Gewerbe
auch in anderen Ländern.
Berührungsängste gibt es keine. Es gibt ein Foto, da
legt sie dem Präsidenten der Österreichischen
Tierärztekammer leutselig den Arm um die Schulter, auf
einem anderen ist sie neben einem Vorstandsmitglied
der Vereinigung Österreichischer Kleintiermediziner
(VÖK) und dem Ehrenpräsidenten der Bundeskammer
der Tierärzte Österreichs zu sehen. Sehr viele Bilder
zeigen sie auch mit einem jungen, schnauzbärtigen
Herrn. Auf einem der Fotos stehen sie mit Sektgläsern in
der Hand auf einem Flur.
Bei dem Herrn mit Schnauzbart handelt es sich um
einen Professor für Tierernährung. Früher war er in
Wien, jetzt lehrt er in Berlin. Er hat auch ein
Standardwerk für Hundefreunde geschrieben, über die
richtige Ernährung unseres vierbeinigen Lieblings. Was
der Mann mit dem Schnauzer verkündet, ist für viele
Tierhalter und auch Tierärzte maßgebend. Solche Leute
sind für die Dame natürlich besonders wichtig. Denn
wenn die Professoren zum Beispiel das Dosenfutter von
Grund auf verdammen würden, dann wäre das ziemlich
schlecht für sie und ihre Brötchengeber.
Tun sie natürlich nicht. Dann wäre ja die ganze
Kontaktarbeit umsonst.
Gestatten: Dr. med. vet. Silvia Leugner. Sie ist
sozusagen ein verbindendes Element.
Frau Dr. Leugner arbeitet für Royal Canin. Ihre Firma
gehört zu Mars, dem größten Tierfutterhersteller der
Welt. Zu seinen Marken gehören Whiskas, Kitekat,
Sheba, Chappi und Pedigree. Frau Leugner dient ihrem
Unternehmen als »Vetcare Market Manager« im
»Vetcare-Team Österreich« der österreichischen
Niederlassung in Wien. Zugleich aber steht sie auf der
Seite der Tierärzte. Sie ist sogar eine einflussreiche
Funktionärin des Tierarztverbandes, der Vereinigung
österreichischer Kleintiermediziner (VÖK). Zusammen
mit diversen Veterinären und Hochschullehrern, etwa
von der Wiener Veterinärs-Uni, sitzt sie im Beirat der
Organisation. Frau Leugner war sogar Mitbegründerin
des Tierärzte-Verbandes. Lange war sie Schriftführerin,
jetzt fungiert sie als Verbindungselement zur
europäischen Branchenorganisation FECAVA, der
Federation of European Companion Animal Veterinary
Associations.
Sehr am Herzen liegt ihr natürlich die Ausbildung
der jungen Leute, die einmal Tierarzt werden sollen. Es
wäre ja auch schade, wenn die kommenden Veterinäre
nicht auch auf der Seite des Fertigfutters stünden.
Besonders gern lässt sich Frau Dr. Leugner deshalb
immer wieder bei Bücherübergaben fotografieren. Zum
Beispiel in der Bibliothek der Veterinärmedizinischen
Universität Wien. Die Hochschule findet es gar nicht
peinlich, dass sie sich beschenken lässt, sondern freut
sich öffentlich: »Royal-Canin-Fachbücher für die
Bibliothek!«
So jubelte die Bibliothek in einer Mitteilung an die
Öffentlichkeit: »Umfangreichen Lesestoff überreichte
Dr. Silvia Leugner, Vetcare Market Manager bei Royal
Canin Österreich, an Mag. Miranda Dirnhofer von der
Bibliothek der Vetmeduni Vienna.« Die Öffentlichkeit
durfte sogar erfahren, welche Werke mit der
»Buchspende« überreicht wurden. »Die Buchspende
besteht aus Fachbüchern wie der druckfrischen Royal-
Canin-›Enzyklopädie der Hunde‹; den Büchern
›Harnsteine bei Kleintieren‹, ›Die gesunde
Tierarztpraxis‹; ›Kleintierdermatologie‹ mit klinischen
Fallberichten; den Royal-Canin-Handbüchern ›Notfallund
Intensivmedizin‹ sowie ›Der Such- und
Rettungshund‹, den Royal-Canin-Leitfäden
›Hundezucht‹ und ›Katzenzucht‹; dem ›Katzenzahnbuch‹
und dem ›Hundezahnbuch‹.«
Ganz schön viel Lesestoff für den Tierarzt-
Nachwuchs. Wie fürsorglich von ihrer Universität, dass
sie sich diese Bücher für die Studenten schenken lässt!
Eigentlich wäre es wichtig für die Studenten zu
lernen, was die Ursachen für Hautprobleme bei
Haustieren sind. Oder wie Harnsteine bei Katzen
entstehen und was das Trockenfutter damit zu tun
haben könnte. Die Futterkonzerne haben daran kaum
ein Interesse. Deswegen ist ihnen sehr daran gelegen,
dass die Tierarzt-Studenten die Konzernsicht
kennenlernen. Und die Wiener Veterinär-Uni ist den
Konzernen da gern behilflich und teilte mit, dass »diese
Bücher von StudentInnen in der Bibliothek ausgeliehen
oder im ÖH-Shop käuflich erworben werden«. Als
nützliches Wissen fügte die Uni noch hinzu: »Für
Tierärzte bietet Royal Canin laufend Verkaufsaktionen
an, bei denen diese Bücher als Beigabe erhältlich sind.«
Auch der Internet-Auftritt der Bibliothek der
Veterinär-Uni Wien wurde mit freundlicher
Konzernunterstützung gestaltet. Dass Royal Canin als
»großzügiger Sponsor dankenswerterweise einen
wesentlichen Anteil der Kosten übernahm«, teilte die
Hochschule ebenfalls mit und fügte ein Foto hinzu, auf
dem natürlich Frau Dr. Leugner, der Rektor und der
Bibliotheksleiter abgebildet waren, der früher auch
Projektleiter beim Pharmakonzern Novartis war.
Überschrift: »Orientierung leicht gemacht«. Es ist ein
schöner Erfolg für ein großes Hundefutter-
Unternehmen, wenn es Orientierung schaffen kann in
der Welt des Wissens, und das auch noch bei
angehenden Tierärzten.
Für die Hunde, die Katzen und ihre Besitzer ist das
weniger schön, dass Tierärzte offenbar ein tragendes
Element des Geschäftsmodells der Futterkonzerne sind.
Schließlich lassen sich viele der Krankheiten, die in den
Lehrbüchern des Futterkonzerns thematisiert werden,
aufs Fertigfutter zurückführen. So jedenfalls sehen es
die Kritiker. Ihre kritische Sicht auf das Kommerzfutter
spielt in der Ausbildung der Tierärzte allerdings keine
zentrale Rolle.
In kaum einer Branche sind die Verflechtungen
zwischen den Beteiligten so eng. Tierfutterindustrie,
Tierärzte, Wissenschaftler an den zuständigen
Hochschulen, aber auch Verbände und Branchenmedien
sind in besonderem Maß miteinander verbunden.
Im Zentrum stehen natürlich die Tierärzte.
Einerseits sind sie für die Tierhalter die wichtigsten
Ansprechpartner in Sachen Ernährung und Gesundheit
ihres Heimtiers. Andererseits sind sie der Industrie eng
verbunden. Schon in der Ausbildung und während des
Studiums an den einschlägigen Hochschulen
dominieren die Konzerne mit ihrer Sicht auf die Dinge.
Sie publizieren nicht nur Lehrbücher, sondern sponsern
auch Professoren und finanzieren deren Forschung.
Unabhängige, wirklich seriöse Forschung findet
praktisch nicht statt. Schon die Studenten finden es
völlig normal, dass sie mit freundlicher Unterstützung
der Industrie ausgebildet werden. Später, als Tierärzte,
verkaufen sie deren Produkte und fungieren sozusagen
als verlängerter Arm der Futterkonzerne.
Auch die Fachmedien der Tierärzte genießen die
Unterstützung der Tierfutterindustrie. Das Vet-
Magazin.de etwa, das »unabhängige Magazin für die
Veterinärmedizin«, ist so unabhängig auch wieder nicht.
Es finanziert sich nach eigenen Angaben von seinen
Sponsoren. Royal Canin und andere »ermöglichen (den
Lesern) die kostenlose Nutzung«, bekennt das Magazin
freimütig.
Gesund ist das nicht. Es ist nach Ansicht der Kritiker,
die es mittlerweile auch gibt, ein Hauptgrund für die
zunehmende Krankheitsbelastung der Heimtiere durch
falsche Ernährung. »Tierärzte können die Gesundheit
Ihres Tieres gefährden«, so lautet der Titel eines Buches
der Veterinärin Jutta Ziegler, die aus Deutschland
stammt und im österreichischen Hallein nahe Salzburg
praktiziert. Sie gehört zu den wenigen Vertretern ihres
Faches, die sich um die ungesunde Nähe zwischen
Wirtschaft und Wissenschaft sorgen.
Doch es sind nicht nur die zuständigen Fachärzte, um
die sich die Futterkonzerne ganz rührend kümmern. Es
ist eigentlich der ganze etablierte Tierfreunde-Kosmos,
der sich von der Tierfutterindustrie aushalten lässt. Die
Firmen aus der Tierernährungsbranche unterstützen
das ganze Milieu der Kleintierfreunde, also die
Tierschutzverbände, die Medien für den Tierfreund wie
die Sendung »Hundkatzemaus« im Fernsehen, aber auch
Zeitschriften wie Ein Herz für Tiere, in dem sie großzügig
Anzeigen schalten. Außerdem sind die Fachzeitschriften
auf der Seite der Futterlieferanten – dank der Anzeigen,
etwa für »Sensitive Digestion«, ein neues,
darmschonendes Futter aus dem Hause Eukanuba, die
in einer Reihe von Zeitschriften erschienen, unter denen
auch HundeWelt und Der Hund waren. Slogan: »Weniger
Winde, mehr Wedeln«. Zudem schreiben die Blätter
auch gern begeisterte redaktionelle Artikel über Neues
aus der Welt von Kitekat, Whiskas und Frolic.
Der Hund etwa berichtete über das neue
Allergikerfutter »Skin Support« von Royal Canin. Ein
Herz für Tiere wirbt redaktionell für das KitekatSammelspiel
»Fang die Mäuse!« (»Auf zur Kitekat
Mäuse-Jagd und richtig Beute machen!«), bei dem
Kitekat 10000 Euro verloste. »Wahrhaft reiche Beute!«,
jubelt auch Ein Herz für Tiere. Und Our Cats schwärmt für
den Iams-Frischebeutel (»Geschmack zum Verlieben«).
In der Heimtier-Szene herrscht weitgehend Einigkeit:
Whiskas, Pedigree, Eukanuba und Royal Canin sind fürs
Tier am besten. Das ist keineswegs selbstverständlich.
Das setzt harte Arbeit voraus. Eine Dame wie Frau Dr.
Leugner, die Funktionärin ist bei einer
Tierärztevereinigung und gleichzeitig bei einem
Tierfutterhersteller auf der Gehaltsliste steht, ist da
natürlich ein spezieller Glücksfall. So eine Personalunion
ist eine schöne Sache, und sie hat viele Vorteile für beide
Seiten (siehe Kapitel 7).
So finden zum Beispiel die Anliegen und Botschaften
der Firmen Gehör bei den Leuten aus der Praxis, den
Tierärzten, die für Hund und Katze zuständig sind. Im
Gegenzug genießen die Tierärzte die warmherzige
Unterstützung der Firmen, unter anderem bei ihren
Zusammenkünften.
So war das etwa beim Jahrestreffen der Vereinigung
Österreichischer Kleintiermediziner in der Wiener
Hofburg im Jahre 2016, das zeitgleich stattfand mit dem
»Eurokongress« der europäischen
Branchenorganisation FECAVA. Was da alles käuflich
war, darüber gab eine detaillierte Preisliste Auskunft.
Platinsponsor konnte ein Tierfutterunternehmen für
40000 Euro werden, Goldspender für 25000.
Silbersponsoring gab es für 10000 Euro und
Bronzesponsoring für 5000 Euro. Gegen Bezahlung
kann die Industrie auch das Programm beeinflussen. Ein
sogenanntes Industriesymposium im offiziellen
Programm kostet 12000 Euro. Auch Kongressthemen
sind käuflich, schon für 5500 Euro. Sogar einzelne
Kongressredner gibt es, für lumpige 2500 Euro. Das ist
in dieser Disziplin so üblich, und zwar schon seit
Jahrzehnten. Die Unterstützer sind natürlich die
üblichen Verdächtigen.
Hauptsponsor bei der Jahrestagung der
»Vereinigung Österreichischer Kleintiermediziner«
(VÖK) zum Beispiel, die vom 16. bis 17. September 2006
in Salzburg stattfand, war Frau Leugners Firma, Royal
Canin. Es beteiligten sich außerdem Pharmakonzerne
wie Bayer, Novartis und andere. Auch die Vorträge im
wissenschaftlichen Programm wurden hier gefördert,
und zwar einzeln, jeder für sich. Dafür griff Royal Canin
in die Tasche, aber auch Konkurrent Hill’s, zudem Bayer
Austria und Novartis. Sogar um die Tierarzthelferinnen
kümmerten sich die Finanziers. Royal Canin etwa
sponserte Tierarzthelferinnenseminare auf der Tagung,
unter anderem zum Thema »Profit-Center Maulhöhle –
Kundenkommunikation zum Thema Zahn«.
Die Großzügigkeit der Konzerne reichte bis ins
Gesellige: Laut Programm war sogar der »Bummel durch
Salzburgs Altstadt« (Motto: »Auf den Spuren Mozarts«)
samt Mittagessen und Kaffee geschenkt. Großzügiger
Spender war die Firma Menarini Diagnostics, ein
italienischer Pharma-Multi mit Hauptsitz in Florenz.
Auch beim VÖK-Gesellschaftsabend ließen sich die
Tierärzte aushalten. Getränke gab es laut
Tagungsprogramm »auf Einladung der Industrie«. Dazu
»Boogie-Woogie & Blues Livemusik«. Vor diesem
Hintergrund ist es nur konsequent, ja unvermeidlich,
dass die Namen der Sponsoren in den Berichten über
solche Veranstaltungen fast mehr Raum einnehmen als
die wissenschaftlichen Inhalte.
»Besonders sollen unser Hauptsponsor Royal Canin-
Waltham und unsere Sponsoren Österreichische
Tierärztekammer, Bayer Austria, Iams, Richter Pharma
AG sowie Werfft-Alvetra erwähnt werden.« So stand es
etwa in einem Bericht über die Jahrestagung der
Kleintiermediziner 2003 in Salzburg.
Wer solch innige Nähe zwischen Wirtschaft und
Veterinären für einen speziellen Auswuchs
österreichischen Balkancharmes hält, liegt falsch: Sie
entspricht den weltweiten Sitten im Gewerbe.
Auch in der benachbarten Schweiz ist diese Nähe
üblich. Bei der Weiterbildungsveranstaltung für
Veterinärmediziner auf der Davoser Schatzalp vom 3. bis
6. Dezember 2015 (»Anämie, Leukozyten,
Gerinnungsstörungen und DIC«) war Nestlé Purina
»Prime Partner«. Für die teilnehmenden Tierärzte ist so
ein Event sehr attraktiv, schwärmt der Veranstalter: »Als
Veranstaltungsort bietet uns das Berghotel Schatzalp,
autofrei auf 1850 Metern gelegen und exklusiv für
unseren Event gemietet, ein beeindruckendes
Panorama.« Und: »Diese Veranstaltung bietet viel
Freizeit für Ihre Partner und Familien und schließt wie
jedes Jahr am letzten Abend mit einem Fondueplausch
und anschließendem Nachtschlitteln nach Davos ab.«
Auch in Deutschland lassen sich Tierärzte gern
umschwärmen: So ließ der Bundesverband
Praktizierender Tierärzte (BPT) in der Ankündigung für
den BPT-Kongress 2015 Anzeigen für Royal Canin und
Nestlé Purina abdrucken. Die Nestlé-Tierfuttertochter
verkündete stolz, dass sie gemeinsam mit dem
Tierärzteverband unter dem Motto »Liebe fürs Leben«
Tierschutzunterricht für Grundschüler anbietet. Wenn
die Abc-Schützen erst mal verinnerlicht haben, dass
Nestlé Purina und Tierschutz praktisch identisch sind,
und ihr Wissen gleichsam mit tierärztlichem Attest
versehen wird, dann darf Nestlé auf eine profitable
Liaison fürs Leben hoffen.
Royal Canin finanzierte auch, zusammen mit dem
Tierkrematorium Kirchberg und anderen
Unterstützern, die 3. Schweizerischen Tierärztetage vom
6. bis 8. Mai 2015 im Congress Center in Basel. »Wir
danken der Royal Canin (Schweiz) AG für ihre exklusive
finanzielle Unterstützung«, bekannte einer der
Veranstalter, der Verein Schweizerische Tierärztetage.
Direkt darüber stand die Ankündigung für die »Dinner
Party« auf einem Schiff im Rhein, inklusive »3-Gang-
Dinner, Liveband und weiteren Überraschungen …«.
Der globale Gesamtverband der Veterinäre geht
natürlich auch in Sachen Kommerzkultur als Vorbild
voran. Der Weltverband der Kleintierärzte WSAVA (The
World Small Animals Veterinary Association) lässt sich
seine Kongresse ebenfalls von den Konzernen sponsern.
2016 in Kolumbien beispielsweise gehören Nestlé
Purina, Royal Canin, Pharmakonzerne wie Bayer Health
Care und der US-Futterkonzern Hill’s zu den
großzügigen Gebern.
Der Futterkonzern Hill’s hat eine herausragende
Rolle beim Weltverband der Heimtier-Veterinäre. Hill’s
gehört zu den Organisatoren des Kongresses, ist
Platinsponsor und platziert sein Logo auf den
Webseiten des Weltverbandes oben, direkt neben dem
Verbandslogo.
Der amerikanische Futterhersteller hat sich in
unvergleichlicher Weise um die Verbrüderung von
Wissenschaftlern, Veterinären und
Futtermittelkonzernen verdient gemacht. Und das ging
so: Der Tierfutterkonzern Hill’s war 1976 vom
Zahnpastakonzern Colgate Palmolive übernommen
worden. Colgate war mit seiner Werbung stilbildend, in
der Zahnärzte in ihren weißen Kitteln als
vertrauenswürdige Kronzeugen für die Qualität von
Colgate-Tuben auftraten. Der naheliegende Gedanke
war nun, dass so etwas auch beim Tierfutter klappen
müsste. Das Muster der Zahnpastawerbung wurde also
auf die Werbung für Tiernahrung übertragen. Ihre
Botschaft lautete: Tiernahrung ist kompliziert, am
besten überlässt man so etwas den Profis.
Die Tierfutterindustrie und die Wissenschaft von der
Tierernährung sind darum siamesische Zwillinge. Sie
sind zur gleichen Zeit entstanden, haben sich
gemeinsam entwickelt und sind deshalb eng verbunden.
Erst als es Kommerzfutter gab, entstand das Bedürfnis
nach einer Wissenschaft von der Tierernährung. So eine
Disziplin war ja früher vollkommen unnötig. Jeder
Löwe, jeder Adler und jede Forelle kann sich ohne
wissenschaftlichen Beistand ganz gut ernähren. Auch
die Hunde und Katzen wurden ausreichend ernährt –
immerhin so gut, dass sie es über Tausende von Jahren
an der Seite des Menschen aushielten. Als Futter gab es
eben die Reste, die Knochen und alles, was vom Tisch
herabfiel. Mit dem Dosenfutter bildete sich erst der
Bedarf nach der Wissenschaft von der Tierernährung.
Ihre Aufgabe bestand darin, die Menschen davon
abzubringen, ihre Haustiere mit Speiseresten zu
ernähren, wo sie doch die Abfälle der Nahrungsindustrie
verfüttern sollen. Die Karriere des Fertigfutters verlief
darum parallel mit der Karriere der zuständigen
wissenschaftlichen Disziplin. Bei Katzen etwa nahm seit
1950 die Ernährungsforschung »stürmisch zu«,
konstatiert die Veterinärin Frauke Siewert in ihrer
Doktorarbeit über die »Entwicklung der
Ernährungsforschung bei der Katze (bis 1975)« an der
Tierärztlichen Hochschule Hannover aus dem Jahr 2003.
Der Aufschwung verdankte sich nach Siewert
vorwiegend dem »notwendigen Wechsel von
konventionellen zu modernen Fütterungsformen
(Fertigfutter)«, daneben aber auch dem Bedürfnis nach
»Optimierung von Rationen für Versuchskatzen«.
Der Zahnpastakonzern Colgate übertrug das
bewährte Dentisten-Verfahren auf seine neu erworbene
Tierfuttertochter, stellen der US-Veterinär Michael W.
Fox und seine Kollegen in »Not Fit For A Dog« fest:
»Colgate entschied sich, seine wissenschaftsbasierte
Produktlinie (Science Diet) durch Tierärzte befürworten
zu lassen. Hill’s Science Diet erreichte diese
Unterstützung, indem die Firma Gratistierfutter an die
Veterinärstudenten ausgab und Hunderttausende von
Dollars an Forschungsförderung an jede der 27
Veterinär-Universitäten verteilte. ›Der Großteil unserer
Ausgaben ging an die Tierarzt-Community‹, sagte ein
ehemaliger Colgate Senior Vice President für Globales
Marketing und Verkauf.«
Erleichtert wurde diese Praxis, weil das
Fütterungswesen bisher von der Wissenschaft
vernachlässigt worden war: »Weil an den meisten
Veterinärmedizinischen Hochschulen die
Tierernährung in der Geschichte immer durchs Raster
fiel, hat die Tierfutterindustrie diese Lücke gern
gefüllt.« Kein Wunder, dass die Futterkonzerne fortan
die Forschung und Ausbildung dominierten. Und sie
sind sogar stolz darauf, dass sie ihre Positionen
zusammen mit den Forschern durchgesetzt haben. Zum
Beispiel über den Nationalen Forschungsrat, den
National Research Council der USA, der eigentlich eine
private Non-Profit-Einrichtung zur
Forschungsförderung sein will.
So berichtet die amerikanische Lobby-Einrichtung
The Pet Food Institute (PFI): »Der Nationale
Forschungsrat – der wissenschaftliche Arm der
Nationalen Akademie der Wissenschaften – entwickelte
das erste von mehreren Nährstoffprofilen, basierend auf
Forschungen an führenden Universitäten, viele davon
gesponsert vom PFI oder seinen Mitgliedsfirmen.« Zu
den Mitglieder zählen wieder Nestlé Purina, Royal
Canin, Hill’s Pet Nutrition und viele andere mehr. Die
Futterkonzerne, die Tierärzte und die zuständigen
Wissenschaftler leben also in einer Art
Zugewinngemeinschaft. Sie befinden sich in
gegenseitiger Abhängigkeit und sie treffen sich bei
regelmäßigen Zusammenkünften. Das Geld kommt
dabei von den Futterkonzernen, und die
Wissenschaftler und Veterinäre sorgen im Gegenzug
dafür, dass es weiter dorthin fließt.
Die Tierärzte sind wichtige Multiplikatoren. Sie
werden gefragt, wenn es um die Ernährung der kleinen
Lieblinge geht. Und den Multis ist es lieb, wenn die
Tierärzte zum Sprachrohr der industriellen
Fütterungsideologie werden.
»Für die Klienten sind der Tierarzt und dessen
Assistenten in Ernährungsfragen in der Regel eine
Autorität. Tierärzte haben deshalb großen Einfluss
darauf, welches Futter die Tierhalter für ihre Haustiere
auswählen.« So steht es im Handbuch »Klinische
Diätetik für Kleintiere«.
Zwei dicke Bände, 4,6 Kilo schwer. Dunkelgrüner
Einband, goldene Lettern. Auf der Rückseite ist
eingeprägt: »Mit freundlicher Empfehlung von Hill’s«,
ebenfalls gülden. Der Tierfutter-Multi aus Topeka, der
Hauptstadt des US-Bundesstaates Kansas, hat es
herausgebracht und die größten Kapazitäten der
Tierernährung haben sich daran beteiligt. Die »Klinische
Diätetik für Kleintiere« ist das »grundlegende
Standardwerk der veterinärmedizinischen
Kleintierdiätetik«, so bewirbt die Verlagswerbung das
Buch. Und so schwärmt wortgleich die
Veterinärmedizinische Universität Wien in ihren
Büchervorschlägen aus dem Lehrstuhl für
Tierernährung und Diätetik. Der USHeimtierfutterproduzent
Hill’s ist sehr stolz auf seinen
Einfluss auf die veterinärmedizinische Forschung: »Die
Wissenschaftler von Hill’s veröffentlichen pro Jahr mehr
als 50 Fachartikel und Forschungsberichte und haben
Lehrverpflichtungen an führenden
veterinärmedizinischen Schulen überall auf der Welt«,
verkündet die Firma in einem Werbetext.
Das ist als Verkaufshilfe überaus praktisch, wenn die
Fachinformationen gleich von der Wirtschaftslobby
kommen.
Doch die Konkurrenz schläft nicht: »Führende
internationale Experten«, so die Eigenwerbung, haben
das 470 Seiten schwere Werk »Das Waltham-Buch der
klinischen Diätetik von Hund und Katze« verfasst, das
im Original »The Waltham Book of Clinical Nutrition of
the Dog and Cat« heißt. Hier spricht sozusagen die
Whiskas-Konkurrenz.
Und der Leitfaden für Tierärztinnen und Tierärzte
mit dem Titel »Ernährung für Hund und Katze«, schon
1999 vorgelegt und immer wieder nachgedruckt, wurde
von einem mehrheitlich im Sold der Iams Company
stehenden Autorenteam verfasst. Das Eukanuba-
Vademecum, gewissermaßen. Die meisten
Veröffentlichungen, mit denen die Tierärzte Neues aus
ihrem Fachgebiet bekommen, stammen also aus dem
Kreis der interessierten Hersteller. Der
Fachinformationsdienst Veterinary Focus etwa (früherer
Titel: Waltham Focus) mit dem Untertitel »The
Worldwide Journal for the Companion Animal
Veterinarian« wird vom Waltham Centre for Pet
Nutrition herausgegeben, das Mars gehört. Die
Zeitschrift erscheint vierteljährlich auf Englisch,
Französisch, Deutsch, Italienisch, Niederländisch,
Spanisch, Japanisch, Griechisch, Russisch und Polnisch.
Selbst die Universitäten machen sich die Anliegen
und Botschaften der Futterkonzerne zu eigen. Nirgends
ist der Filz offenbar so flächendeckend wie im
Veterinärwesen. Keine andere wissenschaftliche
Disziplin hat sich derart in Abhängigkeit von den
Konzernen begeben wie die Fressnapf-Fakultät. Wer für
das Kleintier und seine Ernährung forscht, denkt
zuallermeist auch ans Wohl von Dritten, der
Futterkonzerne. In keinem anderen Fach ist die Bindung
an die Welt des Geldes so eng, in keinem anderen sind
die wissenschaftlichen Aussagen so industriefromm wie
hier.
In anderen wissenschaftlichen Disziplinen gibt es
auch Sponsoren, Drittmittelforschung und willfährige
Wissenschaftler. Es gibt aber auch kritische Inseln,
eigenständige Denker und unabhängige Geister. Im
Veterinärwesen, Fachbereich Tierernährung, Abteilung
für Hund, Katze, Vogel, sind sie nicht auszumachen. Für
eine wachsende Zahl von Tierärzten allerdings, die an
solider und unabhängiger Fachinformation interessiert
sind, um den Patienten die richtigen
Fütterungsempfehlungen geben zu können, ist es höchst
unbefriedigend, dass die Forschung interessengesteuert
ist.
»Die Professoren sind vollkommen abhängig von der
Industrie«, kritisiert etwa Dirk Schrader, Veterinär an
der Tierklinik Hamburg-Rahlstedt. Sie seien »Papageien
und Knechte der Futtermittelindustrie«. Er kennt, so
sagt er, keinen einzigen Tierernährungsforscher, der
sich nicht in die geistige Nähe zu den Futterkonzernen
begeben hat. Entsprechend gering schätzt er den Wert
der wissenschaftlichen Erkenntnisse: »Wenn die
Forscher ihre Themen und Inhalte nur nach den
Wünschen der Futter-Multis ausrichten, dann sind die
Ergebnisse vorhersehbar, also nicht seriös – also nicht
glaubwürdig.«
Führend bei der Umwidmung einer Hochschule zur
Kaufhalle ist die Veterinärmedizinische Universität
Wien. Der Campus, einst mitten in der City, liegt seit
einigen Jahren draußen am Stadtrand. Ein
weiträumiges Gelände, an manchen Stellen riecht es
nach Pferd, auf kleinen Koppeln stehen die Schimmel
und die Braunen geduldig und warten. Daneben ein
Transparent: »Gesunde Pferde Boehringer Ingelheim«.
Boehringer Ingelheim, das ist ein Pharmakonzern.
Hunde tollen herum, Beagles. Sie sind beliebt bei
Tierversuchen. Schafe, auch schwarze. Das Gelände ist
mit einem hohen Zaun aus grünen Stäben umgrenzt. Die
Gebäude sind mehrstöckig, rot geklinkert. Das Institut
für Tierernährung liegt von der Einfahrt aus gesehen
hinten links. In der kleinen Eingangshalle gibt es schon
reichlich Prospektmaterial, von Iams Eukanuba, von
Waltham Royal Canin, hier findet sich auch das
Waltham-Handbuch zur klinischen Diätetik bei Hund
und Katze.
Wenn dort das alljährliche »Royal Canin Waltham-
Diätetik-Seminar« stattfindet, dann wird der Hörsaal
regelmäßig zum Showroom. Das Pult ist umrahmt von
»Royal Canin«-Stelltafeln und »Royal Canin«-Postern.
Auf den Tischen liegen Firmenwerbematerialien, in der
Garderobe hängen Taschen mit Hundebild und Royal-
Canin-Logo. Das »22. Royal Canin Diätetikseminar« etwa
fand statt am 10. Juni 2015 im Hörsaal G (Merial).
Eröffnet wurde das Seminar um 18:00 Uhr von Dr.
Harald Pothmann, dem Präsidenten der
Österreichischen Gesellschaft der TierärztInnen (ÖGT).
Es war offenbar eine offizielle Firmenveranstaltung
im Uni-Hörsaal, die auf den Uni-Webseiten angekündigt
wurde: »Die Veranstaltung wurde von Royal Canin in
Kooperation mit der ÖGT Österreichischen Gesellschaft
der TierärztInnen/Sektion Tierernährung und Tierzucht
ausgerichtet.« Das Seminar war ein voller Erfolg.
»Zahlreiche TierärztInnen, TierarzthelferInnen und
StudentInnen folgten der Einladung und lauschten
gespannt den praxisnahen Ausführungen der
hochkarätigen ReferentInnen.« So das Vet-Magazin.at
oder sein Sponsor Royal Canin.
Den Vorsitz hatte Mag. Wolfgang Kreil von Royal
Canin Österreich (»Anmeldung online über die Website
von Royal Canin«). Beteiligt sind auch
Universitätsbedienstete, die sich in den Dienst des
Tierfutterkonzerns stellen und offenbar die Inhalte, also
die Vorträge, zur Verkaufsshow beisteuern mussten.
Auftritte bei Firmenevents gehören wohl zur
Dienstpflicht der Lehrkräfte an der
Veterinärmedizinischen Universität Wien Vetmeduni
Vienna. Und sie haben ja auch viel beizutragen, da an
Krankheiten bei Haustieren kein Mangel herrscht.
Dr. Barbara Bockstahler von der Klinischen Abteilung
für Kleintierchirurgie, Vetmeduni Vienna, sprach beim
Royal-Canin-Event 2015 über das Thema
»Gelenksprobleme beim alten Hund«. »Diätetische
Lösungen bei Arthrosen im Alter«, das war das Thema
von Ao. Univ.-Prof. Dr. Christine Iben, ebenfalls bei der
Vetmeduni Vienna angestellt. Von 19.20 bis 19.50 Uhr
war Priv.-Doz. Friederike Range dran, Ph.D., vom
Messerli Forschungsinstitut, Vetmeduni Vienna. Ihr
Thema: »Hunde und Wölfe – Was wir von ihnen lernen
können«. Anschließend sprachen Prof. Dr. Christine
Iben vom Institut für Tierernährung und Funktionelle
Pflanzenstoffe an der Vetmeduni Vienna und Dr. Katja
Silbermayr vom Institut für Parasitologie der
Vetmeduni. Zuletzt, von 20.50 bis 21.15 Uhr, äußerte sich
Mag. Wolfgang Kreil von Royal Canin Österreich über
»Qualitätssicherungsmaßnahmen bei der
Tiernahrungsproduktion – Ein Beitrag zur
Gesunderhaltung des Menschen«.
Die Hochschule als Werbestätte. Der Tempel des
Geistes als Basar für die Branche. Das ist der Trend. Die
Wissenschaft wird, wie man früher sagte, unterwandert.
Und das ist nicht nur in Wien so. Die Tierärztliche
Hochschule (TiHo) Hannover kuschelt ebenso eng mit
der Industrie. Sie sieht aus wie eine normale staatliche
Hochschule. Doch das ist sie nicht mehr: Sie wurde in
eine »Stiftung« umgewandelt. Der Staat stiftet das Geld,
hat aber praktisch nichts mehr zu melden. Stattdessen
entscheidet ein Stiftungsrat. Der Staat, mithin der
Steuerzahler, der für die Kosten aufkommt, ist nur noch
mit einer einzigen Staatsbediensteten in diesem
siebenköpfigen Stiftungsrat vertreten. Die Mehrheit
aber haben andere. Darunter Doris Wesjohann, Erbin
des Wiesenhof-Konzerns. Die umstrittene Dynastie
liefert fast jedes zweite Hähnchen in Deutschland. Doris
Wesjohann sitzt im Stiftungsrat. Auch der Vertreter
einer Versicherung, bei der zwei Drittel der
niedersächsischen Bauern Mitglieder sind. Ein Lobbyist
der Pharmaindustrie sitzt ebenfalls mit drin, vom
»Bundesverband Tiergesundheit«, der wird getragen
von Bayer, Boehringer Ingelheim, Novartis und Elanco
Animal Health, einer Tochter des US-Pharmakonzerns
Eli Lilly. Von dort kam auch der Chef der Hochschule,
Gerhard Greif, bevor er Präsident der Stiftung
Tierärztliche Hochschule Hannover wurde. Zu Elanco
gehört jetzt auch die Firma Lohmann Animal Health,
eine Pharmafirma aus dem Wiesenhof-Clan, die auch
Sponsor ist für die TiHo-Professorin Corinna
Kehrenberg. Ihr Lehrstuhl wurde von Lohmann
»initiiert und bezahlt«, wie die Firma stolz verkündete.
Sie hatte auch ein Vetorecht, als es um die Besetzung
ging (siehe Hans-Ulrich Grimm: »Die Fleischlüge«).
Auf diese Weise finanziert die Industrie jetzt überall
auf der Welt ganze Lehrstühle. Leider ist nicht immer
leicht erkennbar, in wessen Sinne und auf wessen
Rechnung der Professor forscht.
Bei Professor Richard C. Hill aber, Inhaber eines
firmenfinanzierten Lehrstuhles, war der Sponsor
dankenswerterweise gleich in seinem Titel erkennbar,
der da lautete: »Waltham Assistant Professor für
Klinische Ernährung«, finanziert von der Universität
von Florida und Waltham, einer Firma aus dem Mars-
Imperium, zu dem Whiskas und Kitekat gehören.
Als Mitglied im Empfehlungskomitee der USamerikanischen
Forschungsvereinigung für Hunde- und
Katzenernährung (»Subcommittee on Dog and Cat
Nutrition« des »National Research Council Committee
on Animal Nutrition«) war Professor Hill sicher ein sehr
nützlicher Lehrstuhlinhaber. Leider hat er dann
irgendwann das Mars-Label verloren.
Die Tierfutterbranche ist womöglich die Avantgarde
für die privat finanzierten Forschungseinrichtungen an
Universitäten. Die Führungskräfte müssen sich offenbar
auch nicht mehr durch wissenschaftliche Leistungen
ausweisen, sondern durch Wirtschaftskompetenz.
Gerhard Greif, der Präsident der Tierärztlichen
Hochschule (TiHo) Hannover, hat nicht einmal einen
Professorentitel. Auch die Rektorin der
Veterinärmedizinischen Universität Wien hat keinen
Professorentitel, sie ist nicht einmal habilitiert. Sonja
Hammerschmid, so heißt die Chefin der Universität, ist
durch wissenschaftliche Glanzleistungen bisher nicht
aufgefallen. Genau genommen ist sie überhaupt nicht
mit besonderen wissenschaftlichen Leistungen
aufgefallen. Für den Rektorenposten hat sie sich
offenbar durch ihre Erfahrungen in Sachen
Wirtschaftsförderung qualifiziert. Etwa durch ihren
vorherigen Job bei der staatlichen österreichischen
Förderbank, der Austria Wirtschaftsservice Gesellschaft
(aws).
An der Wiener Veterinärs-Uni hatte auch Professor
Jürgen Zentek zeitweilig gewirkt. Das ist der Mann mit
dem Schnauzbart, der auf vielen Fotos mit Royal-Canin-
Kontaktfrau Silvia Leugner zu sehen ist. Professor
Jürgen Zentek ist einer der besonders wichtigen
Experten. Studiert hat er an der TiHo Hannover, hat
sich dort auch habilitiert und saß dann in Wien an der
Veterinärmedizinischen Hochschule auf einem richtigen
Firmen-Lehrstuhl. Am Eingang des Instituts für
Tierernährung erklärte damals ein kleines Plakat die
Organisationsstruktur des Instituts. Unter »Vorstand«
stand dort: »Univ. Prof. Dr. Jürgen Zentek«. Und
darunter: »Stiftungsprofessur Klinische
Tierernährung«. Seinen Wiener Lehrstuhl ließ er sich
vom Futterkonzern Iams (Eukanuba) finanzieren.
Seit 2006 lehrt Zentek an der Freien Universität
Berlin. Von 2007 bis 2010 war er Präsident der European
Society of Veterinary and Comparative Nutrition
(ESVCN). Ihr Hauptsponsor war Nestlé Purina, daneben
sponserte aber auch Royal Canin. Für eine Studie mit
dem Titel: »Nature, Nurture, and the Case for
Nutrition« bekam Zentek auch mal Geld vom Frolic-
Chappi-Konzern. Darin hatte er Trockenfutter und
Dosenfutter sowie ihre Auswirkungen am Beispiel von
Beagle-Hunden verglichen – ein Forschungsfeld mit
besonderen Herausforderungen und Erkenntnissen
(»Die Trockendiät schien dabei eine bessere Kotqualität
zur Folge zu haben«).
Der Professor ist häufig bei Industrie-Symposien zu
Gast, er organisierte auch mal das Royal-Canin-Diätetik-
Seminar an der Veterinär-Uni Wien, zusammen mit
Frau Silvia Leugner. Schließlich ist er auch Autor von
Hill’s Futter-Standardwerk. Zentek schrieb in der
Lohmann-Information, dem Informationsblatt des Agri-
Giganten Lohmann, der neben Hühnern auch
Zusatzstoffe und Aromen verkauft, über das »Potenzial
alternativer Zusatzstoffe«. Die Summe seiner
Erfahrungen wie seinen ganzen Wissensschatz legt er
dem einfachen Hundehalter freundlicherweise in
seinem populären Standardwerk »Ernährung des
Hundes« dar. Klar ist dabei, dass er gegen Fertigfutter
nichts einzuwenden hat. Er trägt zahlreiche Argumente
vor, die für Kommerzfutter und ihre Inhaltsstoffe
sprechen. Die einschlägigen Zusatzstoffe etwa seien
»hinsichtlich ihrer Wirksamkeit und Unbedenklichkeit
geprüft«. Und Vitamine sowie Mineralstoffe seien
»unbedingt erforderlich«. Streng rät er – ganz in der
Colgate-Weißkittel-Werbetradition – dazu, sich auf
»wissenschaftliche Kenntnisse über
Nährstoffansprüche« des Hundes zu verlassen. »Die
praktische Anwendung dieses Wissens sichert eine
artgerechte Ernährung.« Die diesbezüglichen
»Kenntnisse aus der Ernährungsforschung« hätten
»beim Hund einen hohen Stand erreicht«. Und sie
sprechen ganz eindeutig – wofür wohl? Für das
Fertigfutter und seine kunstfertig
zusammengemischten Bestandteile. Das meint
Professor Zentek.
Für die geschmacksmanipulierenden Substanzen im
Futter hat er sogar ein ganz neues Wort gefunden:
»Geschmackskorrigenzien«. Das sind Substanzen, die
den Geschmack ein wenig zurechtrücken. Die Vokabel
ist bei Arzneimitteln gebräuchlich. Sie hätten, meint
Zentek, eine »in der Praxis oft überschätzte Bedeutung«.
Im Einsatz seien »neben Vanille, Fenchel sowie
Natriumglutamat« auch »verschiedene andere
Substanzen«, die zugesetzt werden, »um bestimmte
Geschmackstönungen« zu »simulieren«, die »in
natürlichen Produkten vorkommen (Leber, Huhn,
Fleisch etc.)«. Ganz energisch tritt er allen üblen
Verdächtigungen entgegen. »Die Annahme, dass der
Hund durch diese Zusatzstoffe auf bestimmte
Geschmacksrichtungen geprägt und ein Futterwechsel
erschwert wird, ist wissenschaftlich nicht
nachgewiesen.«
In Wahrheit spielen die Mittel zur
Geschmacksmanipulation natürlich eine ganz zentrale
Rolle für die Futterkonzerne. Denn sie sollen die
»Akzeptanz« fördern. Akzeptanz. Das ist ein sehr
wichtiges Forschungsfeld. Es beschäftigt sich mit der
Frage, wie ich einen Hund dazu bringe, Dosenfutter zu
fressen. Ist offenbar gar nicht so einfach. Schwieriger
noch ist es, eine Katze an die Dose heranzulocken. Oder
ans Trockenfutter.
Gerade die Katze war nicht gleich von Beginn an
bereit, Whiskas, Kitekat und Brekkies zu fressen. Die
Forschung musste darum herausfinden, was man den
Tieren alles vorsetzen kann, ohne dass sie die Aufnahme
verweigern. Seit der »Erzeugung industriell
hergestellter Futtermischungen« fänden »die Akzeptanz
von Futtermitteln und die zugrundeliegenden
Regelmechanismen besonderes Interesse«. Besonders
bei Katzen sei das offenbar ein anspruchsvolles
Ansinnen, angesichts des »eigenwilligen
Nahrungsaufnahmeverhaltens von Katzen«, so die TiHo-
Veterinärin Siewert in ihrer Dissertation aus dem Jahre
2003.
Daneben stellten die neuen Leiden der Tiere die
Forschung vor besondere Herausforderungen. Je mehr
Kommerzfutter, desto mehr Krankheiten. Ein Beispiel:
»Mit dem beginnenden Einsatz von Trockenfuttern
steigt die Häufigkeit der Urolithiasis«, bei der sich
Harnsteine bilden. Die Forschung sucht dabei nur selten
nach gesünderen Alternativen in der Tierernährung, die
womöglich noch jenseits des Kosmos kommerzieller
Produkte liegen, sondern vergleicht lediglich
verschiedene industrielle Futtermittel miteinander.
Forscher, die unvoreingenommen verschiedene
Fütterungsformen untersuchen – Fleisch, Knochen,
Selbstgekochtes –, sind nicht auszumachen. Der
Hamburger Industriekritiker Dirk Schrader fasst die
peinliche Lage der Wissenschaft von der Tierernährung
darum zusammen: »Die Industrie hat das Meinungsund
Wissensmonopol an sich gerissen.« Mit
wissenschaftlichem Erkenntnisstreben, ja
Wahrheitssuche hat das natürlich nicht viel zu tun.
Zarte Kritik kommt da sogar von einer der ganz
Großen des Faches: der Münchner Professorin Ellen
Kienzle. Sie ist eine der angesehensten Vertreterinnen
ihrer Zunft, sogar in Amerika. Als Mitglied einer
Tierernährungskommission der National Academies in
Washington zählt sie, wie übrigens auch Professor
Zentek, zum Herausgeberkreis des Fachblattes Journal of
Animal Physiology and Animal Nutrition. Ellen Kienzle ist
Trägerin des Walter-Frey-Preises der Universität Zürich
sowie Gründungspräsidentin des European College of
Veterinary and Comparative Nutrition. Seit einer
Ewigkeit, nein: seit 1993 ist sie Inhaberin des
Lehrstuhles für »Tierernährung und Diätetik« an der
Ludwig-Maximilians-Universität München. Natürlich ist
sie auch bei den gesponserten Kongressen dabei und
veröffentlicht in den einschlägigen Journalen.
Pferdefreundin ist die Professorin auch noch, darum
hat sie die »Gesellschaft Forschung für das Pferd«
mitgegründet. Im Interview mit der Zeitschrift Freizeit
im Sattel äußerte sie sich einmal über die Ziele des
Vereins – und die Problematik des Sponsorings. Denn
die Gesellschaft der Pferdefreunde soll praxisbezogene
Forschung fördern. Etwa zur Heuqualität in
Pensionsställen. Und Forschung kostet Geld. Woher
nehmen? Frau Kienzle meinte gegenüber Freizeit im
Sattel: »Für solche praxisbezogene Arbeiten kann man
unter Umständen zwar Sponsoren aus der Wirtschaft
gewinnen. Aber das bringt viele Probleme mit sich. Denn
sobald sich ein Forscher teilweise oder ganz von einer
Firma, beispielsweise einem Sattel- oder
Futtermittelhersteller, finanzieren lässt, ist er nicht
mehr unabhängig.« Da möchte Frau Kienzle lieber
unabhängig bleiben: »Unsere Gesellschaft will eine
Alternative dazu bieten«, unabhängige und
tierfreundliche Wissenschaft ermöglichen – dem Pferd
zuliebe.
Tierfreundliche Wissenschaft, das wäre natürlich
wunderbar. Vor allem angesichts der mysteriösen
Veränderungen bei manchen Tieren, die möglicherweise
mit dem Futter zusammenhängen. Und mit gewissen
chemischen Zusätzen. Aber merkwürdigerweise dürfen
die trotz erheblicher Nebenwirkungen weiter verkauft
werden. Tierfreundlich ist das nicht.
9.
Blaue Lippen
Chemie im Futter bedroht die
Gesundheit unserer Tiere
Leberkrebs, Missbildungen, Libidoverlust: Und
alles durch einen Zusatzstoff im Futter / Was
hat der Alterungsschutz für Gummi im
Tierfutter zu suchen? / Wie Chemiegeschmack
dick macht / Epileptische Anfälle durch den
Geschmacksverstärker Glutamat?
Die Berichte von Tierärzten und Hundezüchtern
klangen alarmierend. Ein Rottweiler-Züchter berichtete
von einem Hund, der an Leberkrebs gestorben war. Ein
Züchter von Deutschen Schäferhunden meldete
Mundkrebs bei einem seiner Hunde. Eine Züchterin für
Pudel und Collies beobachtete plötzlich, dass
Hündinnen, die zuerst regelmäßig »wie ein Uhrwerk«
Nachwuchs geworfen hatten, nun plötzlich auffällige
Lustlosigkeit an den Tag legten. Einige Welpen kamen
gar mit Missbildungen zur Welt, ohne Beine, Schwanz
oder Geschlechtsorgane. Eine Tierärztin berichtete von
bizarr missgebildeten Kälbern, bei denen die Augen auf
der Rückseite des Kopfes lagen, die ohne Ohren zur Welt
gekommen waren oder auch mit Beinen, die
falschherum angewachsen waren.
Die Ursache war, so vermuteten jedenfalls die
argwöhnischen Fachleute, eine Substanz namens
Ethoxyquin. Der Stoff findet sich mitunter im
Tierfutter, ganz legal, er ist unter dem Kürzel E324 als
Zusatzstoff zugelassen. Als Pestizid ist er seit 2011
verboten, als Konservierungsstoff fürs Tierfutter ist er
aber weiter erlaubt. Für die Tiere ist so ein Stoff
natürlich etwas ungewohnt, freiwillig würden sie so
etwas niemals fressen. Tiere, wie überhaupt alle
Lebewesen, fressen ja eigentlich nur Sachen, die gut für
sie sind. Sie wären ja sonst auch schön blöd und vor
langer Zeit ausgestorben. Jetzt aber finden sich Stoffe
im Futter, die sich die Tiere gar nicht ausgesucht haben.
Und die ihr Organismus auch gar nicht braucht, die ihm
sogar eher schaden. Das sind Substanzen, die nicht den
Tieren zuliebe eingesetzt werden. Auch bei Ethoxyquin
verhält es sich so.
Ethoxyquin ist einer dieser Stoffe, die nur der
Industrie nützen: Sie muss ihre Futtermittel
konservieren, damit sie möglichst lange halten. Das
Futter muss weite Transporte überstehen und auch den
Aufenthalt in Lagerhallen und, bei Haustierfutter, im
Supermarkt. Das Industriefutter wurde ja nicht für die
Bedürfnisse der Tiere geschaffen, sondern für die
Bedürfnisse der beteiligten Geschäftszweige, also für
Nahrungshersteller, Entsorgungswirtschaft,
Futtermittelproduzenten und ihre Zulieferer wie auch
für Supermarktkonzerne.
Es soll billig sein, möglichst profitabel und es muss
lange halten. Daran orientieren sich Beschaffenheit und
Zusammensetzung, kurz: die Qualität des Tierfutters.
Verbessert wird sie dadurch nicht, jedenfalls nicht im
Interesse der Tiere. Allein die oft mehrmalige Erhitzung
zerstört noch vorhandene wertvolle Inhaltsstoffe. Hinzu
kommt eine Fülle von Chemikalien.
Konservierungsstoffe, Farbstoffe, Geschmacksstoffe wie
Aromen. Die sollen dafür sorgen, dass »Akzeptanz«
herrscht – und das Tier nicht jaulend vorm Napf flieht.
Verwendung finden auch Substanzen, die eine
besondere gesundheitliche Qualität suggerieren sollen:
Vitamine und Mineralstoffe beispielsweise. Klingt
schön. Doch auch sie können dem Organismus durchaus
schaden, wenn sie im Übermaß verabreicht werden. Zu
wenig an Inhaltsstoffen ist natürlich auch nicht gut.
Dann leidet das arme Tier unter Mangelerscheinungen.
Das rechte Maß ist dabei Glückssache – man steckt ja
nicht drin. Und niemand weiß so genau, was ein Tier
wirklich braucht. Sicher aber ist: Stoffe wie Ethoxyquin
braucht definitiv kein Tier.
Wegen der anhaltenden Kritik an Ethoxyquin
müssen sich die Aufsichtsbehörden immer wieder mit
der Chemikalie befassen. Sie konnten sich bisher aber
nicht dazu durchringen, den Stoff zu verbieten. So
entschied die europäische
Lebensmittelsicherheitsbehörde Efsa im November 2015,
sie könne in Sachen »Ethoxyquin als Futtermittelzusatz«
leider »keine abschließende Bewertung der Sicherheit
für Verbraucher oder die Umwelt vornehmen«, weil ein
genereller »Mangel an Daten für die
Sicherheitsbewertung« besteht.
Das ist natürlich eine sehr originelle Haltung. Denn
wenn die Sicherheit nicht nachgewiesen ist, müsste man
das Zeug eigentlich sofort vom Markt nehmen. Zumal
zahlreiche Berichte über die schädlichen Effekte von
Ethoxyquin vorliegen. Auch die amerikanische
Aufsichtsbehörde FDA (Food and Drug Administration)
fand die Berichte nicht besorgniserregend genug, um
die Chemikalie vom Markt zu nehmen. Schließlich gab
es genug Studien, unter anderem auch von der
Herstellerfirma Monsanto, die der Chemikalie
Unbedenklichkeit attestierten. Bei genauerer
Betrachtung wiesen manche dieser Studien allerdings
einige Merkwürdigkeiten auf.
Bei einer Gruppe von Hunden, die die Höchstdosis
von 100 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht
bekommen hatten, wurde der Versuch wegen
Vergiftungserscheinungen abgebrochen. Alle
Versuchsteilnehmer aus dieser Gruppe mussten schon
nach neun Wochen eingeschläfert werden. Im Fall einer
Hündin wurde nach 40 Wochen bei einer bescheidenen
Drei-Milligramm-Dosis eine Pilzkrankheit
diagnostiziert, die sogenannte Histoplasmose. Bei
anderen Versuchstieren ging das Gewicht zurück, die
Leber arbeitete nicht mehr richtig, bei vielen stiegen die
Entzündungswerte auffällig an. Besonders seltsam war:
Der Urin mancher Versuchstiere verfärbte sich
urplötzlich, wurde entweder ganz dunkel,
bernsteinfarben oder grün bis braun. Mitunter waren
Herz, Leber, Nieren auch schon bei geringer Dosis
auffällig vergrößert.
Dass der Organismus verstört reagiert, Alarm schlägt
und schließlich seine Funktionsfähigkeit verliert, ist
kein Wunder. Ethoxyquin ist nichts für Tiere. Den Stoff
gibt es auch nirgends in der Natur. Er wurde erst 1920
von einem deutschen Chemiker namens Heinrich Emil
Albert Knoevenagel (1865–1921) entdeckt und 1959 vom
Chemiekonzern Monsanto auf den Markt gebracht – als
Alterungsschutzmittel für Gummi. Der Markenname für
das Ethoxyquin lautete Santoquin. Und wie das so ist in
der industriellen Parallelwelt der Nahrung: Jetzt müssen
halt die Tiere den Alterungsschutz für Gummi fressen,
weil die Futterhersteller das so wollen.
Denn für sie ist der Stoff ohne Zweifel nützlich. Der
Alterungsschutz für Gummi kann praktischerweise auch
das Futter für die Haustiere vor den Folgen des
Alterungsprozesses schützen. Mit dieser chemischen
Anwendung lassen sich die Produkte länger verkaufen,
weil damit die Zutaten fürs Tierfutter aus den
Tierkörperbeseitigungsanstalten und all die anderen
Ingredienzien, die sie dazumischen, haltbarer gemacht
werden. Vor allem die Fette drohen ja schnell zu
vergammeln und ranzig zu werden.
Auch in der Europäischen Union ist Ethoxyquin als
Futtermittelzusatzstoff zugelassen, unter der Nummer
E324 – allerdings nicht für Hunde. Für alle anderen Tiere
schon. »Santoquin«, wirbt der mittlerweile von
Monsanto abgespaltene Hersteller namens Novus,
»schützt die Futterzutaten« und verlängert das »Shelf
Life« des Futters. Es geht also um die Lebensdauer der
Produkte im Regal (»Shelf«), um die Haltbarkeit der
Produkte im Supermarkt und im Herstellungsprozess.
So räumt beispielsweise Hersteller Eukanuba ein, bei
seinen Produkten werde Ethoxyquin »verwendet, um
die empfindlichen Fettsäuren zu schützen«.
Insbesondere auch die »fettlöslichen Vitamine A, D, E
und K«.
Die empfindlichen Fettsäuren schützen – das muss
man natürlich nur, wenn man die Sachen länger
aufbewahren möchte, als eigentlich gut für sie ist. Wenn
die Nahrung gegessen wird, bevor sie verdorben ist,
dann muss man auch keine Fettsäuren schützen. Die
Tierfutterhersteller aber (wie übrigens auch die
Hersteller von Nahrung für Menschen) wollen die
Waren möglichst lang verkäuflich halten. Schließlich
sind auch weite Wege zu überbrücken. Und es ist ein
weiter Weg vom Schlachthof über die
Tierkörperbeseitigungsanstalt und die Tierfutterfabrik
bis zum Supermarkt. Manche Erzeugnisse haben gar
transatlantische Reisen hinter sich.
Die industriellen Tierfutterproduzenten sind aber
nicht nur auf Chemikalien angewiesen, die die
Verderbnis künstlich hinauszögern. Sie brauchen auch
Stoffe, die unangenehme Gerüche und
Geschmacksnoten »maskieren«, was jeder
nachvollziehen kann, der einmal die Duftnote einer
Tierkörperbeseitigungsanlage in der Nase hatte, die
häufig die Rohstoffe für die tierischen Leckereien zur
Verfügung stellt. Die Futterhersteller brauchen auch
Stoffe, die dafür sorgen, dass die Cremes, Soßen und
Füllungen der Dosen anständig zusammenhalten und
nicht gleich zerfallen.
Sie freuen sich auch über Chemikalien, mit denen die
Hühner, Schweine und Rinder profitabler arbeiten,
mehr Milch geben, mehr Mastgewicht zulegen, mehr
Eier legen.
Kurz: Kein Schwein braucht Chemie im Futter. Der
Löwe fände es vermutlich ziemlich absurd, wenn das
Leben seiner Lieblingsspeise Antilope mit Chemikalien
künstlich verlängert würde. Die Gemsen grasen auch
gern ohne Geschmacksverstärker auf der Matte. Der
Eisbär fängt und frisst Fische, auch ohne dass diese mit
Farbstoffen verhübscht worden wären.
Die Zusatzstoffe sind nur für den industriellen
Verarbeitungsprozess und für die Verteilung im
weltweiten System der Supermärkte wichtig.
Zusatzstoffe sind auch gesundheitlich nicht
unproblematisch. Natürlich gibt es manche, die
harmloser sind, und andere, die kritischer zu bewerten
sind. Manche der chemischen Zutaten können zu
Allergien führen, andere zu Immunstörungen. Einige
können das Gehirn beeinflussen, das Denkvermögen
und die Psyche. Mitunter können sie die Verdauung
stören und zu Übergewicht führen. Und je mehr diese
Substanzen im Futter verbreitet sind, desto größer ist
das Risiko.
Mittlerweile sind sie ziemlich weit verbreitet. Im Jahr
2015 wurden weltweit Futterzusatzstoffe für 18
Milliarden US-Dollar verkauft. Je nach Effekt gibt es
eine Fülle von chemischen Zutaten. Zum Beispiel zur
Dotterfärbung im Ei. Welche Farben da zum Einsatz
kommen, das ist heute lehrbuchmäßiges Grundwissen
für den Hühnerbaron. So schreibt Professor Manfred
Kirchgeßner in seinem Standardwerk über
Tierernährung: »Die zur Dotterfärbung notwendigen
Farbstoffe müssen dem Tier mit dem Futter zugeführt
werden. Dadurch ist je nach den Verbraucherwünschen
(Frühstücks-, Industrieei) eine bestimmte Dotterfarbe
zu erreichen.«
Die Farbe entsteht seit je durch das Futter. Mais
macht gelb, Gras grün, Paprika rot. Wenn Lachse kleine
Krebse fressen, wird ihr Fleisch rot. Müssen sie aber
nicht. Oder genauer: Dürfen sie nicht. Krebse, das wäre
ja viel zu teuer für die Betreiber der Lachsfarmen.
Anstelle von natürlicher Nahrung gibt es ja E161j: Das ist
ein Stoff namens Astaxanthin. Er sorgt bei Lachsen und
Forellen dafür, dass ihr Fleisch schön rosa wird. Der
Lachsfarmer könnte auch Canthaxanthin nehmen
(E161g). Das ist auch für Geflügel zugelassen,
ausgenommen die Legehennen. Es ist auch in
Bräunungscremes für Menschen gebräuchlich, was
erkennen lässt, wie weit sich Mensch und Huhn schon
angenähert haben. Der Tönungsstoff erwies sich im
Übrigen als gesundheitsschädlich. Er kann, so zeigten
einzelne Fälle, ein sogenanntes Goldflimmern im Auge
erzeugen. Außerdem kann er das Blutplasma orange
färben. Und er hat auch, so wird gemunkelt, einmal zu
Blutarmut geführt.
Eine Fülle von solchen Substanzen ist zur
Manipulation der Farbgebung zugelassen: auch
sogenannte Azofarbstoffe wie E110 (Gelborange S) oder
E102 (Tartrazin). Die kommen in der Natur nicht vor. Sie
werden ausschließlich chemisch hergestellt, aus Teer
ursprünglich, neuerdings aus Rohöl. Diese
Azofarbstoffe können, wie wissenschaftliche Studien
nachwiesen, zu Hautproblemen führen. Bei Kindern
können sie auch für Hyperaktivität und Lernstörungen
verantwortlich sein. Sie sind für Zierfische, aber auch
für »körnerfressende Ziervögel« sowie »Kleinnager«
zugelassen. Wenn der Zierfisch also demnächst wild
umherschwimmt oder das Meerschweinchen
durchdreht: Vielleicht war es ja das Futter.
Zugelassen sind laut Futtermittelverordnung
Hunderte von Stoffen, darunter auch Spurenelemente
und Vitamine, Medikamente und sogenannte
Leistungsförderer für Legehennen, Truthühner,
Masthühner, Ferkel, Schweine, Kälber und Rinder.
Maßgeblich ist die einschlägige EU-Verordnung:
1831/2003. Da gibt es einen »Anhang 1: Liste der
Zusatzstoffe«. Der hat schon 185 Seiten. Und in Anhang
2 befinden sich nochmal 310 Seiten.
Die sogenannten Antioxidantien etwa sorgen dafür,
dass das Tierfutter nicht so schnell verdirbt. Darunter
sind eher harmlose Konservierungsmittel wie etwa
diverse Vitamine. Zugelassen ist auch die in Softdrinks
für Menschen allgegenwärtige Zitronensäure, die bei
Menschen die Zähne zerstört und auch zur Aufnahme
von Aluminium im Gehirn beitragen kann. Sie ist etwa
in »Hill’s Science Plan Canine Adult Trocken- und
Nassfutter« enthalten.
Kritiker sind höchst skeptisch angesichts all dieser
Substanzen, die früher »Fremdstoffe« hießen. Die
Tierärzte um Michael W. Fox (»Not Fit for a Dog«) sehen
eine ganze Reihe von Zusatzstoffen als »potenziell
gefährlich« an: die Azofarben, aber auch »natürliche«
Farbstoffe, die Carotinoide etwa, ferner Nitrite und
Ascorbate, Kaliumsorbat (E 202), Natriumnitrit (E250),
Phosphorsäure (E338), die auch in Coca-Cola enthalten
ist, die aus Limo bekannte Zitronensäure (E330) und
andere Säuren. Außerdem sei Süßes wie Zucker
(Sucrose) gesundheitsgefährdend oder auch der
industriell hergestellte Fruchtzucker Fruktose, ferner
Emulgatoren und Stabilisatoren, Verdickungsmittel wie
Pektin, Xanthan, Guarkernmehl, Carrageen.
Ebenso verwendet wird der höchst problematische
Zusatzstoff Natriummetabisulfit (E223). Damit halten
die Futtermittel länger. Er kann aber auch bewirken,
dass aggressive Bakterien im Darm wachsen. Sie
durchlöchern die Darmwand und ermöglichen, dass
Krankheitserreger, Schadstoffe und Allergene ins
Körperinnere eindringen (siehe Hans-Ulrich Grimm:
»Chemie im Essen«). Die Menschen, vor allem Kinder,
kennen das vom Kartoffelpüree aus der Tüte. Es ist aber
auch zugelassen für »alle Futtermittel«, also auch
Hunde- und Katzenfutter.
Verwendet werden überdies ähnlich problematische
Substanzen mit zungenbrecherischen Namen wie
Butylhydroxyanisol, abgekürzt BHA (E320), oder
Butylhydroxytoluol, kurz BHT (E321). BHA und BHT
können in großen Mengen zur lebensgefährlichen
Blausucht führen, die durch eine typische Blaufärbung
von Lippen, Schleimhäuten und Haut gekennzeichnet
ist. Dabei wird die Sauerstoffbindung in den roten
Blutkörperchen unterbunden, was besonders bei
Kindern zu akutem Sauerstoffmangel bis hin zum
Erstickungstod führen kann (Fachbegriff:
»Methämoglobinämie«). Aus diesem Grund ist die
Anwendung in Kinder- und Säuglingsnahrung verboten.
Bei Tier- und Reagenzglasversuchen veränderte E320
in großen Mengen das Erbgut, vor allem in Zellen des
Magen-Darm-Traktes. In Langzeittierstudien zeigten
sich E320 und E321 bei Einnahme großer Mengen als
krebserregend und verursachten Magen- und
Leberkrebs bei Mäusen.
Solche synthetischen Antioxidantien, die häufig aus
Konservierungsgründen hinzugefügt werden, können
überdies »zur Entstehung von
Schilddrüsenerkrankungen beitragen«, so die Autoren
von »Not Fit for a Dog«, weil sie die Fähigkeiten des
Körpers zur Selenaufnahme beeinträchtigen und die
Bioverfügbarkeit von Vitamin A und E beeinflussen.
Überdies könnten »die steigenden Raten von Leukämie«
und auch die »chronische Immunschwäche unter
Haustieren mindestens teilweise zusammenhängen mit
der weitverbreiteten Verwendung von chemischen
Antioxidantien und anderen Zusatzstoffen, die in der
kommerziellen Haustiernahrung eingesetzt werden, vor
allem, damit das Fett nicht ranzig wird«.
Die Konsequenz: »Haustierhaltern wird deshalb
geraten, kommerzielle Haustiernahrung und Leckerlis
zu meiden, die synthetische Antioxidantien enthalten
wie BHA, BHT, Propylgallat (E310) und Ethoxyquin.«
Immerhin: Manche der Zusätze dienen der
Geschmacksverbesserung. Da hat wenigstens das liebe
Tier was davon, möchte man meinen: mehr Genuss an
Trog und Napf. Doch selbst die Zusätze, die den
Geschmack verbessern, werden nicht aus reiner
Tierliebe eingesetzt. Selbst hier gibt es Hintergedanken,
und der Leistungsgedanke ist nur einer davon.
Das Geschäft mit dem Geschmack will sich offenbar
kaum jemand im Tierfutter-Business entgehen lassen.
Der deutsche Kunstgeschmacks-Gigant Symrise aus dem
niedersächsischen Holzminden, hervorgegangen aus
den traditionsreichen Aromaproduzenten Dragoco und
Haarmann & Reimer, versorgt das liebe Vieh. Auch der
Cuxhavener Lohmann-Konzern, der mittlerweile im
amerikanischen Tierpharmakonzern Elanco
aufgegangen ist, hält laut Prospekt die von den
Haustieren bevorzugten Aromen »in verschiedenen
Varianten für alle Tierarten« bereit. Als eine unter vielen
liefert die Firma Gepro Geflügel-Protein Vertriebs-
GmbH & Co. KG, Diepholz, Geschmack. Gepro ist laut
Eigendarstellung »ein Zusammenschluss von
norddeutschen Geflügelschlachtereien«. Sie hat sich
zum Ziel gesetzt, »hochwertige Geflügeleiweiß- und
Geflügelfettprodukte mit ausgewogenen Inhaltsstoffen«
herzustellen, und beliefert nach eigenen Angaben
»weltweit« die Haustierfutterindustrie.
Gepro hat beispielsweise einen Geschmack namens
»7064 Trigarol Dog Gravy« für Hunde im Angebot. Das
Produkt »ermöglicht die Entwicklung bestimmter Soßen
in trockenem Hundefutter, Instantdrinks oder
Mashprodukten«. Und auch für Katzen gibt es was:
»4036 Trigarol Cat Premium P«. Das verstärke »die
Akzeptanz von trockenem Katzenfutter«, und zwar
»unabhängig« von dem »jeweiligen
Katzenfuttergrundgeschmack«. Und »7613 Trigarol Dog
Profi P« verstärke seinerseits »die Akzeptanz von
trockenem Hundefutter«, gleichfalls unabhängig vom
»jeweiligen Hundefuttergrundgeschmack.« Mit diesen
Geschmäckern kann man den Hunden und Katzen
offenbar jedes beliebige Futter unterjubeln, unabhängig
davon, was es ist und wie es schmeckt.
Im Sinne der Tiere ist das nicht. Für sie ist
Trockenfutter ohnehin nicht das Gesündeste. Sie
würden es offenbar, ganz vernünftig, instinktiv meiden.
Mit den Geschmacksstoffen aber wird ihnen etwas
anderes vorgegaukelt – und sie werden so verleitet,
etwas zu fressen, was ihnen nicht guttut und sie sogar
krank macht. Besonders perfide ist, dass die Aromen
den armen Tieren vorgaukeln, sie würden hier etwas
Natürliches fressen, das schon ihren Vorfahren vertraut
war.
So haben die Aromakünstler auch die Leibspeisen für
unsere vierbeinigen oder gefiederten Freunde
nachgebildet: Die Katze kriegt, ganz ohne Jagd und
Mühe, ein Aroma Marke »Maus«, und für Hühner haben
die Chemiker eine Komposition vom Typ »Regenwurm«
zusammengestellt. Eine besonders bewundernswerte
Leistung der Labor-Mannschaft, vor allem hinsichtlich
der sicher schwierigen Untersuchung, wie denn wohl
das Original schmeckt.
Die Aromafabrik Bell Flavors & Fragrances hat für
Schweine sogar das Aroma »Trüffel« im Angebot und
fürs Pferd beispielsweise die Geschmacksrichtung »Heu
& Kraut«. Da wächst die Gefahr, dass dem armen Tier
etwas untergeschoben wird, was es nie fräße, nur weil es
schmeckt wie die geliebte Wiese.
So kann es gehen, beispielsweise, mit dem Geschmack
Marke »Bigarol Herbarom L« für Rinder. Es »vermittelt
den typischen Geruch von frischem Heu einer
Kräuterwiese«, so der Prospekt. Denn es spielt eine
große Rolle, dass die Tiere Dinge fressen, die ihnen
eigentlich unangenehm aufstoßen würden. Aroma hilft,
die natürliche Ekelschwelle zu überlisten. Der Prospekt
für die Bigarol-Aromen wirbt sogar damit: Beispiel
»Bigarol Troparom L«. Der Stoff täuscht das Schwein
über die wahre Zusammensetzung seines Frühstücks
hinweg. »Bigarol TroparomL« sorgt für eine »frischfruchtige
Himbeer-Erdbeer-Note unterlegt mit reifen
Waldbeeren« und ist daher »bestens geeignet zur
Aromatisierung von Problemfuttermitteln im
Schweinefutterbereich«, wie die Herstellerfirma in ihrer
Produktinformation schreibt. Das Mittel ist zum
Aufsprühen gedacht und in mehreren Packungsgrößen
erhältlich, vom 30-Kilo-Plastikkanister, der immerhin
schon für 375 Tonnen Futtermittel reicht, bis zum 800-
Kilo-Mehrwegcontainer für 10000 Tonnen
Problemfuttermittel. Die Agro-Lieferanten denken
offensichtlich vor allem an etwas größere Ställe.
Bei anderen Aromen wird deutlich, um welche
Problemfuttermittel es sich handelt. Das Spezialaroma
»Bigarol PomaromP« etwa, das auch Rindviechern
vorgesetzt wird, »maskiert unerwünschte Futterfett-
Noten«, und zwar mit Hilfe des Geschmacks von Äpfeln.
Die armen Schweine bekommen »NectaromP«, es bringt
eine »harmonisch mit Waldmeister abgerundete Vanille-
Milch-Note« ins Menü, das in Wahrheit grauslig
schmecken würde. Das Waldmeister-Aroma aber
ermöglicht: »Beste Kaschierung von medizinischen,
metallischen und chemischen Noten bei
Mineralfuttermischungen.«
Oder »Bigarol LactaromP« für Kälber: Es »maskiert
hervorragend Bitterstoffe, Futterfett-Noten und
Eigennoten von tierischen Proteinträgern (Tier-, Fisch-,
Blutmehl)«. Es schmeckt auch ganz anders und lenkt ab
von ekligem Tiermehlgeschmack (»Süße Kokos-Vanille
mit einer Buttermilch-Note verfeinert und fruchtig
abgerundet«). Der Prospekt bekennt: »›Bigarol‹-
Spezialaromen für Tierfutter werden überall dort
eingesetzt, wo unangenehm schmeckende Inhaltsstoffe
maskiert werden sollen, um eine bessere Akzeptanz zu
erreichen.«
Die Aromachemikalien werden eingesetzt, um noch
den letzten Müll genießbar zu machen. Die Hersteller
der Aromen verschweigen das nicht einmal – jedenfalls
nicht gegenüber den Tierfutterfabriken. Die Aromen im
Futter können den »anrüchigen Geschmack von
billigsten Futterrationen effektiv maskieren«,
verkündete der US-Produzent Agrimerica, dankenswert
ehrlich, im Prospekt für seine Futteraromen. Auch
Danisco wirbt mit diesem Effekt bei seinen »Flavodan«-
Aromen: »Maskiert unangenehme Zutaten« und
ermöglicht so »mehr Flexibilität und verringerte Kosten
bei Futter-Rezepturen«.
Es geht um die Maskierung des Mülls.
Die Zugabe von Aromen erleichtert auch die
artwidrige Fütterung von Tieren, lässt den Rindern
Getreide munden, das ihnen eigentlich nicht guttut.
Darin ist nach neuen Erkenntnissen die Ursache für die
Ausbreitung von Krankheitserregern wie den
gefährlichen neuen Stämmen von E. coli-Bakterien zu
suchen. Die Manipulationen sind nötig, um die
Kontrollmechanismen der Tiere auszutricksen. Der
Geschmack spielt bei vielen Tieren eine viel größere
Rolle als beim Menschen. Während der Mensch über
9000 Geschmacksknospen hat, sind es beim Schwein
schon 15000 und beim Kalb sogar 25000
Geschmacksknospen.
Die Folgen dieser Geschmacksmanipulationen sind
für die Tiere, aber auch für die Menschen
schwerwiegend. Just jene Zutaten, deren verdächtiger
Geschmack »maskiert« wird, sind oft ungesund.
Als eine der Ursachen für die Rinderkrankheit BSE
gilt bekanntlich der Umstand, dass die Tiere
artwidrigerweise Tiermehl bekamen. Das, wie auch das
krank machende Trockenfutter, hätten die Tiere wohl
nie gefressen – einfach aufgrund des unangenehmen
Geschmacks.
Auch die medizinischen Geschmacksnoten mögen die
Viecher offenbar nicht. Sie sind auch nicht gut, weil sie
bekanntlich langfristig die Wirkung von Antibiotika
beeinträchtigen. Die armen Tiere aus der Quälzucht aber
müssen regelmäßig Medikamente fressen, um gegen die
vielen Krankheitserreger im Massenstall gewappnet zu
sein. Die Tiere wollen das nicht, sie »haben ein Problem
mit der Annahme einer Medizin, wenn diese ohne ein
überdeckendes Aroma verabreicht wird«, weiß der
Aromaproduzent Bell Flavors & Fragrances, der
dankenswerterweise eine aromatische Lösung für das
Problem parat hat.
Die Geschmacksmanipulationen haben aber noch
einen weiteren Grund. Sie dienen auch als
Masthilfsmittel. Der mittlerweile amerikanisierte
Cuxhavener Zusatzstoff-Spezialist Lohmann etwa
verkündete ganz offen, seine Aromen hätten die
Funktion der »Absicherung« oder gar »Steigerung« der
Futteraufnahme. »Faktoren, die auf die Futteraufnahme
einen negativen Einfluss haben (z.B. bitter schmeckende
Substanzen), können überdeckt und somit in ihren
Auswirkungen begrenzt werden.« So heißt es in den
Produktinformationen zu den Lohmann-
Geschmacksmitteln »Cuxarom Vanilac 100«. Ähnliches
gilt für »Cuxarom Spicemaster P«, die Aromamixtur mit
einer »weichen, süßlichen Kräuternote« oder für »Piglet
Cherry-Almond 100«.
Auch bei den Süßstoffen spielt der Masteffekt eine
wichtige Rolle. Bei den Menschen sollen sie ja schlank
machen, worüber auch Christina Hof in einem Artikel
über »Süßstoffe in der Tierernährung« in der
Publikationsreihe »Lohmann Information« schrieb.
Die Hoffnung trüge allerdings hin und wieder,
weswegen schon die New York Times über den Umstand
berichtet habe, dass Diät-Softdrinks nicht unbedingt
schlank machen. Und sie schloss daraus, dass die
Süßstoffe vielleicht mitunter dick machen könnten. Im
Schweinestall ist es nicht unangenehm, wenn »Süßstoffe
womöglich sogar die Gesamtkalorienaufnahme
erhöhen«, meint daraufhin Frau Hof: »Für den
Nutztierbereich« könne man »diese Erkenntnisse
aufgreifen, um die Futteraufnahme und damit eventuell
die tägliche Zunahme abzusichern und zu verbessern«.
Neben den Süßstoffen wird eine Vielzahl anderer
Geschmacksverbesserer gezielt eingesetzt, damit die
Tiere mehr fressen. Es eignen sich dafür beispielsweise
die Aromen. Wie etwa »Flavodan™ SB-185«, ein
Futteraroma in Pulverform aus dem Hause Danisco,
Geschmacksrichtung Erdbeere. Damit nehmen Ferkel
schneller zu. Das ergaben Vergleichstests mit
verschiedenen Futterarten und Geschmacksrichtungen.
120 Versuchsferkel, alle zwei bis sieben Wochen alt,
durften antreten beim großen Vergleichsfressen im
Nationalen Institut für Tierwissenschaften im
dänischen Foulum (siehe Hans-Ulrich Grimm: »Die
Suppe lügt«).
Im Ergebnis nahmen die armen Ferkel, die das
normale Futter bekamen, nur 301 Gramm am Tag zu. Die
Genießer, die sich an »Flavodan™ SB-185« gütlich tun
durften, dem Erdbeer-Aroma-Futter, nahmen täglich um
322 Gramm zu. Und noch mehr legte eine weitere
Gruppe zu: Sie bekam, gewissermaßen als Nachtisch,
»Flavodan™ MC-147« – Sahne! Sahne-Aroma, um genau
zu sein. Damit nahmen sie sogar 325 Gramm täglich zu.
Darüber lag nur noch eine Gruppe, die einen Süßstoff
bekam.
Die Firma Danisco ist mit solchen
Geschmacksverschönerungsprodukten sehr erfolgreich.
Sie ist rund um den Globus in 40 Ländern vertreten: so
in Spanien, Deutschland, Portugal, zudem in
Argentinien, Brasilien, Chile, Japan, Kanada,
Kolumbien, Malaysia, Mexiko und den USA. Mittlerweile
gehört sie zum amerikanischen DuPont-Konzern.
Danisco zählt sich zu den weltgrößten Herstellern
von Lebensmittel-Zutaten, liefert auch Aromen für
Menschen und allerlei andere Additive für die
Lebensmittelproduktion sowie, so ist die Welt
heutzutage, auch für die Plastik-Industrie. Bei den
Futtermittelproduzenten sind die Stoffe sehr begehrt.
Mehr futtern: Das ist ein schönes Ziel, und sehr
verständlich, jedenfalls aus der Sicht der
Futterfabrikanten und der Aromaproduzenten und der
Agro-Fabriken. Im Sinne der Tiere und ihrer Halter ist
es natürlich nicht. Denn die leiden ja unter Übergewicht.
»Das Übergewicht bei Haustieren scheint genauso
problematisch zu sein wie das Übergewicht bei
Menschen«, sagt die amerikanische
Tierernährungsspezialistin Dr. Elisabeth Hodgkins, die
beklagt, dass die Hunde »nicht mehr unterscheiden
zwischen dem, was sie brauchen, und dem, was sie
wollen«.
Und das ist womöglich gerade das Verdienst der
Aromatisierung.
Denn es wurde einiges an menschlicher
Geistesleistung darauf verwendet, den Tieren die
instinktive Fressbremse, das natürliche Gefühl für
Sättigung, abzugewöhnen. Zum Beispiel bei der im
Symrise-Konzern aufgegangenen Firma Haarmann &
Reimer, der Aromafabrik aus Holzminden. Sie hat sich
schon vor Jahren ein Verfahren, das die Futteraufnahme
erhöht, beim Europäischen Patentamt patentieren
lassen, unter der Nummer 0043486A2 (siehe Hans-Ulrich
Grimm: »Die Suppe lügt«). Das Patent betrifft ein
»neues Aromamittel für Tierfutter, ein Verfahren zum
Verändern des Aromas bzw. Duftes von Tierfutter und
das nach dem Verfahren hergestellte Tierfutter«. Denn,
so die Patentschrift: »Tiere, insbesondere Haustiere,
bevorzugen bestimmte Nahrungsmittel, wobei das
Aroma eine ausschlaggebende Rolle spielt. Aus diesem
Grunde kommt der Aromatisierung von Tierfutter eine
besondere Bedeutung zu.« Die Firma hat nun ein
Aromamittel gefunden, das einen etwas komplizierten
Namen hat: »2-Methyl-3-mercaptothiophen«.
Glücklicherweise müssen die Tiere das Zeug nicht
aussprechen, sondern nur fressen, und das tun sie laut
Patentschrift liebend gern: »Tierfutter mit dem
erfindungsgemäßen Aromamittel wird von den Tieren
besonders bevorzugt.«
Das wurde natürlich in Tests ausgiebig geprüft. Die
Versuchsleiter gaben Hunden und Katzen zwei Näpfe:
einen mit normalem Futter, einen mit dem
aromatisierten Futter. Beide Näpfe wurden so gut
gefüllt, dass die Tiere sie sicher nicht leer fressen
würden. Nach jeder Mahlzeit wurde gemessen, was sie
im jeweiligen Napf übrig ließen. Die Hunde durften
sieben Tage lang testen, die Katzen zehn Tage lang. Das
Ergebnis: Alle Viecher bevorzugten den Aromafraß. Die
Hunde entnahmen davon durchschnittlich 61,3 Prozent,
vom Nichtaromatisierten nur 38,7 Prozent. Die Katzen
favorisierten das Futter mit dem künstlichen Geschmack
noch deutlicher: Sie schluckten 70,1 Prozent vom
Aromafutter und vom anderen nur 42,8 Prozent.
Aroma steigert das Gewicht, das ergab eine Studie
amerikanischer Wissenschaftler um Brynn S. Seabolt
von der North Carolina State University aus dem Jahr
2010, die im Journal of Animal Science veröffentlicht wurde.
Die – bei der Schweinemast erwünschte –
Gewichtszunahme wird erreicht, indem »relativ
unliebsame, aber kostengünstige Zutaten«
geschmacklich »maskiert« werden, wodurch die
»Palatibilität« und damit die Verzehrsbereitschaft
erhöht wird. Ergebnis: Ferkelchen legt schnell schön an
Gewicht zu.
Wenn Katzen also, wie zu hören ist, Whiskas kaufen
würden, dann könnte es ja daran liegen, dass der feine
Geschmack aus der Fabrik drin ist: Jedenfalls steht es so
auf den Etiketten der amerikanischen
Produktversionen. »Whiskas mit Rind«, »Whiskas mit
Lamm und Geflügel« hat ihn, auch »Sheba mit Seezunge
in Aspik«. Das »Gourmet Dinner« von Friskies, der
Tierfutter-Tochter von Nestlé, enthält das industrielle
Aroma, und auch die »Spezialität mit Rind und Huhn
für erwachsene Katzen« aus dem gleichen Hause.
Auf den deutschen Etiketten steht davon nichts. Es
steht auch nichts von Glutamat darauf und nichts von
Süßstoffen. Obwohl die Zusatzstoff-Produzenten so von
diesen Sachen schwärmen, sind sie auf den Etiketten
nirgends zu finden. Das bedeutet nicht, dass diese
Chemikalien nicht drin wären.
Es ist nur so: Die Leute aus der Tierfutterindustrie
dürfen zwar den Geschmack nach Herzenslust
manipulieren. Die entsprechende EU-Verordnung gibt
diesbezüglich alles frei, was es gibt. Unter »3. Aromaund
appetitanregende Stoffe« sind erlaubt: »Alle
natürlich vorkommenden Stoffe und die ihnen
entsprechenden synthetischen Stoffe«. Alles, was die
Hexenküche der Chemie zur Geschmacksmanipulation
hergibt, ist mithin von der EU zur Verarbeitung
freigegeben. Wie schön. Und für welche Tierarten gilt
diese Freizügigkeit? Für »Alle Tierarten oder
Tierkategorien«. Super. Alles ist erlaubt. Für alle Tiere.
Und, was noch besser ist, jedenfalls für die Hersteller:
Sie dürfen die Geschmacksmanipulation vollständig
verheimlichen, Herrchen und Frauchen brauchen keinen
Hauch davon mitzubekommen. Denn das Etikett muss
über den Einsatz von Aromen und all den anderen
Geschmackstricksereien keinerlei Auskunft geben. Bis
August 2010 herrschte förmlich Schweigepflicht für
Geschmacksfälscher. Es war gesetzlich verboten,
Aromen, Süßstoffe, Geschmacksverstärker im Tierfutter
auf dem Etikett zu nennen. Seither ist es zumindest
erlaubt, diese Zusätze freiwillig zu erwähnen – wenn der
Hersteller die verwendete Menge angibt. Und das macht
natürlich niemand. Auf den Etiketten herrscht darum
weiterhin das große Schweigen.
Auch bei anderen Zusatzstoffen haben die
Etikettendichter eine gewisse Gestaltungsfreiheit. So
müssen sie nicht unbedingt im Klartext draufschreiben,
was drin ist. Sie dürfen da ruhig ein bisschen allgemeine
Formulierungen verwenden. Mit Details sollen Herrchen
und Frauen nicht über Gebühr belastet werden. So steht
zum Beispiel bei »Hill’s Feline Adult Optimal Care
Thunfisch« in erfreulicher Kürze: »Mit natürlichen
Stoffen zur Haltbarmachung und natürlichen
Antioxidantien.« Wobei »natürlich« nicht viel heißen
muss: Das legendäre Erdbeeraroma aus Sägespänen ist
ja bekanntlich auch natürlich. Ebenso natürlich ist das
Vanillearoma aus dem Abwasser von Papierfabriken.
Zu genauen Angaben mochte der Gesetzgeber die
Tierfutterproduzenten nicht zwingen. Das ist umso
bedenklicher, als zum Beispiel manche
Geschmacksverstärker schwerwiegende Auswirkungen
auf den Körper haben können. Und da wäre es schon
wichtig zu erfahren, was genau im Futter drin ist. Der
Geschmacksverstärker Glutamat ist dabei einer der
umstrittensten Zusätze. Die Hersteller und die
Behörden sind von der Unbedenklichkeit überzeugt.
Andererseits berichten Kritiker von zahlreichen
schädlichen Effekten, auf das Gehirn ebenso wie auf das
Verhalten und das Fressverhalten der Tiere.
Glutamat verändert das Fressverhalten und steigert
die »Gefräßigkeit«, wie eine Studie von Professor
Michael Hermanussen ergab.
»Bei Ratten, deren Appetitregulation der
menschlichen ähnelt, kann man definitiv sagen, dass
glutamatreiche Kost die Gefräßigkeit fördert«, berichtet
Hermanussen. »Wir geben den Ratten Glutamat, dann
fangen sie an zu fressen. Danach bekommen sie einen
Rezeptorenblocker, der die Wirkung des Glutamats an
der Nervenzelle im Gehirn unterbindet, und sie hören
sofort auf zu fressen.«
Glutamat kann, wie weitere Studien ergaben, die
Wirkung von Hormonen manipulieren, die die
Nahrungsaufnahme steuern. Es kann auch zu
Entwicklungsverzögerungen im Gehirn und zu
Verhaltensstörungen führen.
Eine tschechische Studie aus dem Jahr 2005
entdeckte schließlich, dass Ratten, die nach der Geburt
hohe Dosen von Glutamat bekommen hatten,
Veränderungen im Gruppenverhalten zeigten, auch die
Wahrnehmungsfähigkeit und die Aufmerksamkeit der
Versuchstiere nahmen ab. Zudem kann Glutamat
offenbar zu epileptischen Anfällen führen, bei Hunden
und bei Katzen. Tierbesitzer hatten das schon länger
vermutet. Auch Veterinäre sahen Hinweise auf solche
Zusammenhänge.
So schreibt Romina Zimmermann in ihrer
tiermedizinischen Doktorarbeit an der Ludwig-
Maximilians-Universität München aus dem Jahr 2009:
»Als Schlüsselmechanismus der Entstehung
epileptischer Anfälle im Gehirn wird eine Verschiebung
im Gleichgewicht des inhibitorischen
Neurotransmitters Aminobuttersäure (GABA) und des
exzitatorischen Neurotransmitters Glutamat erachtet.«
Die Beobachtung von Affen und anderen Versuchstieren
hatte schon seit den ersten Versuchen von John Olney im
Jahre 1969 gezeigt, dass Glutamat zu Zerstörungen in
bestimmten Gehirnregionen führt. Es kann daher
langfristig wirken und zum Beispiel bei
neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer und
Parkinson eine Rolle spielen.
Glutamat kann auch unter anderen Bezeichnungen
auftauchen. So ist es in Hefeextrakt enthalten,
allerdings von Natur aus. Es könnte nach Ansicht
mancher Hersteller und auch Betroffener gleichwohl
allergische Reaktionen hervorrufen. Außerdem kann es
zu Gewichtszunahme führen. Bei der Tiermast ist das
sehr erwünscht. Neue Studien haben mittlerweile belegt,
dass Hefeextrakt ein probater Dickmacher ist. Auch
unter der Bezeichnung »Aroma« oder »Würze« oder
»Hydrolysiertes Pflanzenprotein« könnte Glutamat
auftauchen. Deutsche Tierbesitzer braucht das indessen
nicht zu kümmern. Sie erfahren ja von alldem in der
Regel nichts.
Dick machen auch eine ganze Reihe anderer Zusätze.
Darunter sind einige, die ein untadeliges Image haben
und auf den Etiketten in aller Ausführlichkeit gewürdigt
werden: Vitamine, jene Stoffe also, die als besonders
gesund gelten. Sie sollen für glänzendes Fell sorgen
sollen, für glänzende Augen bei Herrchen und
Frauchen – und natürlich in erster Linie für glänzende
Bilanzen bei den Herstellern. Es gibt schon ganze
Produktreihen, die unglaublich gesund sein wollen,
dabei aber vor allem unglaublich teuer sind. Es ist ein
Zukunftsmarkt, schwärmen die Branchenkenner.
Immerhin zehn Prozent der Tierhalter, so Hill’s
»Handbuch der Klinischen Diätetik«, setzen Zusätze mit
Vitaminen oder Mineralstoffen wie Calcium, Phosphor,
Natrium, Kalium, Eisen oder Zink ein.
Für die Futterproduzenten ist der Zusatz von
Vitaminen und Mineralstoffen ein wichtiges
Verkaufsargument, nicht nur bei den Spezialprodukten
mit dem angeblich gesundheitlichen Zusatznutzen,
sondern auch bei normalem Futter. Kein Futter, das
nicht Vitamine enthält: »Allen kommerziell erhältlichen
Kleintierfuttern werden Vitamine zugesetzt.« Plus die
Extra-Rationen, die »Snacks«. »Der Trend zu Snacks mit
gesundheitlichem Zusatznutzen ist ungebrochen«, sagt
ein Mars-Sprecher. »Mit der puren Befriedigung der
Fleischeslust« ist es heute »nicht mehr getan«, weiß die
Lebensmittelzeitung und verweist auf die Expertise von
Nadine Liebhardt. Sie ist »Consultant Food« beim
Düsseldorfer Marktforschungsunternehmen
Information Resources und sagt: »Der Trend geht klar
zu Snacks mit Zusatznutzen. Es kommen zum Beispiel
immer mehr mit Vitaminen und Mineralstoffen
angereicherte Produkte auf den Markt.«
Aber ob die nun wirklich gesund sind? Die Zweifel
wachsen, angesichts möglicher Risiken und
Nebenwirkungen, schon bei der Nahrung für Menschen.
So können, entgegen den Erwartungen, Vitamine gar zu
vorzeitigem Ableben führen, wie Forscher der
renommierten Cochrane Collaboration auf der Basis
zahlreicher Studien ermittelten (siehe Hans-Ulrich
Grimm: »Vom Verzehr wird abgeraten«).
Zusätzlich können Vitamine auch dick machen.
Diesen überraschenden Befund machten die Mediziner
japanischer und chinesischer Institute in einer Studie,
die 2014 im Fachjournal World Journal of Diabetes erschien.
Denn Vitamine greifen in das Gleichgewicht der
Botenstoffe im Hirn ein. Insbesondere das Vitamin B6
oder das Vitamin C können die Ausschüttung der
Hormone für Glück und Zufriedenheit, wie Serotonin
und Dopamin, verringern. Sie beeinflussen damit das
Gleichgewicht in den Systemen von Belohnung und
Sättigung im Gehirn. Als weiteren Wirkmechanismus
beschrieben die Wissenschaftler den Effekt von
Vitaminen auf die Gene. Auch diese sogenannten
epigenetischen Veränderungen können langfristig
Übergewicht fördern. Dass Vitamine das Gewicht
steigern, zeigten Forscher um Jason C. Woodworth von
der amerikanischen Kansas State University schon in
einer Studie aus dem Jahr 2000. Pyridoxin (Vitamin B6)
führte demnach zu einer gesteigerten Gewichtszunahme
bei Schweinen.
Oft führen Vitamine und andere vermeintlich die
Gesundheit fördernde Zusätze zu unerwarteten
Nebenwirkungen, weil schlicht zu viel ins Futter gekippt
wird. Denn die Dosierung ist offenbar Glückssache. Das
sogenannte Methionin, eine essenzielle Aminosäure, ist
beispielsweise ein Eiweiß, das der Körper nicht selbst
bilden kann. Es ist natürlicherweise in Rind-, aber auch
in Hühnerfleisch enthalten. Aber es wird bei der
Futterherstellung zerstört. Darum wird es zugesetzt, in
chemisch hergestellter Variante. Mehr als 400000
Tonnen an Methionin werden dem Tierfutter weltweit
zugesetzt.
Das ist ein bisschen zu viel. Daher musste Iams im
Jahr 2000 über 100000 Kilo Hunde-Trockenfutter
wegen überhöhter Dosis zurückrufen. Kurz darauf
musste die Firma auch Diätfutter zurückrufen, das
Chrom enthielt und eigentlich dazu dienen sollte, das
Körpergewicht von Katzen zu normalisieren, indem es
den Stoffwechsel ankurbelt. Im Jahr 2006 musste Royal
Canin verschiedene Hundefuttersorten zurückrufen
wegen möglicher Schäden durch überdosiertes Vitamin
D.
Schon durch eine geringe Überdosis an Vitamin A
könnten die Knochen zerbrechlich werden, fand das
Stockholmer Karolinska Institut in einer 2006
veröffentlichten Studie heraus. Die schwedische
Forschergruppe hatte leicht überhöhte Mengen an
Vitamin A ins Rattenfutter gemixt und danach
festgestellt, dass die Knochen der Ratten dadurch
»fragil« werden.
Die Hersteller der Zusätze sind, was nicht überrascht,
von der Unschädlichkeit ihrer Erzeugnisse überzeugt.
Bei Vitamin K beispielsweise. »Negative Auswirkungen
wurden bisher nicht festgestellt«, behauptet die
»Arbeitsgemeinschaft für Wirkstoffe in der
Tierernährung«, in der die großen
Zusatzstoffproduzenten zusammengeschlossen sind.
BASF, Lohmann Animal Health, der Raiffeisen-
Futterzusatzproduzent Agravis oder auch DSM, der
ehemalige Roche-Vitaminbetrieb im südbadischen
Grenzach-Wyhlen, sind in der Arbeitsgemeinschaft für
Wirkstoffe organisiert. Das Fazit der Lobby lautet, dass
Vitamin K3 »sicher und zuverlässig« sei. Doch zu viel
Vitamin K kann zu Knochenschwäche führen. Dies
zeigte jedenfalls eine japanische Studie von 1999. Es
kommt eben immer auf die richtige Dosis an. So gilt
zwar Vitamin K als bewährtes Mittel gegen die
Knochenschwäche Osteoporose. Die Überdosierung von
Vitamin K kann aber just zu Knochenschwäche führen.
Die Japaner fanden heraus: Je höher die Vitamin-KAufnahme,
desto häufiger trat Osteoporose auf.
Im Jahre 2009 starben bei einem internationalen
Poloturnier im US-Staat Florida 21 Pferde an inneren
Blutungen. Todesursache war eine Überdosis an
Gesundheitsstoffen. Ein Multivitaminpräparat namens
Biodyl, das die venezolanischen Polopferde stärken
sollte, soll für ihren vorzeitigen Tod verantwortlich
gewesen sein. Die ausführende Apotheke räumte den
Pfusch ein: »Die Menge war bei einer Zutat nicht
korrekt.« Die Stiftung Warentest beanstandete 2014
Katzenfutterprodukte, weil sie ein Übermaß an
Mineralstoffen enthielten. Phosphor zum Beispiel. Ein
Felix-Produkt wurde als »mangelhaft« bewertet, weil die
Katzen mehr als das Siebenfache der angemessenen
Dosis Phosphor und das Achtfache an Calcium
aufnehmen würden. Ein Jahr später war es andersrum.
Die Stiftung Warentest vermisste bei der Untersuchung
von Hundefutter wesentliche Nährstoffe. »Jedem
zweiten Feuchtfutter fehlen Nährstoffe«, so die
Stiftung. »Calcium, Vitamine & Co. kommen zu kurz –
dem Hund drohen Mangelerscheinungen.«
Es ist für die Produzenten allerdings auch nicht
leicht, die Nährstoffmenge richtig zu dosieren. Dies
zeigte sich bei einer Gruppe von Chamäleons, die aus
ungeklärten Gründen zum Forschungsgegenstand von
Wissenschaftlern wurden. Sie litten nach den
Erkenntnissen der Forscher an einer
Übervitaminisierung von Vitamin A. Nun versuchten die
Experten, die Rezepturen für die Futterrationen mittels
einer angemessenen Vitaminmenge neu zu definieren.
Doch nun litten die Chamäleons plötzlich an
Unterversorgung, wie aus der Untersuchung
hervorgeht, die im Jahre 2003 veröffentlicht wurde. Der
Fall zeigt, dass es auch für erfahrene Forscher schwer ist,
sich in so ein Chamäleon hineinzuversetzen. Das ist
auch kein Wunder, denn die äußerst wandlungsfähigen
Tiere fressen normalerweise Raupen und Zikaden,
Heuschrecken, auch Mehlwürmer und Kakerlaken,
Erdwürmer und auch kleine Mäuse. Dem Chamäleon
gelingt es offenbar spielend, aus der Kombination seines
Nahrungsangebots den optimalen Nährstoffmix
zusammenzustellen. Für Menschen aber ist es äußerst
schwer, diese Mixtur mit Labormitteln
nachzukomponieren.
Woher wissen die Hersteller überhaupt, wie viele
Vitamine so ein Tier braucht? Eine Katze, ein Hund? Das
Problem ist offenbar: Sie wissen es nicht. Das sagt
jedenfalls die industriekritische Tierärztin Jutta Ziegler:
»Die Bedarfswerte der verschiedenen Mineralstoffe und
Vitamine stammen zum Großteil noch aus der
Masttierhaltung (Schweine und Kälber) und sind damit
auf Schnellwüchsigkeit und die geringe Lebensdauer der
zu mästenden Tiere eingestellt. Ein Hund sollte aber
nicht nur ein halbes Jahr gemästet und dann verspeist
werden, sondern er soll sich noch viele Jahre über
gesunde Gelenke freuen können.«
Kann er aber oft nicht, weil er an einer Überdosis an
zugesetzten Vitaminen leidet, meint Tierärztin Ziegler.
Die »Überversorgung mit synthetischen Vitaminen (A)
und Mineralstoffen (Calcium und Phosphor) sind
signifikante Faktoren bei der Entstehung von
Osteochondrosen und der Hüftgelenksdysplasien.«
Durch die Überversorgung mit Vitaminen kann sich der
Hund leichter die Knochen brechen.
Aber warum gab es das früher nicht? Weil es früher
nicht viel Fertigfutter gab, meint die Veterinärin: »Dass
sich Welpen früher, das heißt vor der Einführung von
Fertigkost, satt fressen konnten, ohne Knochenbrüche
zu entwickeln, zeigt, wie sehr die Fertigfuttermittel
solche Erkrankungen geradezu provozieren. Bei
›natürlicher‹ Ernährung, und damit meine ich eine Kost,
die nicht industriell hergestellt wird, kann es nicht zu
einer Überdosierung mit Mineralstoffen und Vitaminen
kommen. Auch Übergewicht stellt bei natürlich
ernährten Hunden kein Problem dar.«
»Natürlich ernährt.« – Schön wär’s. Leider werden die
Tiere heute weltweit nicht mehr so ernährt. Nicht
einmal die Kühe dürfen noch auf die Weide. Sondern sie
erhalten Kraftfutter für die »Performance«. Das pusht
die Leistung, aber schadet der armen Kuh. Und nicht
nur ihr. Auch den Menschen. So ist der Mensch
mittlerweile, wenn es ums Tierfutter geht, auch selbst
ein Betroffener – oder besser: ein Geschädigter.
10.
Tödliche Keime
Wie falsches Tierfutter die Menschen
krank machen kann
Kinder sterben an der Hamburger-Krankheit /
Armes Kälbchen: Statt Milch von Mama gibt’s
ein künstliches Pulver / Pilzgift im Futter:
Schon ein paar Milliardstel Gramm können
tödlich sein / Die Massentierhaltung als
Krankheitserreger / Lidl boykottieren – warum
das denn?
Ans Tierfutter dachte natürlich niemand, als das
Mädchen Lauren Beth Rudolph starb, im Alter von
gerade einmal sechs Jahren. Laurens Familie war sich
keiner Gefahr bewusst, als sie kurz vor Weihnachten in
ein Schnellrestaurant gingen. Lauren hatte einen
Cheeseburger bekommen. Am 24. Dezember kam sie
zum ersten Mal ins Krankenhaus, morgens um 2.30 Uhr.
Der diensthabende Arzt war nicht da. Die
Krankenschwestern prüften ein paar Symptome nach
und schickten Eltern und Kind wieder nach Hause. »Die
dachten wohl, wir hätten überreagiert«, meint Mutter
Roni. Doch es wurde nicht besser. Am nächsten Morgen
brachten sie Lauren erst zum Kinderarzt und dann in
ein Kinderkrankenhaus in San Diego. Auch dort
verschlechterte sich ihr Zustand. Am ersten
Weihnachtsfeiertag war Lauren schon zu schwach, um
die Geschenke zu öffnen, die ihr ihre Eltern ans
Krankenbett gebracht hatten. Als Michael seiner
Schwester Weihnachtsgeschichten vorlas, konnte
Lauren kaum noch zuhören.
Das Mädchen sollte nie wieder zu Kräften kommen.
Sie selbst, obwohl erst sechsjährig, sah ihre Situation
mit erstaunlicher Klarheit. Ihrem Vater trieb es die
Tränen in die Augen, was Lauren Beth sagte, als er am
nächsten Morgen am Krankenbett stand. »Papa, ich
muss sterben, ich muss sterben«, hatte die kleine Lauren
zu ihm gesagt. Innerhalb der nächsten Stunde bekam
das Mädchen einen schweren Herzanfall. Ihre Lippen
liefen blau an, der Atem stockte. Mutter Roni schrie um
Hilfe, die Ärzte kamen angerannt. Kurz gelang es, das
Kind wiederzubeleben.
Doch dann fiel sie ins Koma, erlitt zwei weitere
Herzanfälle, schließlich versagten ihre Nieren. Die
Apparate konnten sie nicht mehr ausreichend
versorgen. Im Laufe des 28. Dezember starb Lauren Beth
Rudolph. Die Todesursache war der Cheeseburger, den
sie zehn Tage zuvor gegessen hatte.
Und Lauren war nicht das einzige Opfer der
»Hamburger-Krankheit«, wie das Phänomen bald von
den Medien genannt wurde. Wenige Tage später
berichteten die Zeitungen, dass auch in die
Krankenhäuser von Seattle Patienten mit ähnlichen
Symptomen eingeliefert wurden. Als die Epidemie
abklang, zählten die Statistiker 732 Erkrankungen in
fünf amerikanischen Bundesstaaten. 195 Patienten
mussten ins Krankenhaus. Außer Lauren starben drei
weitere Kinder.
Es war der erste große Ausbruch dieser Art. Weitere
folgten, in Amerika, in Asien und auch in Europa. Die
Krankheitswelle, bei der Lauren Beth Rudolph starb, war
sozusagen der erste öffentliche Auftritt einer völlig
neuen, gefährlichen Bazille, die anschließend eine
Weltkarriere aufnahm (siehe Hans-Ulrich Grimm:
»Tödliche Hamburger«).
Der Name des neuen Krankheitserregers lautet E. coli
O157:H7. Er wurde in den 1980er Jahren erstmals
identifiziert, in Hamburgern von McDonald’s. Er gehört
zu einer Gruppe von Erregern, die in Deutschland unter
dem Kürzel Ehec bekannt wurden. Die Ursache für die
Ausbreitung der Bakterien wurde wissenschaftlich
ermittelt. E. coli O157:H7 verdankt seine unglaubliche
Karriere dem Tierfutter.
Der Grund für den Siegeszug der E. coli-Bakterien ist
Futter, das die Rinder heute bekommen. Sie erhalten
nicht ausschließlich Heu oder Gras wie seit
Jahrtausenden, sondern auch Getreide, das sogenannte
Kraftfutter. Darauf ist der Verdauungstrakt eines Rinds
nicht eingestellt, weshalb sich die E. coli-Bakterien,
gefährliche Varianten der ansonsten eher harmlosen
Kolibakterien, bilden. Das ist, merkwürdigerweise,
selbst in der Branche kaum bekannt, obwohl sozusagen
amtlich festgestellt von amerikanischen
Regierungsstellen. Tierfutter als Krankheitsursache für
die Menschen. Das ist noch eine ungewohnte
Vorstellung. Tier ist Tier, Stall ist Stall und Teller ist
Teller. So dachten die Leute bisher. Nie kümmerte sich
ein Städter um die Vorgänge im Stall.
Tierfutter, das ging bislang nur Bauern an und die
Inhaber von Tierfabriken oder die Hühnerbarone,
Schweinefarmer und Milchproduzenten. Und die
interessierte in erster Linie, dass ihr Tierfutter billig ist
und maximalen Profit abwirft. Tierfreunde
interessierten sich für diese Art von Tieren und ihr
Futter allzu lange viel zu wenig – und die breite
Öffentlichkeit hatte erst recht keine Neigung, ins
Dunkel der Ställe zu blicken. Das hat sich geändert. Zum
einen, weil die Tiere mittlerweile, Gott sei Dank, mehr
Wertschätzung genießen. Und zum anderen, weil sich
gezeigt hat, dass der Mensch auch selbst betroffen ist,
wenn die armen Rinder, Schweine, Hühner mit
artwidrigem Futter aufgezogen werden, nur weil es
billig ist.
Die Gefährdung des Menschen ist zuerst in jener Zeit
aufgefallen, als ganz Europa fast verrückt war vor Angst
um eine mysteriöse Hirnkrankheit, die vom Rind
ausging. BSE, so lautete das Kürzel. Die BSE-Affäre
wurde zur Mutter aller Skandale in der Tierfutterszene.
Die Rinderseuche BSE (bovine spongiforme Enzephalopathie,
zu Deutsch: »das Rind betreffende schwammartige
Gehirnkrankheit«) hat das Bewusstsein fürs Tierfutter
geschärft und die Sensibilität für seine
Gefahrenpotenziale erhöht. Auch die Behörden
beschäftigten sich nun mit den Fütterungspraktiken in
den modernen Ställen.
Die genauen Auslöser für die BSE-Krise wurden nie
geklärt. Als mögliche Ursache gilt die artwidrige
Fütterung der Kühe und Kälber. In Verdacht geriet das
Tiermehl, in das verstorbene kranke Artgenossen
eingemahlen wurden. Perverser geht’s nicht – und das
bei Tieren, die eigentlich nichts anderes fressen wollen
als Gras.
Als möglicher Übertragungsweg geriet aber auch der
sogenannte Milchaustauscher in den Blick. Hierbei
handelt es sich um ein Pulvergetränk, das Kälber
bekommen, weil die Milch ihrer Mütter zu teuer wäre.
Angesichts solcher Verdachtsmomente merkten die
Städter langsam, dass etwas faul ist im Agrarwesen und
dass die Folgen verheerend sein können. Kein Wunder,
dass damals die Aufregung groß war – sogar größer als
die reale Gefahr, jedenfalls fürs Gehirn der Menschen
und erst recht für ihr Leben. Der Fleischmarkt brach
zusammen, die Schäden gingen in die Milliarden.
Hunderttausende von Tieren mussten getötet werden –
selbst wenn sie gar nicht infiziert waren. Es war der
bislang größte und teuerste Tierfutterskandal weltweit –
wenngleich auch an BSE weniger Menschen erkrankten
oder gar starben als befürchtet.
Anders ist das bei den Ehec-Bakterien. Da gibt es
alljährlich Erkrankungen, rund um den Globus. Und
Hunderte Menschen sterben daran, vor allem Kinder.
Alles nur, weil die Tiere mit artwidrigen Futtermixturen
traktiert werden, nur damit sich ihre »Performance«
erhöht. Mehr Milch und mehr Fleisch in immer kürzerer
Zeit – darum geht es bei der ganzen Futterpanscherei.
Milch und Fleisch gibt es darum immer mehr, aber in
immer schlechterer Qualität. Denn hat es Folgen, wenn
das arme Tier immer weiter auf seine »Performance«
getrimmt wird. Dann stimmt die Qualität nicht mehr,
wenn das falsche Futter im Trog ist. So fehlen in Milch
und Milchprodukten Substanzen, die fürs Wohlgefühl
der Menschen wichtig sind, zum Beispiel die
sogenannten Omega-3-Fette. Genauso liegt die Sache bei
den Fischen, die in Käfigen gehalten werden und
industrielles Futter bekommen. Und auch das soll
möglichst billig sein.
Im Preiskrieg nehmen die Kollateralschäden zu. Auf
der Jagd nach immer billigeren Nahrungsmitteln, auf
der Hatz nach dem billigsten Fleisch gibt es zunehmend
Opfer. Die industrielle Produktionsmethode hat Folgen.
Krankheitsausbrüche. Rückrufaktionen.
Lebensmittelskandale. Die Insassen der Tierfabriken
bekommen ausgeklügelte Futterrationen, die vor allem
einem Ziel dienen: schnellstmögliche Gewichtszunahme,
größtmögliche Milchleistung, höchster Eierausstoß.
Der Kostendruck durch den Zwang zu immer
billigerer Produktion, der Preisdruck der
Supermarktketten wie Lidl und Aldi hat die gesamte
Branche erfasst und greift sogar auf Bio-Bauern über.
Selbst diese betreiben mitunter artwidrige Fütterung
und haben daher auch schon mit den gefährlichen
Erregern zu kämpfen. Der wichtigste Punkt bei der
Aufzucht heute ist: Das Futter muss billig sein. Das
Futter ist der größte Posten, und da entscheidet sich das
Überleben des Bauern, der ohnehin unter Druck steht.
Wenn ein Kilo konventionelles Schweinefleisch ab
Erzeuger 1,30 Euro kostet, in Österreich gar nur 1,13
Euro, dann liegen die Kosten für den Futteranteil bei bis
zu 97 Cent. Wird das Futter billiger, freut sich der
Bauer. Zumal, wenn er viele Viecher hat. Dann steigt der
Profit.
Die Tiere aber leiden. Dass das ein Problem sein
könnte, auch für die Menschen, das zeigte sich zum
ersten Mal während der BSE-Krise. Sie bedeutet eine
Bewusstseinswende, die durch ein Schock-Erlebnis
ausgelöst wurde. Denn die Fernsehbilder von den
taumelnden, irren, verrückten Kühen, die an der
»schwammartigen Gehirnkrankheit« mit dem Kürzel
BSE litten, lösten bei den Menschen die Furcht aus, dass
das eigene Gehirn bald auch schwammartig deformiert
werden könnte. Durch das Steak, die Kalbshaxe, den
Hamburger. Alles vom Rind stand unter Verdacht. Zum
ersten Mal dämmerte den Städtern, dass das, was in den
Ställen vor sich geht, auch für sie von Bedeutung ist.
Seit BSE ist das Bewusstsein geschärft worden, dass
die Sache mit dem Tierfutter auch die Menschen angeht.
Die Städter, die ja einen Bauernhof nur aus den
Bilderbüchern ihrer Kindheit kennen, mussten
staunend zur Kenntnis nehmen, dass es in den echten,
modernen Ställen kaum bilderbuchhaft zugeht. Die
Bauern sind dabei Täter und Opfer zugleich.
Im Jahr 2000 wurde bekannt, dass die Rinderseuche
BSE auch deutsche Tiere nicht verschont hatte, als bei
einem Bauern aus dem bayerischen Sulzberg der erste
bayerische BSE-Fall entdeckt wurde. Da gründeten die
Bauern geschwind eine Protestvereinigung namens
»Krisenstab«. Die hatte schnell 730 Mitglieder. Und sie
schickten eine Protestnote an die Politiker, in der sie
einräumten: »Wir haben, ohne es zu wissen, die
Gesundheit unserer Bevölkerung aufs Spiel gesetzt.« Sie
hätten gar nicht gewusst, dass in ihren
Kraftfuttersäcken auch Tiermehl sei.
Als aber bekannt wurde, dass auch der sogenannte
Milchaustauscher das BSE-Risiko begünstigt, jener
Pulvertrank, den die Kälber statt der Milch ihrer Mutter
bekommen, da mochten die Bauern gleichwohl nicht zur
natürlichen Form der Kälberfütterung zurückkehren.
Zwar könnten die kleinen Kälbchen auch die Milch ihrer
Mütter bekommen. Doch die Bauern halten dies, wie die
Süddeutsche Zeitung damals berichtete, für »praxisfremd«.
Sie hatten dabei die Unterstützung der hohen
Wissenschaft.
Der Tierernährungs-Papst Manfred Kirchgeßner von
der Technischen Universität München-Weihenstephan
wendet sich in seinem Standardwerk (»Tierernährung«)
gegen die Vollmilch fürs Kalb: »Obwohl Vollmilch aus
ernährungsphysiologischer Sicht zweifellos ein
ausgezeichnetes Futtermittel ist und damit die Aufzucht
mit Vollmilch ein sehr sicheres Verfahren darstellt, sollte
der Einsatz von Vollmilch aus kostenmäßigen
Überlegungen auf die erste Lebenswoche
(Briestmilchperiode) beschränkt bleiben. Größere
Mengen Vollmilch, wie sie insbesondere in
Zuchtbetrieben immer wieder gefordert werden, sind
aufgrund der Preis-Kosten-Relation abzulehnen.
Vollmilchsparende Aufzuchtmethoden bringen bei
sachgemäßer Durchführung den gleichen
Aufzuchterfolg.«
Will sagen: Am wichtigsten ist es, dass es billig ist.
Die BSE-Krise hat zwar zu einer gestiegenen
Wachsamkeit gegenüber den Perversitäten bei der
Tierfütterung geführt. Sie hat aber leider nicht zu einem
grundsätzlichen Kurswechsel beigetragen. Gesund ist
das nicht. Ein Report der Europäischen Agentur für
Lebensmittelsicherheit (Efsa) über die Risiken von
intensiven Kälberhaltungssystemen vom Mai 2006 kam
zu dem Schluss, dass die frühe Verfütterung von
Milchaustauscher zu den »größeren Risiken« der
industriellen Kälberhaltung zähle.
In manchen bäuerlichen Kreisen gibt es, immerhin,
noch eine gewisse Sensibilität gegenüber den
Perversionen der modernen Tierfütterung. Zum Thema
Milchaustauscher sagte während der BSE-Krise die
Bäuerin Maria Heubuch, Bundesvorsitzende der
Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft: »Wir
brauchen kein Ersatzfutter für unsere Kälber«,
schließlich gebe es Milch im Überfluss, bei einer
»Eigenversorgung von 120 Prozent«. »Unsere Milch
müssen wir in den Gully kippen, weil wir zu viel
produzieren«, wetterte die Frau, und »unseren Kälbern
füttern wir das Fett von Abfallprodukten.« So ein
»Blödsinn«, meinte Bäuerin Heubuch. Da könnte sie
recht haben.
Tierfutter ist ein Gesundheitsrisiko für die Menschen.
Schon gibt es umfangreiche Aufstellungen von Folgen,
die den Menschen durch artwidriges, belastetes und
verseuchtes Tierfutter gefährden. »Die Liste von
potenziell schädlichen Stoffen ist sehr lang und wird
stetig länger«, so eine Untersuchung zum Thema
»Auswirkungen des Tierfutters auf die
Lebensmittelsicherheit« der zuständigen Gremien von
Weltgesundheitsorganisation (WHO) und
Welternährungsorganisation (FAO). Sie sehen
beispielsweise Krankheitserreger wie etwa Salmonellen
sowie Rückstände von Arzneimitteln als Problem an.
Aber auch »unerwünschte Substanzen« wie
Schimmelpilzgifte, die sogenannten Aflatoxine, stellen
ein Problem dar.
Man könnte Schimmelpilze mit Natur verwechseln
und mit einem ganz normalen Lebensrisiko. Aber gerade
diese Aflatoxine sind überraschenderweise ein relativ
neues Phänomen. Sie wurden erst in den 1960er Jahren
entdeckt. Der Name ist eine Kurzform für Aspergillus
flavus-Toxine. Am gefährlichsten ist das Aflatoxin B1.
Schon ein Milliardstel Gramm pro Kilo Körpergewicht
kann für einen Menschen tödlich sein. Und auch noch
geringere Mengen sind auf Dauer schädlich, so das
Bayerische Landesamt für Gesundheit und
Lebensmittelsicherheit (LGL): »Eine chronische Zufuhr
von Aflatoxin B1 kann das Immunsystem schwächen und
Schäden am Erbgut bewirken. Die Möglichkeit der
Krebserzeugung durch Aflatoxin B1 ist in verschiedenen
Tierversuchen sicher bewiesen, es zählt zu den am
stärksten bekannten krebsauslösenden Substanzen.«
Wegen dieser Eigenschaften, meint die Europäische
Lebensmittelsicherheitsagentur Efsa, »sollte ihre
Aufnahme über Lebensmittel so weit wie nur möglich
minimiert werden«. Das aber geschieht nicht. Im
Gegenteil: Die herrschende landwirtschaftliche Praxis
sorgt noch für die Ausbreitung der Pilzgifte. Heimisch
sind die Aflatoxine eigentlich in tropischen und
subtropischen Gebieten. In Europa gelten sie deshalb, so
das bayerische LGL, als »importierte Toxine«.
Für die Karriere dieser Schimmelpilze sehr förderlich
waren die modernen Praktiken der Tierfütterung.
Normalerweise, von Natur aus, würden die Kühe
bekanntlich auf der Wiese grasen. Das dürfen sie aber
nicht, weil dann ihre Produkte nicht billig genug wären.
Stattdessen bekommen sie zum Beispiel Mais. Und just
der Mais sorgt, wie auch Soja, für die Ausbreitung der
Schimmelpilzgifte.
Zwar kommen die Pilzgifte auch in Mohn, Reis, in
Feigen und anderen getrockneten Früchten, in
Gewürzen und Kakaobohnen, auch Pistazien sowie
Erdnüssen vor. Aber all das sind ja sozusagen Peanuts –
im Vergleich zum Mais.
Denn Mais müssen die Kühe fressen gegen ihren
Willen. Und zwar bergeweise. Auf diesen Maisbergen
kann sich der Schimmel fröhlich verbreiten. Vor allem,
wenn er von sonstwo kommt und lange vor sich
hinschimmeln kann. Im Jahre 2013 waren beispielsweise
Tausende von Tonnen Mais aus Serbien belastet, die
später als Futter für die Tiere in den Massenställen in
Niedersachsen und anderswo eingesetzt werden sollten.
Insgesamt sollen es 45000 Tonnen gewesen sein.
Glücklicherweise wurden 35000 davon rechtzeitig
entdeckt und aus dem Verkehr gezogen – aber 10000
waren schon im Umlauf.
Und wie das so ist in der industriellen
Nahrungsproduktion: Das kann sich ganz schnell
verteilen. Den belasteten Mais bekamen 13
Futtermittelhersteller in Niedersachsen, die daraus
sogenanntes Mischfutter für Rinder, Schweine und
Geflügel machten. Das Mischfutter wiederum ging
weiter an 3560 Farmen in Niedersachsen, an 14 Betriebe
in Nordrhein-Westfalen und an diverse andere in
Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Schleswig-Holstein,
Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen sowie den
Niederlanden. Auch in der Schweiz wurden diese
Schimmelgifte entdeckt, allerdings ebenfalls nur
vereinzelt. Bei amtlichen Futterkontrollen, so ein
Bericht über das Jahr 2014, wurden unter 193 Proben
neun gefunden, die erhöhte Aflatoxinmengen
enthielten.
Alle Tierarten reagieren auf das Schimmelpilzgift.
Vor allem die Leber ist betroffen. Immunschwäche-
Reaktionen, auch Fruchtbarkeitsstörungen oder blutiger
Durchfall gehören zur Symptomatik der
Schimmelpilzvergiftungen. So stellt es das deutsche
Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) fest. Auch
Verdauungsstörungen könnten auftreten, so wie
Hämorrhagien, das sind innere Blutungen, und selbst
Lungenödeme können als Folge der Vergiftung nicht
ausgeschlossen werden. Geflügel reagiere ganz ähnlich.
In den 1960er Jahren starben in einem englischen
Massenstall 100000 Puten. Der Grund war: Aflatoxin.
Kühe sind eigentlich »weniger empfindlich«, weil sie
als Wiederkäuer im Pansen das mit dem Futter
aufgenommene Aflatoxin B1 abbauen können. Erst bei
größerer Dosis, mithin ab 1,5 Milligramm pro Kilo
Trockenmasse Futter, treten Symptome wie Nieren- und
Leberschäden auf. Aber im Organismus der armen Kuh
können sich die Aflatoxine vom Typ B1 in solche vom Typ
M1 verwandeln. Die Experten des bayerischen LGL
gehen »von einem weitgehend linearen Zusammenhang«
zwischen der Aflatoxinkontamination von Futter und
Milch aus. Je mehr Gift also im Futter enthalten ist,
desto mehr Gift findet sich in der Milch. Wenn die Milch
dann weiterverarbeitet wird, könne das Gift auch in die
»Folgeprodukte übergehen«. Beim Käse steigt sogar der
Giftgehalt »um das 2,5- bis 6-Fache«.
Und so verbreitete sich der Schimmelpilz bei dem
Skandal von 2013. Erst wurde das Gift in Serbien,
Kroatien, Slowenien und Bosnien in der Milch
nachgewiesen. Und schließlich auch in Deutschland. Die
Milch war dabei nicht flächendeckend belastet. Es fand
sich nur eine einzige Probe, wie das BfR mitteilte. Die
Belastung mit Aflatoxin M1 lag mit 57 Nanogramm je
Kilogramm Rohmilch »geringfügig über dem zulässigen
europäischen Höchstgehalt« von 50 Nanogramm. Auf
den ersten Blick gibt es also keinen Grund zur Panik.
Aber die Schimmelpilzgifte sind ein neues Beispiel für
die Risiken durch artwidriges Tierfutter, das weit
gestreut und sogar international vertrieben wird. Und
das Schimmelpilzgift ist nur eines von vielen
Phänomenen dieser Art.
So geht Industrie. Das System der
Nahrungsindustrie, in diesem Fall der Tierindustrie,
führt zur Zunahme von Krankheitsrisiken, die es ohne
diese Industrie nicht gäbe. Die Massentierhaltung hat
also eine ganz neue Art von Krankheitsrisiko geschaffen.
Bei ihr ist nicht nur ein Schimmelpilz, ein Bazillus oder
ein Virus als Krankheitserreger verantwortlich für
Ausbruch und Schwere der Erkrankung. Die industrielle
Produktion der Tiernahrung, also äußere Faktoren,
spielen eine ebenso wesentliche Rolle, indem sie die
Verbreitung der Krankheiten beschleunigen. Ohne die
Fütterungspraktiken der Tierindustrie müsste sich eine
Kuh in Niedersachsen zum Beispiel vor serbischen
Schimmelpilzen niemals fürchten. Sie würde in
Niedersachsen in aller Ruhe grasen, während der Mais
in Serbien vor sich hin schimmelt.
Auch ein Virus allein wäre nicht weiter schlimm, er
könnte vom Immunsystem der Tiere locker eliminiert
werden. Erst die Lebensumstände der Tiere führen oft
dazu, dass sie krank werden. Die Tiere sind geschwächt,
sie leben auf engem Raum und in stickiger Luft – auch
solche Faktoren wirken als Krankheitsauslöser. Die
Experten sprechen in diesen Fällen von sogenannten
Faktorenkrankheiten.
Die Massentierhaltung ist sozusagen selbst ein
großer Krankheitserreger. Ein eigenständiger
Risikofaktor, neben schlimmen Schimmelpilzen,
Bakterien und Viren. Davon berichten jetzt schon die
Branchenblätter. »Gerade bei einer hohen
Aufstallungsdichte«, so schrieb das DGS Magazin, das
Fachblatt für Schweine- und Geflügelfabrikanten, hätten
»Krankheitserreger ein hohes Potential, sich zu
vermehren«.
Bakterien haben leichteres Spiel und können sich
ausbreiten und bald die Menschen treffen. Auch die
Schimmelpilzgifte, die auf den ersten Blick als völlig
normales Umweltphänomen erscheinen, werden durch
die Produktionsverhältnisse, die einschlägigen
»Faktoren« in der Tierindustrie, gefördert. Und dadurch
können nicht nur die Tiere, sondern auch die Menschen
zum Opfer der Faktorenkrankheit werden.
Beispiel Salmonellen. Die Erreger führen zu
Durchfall, Erbrechen, Kopfschmerzen, Fieber und
Abgeschlagenheit. Die Salmonellose galt lange als die
häufigste Erkrankung durch verseuchte
Nahrungsmittel. Sie wurde mittlerweile durch
Campylobacter-Erkrankungen abgelöst. Campylobacter
bringt es schon auf mehr als 200000 Erkrankungen im
Jahr. Die europäische Lebensmittebehörde rechnet mit
einer hohen Dunkelziffer, die »tatsächliche Zahl von
Fällen« liege bei 9 Millionen Betroffenen. Ihr
Hauptsymptom ist fiebriger Durchfall.
300 bis 400 Menschen sterben jedes Jahr an
Campylobacter-Erkrankungen allein in Deutschland.
Zusätzlich kann Campylobacter auch zu dem mysteriösen
Guillain-Barré-Syndrom führen, bei dem
Lähmungserscheinungen in den Beinen, den Armen, im
Gesicht in Schüben auftreten und wieder abklingen.
Auch bleibende Schäden sind möglich, bis hin zu
schweren Lähmungen. Herzrhythmusstörungen
gehören ebenfalls zu den Folgen des Guillain-Barré-
Syndroms. In fünf Prozent aller Fälle endet die
Krankheit sogar tödlich. Die Infektion mit Campylobacter
gilt als wichtigste Ursache für das seltsame Syndrom.
Bei amtlichen Untersuchungen in Deutschland sind
regelmäßig mehr als 50 Prozent der Hühnerproben mit
Campylobacter belastet. Ähnliches ergaben
Untersuchungen der österreichischen Arbeiterkammer.
Und auch in der Schweiz sieht es nicht besser aus. (Siehe
Hans-Ulrich Grimm: »Die Fleischlüge«.)
Weltweit am bekanntesten aber sind sicher die E. coli-
Bakterien, die sich durch artwidrige
Fütterungspraktiken über die gesamte Erdkugel
verbreitet haben. E. coli O157:H7 – so heißt der
prominenteste unter diesen Erregern. Er gehört zu
einer Gruppe von Bakterien, die in Deutschland unter
dem Kürzel Ehec bekannt wurden. Ehec steht für
enterohämorrhagische Escherichia coli und bezeichnet
Kolibakterien, die Darmblutungen hervorrufen.
Eines der ersten Opfer war Lauren Beth Rudolph, das
Mädchen aus San Diego in Kalifornien. Das Mädchen
starb im Jahre 1992 im Alter von sechs Jahren an einem
Ehec-Erreger in ihrem Cheeseburger. Allein in den USA
kommen nach Schätzungen jährlich 250 bis 500
Menschen, vor allem Kinder, aufgrund solcher E.coli-
Infektionen ums Leben. Im Sommer 2006 starben zwei
Menschen in Amerika, ein zweijähriger Junge aus dem
Staat Idaho und eine ältere Frau aus Maryland.
Insgesamt erkrankten 192 Menschen in 26
Bundesstaaten. Ein Jahr zuvor waren in Großbritannien
160 Menschen betroffen, der fünfjährige Mason Jones
starb am 4. Oktober 2005 im Bristol Children’s Hospital
in Südengland.
Auch in Deutschland breitet sich der Erreger aus,
und es gibt immer wieder Todesfälle. Sieben Menschen
kamen in Niedersachsen zwischen 1997 und 2003 ums
Leben, vier in Süddeutschland im Jahr 2002. Am 26.
März 2006 starb im Landkreis Oberallgäu ein
zweijähriger Junge, im Jahre 2012 die sechsjährige
Sophie aus Hamburg. Mehrfach traf es Kunden des
Discounters Lidl. 2011 erkrankten sieben Kinder in
Frankreich an E. coli-Erregern. Auslöser war ein Produkt
namens »Steak Country« aus dem Hause Lidl. Vor einer
Filiale im südspanischen Roquetas de Mar warnte schon
eine Graffiti-Aufschrift: »Kauft nicht hier. Boykottiert
Lidl«. In Norwegen war 2006 ein kleiner Junge
gestorben, Todesursache: Rinderhackfleisch von Lidl.
Bei der ebenfalls zum Lidl-Konzern gehörenden
Supermarktkette Kaufland herrschte daher ziemliche
Aufregung, als staatliche Lebensmittelkontrolleure im
selben Jahr auch in deutschen Filialen verdächtige
Bakterien entdeckten – auch hier, wie so oft, in
Hackfleisch. Die Kaufland-Leute räumten schnell das
Hack aus dem Regal und schlugen sogar öffentlich
Alarm. Einen Tag später stand in der Bild am Sonntag:
»Die Kaufland Fleischwaren SB GmbH warnt vor ihren
Hackfleischpackungen. In Gehacktem mit dem
Verbrauchsdatum 21. Januar seien Kolibakterien
gefunden worden. Das betroffene Produkt wird unter
dem Namen ›Purland‹ vertrieben. Die Bakterien können
die Gesundheit beeinträchtigen.«
Die genaue Ursache für die Kontamination des
Fleisches bei der Lidl-Schwesterfirma Kaufland wurde
nie bekannt. Die baden-württembergische
Landesregierung, eigentlich für die
Lebensmittelaufsicht zuständig, sah die Verantwortung
vor allem bei Kaufland und wollte sich bei der
Ursachenforschung nicht übermäßig engagieren. Auch
das Ausmaß der Verseuchung wurde öffentlich nicht
bekannt. Eine dürre Pressemitteilung des Konzerns gab
immerhin an, wie weit das Hackfleisch gestreut wurde:
»Das Hackfleisch wurde in folgenden Bundesländern –
an Kaufland- und Handelshof-Märkte – ausgeliefert:
Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Niedersachsen,
Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Saarland.«
Kaufland ist kein Schlamperladen. Kaufland gehört
zur »Qualitätselite« in der Branche, lobten
Agrarfunktionäre, als Kaufland den »Bundesehrenpreis
des Bundesverbraucherministeriums« erhielt, die
höchste Ehrung, die ein deutsches
Fleischwarenunternehmen erhalten kann. Bei Kaufland
ist alles ganz auf der Höhe der Zeit. Ganz modern. Und
daher auch besonders anfällig. Denn gerade in der
modernen Landwirtschaft breitet sich der Ehec-Keim
aus. »Infektionen mit Ehec kommen weltweit vor,
werden jedoch vor allem in Ländern mit einer hoch
entwickelten Landwirtschaft beobachtet«, so das
Berliner Robert Koch-Institut, das in Deutschland für
Seuchen zuständig ist.
Auch hier gibt es Gegenden mit einer gewissen
Häufung: In Niedersachsen, so hat eine schon 2005
vorgestellte Studie des dortigen
Landesgesundheitsamtes ergeben, ist EhecSpitzenreiter
der Kreis Vechta, mit 48 Krankheitsfällen
in den Jahren 2001 bis 2003. Der Kreis Vechta zählt zu
den Hochburgen der Massentierhaltung. Der Kreis liegt
in jener Agrarzone, die als besonders modern und
zukunftsträchtig gilt und von der belgischen und
niederländischen Grenze bis kurz vor Hannover reicht.
Auf den ersten Blick ist der Charakter dieses
agrarischen Industriereviers kaum zu erkennen. Es ist
eine Gegend, in der eigentlich kaum Tiere zu sehen sind.
Felder schon, Maisfelder vor allem. Maisfelder, so weit
das Auge reicht.
Und rot geklinkerte Bauernhöfe. Wiesen, Hecken,
kleine Wälder. Mal dreht sich eine Windmühle, daneben
drehen sich die großen Rotoren der modernen
Windkraftanlagen. Es weht hier beständig. Auf den
Straßen herrscht reger Verkehr. Da brettern riesige
Lastwagen über Landstraßen und Alleen. Da gibt es
kleine, reetgedeckte Häuschen und daneben riesige
Parkplätze für Sattelschlepper. Auf den Autobahnen
rasen die Silozüge dicht an dicht. Sie transportieren
Viehfutter, Kraftfuttermixturen und die Tiermehl-
Rationen aus den Tierkörperbeseitigungsanlagen.
Und dazwischen röhrt auch mal ein Ferrari,
Kennzeichen BOR, was Borken bedeutet. Oder, wie die
Einheimischen lästern: »Bauer ohne Respekt«. Die
Bauern und ihre Lobbyisten klagen ja gern über geringe
Gewinne – in Wahrheit klingeln offenbar die Kassen.
»Unser Betrieb läuft bestens«, schwärmt
beispielsweise Landwirt Matthias Bühmann. 700 Sauen,
die jedes Jahr insgesamt 21000 Ferkel werfen. Dazu
werden Kartoffeln, Mais und Getreide angebaut,
außerdem betreibt sein Unternehmen Biogasanlagen
und Blockheizkraftwerke. »Wir beschäftigen elf
Mitarbeiter und kommen auf einen Jahresumsatz von
sieben Millionen Euro.« So seine Kurzbilanz, verkündet
in einer Werbepublikation der niedersächsischen VGHVersicherungen,
die sich auf die Zielgruppe Bauer
spezialisiert hat.
Respekt, Respekt. Kein Wunder, dass in dieser
Gegend auch die Kaufkraft ihren Ausdruck findet – beim
Autohändler, zum Beispiel. In Lohne etwa, einer
niedersächsischen Hühner- und Eier-Hochburg, steht
gleich am Ortseingang, neben dem Werbeschild eines
Agrarausrüsters (System Meyer Lohne: »Gülletechnik,
Pumpentechnik, Fütterungstechnik«), der Händler für
US-Automobile. Da glänzen die schönsten Schlitten:
Cadillac, General Motors, Buick. Für so etwas haben die
Leute hier offenbar eine besondere Leidenschaft.
Auch die Daimler-Filiale im nahen Vechta hat sich auf
ihre Kunden eingestellt. Sie liegt ebenfalls am Ortsrand,
gegenüber dem Garten-Center, und hat imposante
Ausmaße. Da stehen nicht nur die üblichen E-Klasseund
S-Klasse-Limousinen von Mercedes. Da steht auch
eine stattliche Zahl von Geländewagen. Die M-Klasse von
Mercedes, aber auch mehrere Monstermobile vom Typ
»Hummer«, jene Military-Gefährte, die wegen ihres
Spritverbrauchs in Amerika schon in Verruf geraten
sind. Nicht hier in Niedersachsen, nicht auf dem Lande.
Hier laufen die Spritschlucker offenbar gut, am Geld
scheint es nicht zu fehlen.
Tiere sind immer noch nicht zu sehen. Dann, vor den
Toren der Stadt, erstreckt sich einer dieser länglichen
Ställe mit dem Silo daneben: ein klassischer
Tierquälerstall für Hühner. Diese hässlichen Baracken,
die tatsächlich aussehen wie KZ-Anlagen, beherbergen
die Hühner, die die billigen Eier legen. Ganz in der Nähe
dann eine Filiale von Big Dutchman. Big Dutchman ist
der Konzern, der phantastische Fütterungsautomaten
baut, ganze Roboteranlagen mit Körnern oder
Kraftfutter und Dosierautomaten fürs Wasser herstellt
und allerlei Zusätze anbietet. Seinen Hauptsitz hat der
Konzern lustigerweise in einem Ort namens Holland im
US-Staat Michigan, die Filiale in Vechta ist das deutsche
Headquarter.
Die höchsten Gebäude in der Gegend um Vechta sind
die Siloanlagen von Raiffeisen und den anderen
Futtermischfabriken. Es gibt tatsächlich einen, wenn
auch indirekten Zusammenhang zwischen solchen
Bauten und den neuen Bakterien. Bisher waren es auch
schon solche Orte, an denen die aggressiven Bazillen
bevorzugt aufgetreten sind. Bisher waren hierzulande
vor allem Kinder betroffen, die auf Bauernhöfen lebten.
Der Kontakt mit den Tieren oder gar die Rohmilch der
eigenen Kühe galten als Risikofaktor.
Doch mittlerweile haben die Ehec-Sippen längst ihre
ländliche Heimat verlassen und einen Siegeszug
angetreten, die Städte erreicht. Der Keim hat sich über
den ganzen Globus verbreitet. Die
Weltgesundheitsorganisation WHO rechnet E. coli-
Infektionen zu den sieben wichtigsten ansteckenden
Krankheiten, bei denen mit einer weiteren Verbreitung
gerechnet werden muss. Sie stellt die aggressiven
Kolibakterien, als neuartige Krankheitsauslöser, in eine
Reihe mit Erregern wie dem Aids- oder dem Ebola-
Virus.
Die neuen, gefährlichen Vertreter der Koli-Familie
heften sich an die Darmwand an und sondern dort
große Mengen eines aggressiven Gifts ab. Das Gift wird
»Shiga-Toxin« genannt. Es zählt zu den gefährlichsten
giftigen Mikrobensubstanzen, die überhaupt bekannt
sind. Es zerstört Darm- und Nervenzellen sowie die
Innenwände der Blutgefäße, vor allem in der Niere. Die
Menschen reagieren unterschiedlich auf den Angriff der
Bazillen: Einige spüren gar nichts oder werden nach
einigen Tagen Durchfall von selbst wieder gesund. Bei
manchen sind blutende Entzündungen des Dickdarms,
Fieber und Erbrechen die Folge. Besonders prekär kann
die Infektion bei empfindlichen Menschen verlaufen,
vor allem bei Kindern und Älteren, aber auch bei
Schwangeren und Immunschwachen. In besonders
schweren Fällen droht das sogenannte hämolytischurämische
Syndrom (HUS), das schwere Nierenschäden
bis hin zu Nierenversagen verursachen kann, in
besonders schlimmen Fällen sogar den Tod.
Eigentlich stammt der Keim aus den Rindermägen.
Klassisch ist daher der Ansteckungsweg über Rohmilch
oder eben Hamburger. Mittlerweile kann der Erreger
allerdings auch an vielen anderen Stellen lauern und die
Menschen infizieren. Mal ist es ein Truthahn-Sandwich,
über das die Bakterie transportiert wird, dann wieder
ist sie in Apfelsaft enthalten. In Deutschland wurde
einmal Petersilie in einer Kräuterbutter als Ehec-Quelle
identifiziert, ein anderes Mal fiel der Verdacht auf
Teewurst und Mortadella. Als Japan von einer Ehec-
Epidemie heimgesucht wurde, die die Seuchenexperten
der Weltgesundheitsorganisation als »beispiellos«
einstuften, weil über 10000 Menschen erkrankten und 17
starben, waren Rettichsprossen der Überträger. Das war
im Jahre 1997. An verseuchtem Kartoffelsalat, der von
einem Partyservice geliefert wurde, erkrankten im Jahr
darauf im US-Staat Illinois 4000 Menschen. Bei dem
Ausbruch 2006 in mehreren amerikanischen
Bundestaaten war es Spinat.
Besonders bedenklich ist für Seuchenexperten eine
neue Dimension der Verbreitung. Denn der Erreger hat
jetzt das Trinkwasser erreicht. Im kanadischen 6000-
Seelen-Städtchen Walkerton sind im Jahr 2000 ein
Drittel der Einwohner an Ehec-belastetem Wasser
erkrankt, 18 starben. Auch in Deutschland fand sich der
Keim schon im Wasser.
Im Oberstdorfer Stadtteil Schöllang musste man
deshalb zeitweilig das Wasser abkochen, ebenso in
Mühldorf am Inn. »Die weite Verbreitung neuer
Krankheitserreger wie Ehec in der Umwelt stellt ein
Gefahrenpotenzial dar, das im Zusammenhang mit
Trinkwasser als ernsthaftes Problem zu betrachten ist«,
befand eine Untersuchung des bayerischen GSF, des
Forschungszentrums für Umwelt und Gesundheit.
Peter Schindler vom Bayerischen Landesamt für
Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) meint,
trotz der rasanten Vermehrung sei keine Panik
angebracht: »Es sind Einzelfälle.« Es herrsche dennoch
dringender Handlungsbedarf, denn es seien nun schon
die Quellen draußen in der Natur zu Bazillenschleudern
geworden: »Gerade die schöne klare Bergquelle, aus der
die Wanderer gern trinken, ist gefährdet.« Wenn in der
Nähe eine Kuh steht, ist das Wasser schon bedroht. Sie
könnte ja jederzeit ihr Bakterienreservoir auskippen.
Und es ist nicht nur die Kuh: »Die Rehe, die Hirsche, die
Gemsen sind belastet, die Bakterien sind einfach überall,
und sie breiten sich rasant aus.«
Für besondere Aufregung sorgte denn auch die
Meldung, dass ein besonders mysteriöser Verwandter
von E. coli O157:H7 in deutschem Gewässer aufgetaucht
sei: E. coli O104:H4. Er wurde entdeckt in einem Bach in
Frankfurt, dem Erlenbach. Der liegt nur wenige hundert
Meter von dem Hof entfernt, bei dem zuvor diese
Mikrobe auf Salatproben entdeckt worden war. Das war
2011 und damit in jenem Jahr, als der Erregertyp für
weltweites Aufsehen gesorgt hatte.
Der hierzulande bislang folgenschwerste Skandal
brachte damals 53 Menschen den Tod. Im Zentrum der
Ereignisse stand ausgerechnet eine deutsche Bio-
Gärtnerei, die vegan produzierte, aber über ihre weithin
versandten Sprossen auch kleine Lebewesen mitlieferte,
jene Bakterien vom Typ E.coli O104:H4. Insgesamt 3842
Menschen waren erkrankt, die näheren Umstände
wurden nie ganz geklärt: »Warum genau es in
Deutschland zu einem der größten Ehec-Ausbrüche
kommen konnte, ist als ungeklärt zu betrachten«, so die
Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH)
in einer abschließenden Stellungnahme ein Jahr später.
Als offizielle Ursache wurden Bockshornkleesamen aus
Ägypten präsentiert, die die Gärtnerei zu Sprossen
verarbeitet und in die ganze Republik versandt hatte.
Dabei blieben allerdings zahlreiche Fragen offen. Unter
anderem blieb ungeklärt, wie der bislang weithin
unbekannte Keim seine perfiden Eigenschaften
erworben hatte.
Bei dessen Vetter O157:H7 ist es hingegen klar: Die
Ursache für die Ausbreitung von E. coli O157:H7 und
seinen gefährlichen Verwandten bei den Rindern sei,
sagt der Münsteraner Ehec-Experte Professor Helge
Karch, die »Massentierhaltung«, insbesondere die
»nicht artgerechte Fütterung«. Zwar ist noch nicht bis
ins Einzelne nachgewiesen, welche Dosis von welchem
Futter zu welcher Zahl von Bakterien führt. Das würden
die Agrarfabriken gern wissen, weil sie bei möglichst
geringem Risiko gern möglichst billig produzieren
wollen. Das ist schwer herauszufinden. Klar ist aber:
Weil die Rinder nicht mehr grasen dürfen, konnte sich
der Killerkeim E. coli O157:H7 überhaupt ausbreiten.
Moderne Hochleistungsrinder, die Fleisch ansetzen
oder viel Milch geben müssen, werden mit
ausgeklügelten Getreide-Kraftfutter-Mischungen
versorgt. Und just diese begünstigen die Verbreitung
von E. coli O157:H7. Das fanden amerikanische
Wissenschaftler von der Cornell-Universität in Ithaca
zusammen mit Experten des Agrarministeriums aus
Washington schon im Jahre 1998 heraus. Der Grund für
die Zunahme von E. coli-Bakterien, so die Forscher in
ihrer Studie, die im Wissenschaftsmagazin Science
veröffentlicht wurde: Das Getreide, mit dem die Tiere
gefüttert werden, wird im Magen der Tiere nur
unvollständig abgebaut und gelangt deshalb unverdaut
in den Darm. Dort beginnt es zu gären. Es bildet sich ein
saures Milieu. Die Bakterien werden in diesem Milieu
gewissermaßen abgehärtet, gewöhnen sich an saure
Umgebung und überstehen später, im menschlichen
Magen, auch die Attacken der menschlichen
Magensäure. Die widernatürliche Form der Fütterung
mit Mais statt Gras züchtet also förmlich jene
resistenten Bazillen.
Die Forscher waren auf diese Erkenntnis durch
genaues Zählen der E. coli-Zellen im Rindergedärm
gestoßen. Wenn die Tiere Getreide bekamen, fanden
sich 250000 E. coli-Zellen der gefährlichen Sorte pro
Gramm im Darminhalt. Bei den Tieren, die Heu oder
Gras bekamen, waren es nur 20000 Zellen. Und die
lebten nicht lange: 99,99 Prozent von ihnen wurden
durch die Magensäure beim Menschen abgetötet und
konnten keinen Schaden mehr anrichten.
»Der Magen des Rindes – ein missachtetes
Ökosystem«, schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung in
einem Artikel über die artwidrigen Fütterungspraktiken
und über die Erkenntnisse der US-Forscher. Spätere
Untersuchungen bestätigten die Beobachtungen. Sie
stellten, wie etwa eine holländische Untersuchung aus
dem Jahr 2005, darüber hinaus fest, dass die
Grasfütterung auch dazu führte, dass die Bakterien vom
Typ 0157:H7 auf dem Boden draußen schneller
abstarben. Im Düngemist artgerecht gefütterter Viecher
findet sich mithin kaum eine Bazille. Anders bei Turbo-
Fütterung mit Getreide.
Bisher zielen die angepeilten Maßnahmen zur
Eindämmung der Ehec-Bakterien vor allem auf den
Ausbau der Hygiene. Die Süddeutsche Zeitung
beispielsweise machte die »mangelhafte Hygiene auf
dem Feld« für die Ausbreitung der Erreger im Spinat
verantwortlich. Das ist vermutlich die Idee eines
Stadtbewohners: peinliche Sauberkeit auf dem Acker,
am besten alles mit Kacheln belegen, dazwischen
Feldwege anlegen aus Edelstahl. Dann kann nichts mehr
passieren.
Besser wäre es natürlich, die Ursachen zu beseitigen.
Wer nun aber glaubt, es wäre recht einfach, den
Gefahrenherd zu beseitigen, indem man kurzerhand
Ochsen, Bullen, Kühe wieder auf die Weide lässt, denkt
leider realitätsfern. Auch die FAZ stellte fest, dass die
Lösung des Ehec-Problems eigentlich ganz einfach wäre:
»Ernährt sich ein Rind vorwiegend von Heu und Gras«,
dann könnten »die Mikroben« dem »Magensaft des
Menschen nicht widerstehen«. Sie bekommen aber kein
Heu und Gras. »Wirtschaftliche Gründe sprechen jedoch
gegen gesundes Futter.« Auch die Neue Zürcher Zeitung
meinte, nachdem sie die Forschungsergebnisse aus
Amerika vermeldet hatte, dass »die Landwirte aufgrund
dieser Erkenntnis ihre Fütterungspraxis ändern
werden, dürfte kaum der Fall sein. Denn schließlich
fördert die Getreidediät die Fleischproduktion.«
Die Branche weigert sich offenbar, die Erkenntnisse
über die Ursachen der Ausbreitung der Killerbakterien
und die einfachen Möglichkeiten der Vorbeugung
überhaupt zur Kenntnis zu nehmen.
Selbst Bio-Produzenten sind offenbar ahnungslos.
Auch bei ihnen tauchten schon Ehec-Bakterien auf. Als
etwa dem bayerischen Unternehmen Chiemgauer
Naturfleisch, das die Öko-Supermarktkette Basic
beliefert, einmal in Salametti-Würsten Ehec-Bakterien
nachgewiesen wurden, erklärte der Chef, und zwar
glaubhaft, dass er von den Ursachen für die Ausbreitung
der Ehec-Bakterien nichts wisse: »Dass das mit dem
Futter zusammenhängt, höre ich jetzt zum ersten Mal«,
sagte der Chef von Chiemgauer Naturfleisch auf
Anfrage. Natürlich hatte er sich bei Fachleuten
erkundigt, aber von den Bauernberatern und
Veterinärbehörden offenbar die Auskunft bekommen,
dass Ehec völlig unvermeidlich sei: »Zu uns hat man
gesagt, dass das Rind diese Bakterien halt in sich trägt.
Da war von Fütterung nie die Rede.«
Der Laie würde annehmen, dass »Naturfleisch« von
Tieren stamme, die naturgerecht gefüttert werden. Auch
das ist ein Irrtum. Schließlich müsse auch so ein Öko-
Vieh »eine gewisse Leistung erbringen«, so Reiter.
Daher betrachteten auch die Öko-Verbände in ihren
Fütterungsrichtlinien die »Zufütterung von geringen
Mengen Getreide« als »naturnahe Fütterung von
Pflanzenfressern wie Rindern«. Immerhin kündigte die
Öko-Firma an, sich »mit dem Thema weiter
auseinanderzusetzen«.
Der Fall E. coli zeigt: Die Ernährung der Tiere entfernt
sich weit von der Natur. Die Fachwelt, die Leute aus den
Raiffeisen-Milieus, aus den landwirtschaftlichen
Verbänden und auch aus den Ministerien, haben sich
eine eigene Welt geschaffen, in der die Geschäftserfolge
viel, die natürlichen Bedürfnisse der Tiere wenig zählen.
Die Methoden des Agribusiness haben sich offenbar
verselbständigt, und die Handelnden wissen nicht mehr,
was sie tun. Die Risiken für Mensch und Tier steigen.
Die Kollateralschäden nehmen zu.
Das Dumme ist, dass niemand so recht
verantwortlich ist. Und niemand scheint geneigt, an den
riskanten Praktiken etwas ändern zu wollen. Im
Gegenteil entsteht der Eindruck, dass die Methoden
immer verrückter werden. Die Öffentlichkeit ist zwar
sensibilisiert, aber die technische Entwicklung schreitet
weiter voran. Und die Tiere bekommen phantasievolle
kulinarische Kreationen vorgesetzt, von denen die
Öffentlichkeit noch gar nichts ahnt. Was noch als Futter
gilt, reicht bis hin zu einem ganz neuen Futter, einer Art
Erdgasgulasch sozusagen, das mit Hilfe von Bakterien
erzeugt wird. Gesund ist das natürlich nicht. Aber die
Regierenden und ihre Behörden können ja nicht auf
alles Rücksicht nehmen.
11.
Schwere Atmung
Hightech im Tierfutter. Die neue
Dimension der Müllverwertung
Irre: Bakterien produzieren aus Erdgas Gulasch
für Fische, Hähnchen, Hund und Katze / Vorsicht
bei den modernen Futterzusätzen: Zu viel ist
schnell tödlich / Für die neuen, ausgeflippten
Zusätze gilt Nulltransparenz – der Verbraucher
erfährt rein gar nichts
Es sieht nicht nach Krieg aus und nicht nach
Vandalismus. Die Spuren der Verwüstung sind dezent,
aber deutlich. Der Angriff wurde gezielt ausgeführt, er
traf nur einen Teil des Feldes. So wurde der Acker zu
einem Fall für die Kriminalpolizei, Abteilung
Staatsschutz. Bei einer Internetredaktion ging ein
Bekennerschreiben ein.
»In der Nacht zu Montag«, hieß es da, »haben wir bei
Forchheim (Karlsruhe) Teile des dortigen Genmaisfeldes
zerstört.« Auch das Motiv gaben Aktivisten an: »Wir
brauchen keine (Freiland-)Versuche mit
genmanipulierten Pflanzen, weil wir keine
genmanipulierten Pflanzen haben wollen. Wenn sie
einmal in den Ökokreislauf gelangen, ist dieser Vorgang
irreversibel. Dies ist umso fataler, weil die genauen
Auswirkungen auf die Umwelt völlig unbekannt sind.
Einziger Nutznießer der Verbreitung genmanipulierter
Nahrungspflanzen sind Firmen wie Monsanto.«
Unterschrieben hatten sie mit der Forderung »Stoppt
Monsanto – Gendreck weg«, und zwar als »Tommi und
Annika und einige mehr«.
Monsanto ist sowohl der Inbegriff von Hightech im
Agrarsektor als auch von dessen berühmtester und
umstrittenster Arbeitsweise: der Gentechnik. Vor allem
Tierfutter wird mit Hilfe von Gentechnik erzeugt, unter
Verwendung von Gensoja und Genmais. Dagegen
richten sich die Attacken. Und auch die Öffentlichkeit
ist hellwach, sensibilisiert durch die Aktivisten. Dabei
ist Gen-Tech nur eine Variante dieser Avantgarde-
Methoden. Weitgehend unbeobachtet von der
Öffentlichkeit und auch unbehelligt von Aktivisten
haben die Akteure der Futter-Branche völlig neue
Verfahren ausgetüftelt. Die neuen Technologien sind
schon übers Laborstadium hinaus, werden in der
Realität umgesetzt im großen Stil. Begleitet mit großen
Sprüchen. Es klingt extrem fortschrittlich, modern,
zeitgemäß. »Biotechnologie« heißt das Zauberwort. Ein
anderes Zauberwort ist »Nachhaltigkeit«. Das klingt
sogar nach Ökologie. Das alles sei ressourcenschonend
und sogar natürlich.
Die Verfahren sind in Wahrheit wieder einmal wenig
appetitlich. Die Tiere, Nutztiere wie Haustiere, sind so
etwas wie die Versuchskaninchen und die ersten Opfer
der neuen Technologie. Gesundheitsbedenken haben die
Entscheidenden kurzerhand beiseitegeschoben.
Sicherheitsprüfungen? Entbehrlich. Die Behörden
haben oft großes Verständnis für die Sachzwänge, die in
dieser Branche herrschen. Die Entsorgungsprobleme
auf der einen Seite. Und Versorgungsengpässe auf der
anderen.
Oft herrscht auch ein solcher Druck, auf beiden
Seiten, dass sich die Verantwortlichen etwa in Brüssel
einfach zum Handeln gezwungen sehen. Mit Hightech,
mit Biotechnologie können noch Ressourcen genutzt
werden, die vordem unvorstellbar waren. Manche
Methoden klingen für Laien etwas unappetitlich,
weswegen sie auf den Packungen fürs Futter ihrer
vierbeinigen Lieblinge damit nicht behelligt werden. Es
sind völlig neue, staunenswerte Techniken, ebenso
faszinierend wie befremdlich.
Da sind Kleinstlebewesen im Einsatz, Bakterien und
Pilze, die sonst allenfalls aus feuchten Wohnungen,
muffigen Winkeln und brackigen Tümpeln bekannt
sind. Sie und andere Substanzen helfen mit, neue
Nahrungsquellen zu nutzen, an die bisher, in der langen
gemeinsamen Geschichte von Menschen und Tieren,
noch niemand gedacht, an denen auch noch nie jemand
geknabbert hat. Allein schon deswegen, weil man sie
bisher nicht essen konnte. Erdgas zum Beispiel. Gas
kann man ja nicht essen. So war das jedenfalls bisher.
Das ändert sich jetzt.
Das Erdgas wurde bisher unter anderem auf den
Ölfeldern in der Nordsee in großen Mengen und völlig
nutzlos abgefackelt, weil man es als flüchtigen Abfall
ansah. Pure Verschwendung. Jetzt wird das Gas
eingefangen und umgewandelt, in Tierfutter. Hightech
und Bio-Tech unter Zuhilfenahme emsiger Bakterien,
die da am Werk sind, machen es möglich. So entstehen
neue, »natürliche« Zutaten fürs Futter, für Lachse in
Käfighaltung, für Schweine oder Hühner, aber auch für
Hunde und Katzen.
Mit dem Hightech-Tierfutter wird die bisherige
Praxis der Tierfuttergewinnung auf völlig neuem Niveau
fortgesetzt. Dazu weiten die Akteure der
Tierfutterindustrie die Rohstoffgewinnung auf bislang
völlig unvorstellbare Abfallsphären aus. Müllverwertung
findet in einer ganz neuen Dimension statt. Auch der
Umgang mit Gesundheitsrisiken gewinnt eine neue
Qualität. Die Risiken werden einfach nicht mehr
untersucht, vorhandene Bedenken kurzerhand
ignoriert. Es gibt zwar zahlreiche Gesundheitsbedenken
in den zuständigen Behörden vieler Länder. Aber die
spielen keine Rolle mehr, weil die Europäische Union
das Zulassungsverfahren einfach abgeschafft hat. Viel zu
umständlich, zu langwierig, kurz: innovationsfeindlich.
Jetzt können selbst die aberwitzigsten Verfahren einfach
praktiziert werden. Auch in Sachen Transparenz werden
neue Maßstäbe gesetzt. Vom Einsatz der neuen
Techniken erfährt der Verbraucher – gar nichts.
Das ist ja auch logisch: Wenn so etwas in Whiskas-
Dosen und Sheba-Schälchen und Purina-Packungen drin
wäre und draufstünde »Mit Erdgasgranulat, von
Bakterien gewonnen« oder auch »Bakterienmehl«, dann
würden viele wohl die Finger davon lassen. Dabei sind
gerade die Hersteller von Heimtierfutter ganz wild auf
das neue Erdgas-Futter, genauso wie die Lachsfarmer,
die Hühnerbarone oder die Schweinefabrikanten. Viele
verwenden es schon. Alle sind begeistert von dem neuen
Erdgasgranulat, das inkognito in die Näpfe und Tröge
gekippt werden kann. Die Tiere dürften eher keine Fans
werden. Die reagieren jetzt schon allergisch. Warum
und worauf, das werden sie und die Menschen, die
ihnen nahestehen, natürlich niemals erfahren. Weil auf
der Packung nichts davon draufstehen muss. Null
Transparenz.
Aus Sicht der Hersteller ist es besonders erfreulich,
dass es anders als bei der Gentechnik keinerlei
öffentliche Proteste gibt. So hat der Siegeszug des neuen
Hightech-Tierfutters schon begonnen. In Amerika, in
Asien, auch in Europa. Der Staat spielt dabei eine
zweifelhafte Rolle. Eigentlich müsste ein
demokratischer Staat der Mehrheit verpflichtet sein,
und dem Gesundheitsschutz sowieso. Doch allzu häufig
setzt er sich vor allem für Wirtschaftsinteressen ein,
insbesondere für die Interessen der großen Konzerne,
deren Hightech-Politik er den Weg bahnt. Auch auf dem
Feld, das Tommi und Annika und ihre
Gesinnungsgenossen verwüstet hatten, hatte der Staat
die Saat, genauer Monsanto-Mais vom Typ MON810, in
die Erde gebracht.
Der Acker liegt in der Rheinebene südlich von
Karlsruhe, ein paar Kilometer von der französischen
Grenze entfernt. Ein Stück Land am Rand der Stadt.
Links das neue Messegelände mit seinen silbrig
glänzenden Hallen. Auf der anderen Seite ein Flughafen
und eine hoppelige Wiese als Startbahn. Dazwischen
steht Maispflanze an Maispflanze. Die staatliche
Landesanstalt für Pflanzenbau hatte die Gen-Gewächse
angebaut, um herauszufinden, wie sich ihr Erbgut
verbreitet. Ein Projekt, das die Gentech-Gegner noch
mehr erboste. Denn sie meinen, dass dies gar nicht
erforscht werden muss. Nicht nur, weil aus Kanada und
anderswo längst bekannt ist, wie der Wind die Samen
verstreut und auch weit entfernte Felder kontaminiert.
Es müsste in Deutschland auch gar nicht erforscht
werden, weil Genmais nicht gebraucht wird, ja sogar
unerwünscht ist, da die Bevölkerung Gen-Nahrung
vehement ablehnt.
»Gendreck weg«, das ist die Parole der Bewegung.
Überall in Deutschland waren die »Feldbefreier« tätig.
Auch im brandenburgischen Zehdenick-Badingen waren
sie aktiv, auf einem Acker des Bürgermeisters. Der
Großagrarier bewirtschaftet 1300 Hektar, auf 200 davon
hatte er Genmais angebaut, Marke MON810. Die
Feldbefreier trampelten ein bisschen im Acker herum.
Sie sahen in der »Landnahme« (Frankfurter Allgemeine
Sonntagszeitung) eine »Antwort auf kriminelle
Gentechnik-Machenschaften«.
Das war, ebenso wie die Aktion in Karlsruhe, im Jahr
2006. Viele, die damals und in den Folgejahren Äcker
verwüsteten, wurden zu Geldstrafen verurteilt. Die
Verfahren beschäftigten die Justiz noch jahrelang. 2013
beispielsweise hob das Landgericht im sachsenanhaltinischen
Naumburg ein Urteil gegen drei
Umweltaktivisten auf, die zu mehreren hundert Euro
verurteilt worden waren. Die Geldstrafen für
»Landfriedensbruch mit Sachbeschädigung« gehen bis
zu 250000 Euro.
Der Imker und »Feldbefreier« Michael Grolm musste
sogar ins Gefängnis, jedenfalls für ein paar Tage.
Freigesprochen hingegen wurden im Jahre 2014 von
einem Berufungsgericht im elsässischen Colmar alle 54
Angeklagten, die sechs Jahre zuvor 70 gentechnisch
veränderte Rebstöcke zerstört hatten. Nicht diese
Aktion, sondern die Genehmigung für die Anpflanzung
durch die Pariser Regierung sei »illegal« gewesen.
Reizthema Gentechnik: Bei keinem anderen
Ernährungsthema ist die Ablehnung der Bevölkerung so
einmütig. Gentechnisch veränderte Lebensmittel sind
für die meisten Menschen eine Zumutung. In
Deutschland sind es bei Umfragen 80, in Österreich
sogar 90 Prozent aller Befragten, die Gentechnik im
Essen ablehnen. Gleichwohl versucht die Agro-Industrie,
erstaunlicherweise unter tätiger Mithilfe staatlicher
Organe, die verhasste Technologie durchzusetzen –
hinter dem Rücken der Wähler und Verbraucher. Ein
beliebter Weg führt über das Tierfutter.
In erster Linie geht es um die sogenannten Nutztiere.
Aber immer wieder landen trotz Verbraucherablehnung
auch Gen-Produkte für Haustiere im Supermarkt. Bei
einem Test der Stiftung Warentest für die
Septemberausgabe 2006 fiel beispielsweise das Nestlé-
Produkt »Purina One« mit Gensoja auf. Soja ist die
wichtigste Einfallschneise für Gentechnik in die
Nahrungskette. 85 Prozent der US-amerikanischen, 90
Prozent der rumänischen und 98 Prozent der
argentinischen Ernte ist genverändert. So kann es schon
mal vorkommen, dass solches Material durch die
Maschinen rutscht. Die Warentester aber tadelten:
»Purina One enthält genverändertes Soja, ohne darauf
hinzuweisen. Da viele Zeitgenossen Genveränderungen
in jeder Form ablehnen, ist das ein schweres
Versäumnis – und ein Verstoß gegen gesetzliche
Vorschriften.«
Nestlé teilte auf Anfrage dazu mit, dass sich die
»Ergebnisse hinsichtlich genetisch veränderter
Substanzen« in eigenen Untersuchungen »nicht
bestätigt« hätten. Soja werde überdies »nicht als
Rezepturbestandteil in unseren Purina-One-
Hundefutter-Produkten verwendet. Daher ist davon
auszugehen, dass eine unbeabsichtigte Vermischung von
Soja-Spuren mit anderen Rohwaren bei einem unserer
Zulieferer oder auf dem Transportweg stattgefunden
hat.« Nestlé sei im Übrigen bestrebt, den
Kundenwünschen Rechnung zu tragen: »Deshalb
verzichten wir grundsätzlich auf den Einsatz genetisch
veränderter Rohstoffe in unseren Produkten.« Die
Firma gehe daher auch den von der Stiftung Warentest
gewonnenen Erkenntnissen nach und habe die
»Kontrollen der eingehenden Rohstoffe verschärft«.
Doch bei einer Untersuchung von Öko-Test im Jahre
2011 war Nestlé – wie praktisch alle untersuchten
Produkte – wieder mit Gen-Bestandteilen aufgefallen,
bei »Purina Beneful Wohlfühlgewicht«. Und es ging
sogar um relativ viele genetisch veränderte
Inhaltsstoffe. Der Anteil von – genverändertem –
Roundup-Ready-Soja lag »bei rund zwölf Prozent« – und
hätte mithin als »Soja aus gentechnisch veränderten
Sojabohnen« deklariert werden müssen. »Die Firma
Nestlé«, teilte Öko-Test mit, »war über unser Ergebnis zu
genveränderten Organismen (GVO) im Purina Beneful
Wohlfühlgewicht überrascht. Man verwende
ausschließlich GVO-freies Soja aus Brasilien. Sowohl die
Ernte als auch der Transport im Ursprungsland und die
Entladung in Europa würden von
Zertifizierungsinstituten überwacht. Man vermute
daher, dass die GVO-Bestandteile von einer
unbeabsichtigten Kreuzkontamination einer weiteren
Futterzutat stammen.«
Die gesundheitlichen Folgen für die Tiere sind dabei
immer noch höchst umstritten. So berichten
Wissenschaftler aufgrund zahlreicher Studien von
Nierenleiden und Leberschäden, gesteigerten
Krebsrisiken und verkürzter Lebenserwartung. Sie
ernten jedes Mal erregten Widerspruch von den
angegriffenen Gentech-Konzernen und den ihnen
freundschaftlich verbundenen Wissenschaftlern.
Manche ziehen dann einfach selbst die Konsequenzen
und wundern sich über die – erfreulichen – Folgen. Der
dänische Schweinezüchter Ib Borup Pedersen aus dem
Ort Spentrup, zwei Autostunden nördlich von
Flensburg, jedenfalls hatte bei seine Schweinen
erstaunliche, und zwar positive Veränderungen
festgestellt, als er das Gen-Futter gegen das normale
Tierfutter austauschte. Die Schweine hatten keinen
Durchfall mehr, hatten weniger Totgeburten oder
Missbildungen, mehr Ferkel insgesamt und die waren
auch noch kräftiger. Seine Erfahrungen ähneln dem, was
auch Forscher schon festgestellt hatten.
Bei den großen Nahrungskonzernen dauert es länger,
bis sie solche Konsequenzen ziehen und aus dem Gen-
Futterwesen aussteigen. Manchmal braucht es auch
Druck. Von Greenpeace, zum Beispiel. Bei Campina war
das so, jenem holländischen Agro-Konzern, dessen
deutsche Tochter Milchprodukte unter dem Logo
»Landliebe« verkauft. Die Werbespots zielen genau auf
die idyllischen Träume der Leute, von denen sich die
Nähr-Konzerne längst verabschiedet haben.
Romantische Bauernhöfe, auf denen reizende
Bäuerinnen in Rüschenschürzen Rahm rühren.
Für Landliebe, so verkündet die Landliebe-Reklame,
werde Milch von »ausgewählten Bauernhöfen«
verwendet. »Warum«, fragt dann aber Greenpeace-
Experte Alexander Hissting, »wählt Campina Bauern
aus, die Gen-Mais anbauen?« Und Greenpeace fordert,
auf großen Transparenten: »Kein Gen-Futter bei
Landliebe.« Irgendwann hatte der Konzern wohl genug
von dieser Sorte Aufmerksamkeit und wies seine
Lieferanten an, kein Gen-Futter mehr zu verabreichen.
Campina hatte den Unmut der Greenpeace-
Aktivisten nicht nur durch die Wahl der Gen-Bauern auf
sich gezogen, sondern sich auch hartnäckig geweigert,
Greenpeace Auskunft zu geben. Die Nähr-Multis sind
der Auffassung, was sie ins Essen mischen, sei ihr
Betriebsgeheimnis und gehe niemanden etwas an. Doch
Greenpeace stellte eigene Recherchen an – und die
ergaben, dass Bauern in Brandenburg Monsantos
Genmais der Sorte MON810 anbauen. Und die mit
Genmais erzeugte Milch wurde an Campina sowie den
bayerischen Molkereiriesen Müller geliefert.
Müller mochte sich nicht zu Gentech-Abstinenz
durchringen, stritt stattdessen mit Greenpeace
jahrelang, ob seine Milch als »Gen-Milch« bezeichnet
werden darf. Der Rechtsstreit zog sich durch die
Instanzen. 2010 schließlich urteilte das deutsche
Bundesverfassungsgericht im Sinne von Greenpeace:
Die Umweltschützer dürfen Müller-Milch »Gen-Milch«
nennen. Als hartnäckiger erweist sich der Fast-Food-
Riese McDonald’s, gegen den die
Verbraucherorganisation »Foodwatch« kämpft im
Rahmen einer »Burgerbewegung«. Motto: »Gemein:
1000 Menüs im Angebot, aber keinen Hamburger ohne
Gentechnik.«
Dabei wäre McDonald’s offenbar durchaus bereit, die
Wünsche der Kunden nach gentechfreien Hamburgern
zu befriedigen. Doch die Firma hat es offenbar mit
einem ausgesprochen eigensinnigen oder auch hilflosen
Lieferanten zu tun: »Unser Fleischlieferant hat explizit
keinen Einfluss darauf, wie die Tiere während ihrer
Haltung gefüttert werden.« Das finden die Foodwatch-
Leute »lächerlich«.
»Bei der Marktmacht könnte McDonald’s den Bauern
einfach sagen: Ab heute füttert ihr nur noch
gentechnikfreies Futter – und dokumentiert das gemäß
unserem Vertrag. Fertig. In der Schweiz werben die
sogar mit Gentechnikfreiheit«, sagt Foodwatch-Experte
Matthias Wolfschmidt, ein studierter Tierarzt. Seit
Anfang 2016 hat der Burgerkonzern immerhin dafür
gesorgt, dass wenigstens seine Hähnchenprodukte ohne
Gen-Futter hergestellt werden. Geht doch. Die
Gentechnik ist damit aber natürlich längst nicht aus der
Nahrungskette eliminiert. Sie ist, im Gegenteil, weiter
auf dem Vormarsch.
Dabei beschränken sich die Hightech-Methoden der
Futterproduktion nicht auf die reinen Futtermittel.
Auch die Zusätze werden oft mit Hilfe von speziell
ausgebildeten Kleinstlebewesen hergestellt. Die
Vitamine, darunter die Vitamine C, B2 und B12, und auch
der Süßstoff Aspartam werden so produziert.
Genveränderte Kleinstlebewesen kommen zudem bei
der Herstellung von Glukosesirup zum Einsatz. Oder bei
der Produktion von sogenannten Enzymen wie Phytase,
Glucanase und Xylanase, die als Futtermittelzusätze
Verwendung finden. Auch der Futterzusatz »Salocin«,
nach Herstellerangaben ein »Monocarboxylsäure-
Polyether-Natriumsalz«, wird hergestellt durch ein
Kleinstlebewesen namens Streptomyces albus.
Solche Miniorganismen wie Bakterien und
Schimmelpilze sind sehr beliebt im Nahrungsbusiness,
weil diese emsigen Tierchen sehr billig produzieren.
Was dabei herauskommt, ist in der Handhabung etwas
diffiziler als, sagen wir, Eicheln oder Kartoffeln. Solche
Futterzusätze sind immer ein Wagnis. Sie haben ja mit
Natur nichts zu tun, sind daher für die Tiere oft etwas
ungewohnt und mit gewissen Gesundheitsrisiken
verbunden.
Der Bauer sollte daher beim Füttern höchst
vorsichtig sein, wenn er ein Päckchen von diesem
»Salocin« bekommt, sicherheitshalber stets mit
Feinwaage und Rechner operieren und den Stoff stark
verdünnt übers Mischfutter verabreichen. Denn ein
Ferkel, das zehn Kilogramm wiegt, verträgt höchstens
80 Milligramm »Salocin« pro Tag. Schon ein paar
Milligramm mehr, so warnt die Herstellerfirma,
»verursachen eine mehr oder weniger starke
Futterverweigerung, teilweise verbunden mit
Erbrechen«.
Wenn ein Zehn-Kilo-Ferkel 160 Milligramm von
diesem Zusatz bekommt, was ja auch nicht sehr viel ist,
»fallen die Tiere auf durch schwere Atmung, staksigen
Gang, teilweise Zittern und Lähmung der Hinterhand«.
Tröstlich ist immerhin, dass die geschilderten
Symptome schlagartig nachlassen, wenn die Droge
abgesetzt wird. Nur der Tod eines Tieres ist natürlich
unumkehrbar. Der tritt schon ein, wenn weitere 20
Milligramm eingesetzt werden. Dann, so warnt der
Prospekt, muss »mit hoher Mortalität gerechnet
werden«. Tod durch Leistungsförderer. Eine unschöne
Perspektive.
So ist häufig mit möglicherweise irreversiblen
Nebenwirkungen zu rechnen, wenn Futterzusätze zum
Einsatz kommen, die in der Natur eigentlich nicht
vorgesehen sind. Zu ihnen zählt Enterococcus faecium, eine
Bakterie, wie der Name sagt, die aus Fäkalien gewonnen
wird. Der zur Tierfutterproduktion eingesetzte Stamm
Enterococcus faecium DSM 3530 wurde an einem Wiener
Universitätsinstitut einst aus dem Darminhalt eines
Kalbes entnommen. So macht die Fäkalbazille deutlich,
dass die Branche auch bei den Hightech-Futtermitteln
keine Ekelgrenze kennt.
Als Wachstumsförderer ist das Bakterium aus dem
Kalbsdarm bei Kälbern und auch bei Hühnern
zugelassen. Die europäische
Lebensmittelsicherheitsagentur Efsa fand keinerlei
negative Begleiterscheinungen bei der Fütterung mit
solchen Mikroben. Aber ganz ohne Risiko sind diese
Fäkalbakterien freilich nicht. Sie können durchaus
Krankheiten einschleppen, warnte der Tiermediziner
Marco Weiß aus München in seiner Doktorarbeit an der
Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Er
untersuchte die Wirkung von Enterococcus faecium auf
den Organismus neugeborener Hundewelpen.
Bei Haustieren geht es natürlich nicht um schnelle
Gewichtszunahme.
Wobei diese ja, zum Leidwesen der Halter, häufig
genug vorkommt. Und diese sogenannten Probiotika
können, wie der Einsatz als »Leistungsförderer« zeigt,
eben als Dickmacher eine Rolle spielen.
Weiß macht aber auch auf weitere Risiken und
Nebenwirkungen aufmerksam: So könnte der Keim,
wenn er ins Hundefutter gemischt werde, auch die
Ausbreitung von Krankheitserregern fördern, erst beim
Hund, dann beim Menschen. Bestimmte Probiotika des
Typs Enterococcus faecium machten den Hund zu einem
»potenziellen Träger« von Campylobacter jejuni und zu
einer möglichen Quelle der Ansteckung für den
Menschen.
Campylobacter ist die gefürchtete Bazille, die zu
Erkrankungen des Darms führen kann. Das Bakterium
verursacht unter Umständen Bauchschmerzen,
Erbrechen, Durchfall und Fieber und kann manchmal
sogar das rätselhafte Guillain-Barré-Syndrom
einschließlich seiner zeitweiligen Lähmungen auslösen.
Weiß warnt darum vor der Verwendung: »Diese
Gefahrenquelle« für Herr und Hund sollte »nicht aus
den Augen verloren werden«. Und er führt weiter aus:
»Problematisch« sei zudem die »Anwendungssicherheit
von Ec. faecium im Bezug auf die Übertragung von
Antibiotikaresistenzen«.
Die Ausbreitung antibiotikaresistenter Keime ist ein
Horrorthema für Mediziner, weil ihre Arzneien dadurch
immer weniger wirken. 700000 Menschen sollen
jährlich weltweit daran sterben. Im Zentrum der Debatte
steht bislang die allzu sorglose Verschreibung von
Antibiotika, vor allem aber der verbreitete Einsatz in
den Massenställen der Tierindustrie (siehe Hans-Ulrich
Grimm: »Die Fleischlüge«).
Doch häufiger noch als bei Masthähnchen, Puten und
Schweinen sind die resistenten Keime beim Hund zu
finden. Das gilt jedenfalls für die besonders
gefürchteten MRSA-Keime, die sich dadurch
auszeichnen, dass sie immun gegen die meisten
Antibiotika sind. Ihre hohe Verbreitung beim Hund
hatte eine 2015 veröffentlichte Studie des Bundesamtes
für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit
(BVL) ergeben. Eine wichtige Rolle spiele auch hier das
Verschreibungsverhalten der Veterinäre – aber offenbar
können auch die Innovationen der Industrie die
Probleme verschärfen.
Industriell genutzte Biotechnologie-Verfahren gibt es
indes immer mehr. Die europäische Behörde für
Lebensmittelsicherheit (Efsa) im italienischen Parma
kommt kaum nach mit der Überprüfung der neuen
Substanzen. Viele sind eigentlich gar nicht wegen ihres
eigenen Nährwerts im Einsatz. Sie sind nur Hilfsmittel,
um die Tiere gewissermaßen an die Futtermittel
anzupassen. Das wäre etwa so, als wenn man Menschen
plötzlich mit Holz füttern wollte, weil Holz im Überfluss
vorhanden ist und viel billiger als Spätzle oder Spinat.
Holz ist im Prinzip nichts Schlechtes, nur können die
Menschen es nicht verdauen. Wenn man ihnen da ein
bisschen helfen würde, mit ein paar Ingredienzen im
Holz-Müsli, dann ginge das schon. Schließlich enthält so
ein Baum wertvolle Nährstoffe. Und Wälder gibt es ja
genug.
So ähnlich ist das beim Tier. Die Tiere bekommen
eben nicht das, was sie von Natur aus fressen würden.
Eicheln und Trüffeln für ein Schwein, Heu und Gras für
eine Kuh, diese Zeiten sind vorbei. Mais und Soja sind
die wichtigsten Futterpflanzen. Das ist schön billig für
die Agrarier. Aber die Tiere können damit leider nicht
umgehen. Sie werden häufig krank, vor allem im
Verdauungstrakt, wo das Zeug ja landet. Und sie können
offenbar auch die Nährstoffe nicht verwerten. Genau
dafür gibt es die neuen Futterzusätze.
Unter ihnen gibt es einen Stoff namens »Rovabio
PHY AP/LC«. Es handelt sich dabei um ein Enzym.
Enzyme sind gewissermaßen die Handwerker unter den
Chemikalien. Sie hämmern und sägen, spalten und
schweißen und legen so auch Nährstoffe frei, die in dem
täglichen Menü für Menschen oder Tiere enthalten sind.
Weil Enzyme Zellwände zerstören und wertvolle Stoffe
freisetzen können, kommen sie auch im Magen-Darm-
Trakt zum Einsatz. Dort helfen sie bei der Verdauung,
stellen dem Körper Vitamine, Mineralien und alle Arten
von Nährstoffen zur Verfügung. Weil die Schweine und
Hühner aber ein Futter vorgesetzt bekommen, mit dem
sie offenbar nicht viel anfangen können, werden
spezielle Enzyme zugesetzt.
»Rovabio« ist genau so ein Enzym, das künstlich
zugefügt wird. Es soll einen wichtigen Nährstoff aus
Soja, Mais, Weizen oder Sonnenblumen herauslösen:
Phosphor. »Rovabio PHY AP/LC« ist kein Rohstoff, der
abgebaut oder geerntet werden könnte. Es wächst nicht
auf Bäumen, sondern wird ebenfalls von einem
Kleinstlebewesen produziert. Es heißt Penicillium
funiculosum. Das klingt nach Penicillin, ist aber
gemeinhin eher ein Fall für den Mieterbund. Es ist der
Pilz, der für schimmlige Wände in Wohnungen sorgt.
Dieser Art sind die Lebewesen, die die Hightech-
Leckereien für Mensch und Tier produzieren.
Bakterien und Pilze. Sie sind die Hauptfiguren der
sogenannten Biotechnologie. Weil sie so winzig sind,
werden sie in der Öffentlichkeit nicht so recht
wahrgenommen. Dabei steigt ihre Bedeutung
unaufhaltsam. Manche wurden jahrelang für ihre
Aufgaben dressiert, damit sie schnell und in
angemessener Menge produzieren. So eine Bazille und
so ein Pilz wurde ja auch nicht für den Fabrikeinsatz
geboren. Manche unter ihnen müssen also zusätzlich mit
Hilfe der Gentechnik optimiert werden.
Das ist nicht ganz einfach, wie das Beispiel »Phytase
SP 1002« zeigt. Dieses Enzym wird von der Firma DSM
Nutritional Products in Basel hergestellt und an
Schweine und Geflügel verfüttert. Als Hersteller für
dieses Enzym wählten die Biotechniker eine Bazille vom
Typ Hansenula polymorpha. Ihr Name deutet schon darauf
hin, dass die Bazille ein vielseitiges Talent ist. Sie galt als
vielversprechend, da sich ihre Verwandten schon bei der
Herstellung von Impfstoffen etwa gegen Hepatitis
bleibende Verdienste erworben hatten.
Impfstoff oder Enzym, das ist allerdings zweierlei.
Einer, der einen Schrank schreinern kann, muss nicht
unbedingt auch begabt für Autoelektrik sein. Die Bazille
musste also für ihren neuen Beruf aufwendig
umgerüstet werden. Aus 19 anderen Kleinstlebewesen
lösten Gen-Ingenieure in mühevoller Arbeit einzelne
Gensequenzen heraus, fügten sie in die Hansenula ein,
nahmen schließlich noch Teile von Escherichia coli und
Saccharomyces cerevisiae und vollendeten schließlich ihr
Werk. Die umgerüstete Hansenula tat ihre Pflicht und
produziert seither emsig die »Phytase SP 1002«, die
dann im Stall verfüttert wird und die zukünftigen
Grillhähnchen in Rekordzeit anschwellen lässt. Bei der
höchsten Phytase-Dosis hatten die Hähnchen nach 36
Tagen 1953 Gramm auf den Rippen, bei der phytaselosen
Kontrollgruppe nur 1585.
BASF lässt für die Produktion des
Futtermittelenzyms »Natuphos®« einen anderen
Kleinstorganismus, den Schimmelpilz Aspergillus niger,
schuften. Er kommt ursprünglich aus der Dusche,
produziert dort unangenehme schwarze Flecken, ist
aber seit Jahrzehnten auch erfolgreich bei der
Produktion von Zitronensäure tätig. Die entspricht
offenbar seinen natürlichen Talenten, er musste nur
durch normale Dressur- und Erziehungsmaßnahmen
für die Fabrikarbeit abgerichtet werden.
Für die Enzymproduktion indessen reichten seine
natürlichen Begabungen nicht. Da waren bei BASF
einige gentechnische Manipulationen nötig. Der
optimierte Gen-Schimmel hört dann auch auf den
Namen Aspergillus niger CBS 101.672 (NPH54) und
produziert einen Stoff namens »3-Phytase«. Ein Enzym,
das ebenfalls Phosphor aus der Schweine- und
Geflügelnahrung herauslösen soll. BASF hat eine ganze
Reihe von solchen Spalter-Chemikalien im Angebot. So
ein Enzym habe, wie BASF in einem Prospekt schreibt,
»eine ganze Reihe von Vorteilen« für die
Geflügelproduzenten und die Mischfutterindustrie. So
könne »preiswerteres Getreide in höherem Umfang
eingesetzt werden«.
Der Stoff »Natuphos®« komme im Übrigen auch in
der freien Natur vor, meinte die Efsa, die im Jahre 2006
über die Sicherheit zu entscheiden hatte, und sei daher
unbedenklich. Nicht ganz so eindeutig war das
Sicherheitsurteil bei einem Neu-Futter, über das die
Sicherheitsagentur schon mehrfach befinden musste. Es
handelt sich um ein ganz merkwürdiges Erzeugnis, um
ein futuristisches Produkt, das wie eine Ersatznahrung
von einem fernen Planeten anmutet. Von einem
Planeten, auf dem es keinen Sauerstoff gibt, sondern
nur Methangas und wo grüne Männchen das Gas
verwandeln und daraus ihr Essen herstellen. Ein
Erdgasschnitzel für die extraterrestrischen
Sternenbewohner sozusagen. Das sollten nun auch die
Erdlinge essen und ihre Tiere.
Auch das klingt wie Science-Fiction. Es ist aber nichts
als die Wahrheit – wenn auch eine bittere Wahrheit.
Zunächst gab es Bedenken, von praktisch allen für die
Gesundheit zuständigen Behörden. Ein Erdgasschnitzel
ist ja auch eine gewöhnungsbedürftige Vorstellung. Das
Rezept lautet folgendermaßen: Man nehme Bakterien,
die gerade zur Hand sind, etwa einen Methylococcus
capsulatus oder auch den einfachen Bacillus brevis, und
lasse ein bisschen Erdgas darüberstreichen. Mit Hilfe
von einigen weiteren Zutaten hat man schon bald den
neuen Nährstoff. Für den gibt es einstweilen keinen
Namen, weil es ja den Stoff eigentlich nicht gibt. Man
nennt ihn darum »Eiweißfermentationserzeugnis«. Die
Substanz ist so eine Art Fleischersatz, man könnte auch
sagen ein Erdgasschnitzel. Für die Tiere gibt es aber
eher so eine Art Erdgas-Gulasch, ein Granulat, das im
Futter praktisch eingesetzt werden kann.
Beim verwendeten Gas sollte man, so raten Fachleute,
auf die richtige Mischung achten: 91 Prozent Methan,
fünf Prozent Ethan, zwei Prozent Propan, 0,5 Prozent n-
Butan. Das klingt alles ein bisschen nach der
Mischungsvorschrift für die Camping-Gasflaschen,
entstammt aber der entsprechenden Vorschrift aus der
Futtermittelverordnung zum Erdgas-Fleischersatz.
Denn die gibt es auch schon. Es ist ja keine Science-
Fiction, sondern Realität.
Dabei wäre das ganze schöne Projekt fast schon
gescheitert – an Gesundheitsbedenken. Es war, wieder
einmal, eine tolle Idee zur Abfallverwertung. Der Abfall
war in diesem Fall Erdgas, das überall auf der Welt an
Bohrstellen einfach abgefackelt wird. Die besonders
innovativen Holländer waren dafür ursprünglich einer
besonders praktischen Idee gefolgt: ein Schiff, das ganz
in der Nähe von Ölfeldern herumschwimmt, bei denen
Erdgas ausströmt und bisher, völlig ohne Nutzen,
angezündet und abgefackelt wird. Das Schiff besteht aus
einem Reaktor, in dem die Erdgas-Fleischproduktion
stattfindet, und Tanks, in denen Fische geboren, mit
dem Erdgas-Gulasch gefüttert und auch gleich gefangen,
getötet und verarbeitet werden.
An der Technologie waren Konzerne wie der Chemie-
Multi ICI, die holländisch-britische Ölfirma Shell und
der staatliche norwegische Ölkonzern Statoil beteiligt.
Mit so einem innovativen Produkt sollte man natürlich
nicht bei Fischen stehenbleiben, dachten wohl die
Erfinder. So wurde gleich eine Pilotanlage an Land
gebaut, betrieben von der eigens gegründeten Firma
Norferm, einer Tochter von Statoil und dem
Chemieriesen DuPont im norwegischen
Tjeldbergodden. Eine Tochterfirma in Dänemark, Dansk
Bioprotein A/S, widmete sich gleichfalls dem Projekt
zum Gas-Mahl. »Bioprotein«, so nannten sie das
innovative »Nahrungsmittel« damals.
Norferm-Chef Kurt Strand träumte schon von den
neuen Möglichkeiten, Hamburger und Würstchen aus
Gasfleisch herzustellen, und berichtete von ersten Tests
mit »gutem Resultat«. Leider musste die Firma Anfang
2006 schließen. Denn, so sagte der Norferm-Manager
Jan Ellevset auf Anfrage: »Es fehlt an der Zulassung.« Er
klang ein bisschen niedergeschlagen. Für ihn war das
natürlich ein schwerer Schuss vor den Bug. Die EUNahrungsbehörde
Efsa hatte eben doch gesundheitliche
Bedenken.
Was zunächst wie ein herber Rückschlag aussieht,
war, im Nachhinein betrachtet, eher der Startschuss zu
einer Weltkarriere. Denn in Dänemark arbeiteten sie
weiter an der Entwicklung des Erdgasschnitzels. Auch
die norwegische Anlage, teilte damals Manager Ellevset
mit, sei »noch intakt«.
Bald schalteten sich auch die besonders
innovationsfreudigen Amerikaner ein, mit viel Geld,
neuen Strategien, neuen Namen und mit
Marketingmacht. Klar, dass da die Bedenkenträger
schließlich den Kürzeren zogen. Dabei gab es ziemlich
viele, die skeptisch waren. Und ihre Argumente klangen
plausibel. Das Norwegische Wissenschaftskomitee für
Lebensmittelsicherheit (Vitenskapskomiteen for
mattrygget), kurz VKM, listete 2006 die
Problembereiche auf. Die Tiere reagierten offenbar mit
allerlei Beschwerden auf das Futter, das von der Natur
nicht vorgesehen ist.
So hatten die zuständigen britischen und auch die
französischen Behörden Zweifel angemeldet. Die
»Besorgnis« konzentrierte sich offenbar auf die
Immunabwehr, die durch das Erdgas-Bakterien-
Granulat geschwächt wird. Außerdem gab es
»Veränderungen im Darm und in mehreren inneren
Organen« bei den Tieren, denen das Granulat
verabreicht wurde. Vor allem an den Lymphknoten, aber
auch an Leber, Nieren und Milz waren Auffälligkeiten
beobachtet worden, die zu Bedenken Anlass gaben. Das
bedeutet: Die Tiere betrachteten die kühn komponierten
Abfallbeseitigungsprodukte als suspekte Fremdkörper.
Ihr Immunsystem schlug Alarm.
Und es deutet darauf hin, dass die Tiere mit dem
innovativen Futter nicht problemlos zurechtkommen –
was eigentlich auch kein Wunder ist. Ein Organismus ist
ja nicht auf technische Wundermittel eingestellt. Die
Hersteller meinten zwar, daran würden sich die Tiere
schon gewöhnen, doch die norwegischen
Wissenschaftler überzeugte das nicht: »Diese
Interpretation« werde durch die Datenlage »nicht
ausreichend unterstützt«.
Die französischen Behörden hatten sich auch zur
Wirkung des Granulats auf Haustiere geäußert. So
hätten die vorgelegten Studien »nicht die ganze
Lebensspanne« umfasst, außerdem seien nur zehn
Katzen gefüttert worden. Zudem wurden die
Studienprotokolle und auch die Ergebnisse »als
unzureichend betrachtet«, und überdies gab es keine
Studien zum bei Katzen besonders problematischen
»Risiko für Urinsteinleiden«. Die finnischen Behörden
vermissten ausreichende Nachweise für die Effekte auf
Hunde.
Die Gutachten der Behörden waren also keine
optimalen Voraussetzungen für eine Zulassung. Bei all
diesen Krankheiten und Gesundheitsstörungen. Die
Tiere sollten ja auch nicht unnötig leiden an ihrem
Futter. Und Allergien, Immunstörungen,
Organveränderungen, das sind ja keine Kleinigkeiten.
Doch die Freunde des Erdgasgranulats ließen nicht
locker. Der Druck kam schließlich von zwei Seiten: Auf
der einen Seite besteht ein Entsorgungsdruck.
Schließlich werden weltweit pro Jahr 140 Milliarden
Kubikmeter Erdgas auf Ölfeldern verbrannt. Und es
handelt sich dabei um Methan – ein gefürchtetes
Klimagas. Aus Sicht der Wirtschaft sprechen für das
Erdgasgulasch mithin also auch Umweltargumente.
Auf der anderen Seite steht der Futterbedarf. Vor
allem bei den norwegischen Lachsfarmern. Sie müssen
ihren Fischen in den Käfigen vor der Küste irgendwas zu
fressen geben. Und die Lachsproduktion steigt und
steigt, von 50000 Tonnen in den 1990er Jahren auf 1,2
Millionen Tonnen im Jahr 2012. Die Prognose für 2050
rechnet sogar mit 5 Millionen Tonnen Lachs. Das
Fischmehl wird knapp. Das Erdgasgranulat wäre da eine
prima Lösung.
So sieht das auch die Europäische Union. Und sie
überging kurzerhand die lästigen Innovationsbremser
und ließ das Erdgasfutter einfach zu. In der
»Verordnung (EG) Nr. 767/2009 des Europäischen
Parlaments und des Rates vom 13. Juli 2009« wird
festgestellt, dass »nach wie vor« ein »Mangel an
proteinreichen Futtermitteln besteht« und daher
dringend »die Versorgung mit als direkte und indirekte
Proteinquelle dienenden Futtermitteln in der
Gemeinschaft verbessert werden« sollte. Leider seien
bisher »nur sehr wenige« dieser »Bioproteine«, wie sie
das Erdgasfutter nennen, zugelassen worden, was an
den innovationshemmenden Vorschriften liege: »Die
allgemeine Vorschrift über die Zulassung vor
Inverkehrbringen hat sich also als Hindernis
herausgestellt.«
Lästige Vorschriften, die die Innovationen
behindern, nur weil diese Innovationen ein bisschen
ungesund sind, gehören natürlich abgeschafft. So sieht
das jedenfalls die Europäische Union. Als Konsequenz
stellte sie darum fest: »Die besondere Vorschrift, dass
für Bioproteine ein allgemeines Zulassungsverfahren
vor Inverkehrbringen durchzuführen ist, sollte
abgeschafft werden.«
Man könne schließlich auch hinterher noch sehen, ob
die Bioproteine schaden. Denn die »Sicherheitsrisiken
könnten auch durch Marktüberwachung anstatt durch
Verbot riskanter Produkte angegangen werden.« Und so
wurde das Erdgasgranulat einfach, trotz aller Bedenken,
zugelassen in der »Verordnung (EU) Nr. 68/2013 der
Kommission vom 16. Januar 2013 zum Katalog der
Einzelfuttermittel«. Das Granulat ist unter Punkt 12.1.2
aufgeführt als »Eiweiß« aus Methylococcus capsulatus
(Bath). Es ist nicht als »Erdgasgranulat« verzeichnet,
sondern als »Eiweißfermentationserzeugnis, das auf
Erdgas (ca. 91% Methan, 5 % Ethan, 2 % Propan, 0,5 %
Isobutan, 0,5 % n-Butan), Ammonium und Mineralsalzen
unter Verwendung von Methylococcus capsulatus (Bath)
(Stamm NCIMB 11132), Alcaligenes acidovorans (Stamm
NCIMB 12387), Bacillus brevis (Stamm NCIMB 13288) und
Bacillus firmus (Stamm NCIMB 13280) gezüchtet ist;
Rohprotein mindestens 65 %«.
Die Verbraucher, auch die Verwender, die Farmer,
die Hundehalter und Katzenfreunde, sie erfahren davon
allerdings – gar nichts. Denn auf der Futterpackung
muss davon nichts stehen. Als »obligatorische Angaben«
vorgeschrieben sind allein die Bezeichnungen:
Rohprotein – Rohasche – Rohfett.
Das steht in der Verordnung (EU) 68/2013. Diese doch
etwas allgemein gehaltenen Oberbegriffe sind das, was
auf praktisch jeder Futterpackung steht. Auf dem
Etikett steht also nicht, ob das Futter mit oder ohne
Erdgas-Bakterien-Mehl produziert wurde. Die
Innovation geht einfach im Alltäglichen auf, ohne groß
aufzufallen. Das Prinzip bei der Deklaration lautet
mithin: Es herrscht null Transparenz. Niemand soll
erfahren, was da in Wahrheit in den Napf kommt oder
in den Trog. Für die Tierfutterkonzerne ist das natürlich
umso besser. Denn jetzt kann das Geschäft richtig
losgehen.
Und es geht los.
Die dänische Bioprotein A/S wurde 2014 von einer
kalifornischen Company namens Calysta in Menlo Park
bei San Francisco übernommen. Eigentlich ist das eine
Gasverwertungsfirma, jetzt hat sie auch einen Ableger
namens Calysta Nutrition, der im norwegischen
Stavanger sitzt. Und hier soll sich alles anders anhören.
Nachdem »BioProtein« aufgrund der behördlichen
Bedenken in diversen Ländern ein bisschen suspekt
geworden ist, wird es erstmal umbenannt. In
»FeedKind™«. Der Name »FeedKind« ist geschickt
gewählt. Denn das englische Wort kind bedeutet so viel
wie nett oder freundlich. Und das klingt viel
vertrauenswürdiger. »FeedKind ist nett zum
Konsumenten, nett zum Tier und nett zur Umwelt.« So
der Originalton aus der FeedKind-Werbung.
Aber was ist »FeedKind«? Das Gasgranulat ist jetzt
eine »natürliche Alternative zu Fischmehl und Soja«. So
wirbt die US-Firma für ihr innovatives Produkt.
»Natürlich« ist gut. Und wie wird es gewonnen? Voll
natürlich, was sonst, und das kann man gar nicht oft
genug sagen: »FeedKind™ ist eine Premium-Fischzutat,
die produziert wird aus natürlich in Böden
vorkommenden Mikroben, wobei ein natürlicher
Fermentationsprozess verwendet wird, der mit der
Herstellung von Hefe vergleichbar ist.« Also alles so
ähnlich und natürlich wie beim Bäcker. Dass die
natürliche Alternative zum ebenfalls unappetitlichen
Fischmehl Erdgas sein soll, das lassen sie mal lieber weg
in der Beschreibung. So geht Hightech-Innovation, mit
dem passenden Marketing, das die Hightech ausblendet
und viel pure Natur ins Licht rückt.
Auch in Großbritannien wird, zusätzlich zur Anlage
in Norwegen, eine Fabrik gebaut. Und es geht natürlich
nicht nur um Fische, sagte Alan Shaw, der Firmenchef:
»Wir sehen auch starkes Interesse bei
Schweineproduzenten, Shrimps-Farmern und
Haustierfutterfirmen.« Namentlich die
Heimtierfutterhersteller hatten sich schon früh für das
innovative Erdgasfutter interessiert. So wurde es auf
einem Symposium von Waltham International, dem
Forschungs-Ableger des Chappi-Konzerns Mars, im Jahr
2001 im kanadischen Vancouver von zwei norwegischen
Forschern vorgestellt. Sie hatten das Erdgas-Gulasch an
Hunde verfüttert, die das offenbar gut vertragen haben.
Nach Angaben der Sicherheitsagentur Efsa wird es
schon eingesetzt im Futter für Schweine,
Masthähnchen, Hunde und Katzen. Neben den Zweifeln,
welche Auswirkungen diese hochsynthetischen
Substanzen auf die Nutz- und Haustiere haben, bleibt
die Frage, wie es eigentlich den Menschen geht, die das
Fleisch der gesundheitlich angeschlagenen Tieren
verspeisen, die mit Erdgas-Bakterien-Granulat
gefütterten worden sind.
Sicher ist: Übermäßig gesund ist es für die Menschen
nicht. Der solchermaßen erzeugte Lachs jedenfalls hat 30
Prozent weniger sogenannte Omega-3-Fettsäuren, für
die der Fisch berühmt ist. Ein gesundheitliches Risiko
für den Menschen sei zwar vermutlich
»vernachlässigbar«, meinten die Norweger. Aber es
handle sich doch um einen »relativ neuen
wissenschaftlichen Ansatz«, mit dem »vorsichtiger
Umgang« angesagt sei. Nach vorsichtigem Umgang sieht
es derzeit allerdings nicht aus. Eher nach
galoppierender Innovation.
Als wenn es nicht schon lange genug wäre, geht es
noch weiter mit den tollen Ideen. Professorin Margareth
Øverland von der Universität Ås, die eine halbe
Autostunde südlich von Oslo liegt, will die Fische nicht
nur mit dem Granulat füttern, das sie »Bakterienmehl«
nennt, sondern auch mit Hefe, die auf Fichtespänen lebt.
Die solchermaßen gewonnene »Biomasse«, schwärmt
Frau Professor Øverland, bestehe »zu 70 Prozent aus
Protein«. Der Professorin ist auch schon ein toller
Werbespruch eingefallen: »Vom Baum zum Filet«.
Ist das die schöne neue Welt des Tierfutters? Wächst
hier zusammen, was noch nie zusammengehörte? Wann
wäre je ein Lachs in den Fichtenwald gekommen? Oder
auf einen Kraftwerksschornstein? Auch von dort kann
der Lachs jetzt sein Futter bekommen, gewonnen mit
Hilfe von Mikroalgen vom Typ Phaeodactylum oder
Chlorella, die das Kohlendioxid aus
Kraftwerksschornsteinen heraussaugen.
In Brandenburg wird so etwas seit 2011 schon
gemacht, im Heizkraftwerk Senftenberg, eineinhalb
Autostunden südöstlich von Berlin. Das Kraftwerk
gehört zum Vattenfall-Konzern und hat das Projekt
»greenMission« aufgenommen, das vom Land
Brandenburg und der Europäischen Union gefördert
wird. Für Vattenfall wäre es natürlich auch praktisch,
wenn sie ihre CO2-Emissionen als Fischfutter verkaufen
könnten. Oder, noch schöner, als Futter für Hunde und
Katzen. Und natürlich so getarnt, dass die Tierhalter
rein gar nichts davon erfahren.
Erdgasgulasch, Bakterienmehl,
Rauchgasreinigungsleckereien – und keiner merkt was.
Die schöne neue Welt im Futternapf. Kein Wunder, dass
viele Tierhalter die Schnauze voll haben von solchen
Innovationen, undurchsichtigen Rezepturen,
irreführenden Etiketten – und unerklärlichen
Beschwerden bei ihren Tieren. Viele wollen deshalb jetzt
die Sache selbst in die Hand nehmen. Und machen sich
auf die Suche nach dem artgerechten Futter, das Hund
und Katze wahrhaft glücklich macht.
12.
Leuchtende Augen
Eigentlich ganz einfach: Die Suche nach
dem besseren Futter
Ein Happy End in letzter Minute / Jetzt gibt es
keine Leckerlis mehr, keine Hundekekse, ja
nicht einmal Wurst / Der Hund als Veganer –
kann das gutgehen? / Warum Teresa mitten in
der Nacht auf den Berg hinauf muss / Käse, der
glücklich macht / Was der Gourmet seinem Tier
gibt
Für Rocky, einen altdeutsch-belgischen Schäferhund,
war das Leben eine einzige Tortur, jahrelang. Er litt an
Allergien, hatte empfindliche Haut, häufig
Entzündungen und Juckreiz. Manchmal wälzte er sich
deshalb stundenlang im Garten. Er hatte dauernd
Durchfall, musste sich erbrechen, jeden Morgen. Und
sein Fell war stumpf und schuppig. Die Halter
schleppten ihn von Tierarzt zu Tierarzt, doch keiner
konnte ihm helfen. Irgendwann merkten sie: Es liegt am
Futter. »Er konnte praktisch kein Industriefutter
vertragen. Kein Dosenfutter, kein Flockenfutter, erst
recht kein Trockenfutter«, sagt seine Besitzerin.
Jetzt kocht sie selbst. Fleischbrocken, zehn Minuten
erhitzt. Kartoffeln, »die stampf ich ihm«. Hirse,
Möhren. »Alles Bio, außer dem Fleisch. Da ist mir Bio zu
teuer.« Das Resultat spricht für sich. »Das ist ein
Unterschied wie Tag und Nacht«, sagt sie. »Seine Augen
leuchten klar, sein Fell wächst nach und wird immer
länger, er tobt mehr, kann nachts schlafen.« Und:
»Kürzlich erkannte ihn eine andere Hundehalterin
kaum wieder, die Rocky längere Zeit nicht
wiedergesehen hatte.«
Rockys Besitzerin heißt Tanja, sie wohnt mit ihrem
Mann Peter am Stadtrand von Hamburg. Sie hatte
zeitweilig eine Internetseite, auf der sie von ihrem
allergischen Hund berichtete. Und konnte sich vor
Anfragen kaum noch retten. So nahm sie irgendwann
die Seite vom Netz, und jetzt möchte sie auch ihren
Namen nicht mehr publik machen.
Das Interesse an Alternativen zum Industriefutter ist
riesig. Und die Effekte sind oft spektakulär. Auch bei
Sandrina, jener Hündin, bei der die Tierärztin und
Autorin Jutta Ziegler beinahe am Ende ihres Lateins
war, die sie schon fast einschläfern lassen wollte. Und
dann gab es doch noch so etwas wie ein »Happy End in
letzter Minute«. Es war unerträglich. Die Besitzer waren
mit ihr kaum noch fertiggeworden. Sandrina war
einfach nicht zu bändigen. Außerdem schien sie
»immun zu sein gegen alle Erziehungsmaßnahmen«. In
der Hundeschule wurde sie »regelrecht geächtet«,
berichtet die Tierärztin. Auf sie wirkte das Tier »seltsam
beziehungsunfähig«. Und extrem wechselhaft in ihren
Stimmungen: »Wenn sie ausnahmsweise einmal nicht
herumtobt, wirkt sie seltsam teilnahmslos und
absentiert … Wenn ich ehrlich bin«, gestand die Ärztin,
»hatte ich anfangs selbst starke Zweifel daran, ob
Sandrina noch zu helfen sei.«
Sandrina hatte von klein auf »ausschließlich
Industriefutter« bekommen. Jutta Ziegler stellte
Sandrina um. Erteilte die ärztliche Weisung, »jegliches
industriell hergestellte Futtermittel zu meiden.« Also
gab es keine Leckerlis, keine Hundekekse und auch keine
Würste. »Also nichts, in dem Zusatzstoffe welcher Art
auch immer enthalten sein könnten.« Stattdessen bekam
die Hündin Knochen mit viel Fleisch. Roh. Und dazu
Gemüse. Sandrina hat sich völlig verändert. Als Dr. med.
vet. Jutta Ziegler sie nach der Umstellung zum ersten
Mal sah, erkannte sie das Tier kaum wieder: »Sie ist zwar
immer noch ein quirliger Hund, kann aber mit ihren
Bezugspersonen Kontakt aufnehmen und
kommunizieren«, berichtete sie in ihrem Buch »Hunde
würden länger leben, wenn …«.
Seit sich Allergien, Verhaltensstörungen, sogar
Diabetes und andere ernährungsbedingte Krankheiten
bei Haustieren häufen, suchen viele Halter nach
Alternativen zum Industriefutter. Es gibt aber nicht nur
medizinische Gründe, beim Futter umzuschwenken,
sondern auch ethisch-moralische. Wenn die Tierliebe so
weit geht, dass Fleisch und Knochen auf den Index
kommen und auch die Haustiere ganz ohne Tierisches
ernährt werden.
Die Schweizer Tierfreundin Edith Zellweger zum
Beispiel hält das so. Sie lebt in dem 650-Einwohner-Dorf
Salez in der Nähe von Liechtenstein, eineinhalb
Autostunden östlich von Zürich. Frau Zellweger ist die
größte Tierfreundin weit und breit. Ihr Haus ist
sozusagen ein Wellnessparadies für Hunde. Eins aber
bekommen ihre Hunde nicht: Knochen oder Fleisch. Die
Hunde, sagt sie, leben alle »veganisch«.
Und was bekommen sie dann?
Zellweger: »Veganerfleisch.«
Veganerfeisch? Was ist das denn?
Zellweger: »Würste, alles. Ich kann Ihnen das
zeigen.« Sie bringt zwei riesige Würste, schneidet sie
auf: »Können Sie schmecken. Schmeckt super.« Sie geht
noch mal los. Kommt zurück mit einem riesigen Sack.
Zellweger: »Das ist das Trockenfutter. Und dann gibt
es noch Teigwaren. Und Veganerkäse und so.«
Auf Sojabasis?
Zellweger: »Oder Lupinen. Man kann auch aus
Lupinen Fleisch machen.«
Und die Hunde mögen das?
Zellweger: »Also die Hunde merken das gar nicht,
dass das vegan ist. Die haben das wahnsinnig gern. Ich
bin selber ein Veganer.«
Neue Wege: Schön und gut. Aber ist das wirklich
besser für die Tiere? Brauchen die Tiere nicht doch
Fleisch? Oder geht es auch ohne? Zweifel herrschen auch
bei jenen, die sich jetzt abwenden vom industriellen
Fertigfutter. Sie stehen dann vor der Frage, ob
Selbermachen besser ist als das Fabrikfutter. Und ob die
lieben Tiere dann auch wirklich alles bekommen, was sie
brauchen? Das ist durchaus umstritten. Warnende
Stimmen gibt es jedenfalls genug. Manche sagen sogar,
dass veganes Futter sehr gefährlich ist. Und sogar das
Selbstgemachte. Vor allem von den Vollprofis, den
Tierärzten und ihren Professoren, kommen die
Mahnungen. Sie sind zumeist noch auf der Seite des
Kommerzfutters. Ist ja auch klar: Sie sind so groß
geworden, mit freundlicher Unterstützung der
Futterkonzerne. Und vielleicht sind sie sogar überzeugt
von deren Produkten.
Aber trotz aller Warnungen wenden sich immer mehr
Menschen ab von den Verheißungen der kommerziellen
Tierfutterindustrie. Sie suchen nach eigenen Wegen
und wollen etwas Besseres für ihre Lieblinge als den
geschmacklich maskierten Müll aus den Futterfabriken.
Was aber ist das Beste für meinen Hund, meine
Katze? Sicher ist: Es scheint ein wachsendes Unbehagen
zu geben am Kommerzfutter aus Säcken und Dosen. Das
Unbehagen wird noch verstärkt durch das Wissen um
den wahren Inhalt, den Abfallcharakter mancher
Bestandteile in handelsüblicher Tiernahrung, die
Chemikalien, mit denen alles haltbar, ansehnlich und
einigermaßen genießbar gemacht wird.
Dabei gibt es durchaus Qualitätsunterschiede
zwischen den einzelnen Produkten. Sie sind allerdings
nur schwer zu erkennen, da die Werbung trügerisch ist
und auch die Etiketten nicht ehrlich sind. Sogar die
völlig bizarren Hightech-Produkte wie das
»Bakterienmehl« auf Erdgasbasis sind auf der Packung
nicht zu erkennen (siehe Kapitel 11). Und da auch die
Verwendung von Mitteln zur Geschmacksverbesserung
auf dem Etikett in der Regel nicht angegeben werden,
können Herrchen und Frauchen nicht wissen, ob da
übelriechende Abfälle mit den Mitteln der Chemie
geschönt wurden.
Orientierung geben bisweilen die Tests in
Verbraucherzeitschriften.
Misstrauische Käufer können beim Hersteller ihres
Vertrauens nach der Verwendung von Aroma-
Chemikalien, nach »natürlichen« Aromen,
Geschmacksverstärkern wie etwa Glutamat oder nach
Süßstoffen fragen. All das kann dazu dienen, üble Düfte
und Geschmäcker zu »maskieren«. Leider ist die
Auskunftsfreude der Hersteller begrenzt. Sie mögen
ungern ihre Lieferanten bekanntgeben und schon gar
nicht ihre Rezepturen. Futterfabriken neigen dazu, so
etwas als Betriebsgeheimnis zu betrachten.
Kein Wunder, dass die Produkte der
entsorgungsgestützten kommerziellen
Haustiernahrungsindustrie nicht mehr unbedingt erste
Wahl sind. Die Tierfreunde, denen Hund oder Katz als
Lebenspartner lieb geworden sind, beobachten den
Gesundheitszustand und das Wohlbefinden ihrer
vierbeinigen Freunde mit großer Aufmerksamkeit und
wollen nur das Beste im Fressnapf. Und auch das Futter
der Nutztiere genießt eine wachsende Wertschätzung,
sogar bei Städtern. Was früher keinen gekümmert hat,
wird jetzt zum Gegenstand öffentlicher
Aufmerksamkeit.
Je mehr bekannt wird über die Zusammensetzung
des Futters, je mehr Skandale ums Tierfutter kreisen,
desto mehr machen sich die Menschen auf die Suche
nach Alternativen. Aus Tierliebe, aber auch aus Sorge um
das eigene Wohlbefinden. Weil die Menschen merken,
dass das, was die Nutztiere bekommen, auch Folgen für
die eigene, die menschliche Gesundheit hat. Wenn die
Kuh glücklich ist, freut sich der Mensch. Denn das, was
die glücklichen Kühe produzieren, macht auch die
Menschen glücklicher.
Und deshalb muss Teresa nachts noch hinauf auf den
Berg.
Tobias, 13, im blauen Overall, ermuntert mit dem
Stecken zum Aufstieg: »Hoi, hoi, hoi.« Teresa trottet am
Misthaufen vorbei gemächlich bergan. Und alle anderen
Kühe mit ihr, Sara und Sidonia, Ornella und Orange,
Noela und Reinerle, hinauf aufs Walighürli hoch droben
auf 2000 Meter Höhe. Hin und wieder lassen die Kühe
etwas fallen. Kalt wird es und dunkel. Und auch wenn
dann der Mond aufgeht, legt sich nur ein mattes
Leuchten auf die Wiesen. Zu sehen ist nicht viel, nur
Silhouetten von den Bäumen rund um die Alm »Hintere
Walig«, die hoch überm mondänen Schweizer Alpendorf
Gstaad liegt. Überall aber tönt das Gebimmel von
Kuhglocken.
Die Alp ist eine hölzerne Hütte, mit einem roten
Wellblech gedeckt. Ein Toyota-Pick-up steht davor, in
der Garage spielen die Buben Bauernhof, mit
Spielzeugtraktoren und echtem Gras, und in der Küche
decken die Mädchen den Tisch mit dem weiß-rot
karierten Wachstuch. Eine Straße führt hier nicht
herauf, nur ein steiler Feldweg, der selbst für
Allradfahrzeuge eine Herausforderung ist. Ein
Kofferradio in der Küche spielt alpine Volksmusik und
amerikanische Schlager. Einen Fernseher gibt es nicht.
Das wirkt wie Folklore. Doch es hat auch Vorteile: Zum
einen schmeckt der Käse prima, im ersten Jahr zart, im
vierten Jahr hart wie Parmesan. Und er ist auch
gesünder. Denn der Käse vom Berg enthält mehr von
den sogenannten Omega-3-Fetten.
Die sind gut für Herz und Kreislauf, auch für die
Knochen und die Augen, vor allem aber auch fürs
Gehirn, für die Intelligenz, ja sogar für Verhalten und
Psyche. Ein Mangel an diesen Fetten befördert die
Alzheimer-Krankheit, die Hyperaktivität bei Kindern, ja
sogar den Autismus. Wenn mehr von diesen Fetten
verzehrt werden würden, wären die Menschen
glücklicher, glaubt Andrew Stoll, Professor an der
Harvard Medical School im US-Bundesstaat
Massachusetts. »Ein erhöhter Omega-3-Anteil in unserer
Ernährung könnte bewirken, dass Depressionen und
andere psychische Erkrankungen seltener vorkommen.«
Mittlerweile hapert es mit der Omega-3-Versorgung.
Der Verzehr ist nach Schätzungen von Wissenschaftlern
in den westlichen Ländern rückläufig, 80 Prozent der
Amerikaner sollen schon unter Omega-3-Mangel leiden.
Schuld daran ist das Agribusiness, meint Artemis P.
Simopoulos, Präsidentin des »Zentrums für Genetik,
Ernährung und Gesundheit« in Washington, D.C. »Die
moderne Landwirtschaft mit ihrem Schwerpunkt auf
den Produktionsmengen hat den Omega-3-Gehalt in
vielen Lebensmitteln vermindert.« Das gilt für Fleisch,
Milch, Eier und Geflügel, ja sogar für Fisch aus
Aquakulturen.
Und auch die Nahrungsindustrie hat kein Interesse
an den feinen Fetten. Denn die sind zwar überaus
gesund, aber auch sehr fein und sensibel und nicht sehr
lange haltbar. »Solches Fett ist für die Herstellung von
Dauerwurstwaren wie zum Beispiel Salami, aber auch
für die Herstellung lang haltbarer küchenfertiger
Produkte ungeeignet«, konstatierte die Neue Zürcher
Zeitung in einem Bericht über eine landwirtschaftliche
Fachtagung.
Da kann ein Lebensmittel noch so gesund sein: Der
Industrie ist das schnuppe. In der Welt der Supermärkte
und globalen Nahrungsströme gibt es kein wichtigeres
Kriterium als die Haltbarkeit. Und dann kommt der
Preis.
Und beim Futter fürs Vieh kommt es in erster Linie
auf den Preis und die Leistung an: Milchmenge,
Eierproduktion, Fleischmenge.
Daher bekommen die Kühe auch kein Heu oder Gras,
sondern Kraftfutter mit Getreide. Das erhöht nicht nur
die Ausbreitungsrate gefährlicher Krankheitserreger
(siehe Kapitel 10), sondern senkt auch den Gehalt an
wertvollen Omega-3-Fetten. Das Futter auf den Bergen
sorgt für höhere Werte. Doch auch Kühe im Tal können
besser abschneiden, wenn sie artgerechtes Futter
bekommen, also Heu und Gras fressen. Das Thema in
der Fachwelt publik gemacht hatte eine Ärztin aus
Gstaad: Christa Hauswirth. Sie hatte in der Zeitschrift
Circulation, dem renommierten Organ der American
Heart Association, einen Aufsatz publiziert. Und auf
einem Kongress in Genf hielt sie darüber einen Vortrag.
Sein Titel: »Ist Schweizer Alpenkäse Functional Food?«
Käse ist das echte Functional Food, wenn er von
Kühen stammt, die artgerecht ernährt werden. Von Bio-
Kühen zum Beispiel. Denn hier ist noch alles drin im
Käse, was bei Functional Food erst zugesetzt werden
muss. Die Produkte dieser Bio-Kühe haben bis zu 56
Prozent mehr Omega-3-Fetten, wie eine große
europäische Studie ergab, die im Januar 2016 im British
Journal of Nutrition erschienen ist.
Functional Food – das sind eigentlich jene neuartigen
Produkte aus den Labors, mit denen Pharmafirmen und
Food-Konzerne Umsatz und Gewinne steigern möchten.
Der Begriff bezeichnet Nahrung mit gesundheitlichem
Zusatznutzen, chemisch verstärkt. Das ist jetzt auch
Trend beim Tierfutter. Die Konzerne wollen natürlich
auch profitieren von der Lust auf Veränderung, von der
Bewegung zum Guten, Gesunden und auch zum
Tiergerechten. Oder vom Kampf gegen die
zunehmenden Zivilisationskrankheiten bei Hund und
Katze.
Die Futterkonzerne überbieten sich mit immer neueren
Kreationen für jedes Tier, für die jungen und die alten
Hunde, für Dicke und für Diabetiker, für die Sehkraft
und für die Seele. Zudem gibt es eine neue »Natur«-
Bewegung, eine völlig neue Nische in der
Kommerzfutterszene. Kurz: Es gibt für jeden etwas.
»Lifecycle-Produkte« nennen die Marketingmanager die
altersadäquate Lebensabschnittskost. Genau abgestimmt
auf die zugehörigen Gebrechen. Von der Firma Grau gibt
es sogar altersgerechte Kroketten: »Excellence Adult Lamm
Kroketten mit Reis«, speziell »für Hunde mit Haut- und
Fellproblemen oder für magensensible Tiere«.
Nestlé Purina verkauft »Pro Plan Small & Mini Sensitive
Skin Adult«. Die Nestlé-Futterforscher haben da offenbar
höchst kunstfertig diverse Fliegen mit einer Klappe
geschlagen. Das Trockenfutter wurde »entwickelt für
eine umfassende Zahnpflege«, es »hilft« aber auch, »ein
gesundes Herz zu erhalten« und »die gesunden
Gelenke«, und dient überdies der »Verbesserung der
Darmgesundheit«. Es ist gesund für alle
Körperregionen.
Bei den armen Haustieren vertrauen die
Futterkonzerne offenbar unverdrossen auf die Macht
der Werbung und das bisher so verkaufsfördernde
Image der chemischen Zusätze mit den attraktiven
Bezeichnungen. Sogar der Trend zum Vegetabilen wird
hier bedient, etwa von Nestlé Purina. Unter der
Katzenfutter-Marke Felix Crispies verkaufen sie unter
anderem die Varianten »Fleisch & Gemüse«. Klingt
natürlich schwer gesund. Auch die Werbung hört sich
danach an: »Aufregender, luftig-leckerer Knabberspaß
für kleine Feinschmecker, in Mond- und Sternenform,
mit wertvollen Proteinen, Vitaminen und Omega-6-
Fettsäuren, in 4 schmackhaften Sorten«!
Allzu viel Gemüse ist mit nur 0,4 Prozent nicht im
Futter enthalten. Dazu bekommt die Katze aber
»Getreide, Fleisch und tierische Nebenerzeugnisse
(30%)«. Getreide ist zwar überhaupt nicht gesund für
Katzen, und Trockenfutter schon gar nicht, schließlich
neigt das Wüstentier Katze dazu, eher wenig Flüssigkeit
aufzunehmen, und fängt sich so Probleme im Harntrakt
ein. Und »tierische Nebenerzeugnisse«, das sind ja die
üblichen Abfälle aus der Abdeckerei, die Reste aus der
»Kategorie 3«, wie es heute heißt.
Aber egal: Nestlé packt noch üppig Vitamine dazu,
Eisen, Jod, Zink, Selen und dergleichen, klingt gesund,
ist billig zu haben, das wird schon verkauft. Und die
Leute rücken das Geld mit Freuden raus. Unglaubliche
28,70 Euro kostet das Kilo. »Felix – Echt clever!«. So der
Slogan – und er stimmt. Es ist ja wirklich clever, wie man
den Leuten so das Geld aus den Taschen ziehen kann.
Kaum vorstellbar, wie Katzen früher ohne so etwas
wie Whiskas »Anti-Hairball« ausgekommen sind. Das
soll verhindern, dass sich geleckte Katzenhaare im Darm
verkleben und zu Verdauungsstörungen führen.
Ähnliche Produkte haben auch Royal Canin und Hill’s
im Angebot. Biskuit statt Brille: »Solid Gold Dyna Bone«
des kalifornischen Herstellers Solid Gold ist ein »Biskuit
zur Verbesserung der Sehkraft«. Es enthält unter
anderem Blaubeeren, Preiselbeeren, Bockshornklee,
Tomaten, Ingwer, Grüntee, Vanille und dazu Dinge wie
Lutein und Rutein. Nahrung für Herz und Seele: »cdVet
Herz-Agil« stärkt das Hundeherz, ein Zusatz namens
»Purgerbe« von der Firma Naturkraft sorgt für
»allgemeine innere Reinigung«.
Für jeden Käufer ist etwas dabei. Für jedes Bedürfnis
gibt es das passende Produkt. Das ist das Schöne am
Kapitalismus, dass die Warenwelt keine Wünsche
offenlässt. Sogar der Überdruss an Kommerznahrung
wird kommerziell genutzt. So haben das Unbehagen an
chemieverstärkter Industrienahrung und das Bedürfnis
nach Alternativen einen ganz neuen Wirtschaftssektor
entstehen lassen: Es produziert Natur in Dosen. Das
klingt jetzt etwas widersprüchlich, scheint aber
erfolgreich. Denn es liegt im Trend.
Immer mehr Futter wird so angepriesen: ohne
Chemie, ohne Gentechnik oder Zucker, frei von
Geschmacksverstärkern oder Aromen, voll Bio, total
natürlich. 2011 waren 30 Prozent der Innovationen
solche Produkte, drei Jahre später schon 60 Prozent, so
das britische Marktforschungsunternehmen Mintel. Es
bleibt ein gewisser Widerspruch. Natur aus der Dose,
das gibt es nicht. Es gibt auch nichts Frisches, das ewig
hält. Oder Regionales, das überall auf der Welt verkauft
wird. Aber da die Menschen offenbar genau das wollen,
bekommen sie es auch. Ein besonders mustergültiges
Beispiel ist jene Firma, die »Biologisch angemessenes
Hundefutter aus frischen regionalen Zutaten« feilbietet.
Biologisch, frisch, regional: alles bestens. Doch die Firma
kommt nicht von nebenan, sondern aus Kanada.
Mehr wohltönende Werbevokabeln kann man kaum
auf knappem Raum unterbringen. Sie ist der wahre
Champion und hat den Preis für bestes Natur-
Marketing verdient: die Marke »Acana« von »Champion
Petfoods« aus Kanada. Der Prospekt zeigt »Kanadas
ausgedehntes und fruchtbares Land – unsere Quelle der
Inspiration und frischer, regionaler Zutaten«.
Eine extrem pfiffige Deutung. So ist praktisch alles
»frisch« und »regional«. Irgendwann. Irgendwo. Und
klar ist auch: »Acana Hundefutter folgt den Regeln der
Natur«. Zum Beispiel beim Trockenfutter »Lamb &
Okanagan Apple«, mit vermutlich im kalten kanadischen
Winter »gefriergetrockneten Lammleberstückchen« und
dazu »Ganze Beute«-Portionen von, natürlich total
regionalem, neuseeländischem Lammfleisch, »welche
auf natürliche Weise Nährstoffe liefern«. In
Zusammenarbeit mit Enterococcus faecium NCIMB10415,
einem Bakterium, das wohl auf völlig natürliche Weise
aus dem Darminhalt eines nicht näher bezeichneten
Lebewesens in den Trockenfuttersack der Regionalisten
aus Kanada übergesprungen ist.
Vielleicht war es in einer der »Küchen« von
Champion Petfoods. Pardon! In einer der
»preisgekrönten Küchen«. Dort wird »nachhaltig
produziert« und »jeden Tag frisch« angeliefert. Und
»biologisch« und »angemessen« ist das Produkt auch
noch. Das gehört zur »Mission«. Schließlich sind »Keine
Schlachtabfälle« zu erwarten, wobei ja eigentlich gar
nichts dagegen spricht, den Tieren Abfälle zu geben,
wenn sie nicht mit massenhaft Chemie vermischt
würden.
Der Trend zur Natur nährt auch andere Petfood-
Produzenten. Wichtig ist nur, das alles »natürlich« und
»naturbelassen« ist – sogar das Trockenfutter »Panys
natürliche Heimtiernahrung«. Und artgerecht. So gibt
es sogar »artgerechte« Knusper-Brezeln aus dem Hause
Napfzeit.
Das neue Zauberwort aber heißt: Barf. Es gibt sogar
eine Firma, die so heißt: »Graf Barf«. Die verkauft
sogenannte Rohfutterwürfel. Weil »roh« auch super
klingt. Erhältlich sind die Würfel in vielen Varianten,
etwa »Ochsenmaul mit Knorpel«, »Herz«, sogar »Hoden«
und »Luftröhre«. Alles »sortenrein«. Und eben
quadratisch. Also total »roh«. Das ist zwar eine etwas
eigenwillige Interpretation des Begriffes »roh«, aber die
Aufsichtsbehörden sind offenbar tolerant genug, auch
da ein paar Augen zuzudrücken. Graf Barf sagt sogar,
was »Barf« eigentlich bedeutet: »Barf bedeutet
biologisches, artgerechtes, rohes Futter.« Stimmt wohl.
Wer dann aber, wie »Graf Barf«, Herz, Hoden und
Luftröhre akkurat in Würfelform presst und sodann
in Plastik verpackt, hat sich vom Rohen dann doch ein
bisschen entfernt.
Die Firma hat ziemlich unverfroren einen Begriff
gekapert, der eigentlich eine Gegenbewegung
bezeichnet. Eine Gegenbewegung zur Fütterung mit der
industriellen, von allerlei chemischen Zutaten
begleiteten Kommerzkost. Eine ziemlich erfolgreiche
Gegenbewegung. Ursprünglich war »Barf« als
Schimpfwort gedacht, formuliert von der Amerikanerin
Debbie Tripp. Sie wollte die Leute ein bisschen
verspotten, die ihre Hunde mit rohem Futter traktieren.
Weil es offenbar Leute mit Hang zu Spintisiererei
waren, nannte sie sie »wiedergeborene Rohfütterer«,
»Born Again Raw Feeders«, abgekürzt: Barf. Dann
allerdings stellte sie fest, dass diese Methode so abwegig
nicht sein muss, dass die Tiere damit vielleicht sogar
artgerechter ernährt werden können.
So wandelte sich die Bedeutung des Kürzels. Barf
bedeutet im Englischen nun »Biologically Appropriate
Raw Feed« und wird mit »biologisch angemessenes
Rohfutter« im Deutschen bezeichnet. Im Zentrum der
Barf-Bewegung steht artgerechtes Fleisch, das roh
verfüttert wird. Keine Konservierungsstoffe und andere
Chemikalien sollen im Tierfutter enthalten sein. In der
verfeinerten Version werden die Bestandteile der Barf-
Diät bei unterschiedlichen Mahlzeiten verabreicht,
einmal die fleischigen Knochen, zu anderen Zeiten das
Gemüse. So hätten es die Ahnen der heutigen Hunde
gehalten, meint jedenfalls der berühmte amerikanische
Wolfsforscher Dr. David Mech, der an der Universität
von Minnesota lehrt. Wölfe, so hat er herausgefunden,
fressen verschiedene Teile ihrer Beute zu verschiedenen
Zeiten. Vermutlich sei so für die beste Verwertung der
verschiedenen Nahrungsbestandteile gesorgt.
Diese Fütterungspraxis ist sozusagen eine Art
tierischer Trennkost-Diät. Dafür müssten heute die
Menschen sorgen, weil sich der Hund selbst an sein
wölfisches Wesen nicht mehr recht erinnert und, wenn
man beides zusammen in den Napf legte, sich über das
Fleisch hermachen würde und das Gemüse liegen ließe.
Mit dem neuen Trend zur Rohkost kommt auch ein
Klassiker der Hundenahrung zu neuen Ehren, der in
jüngerer Zeit nur noch in Witzzeichnungen und
kulinarischen Klischees ein Reservat fand: der Knochen.
Jetzt gibt es sogar eine Knochen-Bibel, die erstmals 1993
vom australischen Barf-Pionier und Tierarzt Ian
Billinghurst veröffentlicht wurde. Sein Buch »Give Your
Dog a Bone« (»Gib deinem Hund einen Knochen«)
wurde zum Leitmedium der Knochenfresserbewegung.
Dass Hunde Knochen fressen, ist eigentlich normal,
es ist nur mittlerweile ebenso in Vergessenheit geraten
wie der Umstand, dass Rinder eigentlich Gras fressen.
Dabei sind Knochen wahre Wunderorgane. Das wissen
Feinschmecker schon lange, wenn sie Knochen als Basis
für feine Saucen, die sogenannten Fonds, stundenlang
kochen. Dass sie auch ein quasi kosmetisches Mittel
sind, zeigt sich an der »Kollagen-Diät«, die neuerdings
in Japan und anderswo Furore macht – und gegen Falten
helfen soll.
Kollagen ist ein wichtiger Knochenbestandteil mit
wundersam anmutenden Fähigkeiten. Die
Kollagenfasern sind unvorstellbar stabil. Sie können
Gewichte vom bis zu Zehntausendfachen ihres
Eigengewichts halten. Wenn ein 70-Kilo-Mensch also
aus Kollagen bestünde, könnte er 700 Tonnen halten und
als stabilster Mensch der Welt im Zirkus auftreten. Mit
den Händen an einem Trapez und unten an den Beinen
580 Mittelklassewagen vom Typ Golf VII, von denen
jeder ein Leergewicht von 1205 Kilogramm hat. Was den
Knochen den Geschmack gibt, sind darüber hinaus
unüberschaubar viele Substanzen, darunter Calcium,
Phosphor und viele andere.
Der Hund kann Knochen knabbern und so all diese
Bestandteile nutzen, die der Mensch mühsam
herauskochen muss. Die Knochenfresserbewegung
breitet sich aus. Immer mehr Hunde kehren wieder zu
der klassischen Knabberware zurück. In Großbritannien
gibt es schon eine »Vereinigung der
Fleischknochenfreunde im Vereinigten Königreich«
(»United Kingdom Raw Meaty Bones«, abgekürzt
ukrmb). Schon 2001 erschien das Buch zur Bewegung,
das »Raw Meaty Bones«, also »Rohe Fleischknochen«
heißt. Die Anhänger dieser Bewegung sind nicht nur
Freunde des Knochens, sondern auch Gegner von
Dosenfutter. Sie glauben, dass industriell hergestelltes
Futter für viele unter Haustieren grassierende
Krankheiten verantwortlich ist. Und sie verbreiten auch
wissenschaftliche Vergleichsstudien wie etwa jene, der
zufolge Industriefutterhunde nur 10,4 Jahre leben,
Fresser von Hausgemachtem hingegen 13,1 Jahre.
Mit der Rückkehr zum Rohen und zu Klassikern wie
dem Knochen kommt auch wieder ein Futter zu Ehren,
das die Fertigfutterkäufer bisher verschmähten. Was
das ist? »Es heißt da grüner Pansen und stinkt«,
schrieben die Autoren Heiko Gebhardt und Gert Haucke
in ihrem Buch »Die Sache mit dem Hund«. Darin freuen
sich Gebhardt und Haucke: »Etwas Besseres können Sie
Ihrem Hund nicht bieten.« Grüner Pansen, das ist
Magen vom Rind mit halbverdauter Nahrung drin, auch
mit den Bakterien, die dem Rind beim Verdauen
behilflich waren. Pansen ist offenbar so etwas wie das
natürliche Wunderfutter für den Hund. »Eine
wertvollere Nahrung für Ihren Hund als dieses
unbehandelte Stinkezeug gibt es nicht.«
Heute muss niemand heimlich an der Hintertür beim
Metzger ein Säckchen holen, heute gibt es das
Stinkezeug tiefgefroren im Internet, vom »Pansen-
Express« (www.pansen-express.de). Die kleine Firma
aus dem schleswig-holsteinischen Elling-stedt verschickt
neben Pansen auch Spezialitäten wie Maulfleisch oder
Schlundfleisch, und das »beugt Lahmheiten vor«.
Auch Katzen können so gut leben. Fleisch und andere
tierische Teile sind genau das Richtige für sie.
Schließlich würden sie in freier Natur sechs bis zwölf
Mäuse pro Tag fressen, sagt die Veterinärin Jutta
Ziegler. Damit würden sie ausreichend versorgt. Den
besonders kritischen Nährstoff Taurin kriegen sie, weil
sie Herz besonders gern mögen vom Rind, Schwein oder
Geflügel. Und da ist viel Taurin drin. Die Tiere wissen
offenbar immer noch instinktiv, was gut für sie ist.
Knochen für die Hunde. Und Fleisch. Auch für die
Katzen. Das liegt im Trend jetzt. Dabei ist es ja eine
uralte Methode, eigentlich die, mit der Hund, Katze,
Mensch gemeinsam durch die letzten Jahrtausende
gekommen sind. Die Wahl des richtigen Futters gelingt
oft ohne Tierärzte und ihre Professoren. Für sie und die
ihnen eng verbundenen Konzerne ist es natürlich ganz
schrecklich, wenn Katzen jetzt Mäuse oder einfaches
Fleisch fräßen.
Die Rückkehr des Rohen ist für die
Tierfutterindustrie natürlich eine ernste Bedrohung.
Schließlich kann der Hund ohne Chappi leben, Chappi
aber nicht ohne Hund. So mehren sich in jüngerer Zeit
besorgte Stimmen, die auf die Gesundheitsrisiken durch
Rohes und einfache Schlachtnebenprodukte
aufmerksam machen.
Vor allem bei Katzen rät Hill’s »Handbuch zur
Klinischen Diätetik für Kleintiere« streng von
Rohfleisch ab. »Wenn es nicht mit Vitaminen und
Nährstoffen ergänzt wird, ist rohes Fleisch zur
Ernährung unausgewogen« und könne einen
ernährungsbedingten Jodmangel hervorrufen.
Ausdrücklich warnt das Buch in diesem Fall vor dem
»Hyperparathyreoidismus«, einer
Schilddrüsenüberfunktion. Seltsam nur, dass Löwen
und Luchse und Tiger, die ja vorwiegend von erjagtem
Fleisch leben, nicht an Hyperparathyreoidismus leiden.
Doch damit nicht genug. Naturnahrung hat noch
weitere gefährliche Folgen, glaubt man den
Konzernexperten. Zu den möglichen Risiken zählt zum
Beispiel auch Übervitaminisierung. Darauf macht nicht
nur das Hill’s-Handbuch, sondern auch die
amerikanische Überwachungsbehörde FDA
aufmerksam: »Wenn Leber als Hauptbestandteil
verabreicht wird, kann es zu einer Vitamin-A-Vergiftung
kommen.« Hill’s ist verständlicherweise nicht so
begeistert über »hausgemachte Futterrationen«. Denn,
so das Handbuch: »Im Hinblick auf die Versorgung mit
Mineralstoffen ist ein hausgemachtes Futter per se so
gut wie nie ausreichend.« Hinzu kommt, dass die Halter
dann auch noch nachlässig werden: »So ist das
Weglassen der Vitamin-Mineralstoff-Präparate einer
der häufigsten Fehler.« Kurz und gut, Hill’s fasst es so
zusammen: »Die meisten kommerziellen Futtermittel
sind praktischer in der Handhabung, weniger teuer und
ausgewogener im Hinblick auf die
Nährstoffzusammensetzung.«
Hill’s sieht es daher auch als seine Pflicht an, die
Tierärzte auf die Risiken hinzuweisen, die aus falscher
Tierernährung erwachsen können. Das klingt dann fast
ein bisschen bedrohlich. »Lethargie und Erbrechen«
wurden bei drei Katzen beobachtet, deren Besitzer
beschlossen hatte, »seine Katzen nicht länger mit
kommerziell hergestelltem Katzenfutter zu füttern«.
Ein anderer Fall: »Rückenprobleme und Schwäche bei
einem Springer-Spaniel«. Auch dessen Besitzer, so tadelt
Hill’s streng, war »nicht gewillt, ein kommerziell
hergestelltes Futter für seinen Hund zu verwenden«.
Und das kommt dabei raus: »Weicher Kot bei einem
jungen Riesenschnauzer«. Zum Beispiel. Das Futter
bestand aus »nicht näher bekannten Anteilen an rohem
Fleisch, Leber, Eiern, gekochtem braunem Reis, einigen
Gemüsesorten und etwa 100 Gramm an verschiedenen
Ergänzungsmitteln«. Kaum dass der Hund wieder
handelsübliche Industrieware bekam, ein Diät-
Trockenfutter, wurde alles gut: »Zwei Wochen später
war der Stuhl des Hundes normal.«
Auch hierzulande verbreitet sich der Barf-Trend, und
auch hier waltet Skepsis. »Die Barf-Fütterung ist unter
hygienischen Aspekten kritisch zu betrachten«, schrieb
Tierärztin Susanne Mück in der Zeitschrift Der Hund.
Zwar sei es »ohne weiteres möglich, Hunde mit selbst
zusammengestellten Rationen ausgewogen zu füttern«,
meinte Veterinärin Mück. Allerdings besteht »immer
eine gewisse Gefahr der Unterversorgung an Nähr- und
Mineralstoffen und Vitaminen«. Beispielsweise drohe
»Calciummangel«. Durch Knochen, darauf weist sie auch
hin, könne natürlich einem Mineralstoffmangel
vorgebeugt werden. Jedoch: Wenn der Hund Knochen
bekommt, drohe »die Entstehung von schweren
Verstopfungen (sogenannter Knochenkot)«. Zudem sei
»rohes Fleisch«, so warnte Mück, »immer ein
potenzieller Träger pathogener Bakterien«.
Nun arbeitet Tierärztin Mück zusammen mit
Professor Jürgen Zentek, der ein ausgewiesener
Unterstützer industriellen Tierfutters ist, mit ihm
veröffentlichte sie wissenschaftliche Artikel. Man
könnte sie daher für eine Befürworterin des
Dosenfutters halten. Die bakterielle Gefahr wird jedoch
auch von anderen gesehen: Tatsächlich ergab eine Studie
des schwedischen Nationalen Veterinärinstitutes vom
Oktober 2015, dass rohes Fleisch eine Aufnahmequelle
resistenter E. coli-Bakterien sein kann. Auch die
Zeitschrift Tierärztliche Praxis mahnte im Dezember 2015:
»Zu den Risiken der Rohfütterung gehören Infektionen
der Hunde mit Parasiten, Bakterien und Viren.«
Schon im Jahre 2002 stellte eine kanadische Studie
fest, dass bei rohem Geflügelfleisch 80 Prozent der Barf-
Proben Salmonellen enthielten. Sie fanden sich bei 30
Prozent der Barf-Hunde sogar noch im Kot.
»Hunde, die rohes Huhn bekommen, können zu einer
Quelle von Umwelt-Kontamination werden«, folgerten
die Kanadier. Und nicht nur Huhn ist bakteriell befallen.
Im Jahr 2005 musste in den USA Tierfutter aus »100%«
Rindfleisch zurückgerufen werden wegen möglicher
Salmonellenkontamination.
Die amerikanische Überwachungsbehörde FDA hat
im Jahre 2004 Richtlinien für den Umgang mit der
Rohware herausgegeben. Sie machte auf Risiken durch
bakterielle Kontamination aufmerksam.
Da die Bakterienkontamination vor allem ein
Problem der industrialisierten Fleischwirtschaft ist und
es in den USA kaum anders produziertes Fleisch gibt,
sind selbst Kritiker des kommerziellen Futters wie die
US-Autorin Ann N. Martin nicht immer fürs Rohe. Sie
füttert vorsichtshalber gekochte Menüs an ihre Hunde,
allerdings hausgemacht: »Ich koche das Fleisch immer
für meine Burschen.« Sie hat ihre Gründe und vor allem
eine gesunde Skepsis gegenüber den Erzeugnissen der
US-Fleischindustrie: »Weil ich alle Aspekte der
Fleischindustrie recherchiert habe, inklusive der
Bedingungen in einigen Schlachthäusern.« So scheint
auch unter den Alternativköstlern kein Dogma
vorzuherrschen und sich eher der Trend zum
Vielseitigen durchzusetzen. Der Rest, so scheint es, kann
dem Hund und der Katze selbst überlassen werden.
Aber wie sieht es aus, wenn Tierfreunde zu radikalen
Lösungen greifen? Und ihre Hunde und Katzen zum
Beispiel völlig fleischfrei ernähren. So wie Tierfreundin
Zellweger aus der Schweiz.
Vor allem Vegetarier und Veganer füttern ihre
Haustiere häufig, ihren eigenen Vorlieben folgend,
fleischreduziert oder gar fleischlos. Sie halten ja
überdurchschnittlich häufig Hunde und Katzen.
Vegetarier und Veganer befinden sich in einem
Dilemma, wie der Psychologe Hank Rothgerber von der
University of Bellarmine im US-Bundesstaat Kentucky
herausfand. Er hatte mehr als 500 Vegetarier und
Veganer interviewt, von denen 72 Prozent Hunde oder
Katzen hielten.
Im Fachmagazin Appetite berichtete Rothgerber über
einen Konflikt, den er tragisch nennt. Seine Probanden
litten unter Schuldgefühlen, manche fühlten sich gar
wie Heuchler. Besonders im Zwiespalt waren Veganer
und Vegetarier, die sich als ethisch motiviert
bezeichneten – im Unterschied zu denjenigen, die aus
Gesundheitsgründen auf Fleisch verzichten. Ihre
Lösung: weniger Tierisches fürs Tier. Manche gaben
ihren Lieblingen weniger als 25 Prozent Fleisch, Milch
und Ei. Aber ist das auch gut für den Liebling?
Wer kommerzielle Vegetarierprodukte kauft, ist
jedenfalls nicht unbedingt auf der sicheren Seite. So
stellte die Stiftung Warentest fest, dass »Benevo Duo
Complete Food for Cats & Dogs«, »laut Deklaration ein
vegetarisches Futter«, für das der Hersteller angeblich
auf jegliche tierische Zutaten verzichte, womöglich gar
nicht so tierfrei entstanden ist. Darauf deuteten
jedenfalls die Analysen der Warentester hin. Denn im
Ergebnis hieß es: »Wir wiesen Huhn nach.«
Eine Studie, die 2015 im Journal of the American
Veterinary Medical Association erschienen war, ergab, dass
bei den untersuchten vegetarischen Produkten die
Etikettierungsvorschriften nicht angemessen befolgt
wurden und die Nährstoffgehalte ebenfalls nicht immer
angemessen seien. So gab es »Bedenken bezüglich der
Angemessenheit des Aminosäuregehalts«. Dabei glauben
Wissenschaftler, dass eine vegetarische Ernährung von
Hunden und Katzen durchaus möglich sei – jedenfalls
theoretisch. Es sei nur schwierig.
Das hatte schon eine Doktorarbeit an der Ludwig-
Maximilians-Universität (LMU) München Ende der
1990er Jahre ergeben, bei der die Futterrationen von
über 90 Hunden und Katzen analysiert wurden. Leider
gelänge es den Tierhaltern nicht, das Futter so
zusammenzustellen, dass das Tier bedarfsgerecht
versorgt wird.
So hätten die hausgemachten Veggie-Diäten für
Hunde und Katzen zu diversen Nährstoffmängeln
geführt, bei Eiweiß etwa, aber auch Calcium, Phosphor
und Vitamin B12 bei Hunden. Bei Katzen mangelte es an
Taurin, einem Nahrungsbestandteil, den sie nicht selbst
herstellen können. Theoretisch, so das Fazit der Studie,
sei eine solche Form der Fütterung mithin »akzeptabel«,
in der Praxis allerdings oft »tierschutzrelevant«.
Auch Professorin Ellen Kienzle, die
Tierernährungsexpertin an der LMU, meinte gegenüber
Spiegel online, eine gemäßigte ovo-lacto-vegetarische
Ernährung beim Hund sei »an und für sich möglich«.
Möglich ist sie aber nur unter strenger Kontrolle: »Ich
empfehle jedem Hundehalter dringend, das nur unter
fachtierärztlicher Aufsicht zu machen. Es gibt immer
wieder Probleme, wenn die Leute die Hundenahrung
selbst zusammenstellen.«
Spiegel online fragte: »Hunde vegetarisch zu ernähren,
ist also möglich. Wie sieht es mit veganer Ernährung
aus?«
Kienzle: »Wenn es unbedingt sein muss, kann man
das beim erwachsenen Hund machen – unter den
genannten Vorbehalten. Aber bei trächtigen oder Milch
gebenden Hündinnen und bei Welpen ist vegane
Ernährung nicht in Ordnung.«
Und bei Katzen erst recht nicht, meinte die
Professorin: »Hunde sind wesentlich flexibler in ihrer
Ernährung als Katzen, die während der Domestizierung
ja weiterhin Mäuse gefressen haben – deswegen wurden
sie ja vom Menschen gehalten. Der Stoffwechsel der
Katze ist außerdem noch nicht so gut erforscht wie der
des Hundes.« Die Tierfreundevereinigung Peta rät
vorsichtshalber zur genauen Beobachtung des
Gesundheitszustandes des Lieblings: »Schauen Sie nach
chronischen Magen-Darm- und Hautproblemen und
beachten Sie jegliche neuen Gesundheitsprobleme. Die
Gesundheit vieler Hunde und Katzen verbessert sich
durch eine vegetarische Ernährung, aber gelegentlich
mag ein Tier nicht gedeihen. Benutzen Sie Ihren
gesunden Menschenverstand, sollte dies vorkommen.«
Auch viele Tierhalter, ob Fleischfreunde oder nicht,
neigen daher zu pragmatischen Lösungen und vertrauen
auch auf den Instinkt der Vierbeiner. Ein bisschen
Rohfutter. Klassiker wie Knochen. Vergessenes wie
Pansen. Manchmal auch kochen. Natürlich eine Maus für
die Katze, wenn sie eine findet. Mitunter das, was übrig
bleibt vom Mahl der Menschen. Und dann und wann mal
Fertigfutter, von der besseren Sorte. Sogar die kritische
Tierärztin Jutta Ziegler sagt: »Ich möchte hier nicht
jedes Fertigfutter in Bausch und Bogen verdammen,
denn wenn keine Möglichkeit besteht, Rohfleisch zu
geben, gibt es sehr wohl vereinzelte Marken, die man
guten Gewissens füttern kann.« Es seien »meist kleinere
und innovativere Firmen, die auf wirklich ausgesuchte
Rohstoffe achten und ihre Kunden direkt und ohne
Zwischenhändler beliefern.«
Das Problem ist nur: »Diese Futtermittel bekommen
Sie aber nicht beim Tierarzt, nicht im Supermarkt, nicht
im Zoofachhandel und schon gar nicht in den seit
einigen Jahren massiv expandierenden ›Tier-
Supermarkt-Ketten‹.« Wo dann? Bei ihr, zum Beispiel.
Jutta Ziegler hat sogar einen eigenen kleinen Shop dafür
aufgemacht. Ein Stück außerhalb des 20000-Einwohner-
Städtchens Hallein, eine halbe Autostunde südlich von
Salzburg. Ein Wegweiser mit Pfeil gibt die Richtung an:
»Tierärztin«. Auf dem Weg in die Praxis kommt man
erst einmal am Geschäft vorbei: »Dr. Zieglers
Naturfutterlädchen« steht außen dran. Drinnen gibt es,
in urigen Holzkisten – Fertigfutter.
Bei ihr, der Industriekritikerin? Immerhin: Es riecht
nicht so streng wie sonst in einem Tierfutterladen.
Trotzdem hat es, meinen Branchenbeobachter, ein
»G’schmäckle«, wenn die profilierteste Kritikerin der
Futterindustrie ihr eigenes Business betreibt. Allerdings
eher widerwillig, wie sie durchaus glaubhaft versichert.
Denn »nur aufgrund der immensen Nachfrage hab ich
das gemacht«.
Das kann man sich schon vorstellen: dass die
Tierfreunde immer wieder nachfragen, was sie denn
nun füttern sollen – und die Veterinärin gleichsam
drängen, ins Futterbusiness einzusteigen. Mit erhöhtem
Anspruch, sozusagen. Darum verkauft sie zum Beispiel
nicht die üblichen üblen Abfallprodukte wie gemahlene
Federn. Und von ihrem Fertigfutter rät sie eigentlich
auch eher ab: »Es ist ein Kompromiss für den Urlaub.
Ich empfehle es nicht als Alleinfutter.« Und das
Rohfutter gibt es, naturbelassen, in der Tiefkühltruhe.
Das ist es, was sie eigentlich empfiehlt. Und das klingt ja
auch vernünftig.
Doch was ist natürlich bei Haustieren, die seit
Tausenden von Jahren keinen näheren Kontakt zur
Wildnis hatten und näher am Menschen sind als am
Urwald? In der freien Wildbahn kämen heutige
Haustiere nicht mehr zurecht – es sei denn, sie würden
wieder verwildern.
Ohne Kompromisse kommt also eigentlich kein
Tierhalter aus. Viele suchen sich daher ihren ganz
privaten Mix aus Natur, ein bisschen Bequemlichkeit
aus der Dose und Selbstgekochtem.
Am Ende hängt eben auch viel davon ab, was so ein
Tier selbst bevorzugt. Wenn es an der »Akzeptanz« fehlt,
kann man es ja nicht zwingen. Merlin zum Beispiel mag
das testweise vorgesetzte Fertigfutter von Aldi nicht.
»Romeo Pastete mit Lachs auf Aspik mit Ente« zum
Beispiel lässt er stehen, nachdem er ein bisschen dran
geschnuppert hat. Ebenso wie »OptiDog Paté«, im Napf
daneben. Das ist für die »Optimale Hundeernährung«.
Von Lidl. »Mit 5 Sorten Fleisch«. Merlin knabbert ein
bisschen an OptiDog. Dann lässt er es stehen.
Dabei schneidet das Billigfutter bei Tests oft ganz gut
ab. Bei Merlin nicht.
Sohn Konstantin sagt: »Unser Hund ist ein
Feinschmecker.«
Der Vater sagt: »Der isst nur Rinti oder
Selbstgekochtes.«
Rinti ist eine Dosenfutterfirma mit hohem
Qualitätsanspruch, die Zusatzstoffe im Dosenfutter
ablehnt. Hohe Ansprüche scheint Hund Merlin dabei
nicht zu haben, glaubt man Tochter Josefine:
»Was er roh isst, sind Paprika, Kirschen, auch Brot
mit Butter. Und der isst noch Nüsse, die knackt er sich
selber aus der Schale.«
Ein- bis zweimal die Woche kocht Mutter Margarita
Kaufmann:
»Hackfleisch, das wird ein bisschen mit Öl und
Zwiebeln angebraten, Karotten, Petersilie oder so. Und
dann frischen Reis dazu.« Grünen Pansen mag er auch.
Und er frisst Suppenknochen.
So sieht heute ein Hundeleben aus, wenn der Hund
Glück hat. Er weiß ja, dass es noch etwas anderes gibt,
und muss das Billigfutter nicht fressen. Die große Dose
von Aldi hat er komplett stehenlassen. Sie steht auch am
nächsten Morgen noch völlig unangetastet. Obwohl er
eigentlich ziemlich Hunger hat. So ähnlich ist das
offenbar auch bei Hund Kinky. Dessen Herrchen heißt
Peter Ploog, und Herr Ploog hat sogar von seinem Hund
etwas gelernt: »Ich habe von Kinky gelernt, dass man
dem Hang zum Allesfressen nur durch Qualität und
Frische beikommen kann.« Dabei ist auch Kinky nicht
besonders anspruchsvoll, glaubt man Herrchen Ploog:
»Das muss nicht luxuriös sein, nicht Filetsteak und
Austern. Nein, nur frisch und solide muss es sein, und
schon verweigert Kinky sogar die Aufnahme von Bio-
Dosenfutter, knabbert er fröhlich seine Bio-Möhre.«
Peter Ploog war einmal Chefredakteur der Zeitschrift
Essen + Trinken. Er hat daher aus dem Fressverhalten
seines Hundes eine allgemeine Lebensmaxime
destilliert, seine »Moral von der Geschicht«. Und diese
lautet: »Gut essen heißt vor allem, beste Lebensmittel
möglichst frisch zu genießen.«

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